mini|Tent Pegging mit Lanze bei einem Turnier in Südafrika (Bildsequenz)
Tent pegging (wörtlich „zeltpflocken“) bezeichnet eine Reitsportart, die in einigen Commonwealth-Staaten populär ist. Es handelt sich um einen Sport der Kavallerie aus alter Zeit und ist offiziell von der International Federation of Equestrian Sports als regionale Disziplin anerkannt.Anil Taneja, World of Sports Outdoor, Delhi: Kalpaz Publications, 2009. S. 121
Das Ziel dieser Disziplin im engeren Sinne ist es, vom Pferderücken aus mittels einer Lanze einen im Boden steckenden Holzpflock („peg“) aufzuspießen. Neben der engeren Bedeutung hat sich im englischen Sprachraum der Begriff „Tent Pegging“ zum Oberbegriff aller Pferdesportarten entwickelt, bei denen mit einer Waffe vom Pferd aus ein Ziel anvisiert wird.
Herkunft
miniatur|Tent Pegging Illustration in der Illustrated London News (1890)
Kavalleriereiter praktizieren diesen Sport schon mindestens seit dem vierten Jahrhundert vor Christus, durch die großen asiatischen und später europäischen Reiche verbreitete sich der Wettbewerb auf der ganzen Welt. Entstehungszeit und -ort sind daher nicht genau festzulegen."Tent pegging at Hurlingham", Illustrated London News, Sommer 1875.
Fest steht, dass dieser Sport dem Kavallerietraining entstammt und den Reiter im Umgang mit Lanze und Säbel (vom Pferderücken aus) schulen sollte. Ob das Tent Pegging die allgemeinen Fähigkeiten des Kavalleristen weiterentwickeln oder ihn auf bestimmte Kriegssituationen vorbereiten sollte, ist unklar.Lenox-Conyngham Papers, "Camp on the Raptee River", Cambridge University Centre of South Asian Studies, 16. Januar 1859
Die Legende besagt, dass damit ein militärischer Überfall zu Pferd auf ein Zeltlager geprobt wurde. Durch das Ziehen und Umreißen der Zeltpflöcke (Zeltheringe) fielen die Unterkunftszelte zusammen und verbreiteten so Verwirrung im gegnerischen Lager., Olympic Council of Asia. Abgerufen am 21. April 2016. Tatsächlich finden sich keinerlei Belege, dass diese Taktik tatsächlich jemals im Kampf zum Einsatz kam.
miniatur|Traditionelles Tent Pegging in Pakistan
Eine andere Interpretation verlegt die Ursprünge dagegen nach Indien, wo über viele Jahrhunderte Kriegselefanten in die Heere integriert waren. Die Reitertruppen übten als Gegentaktik, mit der Lanzenspitze die empfindlichen Füße zu treffen und insbesondere in die hochempfindlichen Fussnägel zu stechen, sodass der Elefant in Panik seinen Mahout abwirft, wild wegrennt und dabei womöglich feindliche Fußsoldaten niedertrampelt oder zumindest erhebliche Verwirrung in den Infanterielinien schafft. Die British Tentpegging Association merkt zu dieser Theorie jedoch an, dass es unwahrscheinlich ist, dass Reiter nahe genug an einen Kriegselefanten gekommen wären, um seine Füße zu attackieren. Sie hält es daher für wahrscheinlicher, dass es sich tatsächlich nur um eine allgemeine Trainingsübung der Kavallerie handelte."The History of Tentpegging in Great Britain", British Tentpegging Association. Abgerufen am 21. April 2016.
Entsprechend ist die Sportart vor allem in Indien weit verbreitet. Andere wissenschaftliche Quellen legen jedoch nahe, dass der Sport in ZentralasienGen Sir Richard Gale, Kings at Arms London:Hutchinson, 1971, S. 9. oder im Nahen OstenPhilip K. Hitti: History of the Arabs, London: Macmillan, 1949 ed., S. 20–21. entstand und erst später in Indien populär wurde. Da der spezifische Wettkampf des Tent Pegging die bekannteste der kriegerischen Reitsportdisziplinen ist, wurde Tent Pegging mit dem Schwinden der Kavallerie im zwanzigsten Jahrhundert zum Oberbegriff der ganzen Disziplin.
Heutzutage wird Tent Pegging auf der ganzen Welt betrieben, ist aber nach wie vor insbesondere in seinen Herkunftsländern beliebt. Über die britische Armee verteilte es sich auch in die Länder des Commonwealth, wo es nun ebenfalls eine teils mehrere hundert Jahre alte Tradition hat."The History of Tentpegging in Great Britain", British Tentpegging Association. Abgerufen am 21. April 2016. Der Olympische Rat Asiens nahm Tent Pegging bereits 1982 als offiziellen Sport auf, Olympic Council of Asia. Abgerufen am 21. April 2016., von der FEI wurde es bisher nur als regionale Reitsportdisziplin anerkannt.Anil Taneja, World of Sports Outdoor, Delhi: Kalpaz Publications, 2009. S. 121. Nach wie vor wird der Sport jedoch von Mitgliedern von Kavallerieregimentern oder der berittenen Polizei dominiert."Tent Pegging Competition Cancelled", United States Equestrian Federation, Januar 2004. Abgerufen am 21. April 2016."Asian and International Equestrian Tent Pegging Championship - Silber für Jenny Horwarth!", Deutscher Kavallerieverband, März 2015. Abgerufen am 21. April 2016.
Regelwerk Die einzelnen nationalen Verbände im Tent Pegging erlassen eigene Regeln für ihre Wettbewerbe. Man hat sich international auf ein Rahmenwerk geeinigt, dass den vielfältigen Möglichkeiten Beschränkungen auferlegt. Vor dem Wettkampf wird den Reitern ein Plan ausgehändigt, in dem der Kurs mit seinen Einzeldisziplinen beschrieben ist.
Festgelegt werden die Größe und Art des Ziels, die Anzahl aufeinander folgender Ziele in einem Parcours, die Größe und das Gewicht der Waffe, die Mindestzeit, in der ein Parcours erledigt werden muss, und ob das Ziel getroffen, geschnitten oder mitgenommen werden muss. Die Strecke beträgt immer 100 Meter, wobei die Reiter sowohl vor als auch nach der gemessenen Strecke weitere 50 Meter bis 100 Meter Bahn haben, um die erforderliche Geschwindigkeit zu erreichen bzw. ein sicheres Bremsen des Pferdes zu ermöglichen.
Zu Wettkämpfen angetreten wird einzeln, in Paaren oder im Team von 4 Reitern. Das Mindestalter für die meisten internationalen Wettbewerbe beträgt 16 Jahre, für sogenannte Masters-Turniere müssen Teilnehmer mindestens 45 Jahre alt sein.
Disziplinen
Das offizielle internationale Regelwerk der International Tent Pegging Federation (ITPF) widerspricht sich bisweilen, was die für ein offizielles Turnier geforderten Disziplinen angeht. Eingangs nennt es die 8 folgenden Disziplinen, später werden jedoch alle Wettbewerbe außer Individual und Team Lance und Individual und Team Sword als „special competitions“ bezeichnet.
Individual Lance und Individual Sword
miniatur|hochkant=1.2|Individual Sword bei einem Turnier in Indien
Hierbei handelt es sich um Tent Pegging im engeren Sinn. Ein Reiter galoppiert auf einem Pferd eine gerade Bahn hinunter und ist entweder mit Lanze oder Säbel bewaffnet. Er versucht mit der Waffe, ein kleines Ziel auf dem Boden („peg“) aufzuspießen, mitzunehmen oder zumindest anzukratzen. Die Ziele können aus Holz oder synthetischen Materialien bestehen, dürfen aber beim Aufspießen nicht auseinanderbrechen. Holzpflöcke werden zu diesem Zweck vor dem Wettkampf in Wasser eingeweicht. Die Pflöcke sind weiß und mindestens 30 Zentimeter lang und werden im Wettkampfverlauf schmaler. Das internationale Regelwerk der ITPF definiert Folgendes: In den ersten beiden Runden des ersten Durchgangs und der ersten Runde des zweiten Durchgangs sind sie 6 Zentimeter breit und in der dritten Runde des ersten Durchgangs und der zweiten und dritten Runde des zweiten Durchgangs 4 Zentimeter breit. Sie werden in einem Winkel von sechzig Grad so weit in den Boden getrieben, dass der Teil an der Oberfläche eine Länge von exakt 17 Zentimeter hat. Die Länge der Strecke beträgt 100 Meter, der Pflock wird bei 70 Meter platziert. Die Mindestgeschwindigkeit, mit der die Bahn absolviert werden muss, beträgt 800 m/min.
Für einen aufgespießten und über eine Strecke von mindestens 15 Meter (Holzpflöcke) bzw. 10 Meter (andere Materialien) getragenen Pflock gibt es 6 Punkte, für einen aus dem Boden gezogenen, aber nicht über die ganze Strecke getragenen Pflock 4 Punkte und für einen getroffenen aber nicht aus dem Boden gezogenen Pflock 2 Punkte. Für Zeitüberschreitungen wird ein halber Punkt pro angefangener Sekunde über der erlaubten Zeit abgezogen. Es gewinnt der Reiter mit den meisten Punkten in beiden Durchgängen.
Team Lance und Team Sword
miniatur|hochkant=1.2|Team Sword bei einem Turnier in Südafrika
Es gelten dieselben Regeln wie für die jeweilige Einzeldisziplin mit dem Unterschied, dass in Mannschaften zu je 4 Reitern parallel angetreten wird. Außerdem wird die Mindestgeschwindigkeit auf 750 m/min reduziert. Die Punkte aller Reiter einer Mannschaft werden addiert.
Rings and Pegs
Bei Rings and Pegs handelt es sich um eine sogenannte „Overhead“-Disziplin, da sich die Ziele oberhalb der Pferdeköpfe befinden. Wie der Name besagt, besteht diese Disziplin daraus, zunächst 2 von Galgen hängende Ringe aufzuspießen und anschließend einen Pflock im Boden aufzusammeln. Die Länge der Strecke beträgt auch hier 100 Meter; die Galgen sind in einem Abstand von 15 Metern platziert, 20 Meter nach dem zweiten Galgen folgt der Pflock. Die Ringe hängen auf einer Höhe von 2,2 Metern. In 2 Durchläufen wird laut ITPF-Regelwerk die erste Runde auf einen 6 Zentimeter breiten Pflock geritten und die zweite Runde auf einen Pflock von 4 Zentimeter Breite. Vorgeschriebene Waffe für Rings and Pegs ist meist die Lanze, hier kann es jedoch regionale Unterschiede geben. Die Mindestgeschwindigkeit, mit der die Bahn absolviert werden muss, beträgt 750 m/min.
Der Reiter erhält 6 Punkte für jeden gestochenen Ring, für das Treffen von Pflöcken gelten dieselben Punkteverteilungen wie bei den anderen Disziplinen, ebenso für Zeitüberschreitungen.
Lemons and Pegs
miniatur|hochkant=1.2|Lemon and Pegs bei einem Turnier in Indien
Bei Lemons and Pegs ist der Kurs ähnlich aufgebaut wie für Rings and Pegs mit dem Unterschied, dass von den Galgen keine Ringe hängen, sondern Zitronen oder ähnlich leicht zerteilbare Früchte. Als Waffe wird der Säbel verwendet. Mit ihm sollen die Reiter die Früchte horizontal zerteilen und anschließend den Pflock aufsammeln.
Für jede korrekt zerteilte Zitrone erhält man 6 Punkte, für Pflöcke und Zeitüberschreitungen gelten die üblichen Regeln.
Lance and Sword Paired
miniatur|hochkant=1.2|Lance and Sword Paired bei einem Turnier in Indien
Lance and Sword Paired ist eine Kombination aus Individual Lance und Individual Sword, die zu zweit geritten wird. Die Reiter starten als Paar nebeneinander auf angrenzenden Bahnen; einer von ihnen reitet den Individual-Lance-Kurs, einer den Individual-Sword-Kurs. Die verwendeten Waffen sind dementsprechend für einen der beiden Reiter die Lanze, für den anderen der Säbel. Es wird nur ein Durchgang zu 2 Runden geritten, die erste auf 6 Zentimeter breite Pegs, die andere auf 4 Zentimeter breite Pegs. Die Mindestgeschwindigkeit beträgt 750 m/min.
Punkte werden vergeben wie in den Einzeldisziplinen, das Team mit den meisten Punkten gewinnt.
Indian File
Das Indian File ist eine reine Mannschaftsdisziplin, bei der die Reiter in schneller Abfolge nacheinander Pflöcke aufsammeln. Es wird pro Reiter ein Pflock platziert, das heißt 4 Pflöcke im Abstand von je 1,5 Metern, beginnend mit dem ersten Pflock 70 Meter hinter der Startlinie. Jedem Reiter wird entsprechend seiner Startposition ein Pflock zugewiesen (der erste Reiter den ersten Pflock, der zweite Reiter den zweiten Pflock etc.) und kann auch nur durch Treffen dieses bestimmten Pflocks Punkte erzielen. Die Disziplin geht über 2 Durchgänge; im ersten Durchgang tragen alle Reiter Lanzen, im zweiten Durchgang Säbel. Die Mindestgeschwindigkeit beträgt 750 m/min, der Abstand zwischen den Pferden muss hintereinander 11 Meter betragen.