Der Physikalismus ist in der Philosophie die metaphysische These, dass alles Existierende physisch sei und damit den physikalischen Gesetzen unterliege, oder anders ausgedrückt: dass zwischen den Eigenschaften aller real existierenden Objekte und deren physikalischen Eigenschaften eine Abhängigkeitsbeziehung (Supervenienz) herrsche. Der Physikalismus ist damit einerseits eine materialistische und andererseits eine monistische Position, die – im Gegensatz zu dualistischen, pluralistischen und idealistischen Positionen – von nur einer grundlegenden Substanz ausgeht.
Sowohl zur Definition des Physikalischen wie auch zur Explikation des Physikalismus gibt es verschiedene Varianten. Gemäß einer häufig verwendeten Definition gelten alle Objekte, Eigenschaften oder Ereignisse (alle Entitäten) als physisch, die in den Theorien der Physik beschrieben werden können.
Physikalistische Positionen werden von vielen Gegenwartsphilosophen und Naturwissenschaftlern vertreten, jedoch ist der Physikalismus auch Gegenstand einer kontroversen Diskussion.
In der Philosophie des Geistes beruht der Physikalismus auf der Überzeugung, dass sich die Gesetzmäßigkeiten der beobachtbaren Welt ebenso auf die geistige Innenwelt der Beobachter erstrecken. Diese Vorstellung hat den Status eines Paradigmas, da sie der Alltagserfahrung einer immateriellen, unteilbaren und freiheitlichen Psyche widerspricht. Alle Erklärungsversuche sind jedoch stark umstritten. Viele Vertreter des modernen Physikalismus argumentieren, dass das Verhältnis zwischen Geist und Körper mit dem Verhältnis von Biologie zu Physik vergleichbar sei: So ist beispielsweise die Evolution zwar nur aus biologischer Perspektive erklärbar, dennoch beruht sie komplett auf physikalischen Grundlagen. Insofern bestünde Grund zur Annahme, dass sich damit auch die Probleme der Undeterminiertheit und Subjektivität des Geistigen oder die mentale Verursachung auflösen ließen.Manfred Stöckler: Gehirn, Bewusstsein und Schmerz – eine Skizze, wie alles zusammenpassen könnte. DOI:10.1515/9783110525601-011, in: Burkhart Bromm, Jörn Henning Wolf (Hrsg.): Von der Freiheit, Schmerz zu spüren. Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Hamburg, Band 7. de Gruyter, Berlin/Boston 2017, ISBN 978-3-11-052351-5, S. 59, 101–102, 105.Patrick Spät: Panpsychismus: ein Lösungsvorschlag zum Leib-Seele-Problem. Dissertation, FreiDok der Universität Freiburg, Freiburg 2010, PDF, abgerufen am 17. Juni 2023. S. 2–4, 7–8, 10, 13–14, 17, 36, 59, 91–93, 127, 149, (Teilhard) 28–31.
Der Physikalismus ist eng verwandt mit dem Materialismus. In heutigen systematischen Debatten wird eher von Physikalismus als von Materialismus gesprochen, weil viele Konnotationen an „materialistische“ klassische Positionen nicht dem heutigen, engeren Begriff von Physikalismus zugehören.Vormoderne Vertreter eines Physikalismus werden daher in dem Artikel Materialismus behandelt.
Entwicklung
Der Begriff des Physikalismus wurde insbesondere durch Otto Neurath und Rudolf Carnap in einer Reihe von Aufsätzen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt.Otto Neurath: Radical Physicalism and the Real World. In: Otto Neurath: Philosophical Papers. 1913–1946 (= Vienna Circle Collection. Bd. 16). Reidel, Dordrecht u. a. 1983, ISBN 90-277-1483-5, S. 100–114, . Otto Neurath: Sociology in the Framework of Physicalism. In: Otto Neurath: Philosophical Papers. 1913–1946 (= Vienna Circle Collection. Bd. 16). Reidel, Dordrecht u. a. 1983, ISBN 90-277-1483-5, S. 58–90, . Der Physikalismus war Teil eines wichtigen metaphysikkritischen Programms (Einheitswissenschaft) des Logischen Empirismus, welches zum Ziel hatte, eine einheitliche Sprache zu entwickeln, in welcher der empirische Gehalt aller Erfahrungswissenschaften ausgedrückt werden könnte. Eine Motivation für dieses Programm war es, dass der Logische Empirismus annahm, so die Intersubjektivität der Wissenschaften sicherzustellen und außerdem die Trennung zwischen Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften zu überwinden.
Wegen des vom Logischen Empirismus vertretenen Methodischen Neutralismus war mit der Annahme einer physikalistischen Sprache keine ontologische Aussage verbunden; ontologische Fragestellungen wurden wie alle metaphysischen Aussagen als Scheinprobleme angesehen, von der die Wissenschaft möglichst weitgehend befreit werden muss. Prinzipiell könnte man nach Carnap z. B. auch eine phänomenalistische Sprache als Grundlage einer Einheitswissenschaft verwenden, solange der Sprachaufbau genau angegeben ist, so dass eine Übersetzbarkeit gegeben ist. Die Wahl einer physikalistischen Sprache hatte praktische Gründe, da in einer solchen Sprache bereits Intersubjektivität und vor allem auch Intersensualität vorausgesetzt sind. Die Wahl einer physikalistischen Sprache beinhaltete nicht die Forderung nach Reduzierbarkeit der Gesetze aller Einzelwissenschaften auf die physikalischen Gesetze, sondern nur die Ausdrückbarkeit aller Aussagen aller Einzelwissenschaften in der physikalistischen Sprache.
Der Physikalismus und die Vielfalt philosophischer Positionen
mini|Darstellung der verschiedenen, metaphysischen Positionen. Der Physikalismus (oben links) stellt eine Variante des Monismus dar.
Die Metaphysik behandelt die zentralen Probleme der theoretischen Philosophie: die Fundamente (Voraussetzungen, Ursachen, insbesondere erste Ursache oder erste Gründe) und allgemeine Strukturen (Gesetzlichkeiten, Prinzipien) sowie den Sinn und Zweck der gesamten Wirklichkeit beziehungsweise allen Seins.
Die Ontologie wird auch als „allgemeine Metaphysik“ bezeichnet. Sie ist die philosophische Grundlagendisziplin, die danach fragt, was existiert. Die zentrale ontologische Frage lautet also: „Was gibt es?“Willard V. Quine: On what there is. In: The Review of Metaphysics. Bd. 2, Nr. 5, 1948, , S. 21–38, . Hierauf antwortet der Physikalist, dass in Wirklichkeit nur physische Entitäten existieren. „Entität“ ist dabei ein Sammelbegriff für Objekte, Eigenschaften, Ereignisse usw.
Mit dieser Antwort erweist sich der Physikalismus als eine Variante des Monismus. Monisten erklären, dass nur eine Sorte von Entitäten existiert. Allerdings gibt es nicht nur den physikalistischen Monismus, sondern auch den idealistischen und den neutralen Monismus. Idealistische Monisten stimmen den Physikalisten darin zu, dass es nur eine Sorte von Entitäten gibt – sie erklären allerdings, dass nur geistige Entitäten existieren. Das, was als physische Außenwelt erscheint, sei in Wirklichkeit ein Produkt des Geistes. Neutrale Monisten behaupten, dass es nur eine Sorte von neutralen Entitäten gebe. Diese Entitäten sollen physische und mentale Aspekte enthalten, selbst aber weder physischer noch mentaler Natur sein.
Der klassische Kontrahent des Physikalismus ist der Dualismus. Dualisten vertreten die These, dass es zwei grundverschiedene Sorten von Entitäten gebe: physische und geistige. In der Geschichte der Philosophie haben sich verschiedene Varianten des Dualismus entwickelt. Während der klassische Dualismus in der Tradition von René Descartes von einer Interaktion zwischen dem Geist und der physischen Welt (etwa dem Gehirn) ausgeht, bestreiten andere Theorien eine derartige gegenseitige Beeinflussung. Der Epiphänomenalismus behauptet, dass die physische Welt auf den Geist einwirke, aber nicht umgekehrt. Der auf Gottfried Wilhelm Leibniz zurückgehende psychophysische Parallelismus bestreitet jede ursächliche Interaktion zwischen der geistigen und der physischen Welt.
Eine dritte Klasse von ontologischen Positionen kann „Pluralismus“ genannt werden. Pluralisten erklären, dass es viele verschiedene Sorten von Entitäten gebe. Schließlich gibt es noch Positionen, die die ontologische Frage „Was gibt es?“ ablehnen. Sie erklären, dass diese Frage keine allgemeine Antwort habe, sondern davon abhängig sei, wie wir die Welt beschreiben. Solche Positionen werden oft „relativistischer“ oder „pragmatistischer Pluralismus“ genannt. Wenn der Physikalist seine Position plausibel machen will, muss er sich allen vorgenannten Alternativen (idealistischer und neutraler Monismus, Formen des Dualismus und des Pluralismus) argumentativ stellen.
Der Begriff „Physikalismus“ wird oft gleichbedeutend mit dem Begriff des Materialismus verwendet. In den aktuellen Debatten der Wissenschaftstheorie und Philosophie des Geistes ist dabei der Begriff „Physikalismus“ üblich, während man im Zusammenhang philosophiehistorischer Darstellungen meist vom „Materialismus“ spricht. Allerdings gibt es auch gewisse inhaltliche Unterschiede: Während der traditionelle Materialismus auf die These festgelegt ist, dass alle Entitäten aus kleinsten Materieteilchen zusammengesetzt sind, möchte der Physikalismus der Physik nicht vorschreiben, welche Entitäten sie letztlich als grundlegend postuliert. So wäre der Physikalismus auch mit dem Ergebnis vereinbar, dass die bestbestätigten physikalischen Theorien Entitäten fordern, die nicht als Materie beschrieben werden können – etwa Gravitationskräfte.John Yolton: Thinking Matter. Materialism in Eighteenth-Century Britain. University of Minnesota Press, Minneapolis MN 1983, ISBN 0-8166-1160-2.
Schichtenmodell der Welt
Physikalisten erklären in der Regel, dass die Welt in einem wichtigen Sinne nur aus Elementarteilchen bestehe. Zwar gebe es auch viele andere Objekte, wie Bäume, Steine oder Kaninchen, doch all diese Objekte seien letztlich nichts anderes als Anordnungen von Elementarteilchen. Dies ist die zentrale Idee des „Schichtenmodells der Realität“ („layered model of reality“),Jaegwon Kim: Supervenience and Mind. Selected Philosophical Essays. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 1993, ISBN 0-521-43996-5, S. 337–339. in dem jedes Objekt durch Objekte der nächstniedrigeren Schicht zusammengesetzt ist (siehe schematische Darstellung).
Eine präzisere Formulierung des Schichtenmodells bietet die Unterscheidung zwischen grundlegenden und komplexen physischen Entitäten. Als grundlegende physische Entitäten gelten die durch die Mikrophysik beschriebenen, kleinsten physischen Objekte, Prozesse oder Eigenschaften. Meist werden die grundlegenden physischen Entitäten als die Elementarteilchen und deren Eigenschaften vorgestellt. Zu den komplexen physischen Entitäten zählt hingegen alles, was aus den grundlegenden physischen Entitäten zusammengesetzt ist oder sich aus deren Zusammensetzung ergibt. So gelten dem Physikalisten etwa Moleküle, Neuronen, Menschen oder Planeten als physische Gegenstände, da sie aus Elementarteilchen zusammengesetzt sind. Im Rahmen des Schichtenmodells lautet die These des Physikalismus, dass sich alles aus der Zusammensetzung der grundlegenden physischen Entitäten ergebe. Ein Dualist würde hingegen erklären, dass sich das menschliche Bewusstsein eben nicht aus einer derartigen, physischen Konstellation ergibt.
Oft wird angenommen, dass der Physikalismus mit dem Schichtenmodell der Welt einen generellen Reduktionismus zur Folge hat: Wenn alle Objekte aus Elementarteilchen (also den Objekten der letzten Schicht) zusammengesetzt sind und sich alle Eigenschaften aus den Eigenschaften der Elementarteilchen ergeben, so sollte es im Prinzip möglich sein, alles auf der Ebene der Mikrophysik zu erklären und somit alle wahren, wissenschaftlichen Theorien auf die Mikrophysik zurückzuführen (zu reduzieren).