Das Wilde Stiefmütterchen (Viola tricolor), im Volksmund auch Ackerveilchen, Muttergottesschuh, Mädchenaugen, Schöngesicht oder Liebesgesichtli sowie Christusauge und kurz auch einfach Stiefmütterchen, ist eine Pflanzenart innerhalb der Familie der Veilchengewächse (Violaceae).
Beschreibung und Ökologie mini|Habitus und Blüten des Gewöhnlichen Wilden Stiefmütterchen (Viola tricolor subsp. tricolor)
Die Beschreibung folgt der Systematik, wie sie in Floraweb und Rothmaler (2021) vorgenommen wird, wobei die systematische Einordnung der Viola tricolor-Sippen weiterer Untersuchungen bedarf.
Vegetative Merkmale Das Wilde Stiefmütterchen ist eine einjährig überwinternde, sommerannuelle, zweijährige oder ausdauernde krautige Pflanze, die Wuchshöhen von 10 bis 40 Zentimetern erreicht. Diese Halbrosettenpflanze bildet keine unterirdischen Ausläufer. Die Stängel sind aufsteigend bis aufrecht und meist verzweigt. Die unteren Blätter sind herzförmig bis eiförmig, stumpf und gekerbt. Die abstehendenFrank Müller, Christiane M. Ritz, Erik Welk, Karsten Wesche (Hrsg.): Exkursionsflora von Deutschland. Begründet von Werner Rothmaler. 22. Auflage. Gefäßpflanzen: Grundband. Springer Spektrum, Berlin 2021, ISBN 978-3-662-61010-7, S. 468 f. Nebenblätter sind tief fingerförmig gelappt. Der Endabschnitt ist größer als die anderen. Er ist schmal-lanzettlich bis breit-lanzettlich ausgeprägt und ganzrandig. Mastexemplare können einen nicht ganzrandigen Blattrand aufweisen.
Generative Merkmale Die zwittrigen Blüten sind zygomorph und fünfzählig mit doppelter Blütenhülle (Perianth). Die Kronblätter sind stets flach ausgebreitet. Sie sind meist zwei- dreifarbig. Zuweilen sind auch rein (blau-)violettfarbige oder gelbfarbige Exemplare anzutreffen. Bei dreifarbig ausgeprägten sind gewöhnlich die oberen zwei Kronblätter blauviolett, das untere gelb und die beiden seitlichen weiß oder auch blauviolett – also blüht es dreifarbig („tricolor“). Zum Blütenzentrum hin ist eine dunkle, strichförmige Aderung zu sehen, die den Insekten – vor allem Hummeln und Bienen – als Orientierungshilfe bei der Nektarsuche dient. Die verhältnismäßig große Lippe des Narbenkopfes entspricht 1/4 bis 1/6 des Kopfquerschnitts. Die Pollenkörner sind (3-)4(-5)kolporat (Pollenkorn mit Spalten und Poren als Öffnungstyp). Die Blütezeit reicht von Mai bis September. Blütenökologisch handelt es sich um Lippenblumen mit Streukegel vom Viola-Typ. Das Wilde Stiefmütterchen ist selbststeril und die Bestäubung erfolgt durch Insekten. Die Narbengrube ist auch durch eine lippenförmige Klappe gegen hereinfallenden Pollen und damit gegen Selbstbestäubung geschützt.
Die Kapselfrüchte sind höchstens so lang wie der Kelch, kahl und aufspringend. Die Samen sind birnenförmig, gelb, mit kleinem Elaiosom. Die Ausbreitung der Diasporen erfolgt durch Autochorie oder durch Ameisen (Myrmekochorie).
mini|Habitus und Blüten des Dünen-Stiefmütterchens (Viola tricolor var. maritima) mini|Dünen-Stiefmütterchen (Viola tricolor var. maritima) an der polnischen Ostsee
Vorkommen Das Wilde Stiefmütterchen ist vor allem in den gemäßigten Klimazonen Eurasiens heimisch. Die Pflanze ist in ganz Europa (von Island bis zum Mittelmeer) sowie im westlichen und zentralen Asien verbreitet.
Es wächst auf Wiesen, an Wegrändern und auf Brachflächen. Je nach Unterart gedeiht das Wilde Stiefmütterchen am besten auf sandigen, mageren Böden des Nordens (Dünen) und auf saurem Urgestein.
Systematik Die Erstveröffentlichung von Viola tricolor erfolgte durch Carl von Linné. Die Systematik der Artengruppe Wildes Stiefmütterchen (Viola tricolor agg.) wird kontrovers diskutiert.
Viola tricolor ist eine formenreiche Art. Manche Autoren unterscheiden in Deutschland etwa drei Unterarten und/oder Varietäten: Sand-Stiefmütterchen (Viola tricolor subsp. curtisii ): Es gedeiht im Violo-Corynephoretum und kommt auch in Gesellschaften des Verbands Koelerion albescentis oder Honkenyo-Elymion vor. Es hat die Chromosomenzahl 2n = 26. Felsen-Stiefmütterchen (Viola tricolor subsp. saxatilis ): Es kommt in Bergfettwiesen vor und ist vielleicht eine Charakterart des Verbands Polygono-Trisetion. Es hat die Chromosomenzahl 2n = 26. Gewöhnliches Wildes Stiefmütterchen (Viola tricolor subsp. tricolor): Es kommt vor in mageren Gesellschaften der Ordnungen Arrhenatheretalia oder Corynephoretalia vor. Es hat die Chromosomenzahl 2n = 26. Es wird manchmal noch in drei Varietäten unterteilt: Dünen-Stiefmütterchen (Viola tricolor var. maritima ) Gebirgswiesen-Stiefmütterchen (Viola tricolor var. polychroma ) Gewöhnliches Wildes Stiefmütterchen im engeren Sinn (Viola tricolor var. tricolor)
Nach der Rothmaler Exkursionsflora Grundband, 2021 und Floraweb wird die Art in folgende vier Unterarten gegliedert: Viola tricolor subsp. alpestris (Syn.: Viola tricolor subsp. saxatilis ) Diese Unterart wächst als ausdauernde Pflanze mit einer Höhe von 20 bis 30 Zentimetern. Die Länge der Krone misst 20 bis 30 Millimeter. Die Kronblätter sind von gelber Farbgebung, selten sind sie im oberen Bereich schwach bläulich überlaufen. Sie kommt in montanen und submontanen Regionen vor, dort insbesondere in frischen Wiesen und auf Schuttfluren. Das Verbreitungsgebiet ist bisher ungenügend erforscht; für Deutschland wurden seltene Vorkommen in den Alpen Ostbayerns, südlichem Baden-Württembergs und im südwestlichen Sachsen belegt. Viola tricolor subsp. ammotropha (Syn.: Viola tricolor subsp. curtisii auct.; Viola tricolor var. maritima ; Viola tricolor subsp. stenochila ; Viola tricolor subsp. coniophila ) Diese Unterart wächst meist als ausdauernde Pflanze mit einer Höhe von 10 bis 35 Zentimeter. Die Sprossachse ist niederliegend bis aufsteigend, durch Sandverwehungen oft unterirdisch verlaufend. Sie ist reich verzweigt. Eine Behaarung ist nicht oder nur sehr spärlich ausgebildet, wobei die Haare sehr kurz sind. Die Textur der Blätter ist derb bis fleischig ausgeprägt. Die am mittleren Teil der Sprossachse angeordneten Stängelblätter besitzen eine schmal-eilanzettliche bis lanzettliche Spreitenform, die sich allmählich in den Grund verschmälert. Die Spreite der im oberen Bereich angeordneten Blätter ist linealisch-lanzettlich, die im unteren Bereich eiförmig ausgeprägt. Die meist violette Krone misst (10 bis)15 bis 20 Millimeter in der Länge. Diese Unterart besiedelt Grau- und Weißdünen sowie Pionier-Sandtrockenrasen der Küste.und lichte Dünen-Kiefernwälder. Sie meidet kalkhaltige Unterlagen. In Deutschland kommt sie häufig auf den nördlichen Inseln Niedersachsens, selten an der nördlichen Küste Mecklenburg-Vorpommerns und auf den im Osten und Westen gelegenen Inseln Schleswig-Holsteins vor. Viola tricolor subsp. polychroma Diese Unterart wächst stets als ausdauernde Pflanze. In der Höhe erreicht sie 10 bis 25 Zentimeter. Die meist rotviolette Krone misst 20 bis 35 Millimeter in der Länge. Supsp.polychroma besiedelt montan bis subalpin gelegene Standorte und kommt dort gewöhnlich in Wiesen mit basenreichen Unterlagen vor. In Deutschland ist sie selten in den Ostalpen Bayerns, und im Südwesten Sachsens anzutreffen. Viola tricolor subsp. tricolor (Syn.: Viola tricolor subsp. vulgaris ) Diese Unterart kann von der Lebensdauer als einjährig überwinternde, zweijährig bis dreijährige Pflanze vorkommen. Sie erreicht in der Länge 10 bis 25 Zentimeter. Die Krone wird etwa 15 bis 25 (bis 30) Millimeter lang. Die Farbgebung der Krone ist variabel, häufig ist sie dreifarbig ausgeprägt. Die Unterart meidet kalkhaltige Unterlagen. Als Standorte werden von der Ebene bis montane Regionen nährstoffreiche Böschungen und Wegränder, Sandtrockenrasen und extensiv bewirtschaftete Äcker besiedelt. In Deutschland ist sie insbesondere in Bayern, vor allem Nordbayern (Mitte) und Nordosten, in Sachsen im Elbtal, im Osten Thüringens, in Niedersachsen im östlichen Elbtal, in Sachsen-Anhalt im Harz und Elbtal, im Süden und Südosten Baden-Württembergs verbreitet.
Mit großer Wahrscheinlichkeit ist das Wilde Stiefmütterchen (Viola tricolor) neben dem Altai-Stiefmütterchen (Viola altaica) und dem Sudeten-Stiefmütterchen (Viola lutea subsp. sudetica) ein Elternteil des in vielen Varietäten gezüchteten großblütigen Gartenstiefmütterchen (Viola ×wittrockiana).
Inhaltsstoffe Das Wilde Stiefmütterchen enthält in etwa 10 Prozent Schleimstoffe bestehend aus Glucose, Galactose, Arabinose und Rhamnose, sowie Gerbstoffe, Salicylsäure und deren Derivate, wie Salicylsäuremethylester. Daneben enthält sie die Droge Phenolcarbonsäuren, wie Kaffee- und Cumarsäure, sowie Flavonoide wie Quercetin, Luteolin und Rutin. Aus der Droge wurden bisher verschiedene Carotinoide isoliert: Violaxanthin, Antheraxanthin, Lutein, Zeaxanthin und Beta-Carotin.A. Toiu, E. Muntean, I. Oniga, O. Voştinaru, M. Tămaş: Pharmacognostic research on Viola tricolor L. (Violaceae). In: Rev Med Chir Soc Med Nat Iasi. Band 113, Nummer 1, 2009 Jan-Mar, , S. 264–267. PMID 21491816. Auch konnten Anthocyanidine und Cumarine, wie das Umbelliferon, nachgewiesen werden. Das Wilde Stiefmütterchen enthält entgegen früheren Literaturangaben keine Saponine, sondern hämolytisch aktive Peptide.
Verwendung in der Heilkunde Als Zier- und Heilpflanze wird das Wilde Stiefmütterchen seit dem Mittelalter kultiviert und in Großbritannien seit 1810 gezüchtet.
Als pharmazeutische Droge dienen die getrockneten oberirdischen Teile (Blätter und StängelGundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 469 (zu stiefmuterkraut).) der blühenden Pflanze (Stiefmütterchenkraut mit Blüten, Violae tricoloris herba cum flore).