mini|Idealisierte Darstellung Alis vom armenischen Hofmaler Hakob Hovnatanyan (1806–1881) Abū l-Hasan ʿAlī ibn Abī Tālib (; geboren um 600 in Mekka; gestorben am 28. Januar 661 in Kufa), häufig kurz Ali genannt, war der Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed und ist eine zentrale Figur des Islam. Er war der erste männliche Anhänger Mohammeds und heiratete dessen Tochter Fatima. Nach dem Tode des Propheten im Jahre 632 war er von 656 bis 661 Kalif. Über die Frage, ob er berechtigt gewesen wäre, unmittelbar nach dem Tode Mohammeds dessen Nachfolge anzutreten, entzweiten sich die Muslime: Für die Schiiten, deren Name sich von schīʿat ʿAlī () ableitet, war ʿAlī der rechtmäßige Nachfolger Mohammeds, die Sunniten dagegen meinen, dass Mohammeds Schwiegervater Abū Bakr, der auch tatsächlich die Nachfolge antrat, größeren Anspruch darauf hatte. Den Sunniten gilt ʿAlī als vierter und letzter Rechtgeleiteter Kalif, den Schiiten und den Aleviten, deren Name sich ebenfalls von ʿAlī ableitet, als erster der Zwölf Imame.Christoph Leonhardt: Religion und Gewalt in Syrien. Legitimierung und Mobilisierung unter der Assad-Dynastie (1970–2020), in: Konfrontation und Kooperation im Vorderen Orient 19, Münster 2024, S. 34, ISBN 978-3-643-25119-0 Auch ʿAlīs Söhne Hasan und Husain sind zentrale Personen im schiitischen und alevitischen Islam. Bis heute genießen die Aliden (al-ʿAlawiyyūn, die Nachkommen ʿAlīs) hohes Ansehen in den muslimischen Gesellschaften.
Abstammung mini|ʿAlī, der in Anwesenheit Mohammeds mit dem zweiklingigen Dhū-l-faqār-Schwert den Quraischiten an-Nadr ibn al-Hārith enthauptet. Osmanische Miniatur, 16. Jh.
ʿAlī war der Sohn von Abū Tālib ibn ʿAbd al-Muttalib und Fātima bint Asad. Sowohl durch seinen Vater als auch durch seine Mutter gehörte er der quraischitischen Großfamilie der Banū Hāschim an. Sein Vater Abū Tālib war durch ʿAbd al-Muttalib ein Enkel von Hāschim ibn ʿAbd Manāf, seine Mutter Fātima war eine Tochter von ʿAbd al-Muttalibs Bruder Asad.Vgl. Al-Masʿūdī: Kitāb at-Tanbīh, S. 385.
Leben Rolle zu Lebzeiten des Propheten mini|Der Prophet Mohammed gibt seine Tochter Fatima zur Heirat mit seinem Cousin ʿAlī ibn Abī Tālib ʿAlī wurde am Freitag, den 13. Radschab, im dreißigsten Jahr nach dem Jahr des Elefanten bzw. am 29. September im Jahre 600 in der Kaaba in Mekka geboren. Seine Geburt in der Kaaba wird von vielen Schiiten (einschließlich al-Sayyid al-Radi, al-Shaykh al-Mufid, Qutb al-Rawandi und Ibn Shahrashub) und auch vielen sunnitischen Gelehrten (einschließlich al-Hakim al-Nishaburi, al-Hafiz al-Ganji al-Shafi'i, Ibn al-Jawzi al-Hanafi, Ibn Sabbagh al-Maliki, al-Halabi und al-Mas'udi) allgemein akzeptiert. Er gilt gläubigen Muslimen damit als einziger Mensch, der in der Kaaba geboren wurde.
mini|Beiname „Asadullah“ (), von Mohammed an seinen Cousin vergeben. Seine Mutter wollte ihm zunächst den Namen Ḥaidar oder Asad (beides heißt „Löwe“) geben, doch als sie mit dem Kind in das Haus Abu Talibs, des Vaters ʿAlīs, kam und der Vater nach dem Namen des Kindes fragte, soll der dort anwesende Mohammed gesagt haben, dass er ʿAlī heiße. Vor allem Schiiten gebrauchen diesen oder ähnliche Beinamen wie Asad Allāh („Löwe Gottes“) noch heute.
Als ʿAlī etwa sechs Jahre alt war, gab es in Mekka eine Hungersnot und Abu Talib, der eine große Familie hatte, hatte Schwierigkeiten, seine Familie zu versorgen. Mohammed half Abu Talib und seiner Familie, indem er den noch jungen ʿAlī in seinen Haushalt aufnahm und sich um ihn kümmerte.
ʿAlī wurde daraufhin einer der engsten Vertrauten des Propheten. Seine Konversion zum Islam erfolgte noch im Kindesalter. Sein genaues Alter beim Übertritt zum Islam ist aber umstritten. Nach al-Dschahiz (gest. 869) schwankten die Meinungen zu seiner Zeit zwischen fünf und neun Jahren.Vgl. ʿAmr b Baḥr al-al-Ǧāḥiẓ: al-ʿUṯmānīya (= Maktabat al-Ǧāḥīẓ. Bd. 3). Herausgegeben von ʿAbd al-Salām Muḥammad Hārūn. Maktabat al-K̲ānǧī, Kairo 1374 (= 1955), S. 5. Nach Laura Veccia Vaglieri, die allerdings keine Quelle nennt, war ʿAlī zu diesem Zeitpunkt höchstens zehn bis elf Jahre alt.Veccia Vaglieri: ʿAlī ibn Abī Ṭālib. In: The Encyclopaedia of Islam. Band 1. 1960, S. 381b.
Eine wichtige Rolle spielte ʿAlī während der Wallfahrt des Jahres 9 nach der Hidschra (631 n. Chr.). Während Mohammed Abū Bakr mit der Leitung dieser Wallfahrt betraute, verblieb ʿAlī bei Mohammed in Medina. Nach Abū Bakrs Abreise erhielt Mohammed jedoch eine wichtige Offenbarung, die den Umgang mit den in Mekka verbliebenen Muschrikūn betraf, nämlich die ersten sieben Verse von Sure 9. Er sandte daraufhin ʿAlī nach Mekka, der den Text der sieben Verse vor der Pilgerversammlung in Minā öffentlich verlas.Vgl. Al-Masʿūdī: Kitāb at-Tanbīh, S. 360f.
Nachfolgestreit mini|Designation von ʿAlī ibn Abī Tālib durch den Propheten Mohammed am Ghadīr Chumm. Darstellung in einer ilchanidischen Handschrift. Der Tod des Propheten Mohammed stellte die muslimische Umma vor die Frage, wer die Nachfolge des Propheten innerhalb der Gemeinde antreten sollte. Mohammed hatte laut ʿAlī vor seinem Tod Vorkehrungen getroffen: In der Oase Ghadīr Chumm soll er seinen Nachfolger mit den folgenden Worten bekannt gemacht haben: „Jeder, dessen Herr ich bin, der hat auch ʿAlī zum Herrn“ (man kuntu maulā-hu fa-ʿAlī maulā-hu). Das Ereignis von Ghadīr Chumm ereignete sich gemäß schiitischen Autoren am 10. März 632 (18. Dhū l-Hiddscha) nach der Hedschra, vor angeblich über 100.000 Muslimen, während der letzten Pilgerfahrt Mohammeds. Abu Bakr, Omar, Othman, Talha und Zubair ergriffen demnach als erste die Hand ʿAlīs und schworen ihm Gefolgschaft. Ihnen folgten einer nach dem anderen die Auswanderer (Muhādschirūn) und Helfer (Ansār), dann die übrigen Versammlungsteilnehmer, die die Treue schworen und ʿAlī zu seiner Ernennung als Führer der Gläubigen gratulierten. Diese Feier soll drei Tage lang gedauert haben.Kitabul Wilayah von Mohammad bin Jarir Tabari, gest.310 Diese angebliche Designation durch Mohammed wurde von ʿAlī allerdings erst Jahre später als Begründung für seinen Anspruch auf das Kalifat angeführt.
Nach dem Tod Mohammeds war die Nachfolgefrage in Wahrheit ungeklärt, und so traten zwischen den mekkanischen Muhādschirūn und den medinischen Ansār vielmehr schwere Meinungsverschiedenheiten auf. Umar ibn al-Chattāb huldigte nämlich zu einem Zeitpunkt, als ʿAlī und seine Familie noch mit der Bestattung des Propheten beschäftigt waren, bei einer Versammlung der Ansār in der sogenannten Saqīfa des Saʿd ibn ʿUbāda überraschend Abū Bakr als dem neuen Befehlshaber. Abū Bakr nahm in der Folgezeit den Titel ḫalīfat rasūl Allāh („Nachfolger des Gottesgesandten“, kurz Kalif) an.Vgl. Madelung: The succession to Muḥammad. 1997, S. 28–34.
Viele Ansār weigerten sich zunächst, Abū Bakr zu huldigen. Auch die Banū Hāschim, die Großfamilie des Propheten, protestierten dagegen, dass sie bei der Regelung der Nachfolge übergangen worden sei. ʿAlī hatte offensichtlich auch die Unterstützung der Familie ʿAbd Schams. Nur das intensive Werben ʿUmars führte dazu, dass im Laufe der Zeit die meisten Prophetengefährten Abū Bakr als Kalifen anerkannten. ʿAlī verweigerte Abu Bakr den Treueid, doch unter der Führung von Abu Bakr und Umar wurde das Haus von Fatima und ʿAlī als ein Druckmittel zum Treueeidzwang in Brand gesetzt. Fatima starb kurze Zeit darauf an den Folgen des Ereignisses; sie verlor nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch ihr noch ungeborenes Kind. ʿAlī leistete Abū Bakr unter Zwang und widerwillig erst sechs Monate später den Treueid, nachdem Fatima verstorben war. Damit war die Nachfolgefrage vorläufig geklärt.Vgl. Madelung: The succession to Muḥammad. 1997, S. 50–52.
Auseinandersetzung mit ʿUthmān Als 644 der zweite Kalif ʿUmar starb, gehörte ʿAlī zusammen mit ʿUthmān ibn ʿAffān, ʿAbd ar-Rahmān ibn ʿAuf, Talha ibn ʿUbaidullah, az-Zubair ibn al-ʿAuwām und Sa'd ibn Abi Waqqas dem Rat an, der den neuen Kalifen wählen sollte.Vgl. Rotter: Die Umayyaden und der zweite Bürgerkrieg. 1982, S. 12. Von den sechs Personen hegten allein er und ʿUthmān Ambitionen auf die Nachfolge. ʿAbd ar-Rahmān verzichtete auf die Kandidatur unter der Bedingung, dass ihm im Falle der Uneinigkeit die Aufgabe des Schiedsrichters übertragen würde. Da Saʿd für ʿAlī votierte und az-Zubair für ʿUthmān, Talha aber abwesend war, kam ʿAbd ar-Rahmān tatsächlich als Schiedsrichter zum Einsatz. Er entschied sich nach Beratungen mit den Häuptern der quraischitischen Großfamilie für ʿUthmān, wodurch dieser zum neuen Kalifen wurde.Madelung: The succession to Muḥammad. 1997, S. 71 f.
Während des Kalifats von ʿUthmān kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung mit ʿAlī über die Beurteilung von Abū Dharr al-Ghifārī, der den Umayyaden Selbstbereicherung vorgeworfen hatte. Während ʿUthmān Abū Dharr wegen seiner Kritik hinrichten wollte, übernahm ʿAlī seine Verteidigung. Er empfahl dem Kalifen, Abū Dharr nicht zu töten, sondern sich hinsichtlich seiner an die koranische Aussage von Sure 40:28 zu halten: „Wenn er ein Lügner ist, ist er es zu seinem eigenen Nachteil. Wenn er aber die Wahrheit sagt, wird euch etwas von dem treffen, was er euch androht.“Vgl. Abū l-ʿAbbās Aḥmad ibn Saʿīd aš-Šammāḫī: Kitāb as-Siyar. Ed. Muḥammad Ḥasan. 3 Bde. Dār al-Madār al-Islāmī, Bairūt, 2009. Bd. I, S. 144. Als ʿUthmān schließlich Abū Dharr aus Medina nach ar-Rabadha verbannte, begleitete ihn ʿAlī trotz eines Verbots des Kalifen aus der Stadt.Vgl. al-Masʿūdī: Murūǧ aḏ-ḏahab wa-maʿādin al-ǧauhar. Ed. und ins Französische übers. von Barbier de Meynard und Pavet de Courteille. 9 Bde. Imprimerie Impériale, Paris, 1861–1877. Bd. IV, S. 271f. Digitalisat Die Verteidigung Abū Dharrs durch ʿAlī wird nicht nur in Quellen erwähnt, die der Schia nahestehen, sondern auch in Texten ibaditischer Autoren.Vgl. Moncef Gouja: La grande discorde de l'Islam. Le point de vue des kharéjites. L'Harmattan, Paris, 2006. S. 161–163.
Die umstrittene Wahl zum Kalifen Nach der Ermordung ʿUthmāns am 17. Juni 656 leisteten viele der Aufständischen, die dessen Haus belagert hatten, ʿAlī den Treueid und forderten ihn dazu auf, das Kalifat zu übernehmen. ʿAlī zögerte zunächst, nahm aber fünf Tage später die Huldigung als Kalif entgegen. Auch viele Ansār leisteten ihm den Treueid.Vgl. ʿAbd al-Malik ibn Ḥabīb: Kitāb al-ta'rīj = Kitāb at-ta'rīh (= Fuentes Arábico-Hispanas. Bd. 1). Edición y estudio por Jorge Aguadé. Consejo Superior de Investigaciones Científicas u. a., Madrid 1991, ISBN 84-00-07185-9, S. 114. Das Kalifat ʿAlīs wurde jedoch nicht allgemein anerkannt. Viele bedeutende Prophetengefährten, darunter Tala ibn ʿUbaidallāh, az-Zubair ibn al-ʿAuwām, Sa'd ibn Abi Waqqas, ʿAbdallāh, der Sohn ʿUmars und Zaid ibn Thabit, verweigerten ihm die Huldigung. Andere, wie Abū Bakra ath-Thaqafī, kritisierten, dass bei ʿAlīs Wahl kein Wahlgremium getagt habe. Auch wenn Mālik al-Aschtar, einer der glühendsten Anhänger ʿAlīs, einige von denen, die den Treueid verweigerten, mit Waffengewalt bedrängte, änderte dies nichts an ihrer Haltung.Vgl. Laura Veccia Vaglieri: Al-Ashtar. In: The Encyclopaedia of Islam. Band 1: A – B. New Edition. Brill u. a., Leiden u. a. 1960, S. 704a.