Die Reichsstelle für Raumordnung (RfR) wurde am 26. Juni 1935 durch einen Führererlaß eingerichtet und war Adolf Hitler direkt unterstellt. Als Leiter der RfR fungierte der bisherige Reichsminister ohne Geschäftsbereich Hanns Kerrl. Bereits am 29. März 1935 war die Reichsstelle zur Regelung des Landbedarfs der öffentlichen Hand eingerichtet worden, die mit dem Führererlaß vom 26. Juni 1935 zur RfR umgewandelt wurde. Die RfR hatte nun Weisungsbefugnis über die überörtlichen Planungsbehörden und Planungsverbände.
Kerrls Stellvertreter war Hermann Muhs (nach Kerrls Tod sein geschäftsführender Nachfolger). Den für die Nationalsozialisten politisch wichtigsten Bereich, die Neubildung deutschen Bauerntums, hatte bis dahin Carl Christoph Lörcher geleitet. Die Aufgabe der RfR war nun aber eine zusammenfassende, übergeordnete Planung und Ordnung des deutschen Raumes für das gesamte Reichsgebiet. Nach dem Gesetz über die Regelung des Landbedarfs der öffentlichen Hand vom 29. März 1935 (RGBl. I, S. 486), das die Gründung der RfR vorsah, hatte diese darüber zu „wachen, dass der deutsche Raum in einer den Notwendigkeiten von Volk und Staat entsprechenden Weise gestaltet wird“ (§ 3) und dass die obersten Reichsbehörden dieser Reichsstelle jeden beabsichtigten Landerwerb mitzuteilen hatten.
Die Reichsstelle für Raumordnung befand sich in Berlin, Leipziger Str. 3–4 (dort befindet sich heute das Bundesratsgebäude).Zur Geschichte: Bartek Wardecki: Berlin, Leipziger Str. 3–4. Biographie einer Adresse. Berlin: be.bra wissenschaft verlag, Potsdam 2019.
Die an die RfR angeschlossene und sechs Monate nach ihr gegründete Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung (RAG) arbeitete bis 1942 (formal) der Reichsstelle als Forschungsorganisation zu, sie entwickelte aber de facto auch Eigenständigkeiten. Sie stellte gemeinsam mit den Hochschularbeitsgemeinschaften für Raumforschung (HAG) einen Großverbund universitärer Forschung im nationalsozialistischen Staat dar.
Gründung, Personalbestand und Organisationsstruktur der RfR 1933 wurde die „Reichsstelle für Siedlungsplanung“ gegründet. Finanziert wurde sie durch eine Spende des Unternehmers Oetker, die Max Sering vermittelt hatte.Heinz Rieter: Ökonomen im Dienste der nationalsozialistischen Raumplanung und „Raumforschung“. In: Hans-Michael Trautwein (Hrsg.): Studien zur Entwicklung der ökonomischen Theorie XXIX. Die Entwicklung der Raumwirtschaftslehre von ihren Anfängen bis in die Gegenwart. Berlin 2014, S. 245. Aus ihr ging 1935 die „Reichsstelle für Raumordnung“ hervor.Michael G. Esch: »Ohne Rücksicht auf historisch Gewordenes«. Raumplanung und Raumordnung im besetzten Polen 1939-1944. In: Götz Aly u. a. (Hrsg.): Modelle für ein deutsches Europa. Ökonomie und Herrschaft im Großwirtschaftsraum. Berlin 1992, S. 77. Damit existierte unter den Bedingungen des NS-Staats erstmalig in Deutschland „eine mit der Raumordnung auf höchster staatlicher Ebene beauftragte Instanz“.Klaus Becker: Die Zeitschrift "Raumforschung und Raumordnung" 1936-2006. Ein Überblick. In: Raumforschung und Raumordnung, Band 64 (2006), S. 512–523 (hier: S. 512).
Im Bereich von „Neusiedlungen“ hatte bis 1935 eine Konkurrenz zwischen mehreren NS-Organen und politischen Ebenen bestanden, die mit der Bildung der Reichsstelle abgeschafft und die Verfahren gestrafft werden sollten. Kerrls erste Verordnung zur Durchführung der Reichs- und Landesplanung erging am 15. Februar 1936. Die Provinzen wurden zu Planungsräumen erklärt, und es wurden 23 Landesplanungsgemeinschaften geschaffen. Den Landesplanungsgemeinschaften waren 52 Bezirksstellen angeschlossen. Landesplanungsgemeinschaften und ihre Bezirksstellen wurden der RfR zugeordnet. Die bis dahin vorherrschende kommunale Raumplanung entfiel. Die Landesplanungsgemeinschaften wurden erst am 13. Dezember 1944 aufgelöst.
Nach Kerrls Tod im Dezember 1941 wurde sein Staatssekretär, Hermann Muhs geschäftsführender Leiter der RfR. Das Reichsarbeitsministerium beschnitt teilweise Kompetenzen (alleinige Aufsicht über die Landesplanungsverbände; Deklarierung der Wirtschaftspläne als kommunale Aufgabe) der gerade gegründeten RfR. Andererseits erklärte sich der Reichsarbeitsminister schon im September 1935 bereit, der RfR im Bereich eines Entwurfes eines Reichsplanungsgesetz Kompetenzen zu überlassen: „Soweit in diesem Entwurf die Planung für das Wohnungs- und Siedlungswesen, namentlich auch für den Städtebau zu regeln sein wird, werde ich Ihnen die erforderlichen Beiträge liefern.“Der Reichsarbeitsminister an Reichsminister Kerrl vom 28.9.1935 zit. nach Wolfgang Istel: Entwicklungslinien einer Reichsgesetzgebung für die Landesplanung bis 1945. In: Beiträge zu Raumforschung, Raumordnung und Landesplanung. Dortmund 1985, S. 83.Als weitere Konkurrenz für die RfR (und wenig später auch für die RAG) erwies sich die im August 1935 etablierte parteiamtliche Akademie für Landesforschung und Reichsplanung. Diese von Johann Wilhelm Ludowici geführte Akademie sollte „Verselbstständigungstendenzen der staatlichen Organisationen der Reichsstelle“ vorbeugen. Die Akademie konnte sich gegen RfR/RAG/HAG aber nur bis 1937 halten und wurde wieder geschlossen.
Die Reichsstelle bestand aus der Zentralabteilung, geführt von Hermann Muhs, sowie der Verwaltungsabteilung und der Planungsabteilung. Die Verwaltungsabteilung führte Ernst Jarmer, die Planungsabteilung führte der Erste Baudirektor i. R. Karl Köster (Hamburg). Da der gesundheitlich angeschlagene Hanns Kerrl häufiger ausfiel, unterzeichneten de facto Muhs und Jarmer zahlreiche Erlasse der RfR.
Allen drei Abteilungen waren zahlreiche Referate zugeordnet. Unter den Referats-Leitern waren einige Raumplanungs-Experten, die sich nach 1945 in der Raumordnungspolitik einen Namen machen konnten: Erwin Muermann, Leiter des Referats Allgemeine Rechtsangelegenheiten (Referat III) der Zentralabteilung der RfR wurde der erste Leiter des späteren Bad Godesberger Instituts für Raumforschung. Gerhard Isenberg, Leiter des Referats Statistik (Referat V) in der Planungsabteilung war eine Schlüsselperson in der Entwicklung der bundesdeutschen Raumordnungspolitik (u. a. SARO-Gutachten). Das Referat VII Verkehrsangelegenheiten der Verwaltungsabteilung führte Ministerialrat Werner Teubert. Das Referat II der Planungsabteilung Planungsgrundlagen und wissenschaftliche Raumforschung führte Hermann Roloff.
Für das Reichskirchenministerium, das Kerrl ebenfalls leitete, existierten innerhalb der dortigen Zentralabteilung Referate gleichen Namens, die offensichtlich für das Ministerium und die Reichsstelle zugleich verantwortlich waren. So arbeitete etwa Karl Troebs († 1941) in gleicher Funktion auch für das Reichskirchenministerium.Vgl. Heike Kreutzer: Das Reichskirchenministerium im Gefüge der nationalsozialistischen Herrschaft. Droste Verlag, Düsseldorf 2000, S. 90f., 93f., 348.
Abteilungen und Referate der Reichsstelle für Raumordnung im Überblick leitende MitarbeiterFunktionenReichsminister Hanns Kerrl
(Stellvertreter bis 1936: Walter Blöcker)Leiter der RfR; Präsident der Reichsplanungsgemeinschaft.Staatssekretär Hermann MuhsStändiger Vertreter des Leiters der RfR (nach W. Blöckers Tod 1936); Vorsitzender des Vorstands der Reichsplanungsgemeinschaft;
Leiter der ZentralabteilungMinisterialdirektor Ernst JarmerLeiter der VerwaltungsabteilungErster Baudirektor i. R. Karl KösterDer ehemalige Hamburger Baudirektor war zuvor an der brachialen 'Sanierung' des Gängeviertels (nördliche Neustadt) beteiligt. In seiner neuen Funktion plädierte er für eine „raumpolitische Neuordnung“ der Städte (vgl. Dirk Schubert: Stadterneuerung in London und Hamburg. Eine Stadtbaugeschichte zwischen Modernisierung und Disziplinierung, Vieweg & Sohn, Braunschweig/Wiesbaden 1997, S. 375).Leiter der Planungsabteilung +Zentralabteilung (Leitung: Hermann Muhs)nach: Marcel Herzberg: Raumordnung im nationalsozialistischen Deutschland. Dortmund 1997, S. 40; Andreas Kübler, Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (Hrsg.): Chronik Bau und Raum. Geschichte und Vorgeschichte des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung. Tübingen, Berlin 2007, S. 300.MitarbeiterReferatBezeichnungOberregierungsrat Helmut UrlacherIDie allgemeinen und persönlichen Angelegenheiten des HausesSchirrmannAlfred Schirrmann arbeitete in gleicher Funktion für das Reichskirchenministerium (vgl. Kreutzer 2000, S. 340, 348).IIDie finanziellen Angelegenheiten des Hauses Regierungsrat Erwin MuermannIIIDie allgemeinen RechtsangelegenheitenGeneralreferent Regierungsrat Karl TroebsIVPresse, Propaganda Heinrich BunningVPresserecht, ZensurMinisterialrat WirselVIAngelegenheiten der AußenstellenDamaschkeOb für eine Mitarbeit der 1935 verstorbene Bodenreformer Adolf Damaschke vorgesehen war, ist nicht belegt. Adolf Damaschke veröffentlichte im selben Jahr Ein Kampf um Sozialismus und Nation. Vom Ringen um Boden für jeden Volksgenossen. Dresden 1935.VIISonderaufgaben
+Verwaltungsabteilung (Leitung: Ernst Jarmer)MitarbeiterReferatBezeichnungDr. Werner OttoIPlanungsrecht und allgemeine Angelegenheiten der VerwaltungOberregierungsrat Hansjulius SchepersIIWehrangelegenheiten Wilhelm FischerIIIAllgemeine Wirtschafts- und FinanzangelegenheitenDr. Walter PuttkammerIVGewerbliche WirtschaftN.N.VLand-, Forst- und WasserwirtschaftOberregierungsrat Heinrich SiemerVIAngelegenheiten des Arbeitseinsatzes und der BevölkerungsverteilungMinisterialdirigent Werner TeubertVIIVerkehrsangelegenheitenRolf SchrameierVIIIKolonialplanung +Planungsabteilung (Leitung: Karl Köster)MitarbeiterReferatBezeichnungMinisterialrat Ernst HammIAllgemeine Angelegenheiten der PlanungOberregierungsrat Hermann RoloffIIPlanungsgrundlagen und wissenschaftliche RaumforschungMinisterialrat Ernst HammIIIBebauung und BesiedlungReferent Heinrich DörrZu Dörrs „Zehn Geboten der Landschaftsgestaltung“ siehe: Axel Zutz: Von der Ohnmacht über die Macht zur demokratischen Neuaushandlung. Die geschichtliche Herausbildung der Position des Planers zur Gewährleistung ‚Landschaftlicher Daseinsvorsorge‘. In: Susanne Kost, Antje Schönwald (Hrsg.): Landschaftswandel – Wandel von Machtstrukturen. Springer VS, Wiesbaden 2015, S. 65–94 (hier: S. 74). Dörr war ein Freund des NS-Landschaftsarchitekten Heinrich Wiepking-Jürgensmann.IVErholung und LandschaftsgestaltungOberregierungsrat Gerhard IsenbergVStatistikMinisterialrat Ernst HammVIKarten, Normen und Auslandsplanung Während des Krieges wurde ORR Heinrich Siemer zum Verbindungsreferenten der RfR zum Reichskommissariat für die Festigung deutschen Volkstums (RKF) bestimmt.
Hermann Roloff wurde für die RfR auch in den besetzten Niederlanden tätig. Er wurde in einer entsprechenden Publikation als Leiter des Ministerialreferats Planung bezeichnet.
Hansjulius Schepers wurde im Generalgouvernement als Leiter des Hauptamtes für Raumordnung in Krakau eingesetzt.
Emil Uebler wird in Verbindung mit den Planungen zur „Stadt des KdF-Wagens“ genannt.Hansjörg Gutberger: Volk, Raum und Sozialstruktur. Sozialstruktur- und Sozialraumforschung im „Dritten Reich“, Lit-Verlag, Münster et al. 1996, S. 232-235, ISBN 3-8258-2852-2; Marcel Glaser: Peter Koller (1907–1996). Stadtplaner in Diktatur und Demokratie. Eine Biografie. Wallstein, Göttingen 2022. ISBN 978-3-8353-5238-4, S. 172 ff.
Als Mitarbeiter der RfR werden in der Literatur auch genannt: Gerhard Ziegler, Walter Arke, Edmund Gassner, Norbert Ley, Ministerialrat Smolik, Diplom-Volkswirt Wiesener, Leo Hilberath (Referent der RfR), Ilse Balg (wissenschaftliche Hilfsarbeiterin der RfR)Die Ilse Balg Stiftung schreibt in ihrem Kurz-Porträt zu Ilse Balg: "Ihre wissenschaftliche Tätigkeit begann in den 30er Jahren in der Reichsstelle für Raumordnung. In der dortigen Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung bereitete sie die Gebietsreform der preußischen Stadt- und Landkreise vor und erstellte Kreismappen für sämtliche Gebiete. Hier begegnete sie auch ihrem Mentor Martin Mächler, mit dem sie eine lebenslange Freundschaft verband." (vgl. https://ilsebalg-stiftung.de/ilse-balg/).