Eine Modernisierungstheorie ist eine Theorie, die Prozesse der Modernisierung und Ursachen für die Moderne erklärt. Der Begriff bezieht sich auf eine Gruppe von Entwicklungstheorien aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen.
Annahmen und Argumentationen Das Grundinteresse der Modernisierungstheorie konzentriert sich auf die Frage, wie es zu den einschneidenden Veränderungen der „Moderne“ in den westlichen Gesellschaften im 18. und 19. Jahrhundert kommt. Sie geht davon aus, dass die Ursachen für die Moderne nicht extern (also etwa durch Bodenschätze), sondern endogen bedingt sind.Thomas Mergel: Geht es weiterhin voran? Die Modernisierungstheorie auf dem Weg zu einer Theorie der Moderne. In: Thomas Mergel, Thomas Welskopp (Hrsg.): Geschichte zwischen Kultur und Gesellschaft. Beiträge zur Theoriedebatte (= Beck’sche Reihe. Band 1211). Beck, München 1997, ISBN 3-406-42011-7, S. 203–232. Zudem geht sie davon aus, dass die Faktoren miteinander zusammenhängen und sich gegenseitig bedingen. Modernisierungstheorien schöpfen dabei aus einer Reihe von wirtschaftswissenschaftlichen, sozialwissenschaftlichen und geschichtswissenschaftlichen Disziplinen. Grundzüge der Modernisierungstheorie finden sich bereits bei Alexis de Tocqueville (1835/40), Emil Durkheim und Max Weber. Schon Max Weber sah wie heutige Vertreter der Theorie die Entwicklungen der Moderne nicht nur positiv.Detlef Pollack, Gergely Rosta: Religion in der Moderne. Ein internationaler Vergleich (= Schriftenreihe „Religion und Moderne“. Band 1). Campus, Frankfurt am Main u. a. 2015, ISBN 978-3-593-50175-8, S. 25–47; Thomas Mergel: Geht es weiterhin voran? Die Modernisierungstheorie auf dem Weg zu einer Theorie der Moderne. In: Thomas Mergel, Thomas Welskopp (Hrsg.): Geschichte zwischen Kultur und Gesellschaft. Beiträge zur Theoriedebatte (= Beck’sche Reihe. Band 1211). Beck, München 1997, ISBN 3-406-42011-7, S. 203–232; Wilhelm Hennis: Max Webers Fragestellung. Studien zur Biographie des Werks. Mohr, Tübingen 1987, ISBN 3-16-345150-0. Auch Reinhart Kosellecks Konzept der Sattelzeit zeigt eine große Nähe zu modernisierungstheoretischen Annahmen.Reinhart Koselleck: Einleitung. In: Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Bd. 1, Klett-Cotta, Stuttgart 1979, S. XV.
Insbesondere folgende Theoreme führt die Modernisierungstheorie aus, um den Wandel in der Moderne zu erklären: Differenzierungstheorem: Verschiedene gesellschaftliche Bereiche – wie das Recht, die Politik, die Wirtschaft oder die Religion – lösen sich voneinander und folgen einer je eigenen Logik. Dadurch werden die einzelnen Teilbereiche effektiver, und Spannungen – z. B. zwischen Religion und Recht – können friedlich gelöst werden. Anders als in traditionalen Gesellschaften, wo beispielsweise die Religion alles dominiert, müssen in differenzierten Gesellschaften die verschiedenen Bereiche berücksichtigt und miteinander abgewogen werden.Niklas Luhmann: Macht im System. Herausgegeben von André Kieserling. Suhrkamp, Berlin 2012, ISBN 978-3-518-58573-3.
Mobilisierungstheorem: Gesellschaftliche Entwicklung setzt die Mobilisierung von Legitimität, von sozialen Gruppen (soziale Aufstiegsmöglichkeit), aber auch von Ressourcen voraus (Kapital, Kaufkraft, Naturschätze, Technik). Technische, organisatorische oder kulturelle Innovationen sind für diese Entwicklung entscheidend. Sie tragen zur Industrialisierung bei. Diese wiederum führt zu einem allgemeinen Wohlstandsanstieg, der Bildung, Hygiene, hochentwickelte Institutionen wie Universitäten, Gesundheitsfürsorge oder Sozialsysteme ermöglicht. Durch die soziale Mobilisierung, die unter anderem durch die Urbanisierung hervorgerufen wird, fallen Standesgrenzen; das Ideal der Gleichheit wird immer wichtiger.Gabriel A. Almond, James S. Coleman (Hrsg.): The Politics of the Developing Areas. Princeton University Press, Princeton NJ 1960.
Partizipationstheorem: Je höher der Differenzierungsgrad einer Gesellschaft, desto mehr werden Vermittlungsmechanismen zwischen den einzelnen Teilen der Gesellschaft erforderlich. Die größere Bildung der Bürger, vor allem aber auch ihr staatstragender Wohlstand, der an Bedeutung gewinnende Gleichheitsgrundsatz und die Infragestellung traditionaler Legitimierung (z. B. durch Herkunft) erfordert ein höheres Beteiligungsniveau aller bei der Legitimierung zentraler Entscheidungen. Der Wohlstandsanstieg durch die Industrialisierung ermöglicht es, dass Bürger sich für eine Partizipation qualifizieren können. Ihre materielle Beteiligung am Staatsgeschehen (durch Steuern) bestärkt ihr Mitbestimmungsrecht. Die höhere und ausgeweitete Partizipation aber ermöglicht, dass Interessenkonflikte reduziert werden. Das ermöglicht einen friedlichen Ausbau der Wirtschaft, der demokratischen Institutionen wie der Schule oder der Hospitäler etc.Carles Boix: Democracy and Redistribution. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 2003, ISBN 0-521-82560-1; Seymour Martin Lipset: Political Man. The Social Bases of Politics. Doubleday, Garden City NY 1960.
Säkularisierungstheorem: Indem durch die Differenzierung andere Bereiche gegenüber der Religion an Bedeutung gewinnen, relativiert sich der Einfluss der Religion.Detlef Pollack: Historische Analyse statt Ideologiekritik. Eine historisch-kritische Diskussion über die Gültigkeit der Säkularisierungstheorie. In: Geschichte und Gesellschaft. Band 37, Nr. 4, 2011, S. 482–522, .
Theorem der Konfliktinstitutionalisierung: Strukturell bedingte Interessenkonflikte werden durch die Institutionalisierung der Austragungsformen in ihrem gesamtgesellschaftlichen Störwert reduziert.
Modernisierung durchläuft dabei verschiedene konkrete Phasen der Entwicklung, die jeweils Vorbedingungen für die weitere Entwicklung schaffen und aufeinander aufbauen. So stellt z. B. die Urbanisierung die für die Industrialisierung nötigen Arbeitskräfte in städtischen Zentren bereit. Durch den aus der Industrialisierung folgenden Anstieg des Wohlstandes nimmt das Bildungsniveau zu, während die Ungleichheit abnimmt.
Ronald Inglehart macht im Kern von Modernisierungsprozessen einen Wertewandel von materialistischen zu postmaterialistischen Werten aus, der durch sozioökonomischen Fortschritt bedingt ist. Diese postmaterialistischen Werte oder auch Selbstentfaltungswerte umfassen die Emanzipation von Autoritäten und das Streben nach Selbstverwirklichung, Freiheit, Lebensqualität und Partizipation. Durch die zunehmende Ausprägung von Selbstentfaltungswerten kann der universelle menschliche Wunsch nach Autonomie erfüllt werden, sodass sich der Wertewandel als eine Entwicklung hin zu einer humanistischeren Gesellschaft beschreiben lässt. Selbstentfaltungswerte, die nach Inglehart essentiell für die Effektivität einer Demokratie sind, manifestieren sich zudem in demokratischen Institutionen und fördern die Demokratisierung einer Gesellschaft. Jedoch haben demokratische Institutionen keinen bedeutenden Einfluss auf die Selbstentfaltungswerte, sodass einer effektiven Demokratisierung laut Ronald Inglehart und Christian Welzel vielmehr ein durch Modernisierung bedingter Wertewandel als formale demokratische Institutionen vorausgehen sollte.
Die in diesen Annahmen implizit oder explizit enthaltenen Prognosen über künftige Modernisierungen in Entwicklungsländern gelten heute als gescheitert.Arnd Hoffmann: Voraussagen. In: Stefan Jordan (Hrsg.): Lexikon Geschichtswissenschaft. Hundert Grundbegriffe. Reclam, Stuttgart 2002, S. 315. Daher wurde ausgangs des 20. Jahrhunderts in der (deutschen) Soziologie besonders von Ulrich Beck das Schlagwort von der reflexiven Modernisierung ins Spiel gebracht. Die Zweite Moderne hat demnach nicht mehr die traditionale Gesellschaft zur Basis und zum Gegenspieler, sondern die herausgebildete moderne Gesellschaft selbst übernimmt diese Funktionen, insofern sie zum Beispiel mit Umweltzerstörung und Prekarisierung unerwünschte Nebenfolgen produziert, die in einem reflexiv-modernisierenden Prozess behoben werden müssen. Reflexive Modernisierung wird als ein grundsätzlich offener Prozess gedacht, der nicht unilinear in Richtung eines Fortschritts abläuft, sondern durchaus auch widersprüchlich sein und sogar rückwärts verlaufen kann.Ulrich Beck: Das Zeitalter der Nebenfolgen und die Politisierung der Moderne. In: ders., Anthony Giddens, Scott Lash (Hrsg.): Reflexive Modernisierung. Eine Kontroverse. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1996, ISBN 3-518-11705-X, S. 19–112, hier S. 64–69 u.ö.
Kritik Da die Modernisierungstheorie von einem grundsätzlichen Wandel der westlichen Gesellschaften bis zum 19. Jahrhundert ausgeht, betont sie den Gegensatz zwischen „moderner“ (mit den Attributen dynamisch – rational – städtisch) und „traditioneller“ (mit den Attributen statisch – irrational/fatalistisch – agrarisch) Welt.Wie man ihn z. B. auch in dem Strukturalismus von Raúl Prebisch findet.
Alte Ausformungen der Modernisierungstheorie aus den 1950er und 1960er Jahren begriffen Entwicklung als unumkehrbaren und zielgerichteten Wachstumsprozess und standen damit im Gegensatz zu zyklischen Vorstellungen der geschichtlichen Entwicklung. Dazu werden evolutionäre Universalien aufgelistet, die für jegliche Entwicklung von Gesellschaft charakteristisch sein sollen (Talcott Parsons).Talcott Parsons: Evolutionäre Universalien der Gesellschaft. In: Wolfgang Zapf (Hrsg.): Theorien des sozialen Wandels. Kiepenheuer & Witsch, Köln u. a. 1969, S. 55–74; Über das Verschwinden indigener Gesellschaften als Preis des Fortschritts siehe John H. Bodley: Der Weg der Zerstörung. Stammesvölker und die industrielle Zivilisation. Trickster, München 1983, ISBN 3-923804-00-8. Seit einigen Jahrzehnten jedoch weisen Vertreter der Modernisierungstheorie den Vorwurf des Determinismus und der Teleologie zurück.Detlef Pollack: Modernisierungstheorie – revised: Entwurf einer Theorie moderner Gesellschaften. In: Zeitschrift für Soziologie. Band 45, Nr. 4, 2016, S. 219–240, doi:10.1515/zfsoz-2015-1013.
Viele der Kritikpunkte gegenüber der Modernisierungstheorie richten sich also an die ältere Forschung:Anja Rullmann: Modernisierung und Dependenz. Paradigmen internationaler Kommunikationsforschung. In: Miriam Meckel, Markus Kriener (Hrsg.): Internationale Kommunikation. Eine Einführung. 1996, S. 19–47, hier S. 28 ff. „Tradition“ und „Moderne“ seien in vielen Ansätzen idealtypische Konstruktionen, die nicht der Wirklichkeit entsprächen. Weder die traditionellen noch die modernen Gesellschaften entsprächen einem dieser Idealtypen, sondern stellten unterschiedliche Kombinationen traditioneller und moderner Elemente dar. Es herrschten große Unterschiede zwischen den Entwicklungsländern, „die“ Dritte Welt habe es nie gegeben. Diese Heterogenität erfordere unterschiedliche Entwicklungsstrategien für die einzelnen Länder.