Als Priesterastronomen werden in der populären himmelskundlichen und archäologischen Literatur sternkundige Priester der Vorgeschichte und der Antike bezeichnet, die ihre astronomischen Kenntnisse für den Dienst in Tempeln bzw. für religiöse Kulte erwarben oder ausübten.
Ihre Tätigkeit verband astronomische Beobachtungen mit religiösen Aspekten bis hin zur Astrologie. Die Erforschung der Vorgänge am Himmel diente auch der Kalenderrechnung, der Zeitbestimmung und der Vorhersage astronomischer Phänomene wie etwa Sonnenfinsternisse und besondere Gestirnskonstellationen. Auf den daraus gewonnenen Erkenntnissen basierten Sternen- oder Sonnenkulte.
Im Orient (siehe Chaldäer) oder bei den Mayas dürften die Priesterastronomen eine Art Zunft gebildet und ihr Wissen geheim gehalten haben. In anderen Kulturen waren es eher astronomisch gebildete Einzelpersonen, die in seltenen Fällen auch populärastronomisch gewirkt haben. Jede ungewöhnliche Erscheinung an dem bis zum Mittelalter als unveränderlich angesehenen Sternhimmel hatte große Bedeutung.
Günter D. Roth schreibt dazu:
Sternhimmel und Religion Astronomische Phänomene haben die menschliche Kulturgeschichte in vielfältiger Hinsicht beeinflusst.
So trugen die scheinbar unveränderlichen Fixsterne zur religiösen Interpretation des Universums bei.Rahlf Hansen, Christine Rink: Himmelsscheibe, Sonnenwagen und Kalenderhüte – ein Versuch zur bronzezeitlichen Astronomie. Acta Praehistorica et Archaeologica Band 40, 2008 Der Sternhimmel galt in fast allen Kulturen als Sitz von Gottheiten. Die Himmelserscheinungen mit den teils zyklischen, teils rätselhaften Bewegungsmustern von Sonne, Mond und Planeten gaben Anstoß für naturwissenschaftliche Forschung und bildeten die Grundlage für astrologische Betrachtungen. Insbesondere singuläre Ereignisse wie Kometen und Supernovae wurden als Zeichen göttlichen Willens oder Unwillens gedeutet.
Doch waren die himmlischen Vorgänge auch praktische Hilfsmittel für das menschliche Leben und insbesondere seine jahreszeitlichen Erfordernisse. In der biblischen Schöpfungsgeschichte werden diese Aspekte, die schon früh für Kalender, religiöse Feste und Zeitmessung dienten, in folgende Worte gekleidet : „Dann sprach Gott: Lichter sollen am Himmelsgewölbe sein, um Tag und Nacht zu scheiden. Sie sollen Zeichen sein und zur Bestimmung von Festzeiten, von Tagen und Jahren dienen. Sie sollen Lichter am Himmelsgewölbe sein, die über die Erde hin leuchten. Und so geschah es.“
Vorgeschichte Für die Kulturen bzw. Jahrtausende ohne schriftliche Überlieferungen kann die astronomische Tätigkeit und Bedeutung von Priestern nur indirekt erschlossen werden. Im Folgenden werden einige Beispiele dieser himmelskundlich-religiösen Tätigkeiten näher beleuchtet.
Am bekanntesten aus dieser frühen Astronomie sind das Megalithbauwerk Stonehenge in Südengland sowie aus Deutschland die Kreisgrabenanlage von Goseck und die Himmelsscheibe von Nebra. Doch auch in der Höhlenmalerei gibt es astronomisch-religiöse Aspekte.
Steinzeitliche Höhlenmalerei mini|Astronomisch-religiöse Deutung einer 18.000 Jahre alten Jagdszene in der Höhle von Lascaux mit einem Schamanen
In der jungsteinzeitlichen Höhlenmalereien gibt es vereinzelte Bezüge zwischen Schamanen und dem Sternhimmel aufweisen. So zeigt die südfranzösische Höhle von Lascaux eine auf die Bisonjagd bezogene Beschwörungsszene: einen vom Speer verwundeten Bison, der schmerzlich auf den vogelköpfigen Schamanen blickt. Nach der Deutung von ArchäoastronomenBialas 1998 stellen die Augen der drei Figuren die hellen Sterne des Sommerdreiecks dar (das heutige Sternbild Schwan hat menschenähnliche Gestalt). Eine zweite Deutung sieht den Jagdpriester inmitten der Tierkreisbilder Löwe (Nashorn links), Zwillinge (2 × 3 Punkte) und Stier (Bison), worin der Vogelpfad die Milchstraße darstellt. Der Bisonkopf hat die Form der Hyaden, eines hellen Sternhaufens, der ebenso wie die Plejaden ein paläolithisches Kalendergestirn war (siehe Himmelsscheibe von Nebra).
Neolithische Steinkreise Anhand von Stonehenge, dem wohl bekanntesten Monolith-Denkmal der Jungsteinzeit, haben Archäo-Astronomen mehrere Theorien über die vorgeschichtliche Astronomie entwickelt. Manches daran ist spekulativ, doch nachweisbar sind spezielle Beobachtungen über den jahreszeitlichen Verlauf der Sonnenauf- und Untergänge, der Mondbahn und einzelner heller Gestirne. Dass die damit befassten Schamanen spezielle Kenntnisse der Gestirnsbahnen hatten, steht außer Zweifel. Und dass einige der beobachteten Konstellationen (insbesondere die Sonnenwenden) Anlass zu verschiedenen Kulten oder Opfern waren, ist anzunehmen. Weniger gesichert sind Ansichten wie jene von ThomA. Thom: Megalithic Lunar Observatories. Clarendon Press, Oxford 1971, die Priesterastronomen der Bronzezeit hätten durch Beobachtung der Mondwenden die Finsterniszyklen und die Neigung der Mondbahn entdeckt.
Was die Messgenauigkeit der Stonehenge-Erbauer betrifft, wird freilich in manchen Publikationen übertrieben. Rolf MüllerRolf Müller: Der Himmel über dem Menschen der Steinzeit: Astronomie und Mathematik in den Bauten der Megalithkulturen. Springer 1970 meint dazu: Die „schönen und lehrreichen Fotos“ in Gerald Hawkins’ Bestseller „Stonehenge decoded“ (1965) sollten jedoch nicht überinterpretiert werden.
Von kleineren neolithischen Steinkreisen bzw. Cromlechs, die sich in ganz Westeuropa finden, sind zumindest an einigen die Richtungen der Sonnenwend-Aufgänge nachgewiesen. Ähnlich, aber jünger, sind die Medicine Wheels einiger nordamerikanischen Indianerstämme, die auch mit den Sonnentänzen in Verbindung standen.Adriana Rigutti: Großes Buch der Astronomie. Kaiser-Verlag, Klagenfurt 2004, S. 10–14. Zu Mittel- und Südamerika siehe unten.
Goldhüte, Himmelsscheibe Zur frühen Astronomie- und Religionsgeschichte gehören auch die vier in Europa gefundenen Goldhüte. Diese langschäftiger Hüte sind mit Ziselierungen aus dünnem Goldblech verziert, auf denen sich astronomische Zyklen finden. Der vollständig erhaltene Berliner Goldhut zeigt eine wohl von Priestern entwickelte Kalenderfunktion auf Basis eines Lunisolarkalenders und erlaubt ein direktes Ablesen von Zeiträumen in Monats- oder Sonneneinheiten. Möglicherweise enthält er sogar den 19-jährigen Meton-Zyklus.
Die kostbare Herstellung aller vier Hüte zeigt den hohen Stellenwert kultischer Zeitbestimmung im Sonnenjahr (v. a. Sommer- und Wintersonnenwenden) und der Mondzyklen. Ob sie den Priestern wirklich als Kalender dienten oder „nur“ ihr astronomisches Wissen repräsentieren, ist aber noch ungeklärt.
Noch zu ergänzen: Himmelsscheibe von Nebra
Priesterastronomie der Bronzezeit mini|Fragment einer babylonischen Tontafel mit Bericht zu Halley’scher Komet 164 v. Chr., British Museum, London
Die Erforschung zyklischer Himmelserscheinungen erfordert den systematischen Aufbau astronomischen Wissens durch präzise schriftliche Aufzeichnungen, die viele Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte überdecken müssen, um die Langfristigkeit der meisten Himmelsabläufe späteren Forschern zu übermitteln.Hermann Mucke: Große himmelskundliche Entdeckungen. In: Astronomie Heft 2, VHS Fernkurse, Wien 1995, Kapitel „Götter und Gestirne“, S. 6–11 Diese Voraussetzungen waren in der Frühgeschichte (und bis ins späte Mittelalter) in Priesterkreisen am besten erfüllt.
Mesopotamiens Götter und Gestirne Sehr klar ist dies in Dokumenten Mesopotamiens überliefert, wo die in der Bronzezeit vielerorts herrschende Gestirnsreligion nicht nur aus Kunst- und Kultgegenständen, sondern auch aus den zehntausenden Tontafeln mit astronomischen Beobachtungen hervorgeht.
„Dort, im Zwischenstromland des Euphrat und Tigris, beobachteten Priester einer sehr ernst genommenen Gestirnsreligion von hohen Tempeltürmen vor allem den Beginn und das Ende der Sichtbarkeitsperioden von Mond, Planeten und [hellen] Sternen“, die sämtlich als Erscheinungsbild von Göttern angesehen wurden.H. Mucke: Große himmelskundliche Entdeckungen. In: Astronomie Heft 2, Wien 1995, S. 7 Sie teilten sogar den Sternhimmel in drei Wege der Sonne: der mittlere beidseits des Äquators gehörte dem Gott Amu, die Bereiche nördlich (Sommer) und südlich (Winter) den Göttern Enlil und Ea.F. Becker: Geschichte der Astronomie. 1968, S. 14–16
Eine große Sammlung von rund 7000 babylonischen Tontafeln mit astronomischen Beobachtungen und daraus abgeleiteten Omina ist unter dem Namen Enuma Anu Enlil erhalten. Besonders die Götterdreiheit Schamasch (Sonne) – Sin (Mond) – Ischtar (Venus), die also durch die drei hellsten Gestirne repräsentiert wurde, kommt auf diesen Tafeln vor.Becker 1968
Ein typisches Omen lautet beispielsweise:
Neben den Omina und der präzisen Kalenderrechnung erstaunt auch die Genauigkeit der Planeten- und Finsternisbeobachtungen auf den Tempeltürmen. Die Sternenpriester erfassten z. B. die 18-jährige Sarosperiode der Finsternisse auf wenige Stunden genau, und ebenso gut religiös bedeutsame Gestirnskonstellationen. Die babylonische Astronomie veranlasste noch um 600 v. Chr. den ionischen Wissenschaftler Thales von Milet zu einem Studienaufenthalt, wodurch er 585 eine kriegsentscheidende Sonnenfinsternis vorhersagen konnte.
Ägypten Im alten Ägypten war die Astronomie neben technischen Fragen (Vermessung nach der Nilschwemme, Orientierung von Tempeln und Grabstätten) vor allem mit der Staatsreligion der Sonnen- und Osiris-Kulte und der für sie notwendigen Zeitrechnung verbunden.Jürgen Hamel: Geschichte der Astronomie. Magnus-Verlag, Essen 2004 (Kap. 3, Priesterastronomen im Tal des Nils) „Eingebettet in ein Ritual, das vom Pharao im Kult und in den Götterfesten mit Unterstützung durch die Priester zelebriert wird“, wurde die Kalender- und Zeitrechnung zur rituellen Aufgabe. „Sie erwächst aus dem Bedürfnis, die religiösen Festtage in der Jahresperiode zu ordnen und festzulegen; die Einteilung des Tages soll die Regelung des Osiris-Kultes und des Totendienstes gewährleisten.“Volker Bialas: Vom Himmelsmythos zum Weltgesetz … Iber, Wien 1998, S. 81.
Die Grundlagen für die ägyptische Art der Zeitbestimmung waren bei Tag die Messung des Sonnenschattens, bei Nacht Durchgänge heller Sterne durch den Meridian. Dafür dienten 12 bestimmte Sterne in Zusammenhang mit dem Glauben, dass die nächtliche Überfahrt der verstorbenen Könige mit dem Sonnengott Re unter dem Schutz dieser Zwölf Wächter des Nachthimmels stattfand.E. Hornung: Die Nachtfahrt der Sonne. Eine altägyptische Beschreibung des Jenseits. Patmos, Düsseldorf 2005 „Durch den Schlitz einer Palmrippe beobachtete ein Priester-Astronom die vor ihm hängende Lotschnur des Lineals in der erwünschten Himmelsrichtung. Ein ihm gegenüber, im nördlichen Meridian des Ortes sitzender Priester“ […] fixierte den durchgehenden Stern.Schriftenreihe Ägyptisches Museum, Berlin 1967, S. 54 (Instrumente zur Zeitmessung)
Mittel- und Südamerika Die Priester der amerikanischen Hochkulturen hatten schon im 3. Jahrtausend v. Chr. ein reiches astronomisches Wissen, wie aus Tempelbauten und der Kalenderrechnung hervorgeht. Es gibt mexikanische Stufentempel mit 365 Stufen, wobei das Jahr in 18 Monate zu 20 Tagen plus 5 Schalttage gegliedert wurde.Volker Bialas Jeder der 20 Tage war einer bestimmten Gottheit zugeordnet, der Kalender also religiös geprägt.F. Becker 1968, S. 30 f.
Unter den Göttern der Maya-Völker ragte der Sonnengott K’inich Ajaw hervor, dem zu Neujahr Blutopfer dargebracht wurden. Der höchsten Himmelsgott Itzamnaaj wurde als Weltenbaum oder als Priester dargestellt. Sein nächtlicher Tau wurde als heiliges Wasser gesammelt und rituell verwendet.Die Götter der Maya, aus Hochkulturen Mittelamerikas. Viele Tempel, z. B. in Uaxactún (Guatemala) oder Chichén Itzá (Yukatan), sind nach den Sonnenaufgängen zur Zeit der Sonnenwenden ausgerichtet, was ebenfalls auf spezielle Kulte hindeutet. Zur Sonne gab es auch ein rituelles Ballspiel.