Raivavae, anderer polynesischer Name Vavitao oder VavituR. W. Robson: The Pacific Islands Handbook. The Macmillan Company, New York 1946, S. 113, alte Namen: Laivavai, Lord Bolton’s Island und Santa Rosa, ist ein dünn besiedeltes Atoll im Südpazifik, das geographisch zu den Austral-Inseln, genauer zur Gruppe der Tubuai-Inseln, zählt und politisch zu Französisch-Polynesien gehört.

Geographie Geologisch liegt Raivavae in der Cook-Austral-Kette (The Cook-Austral volcanic chain), einer Reihe unterseeischer Vulkane und vulkanischer Inseln, die sich im Süden der Pazifischen Platte erstreckt. Die Zentralinsel Raivavaes ist aus einem Hot-Spot der Pazifischen Platte entstanden, dessen Magmaproduktion vor ca. 6,5 Millionen Jahren endete.www.mantleplumes.org

Das Atoll bedeckt einschließlich der Lagune eine Fläche von etwa 90 km². Die Lagune misst 61 km² und die Landfläche aller Inseln zusammengenommen 17,9 km².Bernard Salvat, Tamatoa Bambridge, Donatien Tanret, Jerôme Petit (eds.): Environnement Marin des Îles Australes, Polynésie Française, Tahiti 2015, S. 205 Die 8,5 km lange und an ihrer breitesten Stelle 2,3 km breite, länglich-ovale Zentralinsel (High Island) ist vulkanischen Ursprunges. Sie ist von einem Saumriff umgeben, aus dem sich zahlreiche größere und kleinere Motus erheben, darunter Motu Mano, Motu Haha, Motu Vaiamanu, Motu Araoo und Motu Haaamu. Das Riff lässt im Norden des Atolls zwei und im Süden eine Passage offen. Die künstlich vertiefte, befahrbare Tetobe-Passage verbindet die Raiurua Bay im Nordwesten mit der offenen See. Neben diesem Außenriff ist die Zentralinsel noch von einem Küstenriff umgeben, das aber nicht über die Meeresoberfläche hinausragt.

High Island ist überwiegend gebirgig und zerklüftet, wobei das Gelände im Nordwesten etwas sanfter ansteigt. Der Nord- wird vom Südteil der Insel durch einen steilen Rücken getrennt, dessen höhergelegene Teile nur spärlich bewachsen, auf der windabgewandten Seite sogar arid sind. Er formt eine Wasserscheide und die Fließgewässer haben steile und tiefe Schluchten eingegraben. Der heute bebaute und landwirtschaftlich genutzte Küstenstreifen ist schmal, die wenigen Strände der Zentralinsel sind nicht sehr ausgedehnt und liegen überwiegend im Nordwesten, bestehen jedoch aus einem feinen, weißen Korallensand.

Höchste Erhebung ist der Mt. Hiro mit 437 Metern. Hiro ist auf Tahiti der Gott der Diebe und Seefahrer und wird auf dem Tuamotu-Archipel als einer der mythischen Vorfahren verehrt.

Die Motus des Saumriffes sind flache Inselchen aus weißem Korallensand und -trümmern und dicht mit Kokospalmen, Pandanus und anderer tropischer Vegetation bewachsen. Sie sind heute unbewohnt, auf den größeren gibt es aber Überreste von Zeremonial- und Wohnbauten.

Vor der Ostspitze der Zentralinsel liegt innerhalb der Lagune das unbewohnte Inselchen Hotu Atua, das aus einem 60 m hohen Doppelgipfel vulkanischen Ursprungs besteht und eine Katasterfläche von 18729 Quadratmetern aufweist.

Klima Das Klima ist im Vergleich zu den weiter nördlich gelegenen polynesischen Inseln relativ kühl, da Raivavae etwas südlich des Wendekreises des Steinbocks und damit gerade außerhalb der tropischen Klimazone liegt. Außerdem werden die Temperaturen durch den ständig wehenden Wind gesenkt. Die Mittagstemperaturen können manchmal unter 25 °C liegen, die Nächte sind gelegentlich sogar unangenehm kühl. Die Jahreszeiten sind nicht sehr ausgeprägt. Der Niederschlag fällt reichlich, aber meist nur in kurzen, heftigen Schauern und ist relativ konstant über das ganze Jahr verteilt.

Die für das Wachstum sehr günstigen klimatischen Bedingungen erlauben den Anbau einer Reihe von Nutzpflanzen in der Küstenebene, die eigentlich in die tropische Klimazone gehören, so zum Beispiel Brotfrucht und Kokosnuss.

Politik und Verwaltung Verwaltung Politisch ist Raivavae eine von 5 Gemeinden der Austral-Inseln (Communes des Îles Australes). Die Gemeinde Raivavae untergliedert sich in die Teilgemeinden (Communes associées) Anatonu (Nordosten), Rairua-Mahanatoa (Nordwesten) und Vaiuru (Südosten).

Die Insel wird verwaltet von der Unterabteilung (Subdivision administrative des Îles Australes) des Hochkommissariats für Französisch-Polynesien (Haut-commissariat de la République en Polynésie française) in Papeete auf der Insel Tahiti.

Sprache Auf Raivavae, wie auf den übrigen Tubuai-Inseln auch, spricht man Austral, einen polynesischen Dialekt. Amtssprache ist aber Französisch, das insbesondere die jüngeren Einwohner sprechen.

Wirtschaft und Infrastruktur Wirtschaft Die 977 EinwohnerInstitut Statistique de Polynésie Française (ISPF) - Recensement de la population 2012 sind überwiegend Selbstversorger. Hauptnahrungsmittel sind Taro, BrotfrüchteIn einigen Reiseführern ist noch zu lesen, auf Raivavae gäbe es keine Brotfruchtbäume. Das ist eine Fehlinformation, die von älteren Veröffentlichungen abgeschrieben wurde., Süßkartoffeln, Maniok, Zuckerrohr, Bananen und andere tropische und subtropische Früchte. Eiweißlieferanten sind hauptsächlich Fische, aber auch Hühner und Schweine, die überall frei herumlaufen. Weitere lebensnotwendige Güter werden von dem gewöhnlich zweimal im Monat verkehrenden Versorgungsschiff aus Papeete gebracht.

Die südliche Lage und die klimatischen Bedingungen begünstigen den Kaffeeanbau und machen Raivavae zum größten Kaffeeproduzenten in Französisch-Polynesien, obwohl die in Familienbetrieben produzierte Gesamtmenge im Vergleich zu anderen Kaffeeexporteuren der Welt verschwindend gering ist. Exportiert werden außerdem in kleinerem Umfang Kopra und einige Früchte, vorwiegend für den lokalen Markt in Tahiti. Ein wenig Geld bringt auch die Herstellung kunstvoll geflochtener Hüte und Matten aus Pandanus-Blättern.

Infrastruktur Eine befestigte Ringstraße, an der sich auch immer wieder kleine, einzeln stehende Anwesen finden, verbindet die Dörfer. Das Inselinnere ist nur an wenigen Stellen mit unbefestigten Wegen und Fußpfaden erschlossen.

2003 wurde mit Mitteln Frankreichs und der EU ein Flugplatz mit einer 1.400 m langen, befestigten Landebahn gebaut.

Raivavae hat keinen Hafen. Kleinere Schiffe können in der geschützten Raiurua-Bucht im Nordwesten an einer Mole anlegen.

Andere Errungenschaften der Zivilisation wie von Diesel-Generatoren erzeugte Elektrizität, eine zentrale Wasserversorgung, Satellitentelefon und -fernsehen haben mittlerweile auch das innerhalb Polynesiens sehr abgelegene Raivavae erreicht. In Rairua gibt es außerdem eine Station der Gendarmerie nationale, eine Bank, eine Krankenstation und eine Grundschule mit angeschlossenem Kindergarten (école maternelle et primaire).

Eine touristische Infrastruktur mit Hotels und Restaurants gibt es nicht (Stand 2003). Die seltenen Besucher sind auf Privatquartiere angewiesen. Ab und an liegt ein Kreuzfahrtschiff auf Reede, deren Passagiere die Insel, die Lagune und die Korallensandstrände auf den Inseln des Riffs genießen können.

Geschichte Vorgeschichte mini|hochkant|Statue, roter Tuffstein, aus Raivavae, Musée de Tahiti et des Îles mini|hochkant|Petroglyphenstein, Tuffstein, aus Raivavae, Musée de Tahiti et des Îles Wann und von wo die Besiedlung von Raivavae erfolgte, ist noch nicht abschließend geklärt. Wegen der Randlage im Polynesischen Dreieck ist zu vermuten, dass die Australinseln erst relativ spät besiedelt wurden, wahrscheinlich von den Gesellschaftsinseln, möglicherweise auch von Mangareva oder den Cookinseln. Der amerikanische Archäologe Patrick Vinton Kirch geht sogar so weit, die Australinseln, die südlichen Cook-Inseln und die Gesellschaftsinseln als einen großen Kulturraum anzusehen.Patrick Vinton Kirch: Rethinking East Polynesian Archaeology, In: The Journal of the Polynesian Society, Vol. 95, Nr. 1, 1986, S. 9–39 (online) Auch die mündlich überlieferten Genealogien weisen auf eine Verwandtschaft der Adelsfamilien von Raiatea, Tubuai und Raivavae hin.James Morrison: Journal de James Morrison - Second maître à bord du Bounty, Musée de l’homme Paris 1966

Auf der ebenfalls zum Austral-Archipel gehörenden Insel Rapa haben Radiokohlenstoffdatierungen den Beweis erbracht, dass sie um das Jahr 1200 besiedelt wurde. Obwohl keine entsprechenden Daten vorliegen, ist es wenig wahrscheinlich, dass die Erstbesiedlung von Raivavae wesentlich früher oder später erfolgte.Atholl John Anderson et al.: Prehistoric human impacts on Rapa, French Polynesia, Antiquity Vol 80, Juni 2006, S. 340–354

Wie auf anderen polynesischen Inseln auch, bildeten sich in der Folgezeit Stammesfürstentümer heraus, die sich wiederum in einzelne Clans untergliederten. Diese Gesellschaftsform wurde von der Geographie begünstigt. Die sich zum Meer hin öffnenden Täler bildeten einst in sich geschlossene Siedlungsgebiete für die unabhängigen Stämme. In den durch Felsgrate getrennten Tälern wurden kunstvoll be- und entwässerte Terrassen für den Taro-Anbau angelegt, der im Nassfeldbau (ähnlich wie in Asien der Reis) kultiviert wurde. Heute noch sind fünf große Anbaugebiete zu identifizieren, die den früheren Stammesfürstentümern zuzuordnen sind.Donald Marshall, Raivavae, Doubleday & Co New York, 1961

Die Einwohnerzahl dürfte zur Zeit der Kulturblüte vermutlich 15.000 – 20.000 betragen haben. Die Gesellschaft war streng hierarchisch gegliedert. An der Spitze standen die Stammeshäuptlinge und deren Familien, unterstützt von einer einflussreichen Priesterkaste. Großes Ansehen in der von ständigen ritualisierten Stammeskriegen dominierten Gesellschaft genossen auch die Krieger. Die Knaben wurden von frühester Kindheit an auf das Kriegshandwerk vorbereitet.

Hinweise für eine kriegerische Gesellschaft sind die großen, terrassierten Bergfestungen, die auf mehreren schwer zugänglichen Felsgraten angelegt wurden. Das von der norwegischen Heyerdahl-Expedition 1956 ausgegrabene Fort Hatuturi liegt auf einem steilen, dicht überwachsenen Hügel und besteht aus mehreren gepflasterten Terrassen, die vermutlich Hütten aus vergänglichen Materialien trugen. Die Terrassen wurden einst von hölzernen Palisaden geschützt. Für die Vorratshaltung hat man flache, steinverkleidete Gruben gefunden, in denen die Brotfrucht (maiore) fermentiert und so für lange Zeit haltbar gemacht wurde. Ein Verfahren, das in gleicher Weise auch auf den Marquesas verbreitet war. Eine von der Heyerdahl-Expedition vorgenommene Radiokohlenstoffdatierung im Hatuturi-Komplex ergab das Jahr 1700 n. Chr. (±200 Jahre).Thor Heyerdahl und Edwin N. Ferdon: Reports of the Norwegian Archaeological Expedition to Easter Island and the East Pacific, Band 2, Forum Publishing House Stockholm 1965

Raivavae gehört – neben Hawaii, der Osterinsel, Tahiti, den Marquesas und Pitcairn – zu den wenigen polynesischen Inseln, auf denen monumentale Steinstatuen errichtet wurden. Sie waren stets einer Tempelplattform (marae) zugeordnet. Der typische Marae von Raivavae bestand aus einem rechteckigen, mit bis zu 3 m hohen senkrechten Steintafeln eingehegten Zeremonialplatz, ähnlich einem gepflasterten Hof. Dahinter stand ein großes, ovales Haus, wahrscheinlich für zeremonielle Zwecke, das aus vergänglichen Materialien (Holz mit einem Dach aus Pandanusblättern) errichtet wurde. Zum Zeremonialplatz führte eine zum Meer zeigende, ebenfalls gepflasterte und von Stelen markierte Prozessionsstraße. Rechtwinklig zu dem Hof erhoben sich Zeremonialplattformen in zwei bis vier übereinanderliegenden Stufen, auf denen die großen Steinstatuen standen.Beschreibung nach: Edmundo Edwards: Raivavae – The archaeological Survey of Raivavae, Austral Islands, French Polynesia, Los Osos (Kalifornien) 2003 Eine architektonische Besonderheit auf Raivavae war die abwechselnde Verwendung von rotem Tuff, schwarzem Basalt und grau-weißen Korallenblöcken für die verschiedenen Bauteile des Marae. Nach den Feststellungen des Archäologen Arne Skjølsvold dienten die Marae selbst nicht als Grabanlagen, sondern die Bestattungen fanden in gepflasterten Steinkammern in unmittelbarer Nähe statt.