mini|hochkant=1.25|Blick auf die Pankratiuskirche, Pfarrgarten und Ortskern mit Gründerzeitvillen Die Glockenstadt Gescher [] (plattdeutsch Gesker) ist eine Kleinstadt im münsterländischen Kreis Borken in Nordrhein-Westfalen.

Geographie Räumliche Lage Durch Gescher fließt die Berkel. Im Nordosten streift der Fluss Dinkel das Stadtgebiet und bildet für etwa 3 km die Grenze zur Nachbargemeinde Rosendahl. Gescher liegt rund 3 km westlich der Autobahn A 31, die Emden mit dem Ruhrgebiet verbindet. Gescher ist über die Anschlussstelle (33) Gescher-Coesfeld und die kreuzende B 525, die die deutsch-niederländischen Grenze bei Südlohn-Oeding mit der Autobahn A 43 verbindet, an das Fernstraßennetz angeschlossen.

Stadtgebiet mini|hochkant=1.25|Ortsteile (rot) und Bauerschaften (orange) von Gescher Ortsteil Hochmoor Ortsteil, in dem auch Vertriebene nach 1945 eine neue Heimat gefunden haben (Vorwahl: 02863). Das dort befindliche Hochmoor wurde erst in den 1960er Jahren mittels Tiefpflug trockengelegt.

Bauerschaften Harwick Estern Büren Tungerloh-Capellen Tungerloh-Pröbsting

Naturschutzgebiete und Bodendenkmäler Auf dem Gebiet der Stadt Gescher, beider Seiten der Berkel gelegen,Bundesamt für Naturschutz: Schutzgebiete um Gescher.OpenStreetMap: Stadtgebiet Gescher mit Hochmoor befinden sich die vier Naturschutzgebiete Berkelaue I,OpenStreetMap: Berkelaue I flussaufwärts der Berkel nach Coesfeld Berkelaue II,OpenStreetMap: Berkelaue II im nordöstlichen Grüngürtel der Stadt Gescher KuhlenvennOpenStreetMap: Stadtgebiet Gescher mit Hochmoor (zwischen Hochmoor und Gescher, an der Kreisgrenze zu Coesfeld im Quellgebiet des Heubachs) und nordöstlich von Hochmoor das Flora-Fauna-Habitat Fürstenkuhle.OpenStreetMap: Fürstenkuhle, nordöstlich von Hochmoor Nichtregierungsorganisationen, Vereine und Aktivistengruppen wie die Biologische Station ZwillbrockNABU: Das Kuhlenvenn – eine Erfolgsgeschichte, S. 15, als Memento gespeichert am 7. Januar 2016 und der Naturschutzverein Gescher-HochmoorNaturschutzverein Gescher-Hochmoor: naturschutz-gescher-hochmoor.de heruntergeladen am 16. Mai 2020Gescherblog: Franz Josef Kunst: Neues Gewässer für Moorfrösche in der Fürstenkuhle, heruntergeladen am 16. Mai 2020 sowie der NABU betreuen die Schutzgebiete. An der Grenze der Gemarkungen Esten und Eschlohn, westlich von Gescher, liegt als Bodendenkmal die so genannte Versunkene Burg Brockhusen.Stadt Gescher: Burg Brockhusen „Versunkene Burg“, als Memento gespeichert am 14. November 2017 Östlich von Gescher in der Berkelaue, beim 1816 abgebrannten Haus Hengelborg, in der Nähe einer aufgegebenen Bauernhofstelle (Hofwüstung), finden sich in der Gemarkung Harwick die Überreste eines für das Westmünsterland typischen Wehrspeichers, umgeben von Gräften, datiert auf das 15./16. Jahrhundert, evtl. später.Stadt Gescher: Wehrspeichergräfte Gemarkung Harwick, als Memento gespeichert am 14. November 2017.

Nachbargemeinden/-städte Stadt Stadtlohn(Kreis Borken) Gemeinde Rosendahl(Kreis Coesfeld) Gemeinde Südlohn(Kreis Borken) Datei:Windrose klein.svg Stadt Coesfeld(Kreis Coesfeld) Stadt Velen(Kreis Borken) Gemeinde Reken(Kreis Borken)

Geschichte Frühgeschichte und Mittelalter Frühgeschichtlich liegt Gescher an der Stammesgrenze zwischen Brukterern und Chamaven. Die Grenze lag in den Feuchtgebieten im Westen von Gescher (Estern). Entlang dieser Grenzen finden sich auch die Fluchtburgen versunkene Borg, Rauschenburg und Hengelborg. Der Name Gescher leitet sich ab von Gasgare, später dann Gaschari, einem Oberhof des Stiftes Borghorst. Nach dem Bau einer Kirche durch das Stift um das Jahr 1000 und der Einrichtung der dazugehörenden Pfarrei entwickelte sich allmählich eine dörfliche Siedlung. Gescher wurde im Feuchtgebiet der Siepen gegründet, wobei diese Siepen nicht trockengelegt oder umgeleitet, sondern überbaut wurden. Noch heute finden sich entsprechende Namen wie Waterstegge oder Armlandstraße (ein ehemaliger Knüppeldamm über die Siepe). Es zogen sich Siepen von der Katharinenstraße (Waterstegge) und auch von der Inselstraße in Richtung Wenings Feuchtgebiete. Weitere Siepen aus den südlichen und östlichen Gebieten wurden in der Gräfte gesammelt und von dort unter der Armlandstraße weitergeleitet. Diese verläuft heute noch an der linken Seite der Pankratius-Kirche. Diese Siepen existieren noch immer, teils verrohrt oder als weitläufiges Feuchtgebiet.

Neuzeit 1570 brannte die Siedlung fast vollständig nieder. Der Wiederaufbau sowie Plünderungen und Einquartierungen während der Niederländischen Befreiungskriege und des Dreißigjährigen Krieges behinderten die Entwicklung der Siedlung.

Infolge der französischen Revolutionskriege wurde im Jahr 1803 das Hochstift Münster, zu dessen Amt Ahaus Gescher gehört hatte, auf dem Reichsdeputationshauptschluss aufgelöst. Das Kirchspiel gelangte unter die Herrschaft des Fürsten zu Salm. Von 1811 bis 1813 war Gescher Teil Frankreichs und ab 1816 als Teil des Kreises Coesfeld preußisch.

Noch um 1850 sind in Gescher keine großen Industriebetriebe mit sozialer oder wirtschaftlicher Bedeutung beheimatet und so befand es sich noch in der vorindustriellen Entwicklung mit entsprechender Gesellschaftsstruktur. Es ist davon auszugehen, dass in diese Zeit auch Abwanderungen in das nahgelegene und sich in dieser Zeit entwickelnde Ruhrgebiet durch Gescheraner Männer mit ihren Familien stattfanden, um dort als Arbeiter oder Bergleute zu leben. Auch Auswanderungen in die USA, Kanada und Brasilien sind beurkundet.

Das 1390 erstmals urkundlich erwähnte Haus Hall wurde 1855 durch den Münsteraner Bischof Johann Georg Müller in eine Stiftung umgewandelt, als „Erziehungsanstalt für verwahrloste Knaben katholischer Konfession“. Der Auftrag wurde 1929 erweitert um die Betreuung von Menschen mit Behinderung. Der Kirche gehörte Haus Hall seit 1837. Gegen den Widerstand des kirchlichen Trägers fielen mindestens 27 Jugendliche aus Haus Hall den T4-Mordaktionen der Nationalsozialisten zum Opfer.Bernhard Frings: Zu melden sind sämtliche Patienten...- NS-'Euthanasie' und Heil- und Pflegeanstalten im Bistum Münster, 1994 bei Aschendorff Münster, ISBN 978-3-402-03269-5.

Aus der in Heimarbeit zu leistenden Verarbeitung von Flachs zu Leinen erwuchs während des 19. Jahrhunderts die technisierte Textilindustrie, die für das Wirtschaftsleben bis Mitte des 20. Jahrhunderts prägend werden sollte. Hier ist besonders die Gründung der ersten mechanischen Weberei in Gescher, der Textilfabrik Huesker&Co., von 1861 zu nennen. 1861/62 kam es ebenfalls zum Anschluss Geschers an das Straßennetz des Westmünsterlandes. 1875 erfolgt die Errichtung eines Postamts und 1881 einer Gemeindesparkasse in Gescher. Die Versorgung der Gescheraner Bürger mit elektrischem Strom wurde bereits 1899 durch die Firma Huesker sichergestellt. 1903 begannen erste Bahnbauarbeiten, 1904 wurde die Eisenbahnteilstrecke Coesfeld–Gescher–Borken in Betrieb genommen. Das 1906 gegründete Torfwerk im Süden der Bauerschaft Tungerloh-Pröbsting stellte die Keimzelle des heutigen Ortsteils Hochmoor dar.

Vermutlich seit dem Ende des 17. Jahrhunderts lebten Juden in Gescher.Henry Rothschild: Die jüdische Gemeinde in Gescher im 20. Jahrhundert. In: Unsere Heimat. Jahrbuch des Kreises Borken, Jg. 1985, S. 108–110, hier S. 108. Obwohl in das gesellschaftliche Leben vollständig integriert (in den Nachbarschaften, bei der Feuerwehr, beim Militär und in Kriegervereinen) wurden nach fünfeinhalb Jahren zunehmender Ausgrenzung, Schikane und Bedrohung die jüdischen Familien Geschers Opfer von Ausschreitungen und Gewalt: Die Wohnungen und Geschäfte sowie die Betstube in der Armlandstr. 1a wurden bei den Novemberpogromen 1938 verwüstet und teilweise in Brand gesteckt.Elfi Pracht-Jörns: Gescher. In: dies.: Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Band 4: Regierungsbezirk Münster (= Beiträge zu den Bau- und Kunstdenkmälern von Westfalen, Band 1.2). J.P. Bachem, Köln 2002, ISBN 3-7616-1397-0, S. 88–90 und 152–153, hier S. 89. Alle männlichen Mitglieder der Familien Stein, Marx und Falkenstein kamen für ein bis drei Wochen im örtlichen Gefängnis in so genannte Schutzhaft. Im Dezember 1941 wurden alle jüdischen Bewohner Geschers, 20 Personen jeglichen Alters, darunter die zweijährige Eleonore Stein (* 1. April 1939, ✡ Dezember 1941), ins lettische Riga transportiert, um dort ermordet zu werden.Martin Wissen: Ent-deckte Zeichen. Die Juden in Gescher, o. J., Hrsg.: Heimatverein Gesche.r Band 6.Fred Hertz: Vierhundersechsundvierzig Jahre und zehn Tage. achterland verlags compagnie, Gesamterstellung: Franz Gescher, Vreden, 2002, ISBN 3-933377-71-4. Der 1867 eröffnete jüdische Friedhof existiert trotz zweimaliger Verwüstung.Hendrik M. Lange: Erinnerungen: Juden in Gescher. Impulse zur Beschäftigung mit lokalen Erinnerungsorten, als Memento gespeichert am 19. Mai 2020.

mini|Kriegsgräberstätte

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges war die bischöfliche Stiftung Haus Hall Kriegslazarett. Die Bausubstanz in Gescher blieb von Kriegsschäden weitgehend verschont. Am 30. März 1945 (Karfreitag) übergab Bürgermeister Niemann die Gemeinde Gescher an die herannahenden englischen Alliierten. Es kam vereinzelt zu kurzen Feuergefechten mit abrückenden deutschen Soldaten. Mr. Ball übernahm als Vertreter der britischen Besatzung die Hoheit über die Stadt.

Im Ortsteil Hochmoor fanden nach 1945 viele Vertriebene, besonders aus dem katholischen Schlesien Zuflucht im stark erweiterten Ortsteil Hochmoor, der noch bis 1961 kirchlich von St. Andreas in Velen betreut wurde.Heimatverein Hochmoor: Heimatverein Velen zu Gast in Hochmoor, als Memento heruntergeladen am 19. Mai 2020.

1980 eröffnete das Glockenmuseum als eines der wichtigsten Aushängeschilder der Stadt; es wurde 2010 umfassend renoviert und erweitert.

Seit dem 8. Juli 2013 trägt Gescher den offiziellen Namenszusatz Glockenstadt.

Eingemeindungen Am 1. Juli 1969 wurden in der ersten Phase der Kommunalen Neugliederung (Gesetz zur Neugliederung von Gemeinden des Landkreises Coesfeld) die Gemeinden Büren, Estern, Gescher, Harwick, Tungerloh-Capellen und Tungerloh-Pröbsting unter Auflösung des Amtes Gescher zur Stadt Gescher zusammengeschlossen. Am 1. Januar 1975 kam diese im Zuge des zweiten Neugliederungsprogramms vom Kreis Coesfeld zum Kreis Borken.

Einwohnerentwicklung mini|380px|Einwohnerentwicklung von Gescher von 1834 bis 2018 nach nebenstehender Tabelle Jahr Einwohner 1834 3.784 1846 3.807 1849 3.790 1855 3.876 1858 3.806 1864 4.002 1871 3.912 1885 3.962 1890 4.048 1900 4.206 Jahr Einwohner 1905 4.486 1914 5.219 1926 5.943 1939 7.223 1950 10.177 1961 10.795 1981 14.397 1990 15.092 1995 16.154 2000 16.851 Jahr Einwohner 2005 17.146 2010 17.164 2011 16.869 2012 16.889 2013 16.887 2014 16.857 2015 17.118 2018 17.205 2021 17.186 2022 17.361

Laut Zensus 2011 wohnten zum Stichtag 9. Mai insgesamt 16.869 Menschen in Gescher.

Religion Kirchen evangelisch Gnadenkirche, evang. Kirchengemeinde Gescher katholisch St. Mariä Himmelfahrt, die Kirche ist seit dem Jahr 2011 geschlossen und wurde bis auf eine Kapelle im Turm zu einer Seniorenwohnanlage umgebaut. St. Pankratius, kath. Kirchengemeinde St. Stephanus, kath. Kirchengemeinde (Hochmoor) St. Antonius, kath. Autobahnkapelle mit mittelalterlichem Hagioskop

Konfessionsstatistik Gemäß der Volkszählung 2011 waren 11,6 % der Einwohner evangelisch, 76,7 % römisch-katholisch und 11,7 % waren konfessionslos, gehörten einer anderen Religionsgemeinschaft an oder machten keine Angabe. Die Zahl der Protestanten und Katholiken ist seitdem gesunken. Ende 2018 hatte Gescher 17.205 Einwohner darunter 11.163 (64,9 %) katholische Einwohner., abgerufen am 18. August 2020.

Politik Die Kommunalwahlen seit 2004 führten zu den folgenden Ergebnissen: