Das Losverfahren dient der Herbeiführung einer Entscheidung nach dem Zufallsprinzip. Es wird in der Politikwissenschaft, der ökonomischen Entscheidungstheorie, der Medizinethik, der Soziologie, der Geschichtswissenschaft, der politischen Philosophie, der Mathematik, der Computerwissenschaft und der Psychologie behandelt. Das Losverfahren wird dort angewandt, wo andere Auswahlverfahren willkürlich oder ungerecht erscheinen, oder das Aufwand-Nutzen-Verhältnis für die Beteiligten besser ist. Ein weiterer Einsatzbereich ist das Glücksspiel.
Angewandt wird es zum Beispiel bei der Zuteilung von Studienplätzen, bei der Einberufung von Wehrpflichtigen, bei der Zuteilung von knappen Gütern, bei der Festlegung von Partien und Startplätzen im Sport.
Geschichtete Losverfahren
Neben einfachen Losverfahren, bei denen alle Personen mit gleicher Wahrscheinlichkeit ausgewählt werden, werden in der politischen Praxis häufig geschichtete Losverfahren eingesetzt. Dabei wird die Bevölkerung zunächst anhand bestimmter Merkmale wie Geschlecht, Alter, Bildung oder Region in Schichten unterteilt. Innerhalb jeder Schicht werden die Teilnehmenden anschließend per Zufall gezogen, und zwar proportional zu ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung.
Während rein zufällige Stichproben statistisch gesehen im Erwartungswert repräsentativ sind, können bei kleineren Gruppen erhebliche Zufallsschwankungen auftreten. Geschichtete Losverfahren minimieren dieses Risiko und stellen sicher, dass keine relevanten Bevölkerungsgruppen unterrepräsentiert sind.Benadè, G., Gölz, P., & Procaccia, A. D. (2019, June). No stratification without representation. In Proceedings of the 2019 ACM Conference on Economics and Computation (pp. 281-314). https://dl.acm.org/doi/abs/10.1145/3328526.3329578
Politik
Losverfahren werden als Ersatz für oder Ergänzung zu Wahlverfahren diskutiert oder – als Stichwahl – angewandt. In der Politik wurden und werden je nach Jahrhundert und Region teils Losverfahren zur Auswahl der Entscheidungsträger (Attische Demokratie und Demarchie) oder in der Deliberativen Demokratie zur Bestimmung der Teilnehmer eines rein beratenden Gremiums angewandt. In „geschichteten Losverfahren“ werden die Teilnehmer nicht nur zufällig, sondern auch statistisch-repräsentativ bestimmt anhand bestimmter Merkmale wie Geschlecht oder höchster Bildungsabschluss. Bei Bürgerbeteiligungsverfahren wie Bürgerräten oder Bürgerforen wird oft ein geschichtetes Losverfahren angewandt, um deren gesellschaftliche Legitimität zu stärken.
Irland Irland, das seit 1941 obligatorische Verfassungsreferenda anwendetÜbersicht der Abstimmungen seit 2001: (en, ga) Previous referendums / Reifrinn roimhe seo, refcom.ie (trotz der Bezeichnung „obligatorisch“ handelt es sich dabei um von oben angesetzte Abstimmungen, denn es ist ein vorheriger Parlamentsbeschluss notwendigVolksabstimmungen in Irland. Eine Übersicht, Daniel Alexander Davis, Mehr Demokratie, 21. Januar 2016, Rebecca Hauschild, Mehr Demokratie, 3. November 2017) führte 2013 das Losverfahren bei ihrer Vorbereitung ein. 2013–2014 wurde es eingesetzt in einem Verfassungskonvent (Constitutional Convention)(en) , constitutionalconvention.ie (Archiv) wie auch 2016–2018 in der nächsten Bürgerversammlung (Citizens‘ Assembly),(en, ga) Citizens' Assembly / An Thionól na Saoránach, citizensassembly.ie die die Regierung einberufen hat. (mehr auf: Bürgerbeteiligung → Irland)
Konferenz zur Zukunft Europas Ende 2019 kam in der EU das Losverfahren zur Sprache bei Vorbereitungen der beratenden Konferenz zur Zukunft Europas.
Belgien / Deutschsprachige Gemeinschaft Karl-Heinz Lambertz hat als Präsident des Europäischen Ausschusses der Regionen auf das Losverfahren als „eine Möglichkeit“ für die Zukunftskonferenz hingewiesen.Bürgerdialog für Europa – EU-Zukunftskonferenz Vor ihrer Wahl zur EU-Kommissionspräsidentin versprach Ursula von der Leyen den Europaabgeordneten, einen Bürgerdialog zu starten. Was ist davon zu halten?, Jürgen Klute, 10. Dezember 2019, auf Blog der Freitag-Community Als ehemaliger Präsident der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens (DG) und ehemaliges Mitglied des DG-Parlaments, der Regierung der deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens, führte er 2019 einen dauerhaften Bürgerdialog ein. Zu ihrem Beraterkreis gehörte unter anderem David Van Reybrouck, der sich in seinem Buch Gegen Wahlen (2016) ausführlich mit dem Losverfahren befasst.
Deutschland / Baden-Württemberg Gisela Erler hat in ihrem Beitrag Citizen Assemblies für Europas Zukunft im November 2019 einen Vorschlag vorgelegt, wie eine auf dem Losverfahren und dem Modell der Citizen Assemblies basierende Methodik für die beratende Zukunftskonferenz aussehen könnte.Citizen Assemblies für Europas Zukunft – Ein Plädoyer für echte, europäische Bürgerbeteiligung mit zufällig ausgewählten Bürgerinnen und Bürgern, Gisela Erler, Staatsrätin für Bürgerbeteiligung und Zivilgesellschaft, Mitglied der Landesregierung von Baden-Württemberg, Euractiv, 21. November 2019 – unter anderem „in drei Gremien... eine gesamteuropäische Citizen Assembly, eine parallele Jugendversammlung, eine Versammlung der organisierten Zivilgesellschaft (NGOs, Verbände, Initiativen aus Europa)“. Sie verweist auch auf Baden-Württembergs Erfahrung damit.
Stich-Entscheid Schweiz Im Kanton Basel-Landschaft musste bei den Schweizer Parlamentswahlen 1939 das Los zwischen den beiden Nationalratskandidaten Hugo Gschwind (Katholisch-Konservative) und Walter Hilfiker (Sozialdemokraten) entscheiden. Grund dafür war, dass beide Kandidaten in den Nationalrat gewählt worden waren, aber dem Regierungsrat (wie die Kantonsregierung in Basel-Landschaft heißt) des Kantons angehörten und nur ein Mitglied des Regierungsrats in den Nationalrat gewählt werden konnte.
Bei den Schweizer Parlamentswahlen 2011 erzielten im Kanton Tessin zwei Kandidaten der CVP für den Nationalrat genau gleich viele Stimmen, so dass ebenfalls ein Losentscheid gefällt wurde.So kurios wurde noch niemand in den Nationalrat gewählt. In: tagesanzeiger.ch vom 25. November 2011, abgerufen am 5. Dezember 2011.
Luxemburg Im Parlament des Landes, der Abgeordnetenkammer, dürfen nicht gleichzeitig zwei nahe Verwandte oder ein Ehepaar ein Mandat innehaben. Käme es aufgrund des Wahlergebnisses zu einer solchen Situation und keiner der beiden verzichtet freiwillig, entscheidet das Los.Danielle Schumacher: Kox oder Kox. Luxemburger Wort, 16. Oktober 2018, abgerufen am 24. September 2019.
Geschichte Altes Testament Biblische Texte erzählen, wie Saul zum ersten König Israels bestimmt wird: Ein Prophet (Samuel) salbt ihn im Auftrag Gottes ; es wird ein Losverfahren durchgeführt ; körperliche Größe wird ebenfalls als Kriterium genannt .
Antikes Griechenland mini|Losmaschine „Kleroterion“ aus der attischen Demokratie (Museum der Antiken Agora, Athen) In den Stadtstaaten (Poleis) des antiken Griechenland wurden Losverfahren in einer großen Vielfalt von Zusammenhängen angewandt, teilweise unter ganzen Bevölkerungsgruppen, teilweise aber auch in einem vorausgewählten Personenkreis. So kamen Losverfahren beispielsweise zum Einsatz für die Aufteilung des Fleischs geopferter Tiere unter die Teilnehmer religiöser Feste, für die Aufteilung von Erbmasse unter Erbberechtigte, für die Zuweisung von Grundstücken in neu gegründeten Städten („Kolonien“) an Siedler oder für die Zuordnung der Kommandobereiche zu den amtierenden Generälen. Eine Sonderform stellte das Losorakel dar, da hierbei gemäß antiker Vorstellung die Götter – anders als bei sonstigen Losverfahren – aktiv in das Ergebnis eingriffen. Schließlich kamen Losungen auch in diversen griechischen Städten zur Besetzung politischer oder juristischer Ämter zum Einsatz.Irad Malkin, Josine Blok: Drawing lots. From egalitarianism to democracy in ancient Greece. Oxford University Press, New York 2024, ISBN 978-0-19-775347-7.
Die bekannteste und wohl auch älteste Nutzung des Losverfahrens in der antiken griechischen Politik erfolgte in Athen. Dort wurden in der entwickelten Demokratie des 5. Jahrhunderts v. Chr. fast alle Ämter durch Losverfahren vergeben, um alle berechtigten Bürger bei der Postenvergabe gleich zu behandeln. Im Rahmen der kleisthenischen Reformen wurden zunächst ab 487 v. Chr. die hohen Beamten (Archonten) per Losentscheid bestimmt. Die Volksversammlung, der alle männlichen Athener Bürger angehörten, bestimmte durch Losverfahren für jede der Phylen (Stämme) fünfzig Abgesandte in den „Rat der Fünfhundert“. Regiert wurde die Polis genau genommen nicht vom Rat der 500, sondern von der Prytanie. Diese bestand aus 50 Personen und wechselte alle 36 Tage ihre Besetzung. Die Prytanie wurde vom Prytanen geleitet, der jeden Tag aufs Neue durch Losentscheid unter den Mitgliedern der Prytanie ermittelt wurde.
Römisches Reich Im Römischen Reich wählte der Pontifex maximus aus dem Volk 20 geeignete Kandidatinnen aus, aus denen die neue Vestalin durch Losverfahren ermittelt wurde. Über das Berufungsverfahren selbst ist wenig bekannt. Aulus Gellius gibt an, zu diesem Thema lediglich ein älteres Gesetz unbestimmten Datums gefunden zu haben, das hierüber Auskunft gibt (Noctes Atticae 1.12.10). Demnach wählte der Pontifex maximus zunächst aus dem Volk 20 geeignete Kandidatinnen aus, aus denen die neue Vestalin durch Losverfahren ermittelt wurde.
Zu Gellius’ Lebzeiten wurde dieses Verfahren jedoch nicht mehr angewendet, sondern es war nun üblich, dass Angehörige der Oberschicht dem Pontifex maximus von sich aus ihre Töchter für das Priesteramt anboten. Allerdings gab es in der Kaiserzeit häufig Schwierigkeiten, eine vakante Vestalinnenstelle neu zu besetzen, da sich nur wenige Familien tatsächlich bereit erklärten, eine Tochter für dieses Amt herzugeben.
Venezianische Dogen-Wahl
Die Venezianische Dogen-Wahl war eine Abfolge von Losverfahren, Verhältnis- und Mehrheitswahl, doch eine Herrschaft des Volkes war es nicht, sondern eine Oligarchie einiger aristokratischer Familien. Das Verfahren der Dogenwahl wurde im Laufe der Zeit immer komplizierter. Wählbar waren Mitglieder des Großen Rates, von denen jeder eine Loskugel in einer Urne deponierte. Für den ersten vieler Einzelschritte des Gesamtverfahrens wurde auf dem Markusplatz ein etwa zehnjähriger Knabe (Ballottino) ausgesucht, der aus der Urne 30 Loskugeln zog. Auf diese Weise sollten Wahlfälschung, Wahlmanipulation und Korruption im Vorfeld der Wahl praktisch ausgeschlossen werden. Dieses System blieb mit leichten Modifikationen bis zum Ende der Republik Venedig 1797 in Gebrauch.
Genua – Rat und Lotto Die Genuesen entdeckten im 15. Jahrhundert das Lotto als Mittel zur Geldbeschaffung. Ursprünglich diente das Los dazu, um jährlich die Ratsmitglieder neu zu bestimmen. Die Genuesen schrieben zu diesem Zweck neunzig Namen auf Zettel und zogen verdeckt fünf aus diesen neunzig. Aus der Bestimmung des Stadtrates entwickelte sich ein reger Wettbetrieb, aus dem sich später das Lotto entwickelte, in dem die Namen durch Zahlen ersetzt wurden, das erste „5 aus 90“.
Florenz und Aragón
Im Mittelalter wurde das Losverfahren in Florenz von 1328 bis 1530 bei der Besetzung des gesetzgebenden Rates, der Regierung und der Verwaltungskommissare eingesetzt, Aragón übernahm es von 1350 bis 1715 für Wahlkollegien, lokale Machthaber und nationale Parlamentsmitglieder. Das Losverfahren wurde eingeschränkt, indem zunächst mögliche Kandidaten vorgeschlagen und dann von einer städtischen Kommission vorausgewählt wurden. Dennoch wurden in Florenz so 75 % der Bürger vorgeschlagen. Dieses Verfahren wurde auch in weiteren Regionen Italiens und Spaniens übernommen.
Justiz Judikative – Geschworene