mini|hochkant=0.9|Aminata Touré (Grüne), erste afrodeutsche Ministerin eines Bundeslandes (Foto: 2018)

Als Afrodeutsche werden deutsche Staatsbürger subsahara-afrikanischer (veraltet: schwarzafrikanischer) oder afroamerikanischer Abstammung bezeichnetAfrodeutsche, Stichwort in Duden.de, abgerufen am 26. Februar 2021. oder Menschen, die sich sowohl als Deutsche als auch als Teil der afrikanischen Diaspora identifizieren.Ciani-Sophia Hoeder: Was ist Afrodeutsch? In: RosaMag, 25. März 2019. Afrodeutsche und andere „Menschen, die eine dunkle Hautfarbe haben und deren Nationalität deutsch ist“,Bärbel Kampmann: Schwarze Deutsche. Lebensrealität und Probleme einer wenig beachteten Minderheit. In: Paul Mecheril, Thomas Teo (Hrsg.): Andere Deutsche. Zur Lebenssituation von Menschen multiethnischer und multikultureller Herkunft. Dietz, Berlin 1994, S. 125–143, hier S. 126. werden auch als schwarze Deutsche oder Schwarze DeutscheVictoria B. Robinson: Schwarze deutsche Kräfte: Über die Absurdität der Integrationsdebatte. In: Journal 360. Nr. 1, 2007, S. 1–10, hier S. 2 ( auf journal360.de).Annette Mbombi: Schwarze Deutsche und ihre sozialen Identitäten. Eine empirische Studie zur Lebensrealität von Afrodeutschen und deren Bedeutung für die Entwicklung einer schwarzen und einer deutschen Identität. Cuvillier, Göttingen 2011. bezeichnet.

Begriffe Die Ausdrücke Afrodeutsche und schwarze Deutsche waren ursprünglich Eigenbezeichnungen der Neuen Schwarzen Bewegung, die sich zu Beginn der 1980er Jahre bildete. Neue Schwarze Bewegung bezeichnet die Organisationsformen schwarzer Menschen ab den 1980er Jahren. Diese Bezeichnung beruht auf der Grundlage, dass eine Schwarze Bewegung als Organisationsform schwarzer Menschen in Deutschland, vor allem in Gestalt der Vereine von Afrikanern in den Kolonialmetropolen Hamburg und Berlin, bereits seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts feststellbar ist.Eleonore Wiedenroth-Coulibaly: Schwarze Organisierung in Deutschland. Bundeszentrale für politische Bildung, 10. August 2004, abgerufen am 6. Mai 2019.Eastsidemediabuckow: , 24. März 2010 (5 Minuten; Filmporträt über Schwarze in Deutschland und die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland ISD). Sie entstanden durch eine verstärkte Politisierung der schwarzen Bevölkerung in Deutschland und im Bestreben, externe Zuschreibungen abzulegen oder zu hinterfragen, durch Selbsterkenntnis, durch Klärung der eigenen Identität und Geschichte ein Selbstbild oder ein Selbstkonzept zu entwickeln und sich selbst einen Namen zu geben.

Die Bezeichnung afrodeutsch wurde hierbei auf Anregung der US-amerikanischen Aktivistin Audre Lorde, die ab 1984 an der FU Berlin unterrichtete, in Anlehnung an afroamerikanisch entwickelt.Katharina Oguntoye u. a.: A wie … Afro-deutsch. In: Glossar der politischen Selbstbezeichnungen. Portal Migrazine.at. Ausgabe 2009/1, abgerufen am 6. Mai 2019.Stefan Gerbing: Afrodeutscher Aktivismus. Interventionen von Kolonisierten am Wendepunkt der Dekolonisierung Deutschlands 1919. Lang, Frankfurt a. M. 2010, ISBN 978-3-631-61394-8, S. 22. Der Begriff afro-deutsch (zunächst mit Bindestrich, angelehnt an die Hyphenated Americans, also „Amerikaner mit Bindestrich“) wurde 1986 im Buch Farbe bekennen geprägt. Die Herausgeberinnen May Ayim, Katharina Oguntoye und Dagmar Schultz definieren ihn wie folgt:Ayim, Oguntoye, Schultz 1986, S. 10.

Die Bezeichnungen Afrodeutsche und schwarze Deutsche stehen in einem Zusammenhang mit Konzepten des Empowerments, der Emanzipation und einer Identitätspolitik sowie der Auseinandersetzung mit Diskriminierung und Rassismus. Sie lösten Bezeichnungen wie „Mohr“, „Neger“ oder „Farbiger“ ab.May Opitz (Hrsg.): Showing our colors: Afro-German women speak out. University of Massachusetts Press, Amherst 1992, ISBN 978-0-87023-759-1, S. ?? (englisch).Nana Odoi: Die Farbe der Gerechtigkeit ist weiß – Institutioneller Rassismus im deutschen Strafrechtssystem. Bundeszentrale für politische Bildung, 10. August 2004, abgerufen am 6. Mai 2019. In den Rechtschreibduden wurde die Bezeichnung afrodeutsch mit der 24. Ausgabe vom Juli 2006 aufgenommen,Duden-Übersicht: 2008, abgerufen am 6. Mai 2019. zuvor war er im Duden-Synonymwörterbuch vertreten.Duden-Newsletterarchiv: , abgerufen am 6. Mai 2019. Abgeleitet vom Begriff Afrodeutsche wurden die Begriffe Afroösterreicher und Afroschweizer gebildet.

Einige Deutsche mit afrikanischen oder afroamerikanischen Vorfahren lehnen die Bezeichnung als Afrodeutsche bewusst ab, darunter der Literaturkritiker Ijoma Mangold und der von 2017 bis 2025 dem Bundestag angehörige AfD-Politiker Harald Weyel.

Organisationen, Programme und Veranstaltungen alternativtext=Zwei Schwarze Frauen halten Poster, auf einem steht „Generation Adefra. Schwarze Feministinnen* sagen NEIN zu Rassismus, Frauenhass, Homo-/Transphobie, Trumpismus, Faschismus!“. Auf dem anderen Plakat steht: „I love my Blackness and yours“.|mini|ADEFRA beim Black-Lives-Matter-Protest 2017 in Berlin

Bekannte Organisationen von Afrodeutschen oder Schwarzen in Deutschland sind die Vereine Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) und Schwarze deutsche Frauen und Schwarze Frauen in Deutschland (ADEFRA), beide mit Sitz in Berlin. Eine weitere bekannte Organisation ist TANG – The African Network of Germany, ein Bundesnetzwerk von mehr als 900 afrodeutschen Vereinen mit Büros in Berlin, Dortmund und Freiburg. TANG wurde 2013 zum 50. Jubiläum der Afrikanischen Union gegründet und hat einen Sitz in mehr als 30 Gremien der Bundesregierung und kämpft für die Interessen von Menschen mit afrikanischen Wurzeln in Deutschland. Landesnetzwerke von TANG gibt es in 11 Bundesländern. Eine entsprechende Organisation für den Bereich der Filmbranche wurde 2006 mit den Schwarzen Filmschaffenden in Deutschland (SFD) gegründet. Als ein afrodeutsches Medienarchiv und als ein soziales Netzwerk für Themen rund um die Lebenswelt von People of African Descent und Migranten hat sich seit dem Jahr 2001 das Internet-Portal Afrotak TV cyberNomads etabliert. Die Berliner Bildungsinitiative Each One Teach One (EOTO) ist seit 2017 Programmpartner im Rahmen des vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend initiierten Programms „Demokratie Leben!“ im Themenfeld „Rassismusprävention sowie Empowerment Schwarzer Menschen“.Projektseite: In: Demokratie-leben.de. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, ohne Datum, abgerufen am 6. Mai 2019.

Nach dem Vorbild von gleichnamigen Veranstaltungen in den USA werden in einigen deutschen Großstädten seit einigen Jahren sogenannte Black History Months organisiert, um auf die Wurzeln der Afrodeutschen und anderer Schwarzer sowie ihre gesellschaftliche Situation in Deutschland aufmerksam zu machen.Ulrike Kahnert: Black History Month: „Nicht alle Deutschen sind weiß“. In: Spiegel Online. 22. Februar 2006, abgerufen am 6. Mai 2019. 2004 verliehen Afrotak TV cyberNomads (in Kooperation u. a. mit dem Haus der Kulturen der Welt) den May Ayim Award, den „ersten Panafrikanischen Schwarzen Deutschen Internationalen Literaturpreis“. Die Auszeichnung wurde von der deutschen Sektion der UNESCO als Projekt zur Erinnerung an den Sklavenhandel und seine Abschaffung ausgelobt.Pressemitteilung von UNESCO Deutschland: May Ayim Award: Erster schwarzer deutscher Literaturpreis – 1st International German Black Literary Award. In: Mayayimaward.wordpress.com. 19. April 2004, abgerufen am 6. Mai 2019. 2020 wurde die Wanderausstellung Deutsches Museum für Schwarze Unterhaltung und Black Music gegründet.

Geschichte mini|Gustav Sabac el Cher, in Berlin gebor­ener Militärmusiker im Königreich Preußen (1908) mini|Ein Askari-Soldat in Deutsch-Ostafrika (um 1916)

Mittelalter Friedrich II., Kaiser des römisch-deutschen Reiches galt als Kosmopolit, der an seinem Hof auch Afrikaner willkommen hieß. Als er im Jahr 1235 durch die deutschen Länder reiste, erregte er durch die schwarzen Soldaten in seiner Armee Aufmerksamkeit. Das Bild von Afrikanern war in der damaligen Zeit von vereinzelten schwarzen Musikern, Dienern und Gästen sowie von Legenden wie der des heiligen Mauritius geprägt. Während der Kreuzzüge gab es an europäischen Höfen eine schwarze Präsenz von geringem Ausmaß, die aber lange anhielt und in Kunstwerken festgehalten wurde.

15. bis 19. Jahrhundert Schwarze Sklaven waren auch als sogenannte Kammermohren an deutschen Höfen häufig zu finden (so z. B. Ignatius Fortuna, dessen Leben gut dokumentiert ist). Es gibt auch vereinzelte Nachweise über schwarze Sklaven, die außerhalb der Höfe, z. B. als Stalljungen beschäftigt waren. Schwarze waren außerdem als Musiker tätig. Auch sie gelangten zwar an die Höfe, weil sie als Symbol für weitreichende Macht galten und sie wurden insbesondere als junge Menschen verkauft und weiterverschenkt, wurden rassistisch abgewertet und diskriminiert, es kam aber auch zur Integration in die jeweiligen Gesellschaften (so existierten etwa im Herzogtum Württemberg keine rechtlichen Hindernisse für Heiraten zwischen Afrikanern und Weißen und es sind entsprechende Eheschließungen belegt). Für die Möglichkeit des gesellschaftlichen Aufstiegs war vor allem die Taufe von Bedeutung. Besondere Bekanntheit erlangten der in Ghana geborene und in Halle und Wittenberg tätige Philosoph Anton Wilhelm Amo sowie der preußische Kammerdiener August Sabac el Cher, dessen Sohn Gustav ein berühmter Militärmusiker wurde. Außerhalb der Höfe arbeiteten Schwarze, die häufig als Sklaven nach Deutschland gekommen waren, vor allem im Dienstleistungssektor. Der nach Deutschland verschleppte Franz Wilhelm Yonga ging gegen seinen Sklavenstatus gerichtlich vor.

Kolonialzeit Das Deutsche Kaiserreich, das sich seit der Kongokonferenz 1884/1885 verstärkt am sogenannten Wettlauf um Afrika beteiligte, erwarb ab 1884 vier Kolonien in Afrika. Infolge der dadurch entstehenden Beziehungen gelangte erstmals seit der Antike eine größere Anzahl dunkelhäutiger Menschen nach Deutschland. Hierzu gehörten auch Schwarze, die auf Jahrmärkten, in Wandermenagerien und Völkerschauen zur Schau gestellt wurden. Das Kolonialregime bot auch sogenannten „Kolonialabenteurern“ wie Ernst Henrici eine Grundlage für entsprechende Aktivitäten. In den Kolonien wurden viele Einheimische auf deutschsprachigen Schulen ausgebildet, arbeiteten als Übersetzer und Dolmetscher für das Deutsche Reich oder wurden Teil der deutschen Kolonialtruppen, der sogenannten Askaris.

Etwa 40.000 deutsche Askaris trugen während des Ersten Weltkriegs die Hauptlast des Kampfes gegen die britischen Truppen in Deutsch-Ostafrika. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde den deutschen Askaris eine lebenslange Rente von der Weimarer Republik ausgezahlt. Die Pensionen der Askaris wurden von der Bundesrepublik Deutschland von Anfang der 1960er Jahre bis zum Tode der letzten Askaris Ende der 1990er Jahre weiterhin übernommen. Als königlich-württembergischer Offizier focht der kamerunische Duala-Prinz Alexander Douala-Bell 1915 in der Schlacht von Gallipoli für das Deutsche Reich, obwohl sein Vater, König Rudolf Manga Bell, 1914 vom deutschen Kolonialregime Kameruns wegen Hochverrats hingerichtet worden war.

Der erste Afrikaner, der die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt, war der 1891 eingewanderte Kameruner Mandenga Diek (1871–1943). Er erhielt 1897 die Einbürgerungsurkunde zum hamburgischen Staatsangehörigen und deutschen Reichsangehörigen.

Weimarer Republik und NS-Zeit