mini|Pfarrkirche Wartberg an der Krems Zweischiffiger und zweijochiger Einsäulenraum mini|St. Wolfgang in Schneeberg im Erzgebirge mini|„Minster“ St Nicholas in Great Yarmouth, Norfolk, England, mit hölzernem Tonnengewölbe Die Hallenkirche ist ein Bautyp einer Kirche, der durch die Gestalt des Langhauses gekennzeichnet ist. Dessen Schiffe sind von gleicher oder annähernd gleicher Höhe und meist unter einem gemeinsamen Dach vereinigt. Im Unterschied zur Basilika hat die Hallenkirche keinen Obergaden. Neben der Saalkirche, der Basilika, der Querkirche und dem Zentralbau bildet dieser Bautyp einen der Grundtypen des christlichen Kirchenbaus. Eine Querkirche hat den Altar in der Mitte einer Längswand, kann also entweder den Saalkirchen oder den Hallenkirchen angehören.
Formen Neben der am häufigsten anzutreffenden dreischiffigen Form gibt es fünfschiffige und asymmetrische Formen mit nur einem Seitenschiff. Es gibt auch symmetrische Hallenkirchen mit mittlerer Säulenreihe und zwei oder vier Schiffen.
Hallenkirchen können schlichte Holzbalkendecken oder Gewölbe besitzen. Sie sind mit oder ohne Querhaus anzutreffen und mit unterschiedlicher Ausbildung des Chors erbaut.
Als „Staffelhalle“, „Stufenhalle“ oder „gestufte Halle“ bezeichnet man einen Bau, bei dem das Mittelschiff etwas höher aufragt als die Seitenschiffe. Die Gewölbe des Hauptschiffs können zwar etwas höher ansetzen als die der Seitenschiffe, aber die Höhenbereiche überlappen einander.
Von einer „Pseudobasilika“ spricht man, wenn das Mittelschiff deutlich höher aufragt als die Seitenschiffe und eine Mittelschiffwand (Obergaden) über den Arkaden ausbildet, die jedoch – anders als bei einer echten Basilika – fensterlos bleibt. Während bei einer Basilika die Außenwände der Kirche relativ niedrig bleiben können, gehen bei Hallenkirchen die äußeren Fensterwände über die volle Höhe des Baus und erreichen bei großen Bauten beachtliche Maße.
In der Frühzeit der Entwicklung wurden Stufenhallen mit Tonnengewölben errichtet. Dabei liegt die Basis der Längstonne des Mittelschiffs über den Scheiteln der Arkadenbögen, aber es gibt keine Obergaden. Die Seitenschiffe können dabei Quertonnen haben, oder Kreuzgratgewölbe, manchmal auch Halbtonnen, die sich an das Mittelschiffsgewölbe anlehnen und so dessen Seitenschub aufnehmen.
In der Spätzeit, nämlich ab der Renaissance, wurden auch Stufenhallen mit Mitteltonne und dem Querschnitt eines Palladiofensters gebaut, mit flach gedeckten Seitenschiffen und einer Längstonne über dem Mittelschiff. Auch hier gibt es keinen Obergaden, aber die Decke des Mittelschiffs liegt vollständig über Anschlüssen und Decken der Seitenschiffe.
Außer Kirchenräumen, bei denen der gesamte mehrschiffige Bereich aus gleich hohen Schiffen besteht, gibt es auch Kirchen, bei denen das Langhaus den Querschnitt einer Hallenkirche hat, der Chor aber den einer Basilika. Umgekehrt gibt es auch Kirchen mit basilikalem Langhaus, aber mit einem Hallenchor.
Auch bei Kirchen mit Vierungskuppel kann das Langhaus eine Halle mit gleich hohen Schiffen sein.
Anzahl und Maße der Schiffe Bei dreischiffigen Hallenkirchen können die Schiffe etwa gleich breit sein, was bei gleicher Höhe eine weitgehende Gleichwertigkeit zur Folge hat, oder die Seitenschiffe können deutlich schmaler sein als das Mittelschiff, dienen dann eher der für viele gotische Kirchen typischen Wandauflösung. Wenn das Kirchenschiff bei gleich breiten (Teil-)Schiffen auch nur drei Joche lang ist, bewirkt das eine Annäherung an den Zentralbau, allerdings oft ohne Betonung des Zentrums. Bekannt ist die Bezeichnung westfälisches Quadrat, aber derartige Kirchenschiffe finden sich beispielsweise auch in Süddeutschland und in Schlesien.
Manche Hallenkirchen haben sogar fünf (Teil-)Schiffe. So wurde der Kolberger Dom in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts,Georg Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler (Band 2): Nordostdeutschland (1908), S. 215 St-Éloi in Dünkirchen (Nordfrankreich) erst 1782 von drei auf fünf Schiffe erweitert.
Es gibt aber auch Hallenkirchen mit gerader Anzahl von Schiffen. Ist eine einschiffige Kirche nachträglich um ein weiteres Schiff erweitert worden, so ist die Breite der Schiffe oftmals ungleich und die Kirche auch hinsichtlich des Chors zumeist asymmetrisch. Eine nicht unerhebliche Anzahl von Hallenkirchen wurde planmäßig zweischiffig angelegt. Solche Kirchen sind üblicherweise symmetrisch.
Die kleinste Form der zweischiffigen Hallenkirche ist die Einstützenhalle; ein Pfeiler in der Mitte des Kirchenschiffs stützt vier Gewölbejoche. Eine Häufung derartiger Kirchen findet sich auf der schwedischen Insel Gotland.
In Nordhessen gibt es ein paar sehr einfache zweischiffige Hallenkirchen mit flachen Holzdecken. Hölzerne Pfeiler tragen einen Längsbalken, der die Decke in der Mitte abstützt. Auch diese Form gibt es als Einstützenhalle.
Geschichte Die wohl ersten Säulenhallen mit gleich hohen Gewölben in allen Schiffen waren Krypten. Als älteste Hallenkirche nördlich der Alpen gilt die um 1017 errichtete Bartholomäuskapelle in Paderborn. Seit etwa dem Jahr 1000 entstanden in Katalonien und Südwestfrankreich mehrere überwiegend kleine Kirchen mit Tonnengewölben, deren Mittelschiffstonne gleich über den Arkadenbögen lag. Im 11. und 12. Jahrhundert wurde im Poitou einige größere Stufenhallen mit Tonnengewölbe wenigstens des Mittelschiffs errichtet, die jüngeren schon mit der wohl im Burgund entwickelten Spitztonne. Die Kathedrale von Poitiers stellt die frühgotische Weiterentwicklung dieses Typs dar. Es wird angenommen, dass Heinrich der Löwe und sein Gefolgsmann Bernhard II. zur Lippe in ihrem im Angevinischen Reich verbrachten „englischen“ Exil die in Bau befindliche Kathedrale kennenlernten. Dadurch gilt sie als Vorbild der spätromanischen und gotischen Hallenkirchen in Westfalen und Norddeutschland.
Die ab 1230 errichtete Elisabethkirche in Marburg, eine der ersten in gotischem Stil begonnenen Kirchen in Deutschland, ist eine Hallenkirche. Ebenfalls ab etwa 1230 wurden zwei bedeutende in romanischem Stil begonnene Kirchen in Westfalen, das Herforder Münster und der Paderborner Dom als gotische Hallenkirchen weitergebaut. In der Epoche der Gotik wurden in Mitteleuropa und dem Ostseeraum zwar weiterhin auch Basiliken gebaut, aber seit dem 14. Jahrhundert waren eine sehr große Zahl der neuerrichteten Gotteshäuser Hallenkirchen. Mancherorts war es nur die größte Pfarrkirche einer Stadt, mancherorts waren es mehrere. Die Anwendung der Hallenstruktur auf die Bauform des Chorumgangs tritt erstmals beim Hallenchor im Dom von Verden an der Aller (1310–1326) auf. Allerdings gibt es mit völlig anderer Raumwirkung viel früher schon den Umgangschor einer Emporenhalle, in der St. John’s Kapelle des Tower of London aus dem letzten Viertel des 11. Jahrhunderts. In Süddeutschland wurde der erste Hallenchor 1351 am Münster von Schwäbisch Gmünd begonnen, jedoch wurde der von St. Sebald in Nürnberg (1361–1372) dann früher fertiggestellt.
Mit der Entwicklung der spätgotischen Netzgewölbe gab es bei der Entwicklung des Raumeindrucks zwei gegenläufige Tendenzen: Wo das Netzgewölbe eine zierliche Weiterentwicklung des Tonnengewölbes war, wurden Hauptschiff und Seitenschiffe wieder stärker voneinander abgegrenzt. Mancherorts aber gelangen nahezu flächige Netzgewölbe auf schlanken Säulen, die die Halle kaum noch unterteilten.
In der Spätgotik war die Hallenkirche besonders für Deutschland kennzeichnend und wird daher manchmal als eine der deutschen Besonderheiten bei der Ausformung des „gotischen“ Stils betrachtet. In der älteren Literatur wurde unter dem von Kurt Gerstenberg geprägten Begriff der „Deutschen Sondergotik“ die Raumform der spätgotischen Hallenkirche idealisiert. Die damit verbundene Behauptung, die Hallenkirche sei eine typische Bauform der bürgerlichen Stadtpfarrkirche und ihr Raumbild sei sozusagen „demokratischer“ als die Basilika, wird heute kritisch gesehen.Hans-Joachim Kunst: Zur Ideologie der deutschen Hallenkirche als Einheitsraum. In: Architectura: Zeitschrift für Geschichte der Architektur. 1, 1971, S. 38–53
Emporenhalle
mini|Trinitatiskirche in Sondershausen, 17. Jh., Emporenhalle im Renaissancestil, Chor nachgotisch Eine Sonderform der Hallenkirche sind Emporenhalle, deren Seitenschiffe durch Emporen besetzt sind. Der Bautyp wurde von Wilfried Koch anhand von romanischen Beispielen in Frankreich beschriebenBaustilkunde. Europäische Baukunst von der Antike bis zur Gegenwart. Mosaik-Verlag, München 1982, ISBN 3-570-06234-1 (35. Auflage: Prestel, München/London/New York 2018, ISBN 978-3-7913-4997-8), S. 121. und ist auch nach der Reformation wegen des gesteigerten Sitzplatzbedarfs bei protestantischen Kirchenneubauten verbreitet.
Baugeschichten mini|links|St. Johannis in Verden (Aller), durchbrochene alte Seitenwände, angebaute Seitenschiffe mini|hochkant|Saint-Pierre in Vienne, nachträglich aufgeteilter spätantiker Saalbau In Westfalen und Flandern, zwei Gebieten mit besonders großer Dichte an Hallenkirchen, sind mancherorts einschiffige Kirchen zu Hallenkirchen erweitert worden, indem man an das vorhandene Schiff ein oder zwei Schiffe etwa gleicher Höhe anbaute, oft mit eigenen Dachstühlen. In einzelnen Fällen ging der Umbau in entgegengesetzter Richtung, so wurde in der Kirche Saint-Pierre in Vienne ein spätantiker Saalbau nachträglich durch Einbau von Arkaden zu einer dreischiffigen Hallenkirche umgebaut. Von den Hallenkirchen im deutschen Sprachgebiet und ehemaligen deutschen Sprachgebieten ist ein großer Teil durch den Umbau einer Basilika entstanden oder anstelle einer früheren Basilika errichtet worden, darunter wohl ab vor 1230 die Liebfrauenkirche in Bremen.
Es gibt jedoch zwei prominente Ausnahmen, heutige Basiliken, die als Hallenkirche geplant waren: Das Schiff der Marienkirche in Lübeck war schon bis in große Höhe als Halle gediehen, als man sich aus Ehrgeiz entschied, das Mittelschiff höher zu bauen. Das Ulmer Münster war zunächst als Staffelhalle vorgesehen. Ulrich von Ensingen plante dann einen höheren Turm und ließ als optisches Gegengewicht dazu auch das Mittelschiff höher bauen, also basilikal. Dadurch wirkten die Schubkräfte von Mittelschiff und Seitenschiffen in unterschiedlichen Höhen auf die Arkadenpfeiler, statt einander auszugleichen. Der drohende Einsturz wurde dadurch abgewendet, dass man jedes der beiden breiten Seitenschiffe durch ein Paar schmaler ersetzte.
Regionale Bauformen Die Zahl regionaler Variationen der Bauform ist groß und lässt sich nur schwer in einem erzählerischen Bogen darstellen. Darum sei hier auch auf die mit zahlreichen, teilweise kommentierten, Abbildungen illustrierte europaweite Liste der Hallenkirchen verwiesen.
Westfalen In der westfälischen Architektur der Spätromanik bildeten sich einige Sonderformen der Hallenkirche heraus, so durch Einfügen von Zwischenpfeilern die Hallenkirche gebundener OrdnungKurt Röckener: Die münsterländischen Hallenkirchen gebundener Ordnung, Untersuchungen zu einer Baugruppe des 13. Jahrhunderts. Münster 1980 sowie die Wandpfeilerhalle mit nach innen gezogenem Stützensystem.Johann Josef Böker: Die spätromanische ‚Wandpfeilerhalle‘: Entstehung und Rezeption einer Sonderform des Kleinkirchenbaus im Umkreis des Wittgensteiner Landes, in: Westfalen. Hefte für Geschichte, Kunst und Volkskunde, 62, 1984, S. 54–76