Der so genannte Waldere ist die fragmentarische Überlieferung einer angelsächsischen Dichtung über den germanischen Helden Walther. Die 63 Zeilen des Waldere sind die einzige Spur der Walther-Sage in der altenglischen Literatur.S.A. Bradley, Anglo-Saxon Poetry. An anthology of Old English poems in prose translation with introduction and headnotes (London: Dent, 1982), 510. Die Geschichte spielt, genauso wie die anderen, in der altenglischen Überlieferung erhaltenen germanischen Heldendichtungen (Beowulf, Deor, Widsith, Battle of Finnsburg), nicht in England, sondern schöpft aus einem Stoffrepertoire der Völkerwanderungszeit, das jahrhundertelang durch mündliche Überlieferung weitergegeben wurde.Wolfgang Obst und Florian Schleburg. Lehrbuch des Altenglischen (Heidelberg: Winter, 2004), 165. Aufgrund seiner fragmentarischen Überlieferung lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, wie alt der Waldere ist, wie viele Zeilen er tatsächlich umfasste und woher das Werk ursprünglich stammte.Gerhard Eis, Kleine Schriften zur althochdeutschen weltlichen Dichtung. (Amsterdam: Editions Rodopi N.V. 1979) 34 f. So reichen die Angaben und Theorien zur Entstehung des Waldere denn auch vom 8. Jahrhundert bis weit ins 10. Jahrhundert. Die zwei Blätter der Waldere-Fragmente wurden erst am 12. Januar 1860 in der Königlichen Bibliothek von Kopenhagen von dem Professor und Bibliothekar Erich Christian Werlauff entdeckt.Arne Zettersten, Waldere, (Manchester: Manchester University Press, 1979), 6. Wie die Handschriften nach Dänemark gelangten, wird wohl nicht mehr mit Sicherheit geklärt werden können. Sie könnten jedoch unerkannt Teil der Handschriften gewesen sein, die der isländische Forscher Grímur Jónsson Thorkelin 1786 im Auftrag des dänischen Königs in England gekauft hatte.
Die Walthersage Verschiedene Versionen des Walther-Stoffes geistern durch halb Europa: Neben dem Waldere existieren fünf weitere Versionen. Zuerst ist hier der Waltharius (Waltharii poesis) zu nennen, eine 1456 Hexameter umfassende lateinische Dichtung, die Ekkehard I. von St. Gallen zugeschrieben wird und wohl aus dem frühen 10. Jahrhundert stammt. Eine weitere lateinische Version (Chronicon Novaliciense) stammt aus dem Italien des frühen 11. Jahrhunderts, welche die Geschichte des Waltharius lediglich paraphrasiert. Daneben existieren sieben verschiedene Versionen eines mittelhochdeutschen Epos aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Es folgen die altnordische Þiðrikssaga aus dem 13. Jahrhundert und eine polnische Version, die sich im Chronicon Poloniae von Boguphalus II. († 1253) findet.Zettersten 3 Von den verschiedenen Fassungen sind jedoch nur die lateinische, altnordische und polnische vollständig erhalten, die restlichen Versionen sind entweder Fragmente, Neufassungen oder entlehnen nur einen Teil der Waltherlegende.
Die Geschichte des Helden Walther, wie sie im Waltharius erzählt wird, kann folgendermaßen zusammengefasst werden: Walther, Sohn König Alphers von Aquitanien, und seine Verlobte Hiltgunt, Prinzessin von Burgund, fliehen vom Hof Attilas. In den Vogesen überfällt sie Gunther, König der Franken, mit zwölf seiner Getreuen, unter denen sich auch Hagen befindet. Walther bietet Gunther als Wegegeld einen Teil des Schatzes an, den er aus dem Hunnenreich mitgenommen hat. Der König der Franken aber fordert den ganzen Schatz sowie das Mädchen. Es kommt zum Kampf. Walther besiegt nacheinander die Krieger Gunthers, bis nur noch er, Gunther und Hagen übrig sind. Am folgenden Tag kommt es zum Endkampf, in dessen Verlauf Walther einen Arm verliert, Gunther ein Bein und Hagen ein Auge. Sie beenden daraufhin den Kampf; Hiltgunt versorgt die verletzten Krieger. Walther und seine Verlobte ziehen weiter nach Aquitanien. Sie heiraten. Walther wird König und herrscht für weitere 30 Jahre.
Die Thidrekssaga gibt die Walthersage in leicht veränderter Form wieder. Auch hier leben Walther und Hiltgund als Geiseln am Hofe Attilas, der als Susat bezeichnet wird. Walther wird allerdings als Schwestersohn von König Ermenrich vorgestellt, während Hiltgunt die Tochter des Jarls von Greken ist. Beide verspüren Zuneigung zueinander und fliehen aus Susat. Hagen, der auch am Hofe Attilas lebt, verfolgt sie mit zwölf Männern und stellt Walther zum Kampf. Walther erschlägt alle elf Krieger außer Hagen. Diesem schlägt Walther bei einem zweiten Angriff mit einer Eberkeule ein Auge aus. Walther und Hiltgunt ziehen weiter südwärts in Ermenrichs Reich. König Gunther ist in der Thidrekssaga, im Gegensatz zur Erzählung im Waltharius, nicht an den Kämpfen beteiligtDie Thidrekssaga oder Dietrich von Bern und die Niflungen. Übers. durch Friedrich Heinrich von der Hagen. Mit neuen geographischen Anm. vers. von Heinz Ritter-Schaumburg. Der Leuchter, St. Goar 1989, Reichl. 2 Bände..
Die Fragmente Die Waldere-Fragmente haben keine direkte Entsprechung im Waltharius. Durch die fragmentarische Überlieferung sind einige Stellen im Text zudem schwer zu deuten (da der Kontext fehlt und mehrere Übersetzungsmöglichkeiten möglich sind);Wolfgang Obst & Florian Schleburg, Lehrbuch des Altenglischen (Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 2004) 165. nicht einmal die Reihenfolge der zwei Blätter ist hundertprozentig gesichert.Gerhard Eis, Kleine Schriften zur althochdeutschen weltlichen Dichtung. (Amsterdam: Editions Rodopi N.V. 1979) 31. Als Quelle des Waldere wurde jedoch immer wieder die lateinische Version angenommen; teilweise wird auch ein germanisches „Urlied“ als Grundlage für beide Versionen vermutet.Zettersten S. 5
Das erste Fragment (als Fragment I bezeichnet) des Waldere besteht aus einer Rede, die (ohne dass freilich ihr Name genannt wird) von Hiltgunt gehalten wird.Roberta Frank, Germanic Legend in Old English literature (In: The Cambridge Companion to Old English Literature. Hg. von Malcolm Godden und Michael Lapidge. Cambridge: Cambridge University Press, 1991) S. 96. Sie ermutigt darin Walther, tapfer weiterzukämpfen und auf sein Schwert Miming zu vertrauen. Das Schwert gehörte ursprünglich dem Schmied Wieland (im Waldere: Weland), der sowohl in zwei anderen altenglischen Heldendichtungen (Beowulf 455, Deor 1) als auch in mehreren skandinavischen und deutschen Texten erscheint. Er ist ebenfalls im Waltharius erwähnt (dort in Z. 965 als Wielandia fabrica).Frank S. 92 Aus der Rede Hiltgunts geht außerdem hervor, dass Walther dem Gunther (im Waldere: Guðhere) nicht nur Ringe aus dem Schatz (wie im Waltharius, Z. 611–614) angeboten hat, sondern auch ein nicht näher bezeichnetes Schwert, das Gunther aber zurückwies. Die Kämpfe gegen die zwölf Gefährten Gunthers scheinen bereits vorbei zu sein und der Endkampf kurz bevorzustehen. Anders gesagt: Fragment I korrespondiert in etwa mit der „Pause“ vor dem großen Endkampf im Waltharius.
Fragment II ist schwerer zu deuten. Es beginnt mit dem Schluss einer Rede, deren Sprecher wiederum nicht genannt wird: Es kommen Hagen (Hageno), Gunther und Walther in Frage. Der unbekannte Sprecher rühmt sein Schwert: Er behauptet, dass es kein besseres gäbe außer einem weiteren, das aber ebenfalls in seinem Besitz sei (Z. 2: ðe ic eac hafa). Der Sprecher erwähnt außerdem, dass Theoderich (im Waldere: Đeodric) dieses Schwert an Wittich (im Waldere: Widia) schicken wollte als Belohnung, weil dieser ihn einmal aus großer Bedrängnis befreit habe. Der Sprecher spielt auf ein Abenteuer an, das Theoderich zusammen mit Wittich im Land der Riesen erlebt hatte.Obst/Schleburg S. 168, Anmerkung 1. Die Schwertrühmung im zweiten Fragment reklamiert also ebenfalls eine glorreiche Vergangenheit, als ob der Sprecher zeigen wollte, dass das Schwert vor Miming, dem Schwert Walthers, nicht zurückstehen brauche. Es spricht vieles dafür, dass Gunther die Rede hält: Dazu passt die Schwertablehnung, die Hiltgunt in Fragment I erwähnt: Denn wer ein besseres bereits zu besitzen scheint, kann Miming ablehnen.Ute Schwab, „Nochmals zum ags. Waldere neben dem Waltharius“, in Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur. Hg. von W. Braune et al., 101 (Tübingen: Niemeyer, 1979), 239. WOLFF (1925), LANGOSCH (1973) und GENZMER (1981) schlugen hingegen vor, in dem Redner Hagen zu sehen, da er ja ebenso wie Walther eine Geisel am Hofe Attilas gewesen war und dort die Möglichkeit gehabt habe, an dieses kostbare Schwert zu kommen.Zettersten S. 5 Auszuschließen ist Walther als Sprecher, weil er explizit in Z. 11 als Sprecher der dort folgenden Rede (Z. 14–31) eingeführt wird.Wilhelm Lenz, Der Ausgang der Dichtung von Walther und Hildegunde (Halle: Niemeyer, 1939), 38. Bei diesem zweiten Teil handelt es sich um eine Kampfrede, in der Walther den König direkt anspricht, und zwar als wine Burgenda (Herr der Burgunden).
Inhaltliche Unterschiede zum lateinischen Waltharius Die Rolle Hiltgunts ist im Waldere eine viel aktivere: Sie spornt Walther zum Kampf an, während sie im Waltharius viel weniger in Erscheinung tritt: Dort bleibt sie ganz timidam puellam (Waltharius Z. 1407), darf aber nach dem Kampf immerhin die drei verletzten Kämpfer versorgen (Waltharius Z. 1408). Walther bietet im Waldere als Wegegeld zusätzlich zu den goldenen Ringen sein Schwert an (Waldere, Fragment I, Z. 28); im Waltharius sind es nur die goldenen Ringe aus seinem Schatz (Waltharius Z. 611–614). Beides Mal lehnt Gunther die Angebote jedoch ab: im Waldere mit der Begründung, dass er sowieso ein besseres Schwert habe und deshalb dasjenige Walthers nicht brauche (Waldere, Fragment II, Z. 1). Im Waltharius will Gunther sich nicht mit nur einem Teil des Goldes zufriedengeben, sondern verlangt zusätzlich die Auslieferung des Mädchens (Waltharius, Z. 601–602). Gunther wird im Waldere als wine Burgenda (Fragment II, Z. 14) bezeichnet, während er im Waltharius als König der Franken eingeführt wird (Waltharius, Z. 441 ff.). Im Waltharius werden außerdem Widia und Niðhad nicht erwähnt.
Das Gedicht Rekonstruiert ergeben die Waldere-Fragmente ein 63-zeiliges Gedicht. Der Aufbau folgt der klassischen germanischen Bauweise, welche die Angelsachsen im 5. Jahrhundert vom Festland mitgebracht hatten.Albert C. Baugh und Thomas Cable, A History of the English Language (London: Routledge 52002), 69. Der Aufbau eines germanischen Gedichts wie Waldere ist folgender.Scragg, Donald G. „The nature of Old English verse.“ The Cambridge Companion to Old English Literature. Hg. von Malcolm Godden und Michael Lapidge. Cambridge: Cambridge University Press, 1991. 55–70. Es gibt drei Ebenen: Silben, die einen Takt aufbauen, die wiederum einen Vers (auch Halbzeile genannt) aufbauen, die schließlich ein Verspaar (die Langzeile) ergeben. Jede Langzeile wird durch eine Zäsur getrennt. Die zwei Halbzeilen, die zusammen das Verspaar bilden, sind durch einen Stabreim (Alliteration) miteinander verbunden: Dabei ist die erste betonte Silbe der zweiten Halbzeile die dominante, sie bestimmt die Alliteration mit einer oder beiden betonten Silben der ersten Halbzeile.