Die estnischen Luftstreitkräfte ( Eesti Õhuvägi) sind ein nur etwa 500 Mann starker Verband der estnischen Streitkräfte. Wichtigster Stützpunkt ist der Flughafen Ämari.
Geschichte 1918 bis 1945 Die Wurzeln der derzeitigen Organisation reichen bis zum 21. November 1918, als der Kommandeur des technischen Bataillons Voldemar Victor Rieberg August Roos mit der Bildung der fliegerischen Komponente beauftragte. Der Estnische Freiheitskrieg gab große Impulse für die Entwicklung der jungen estnischen Luftwaffe.
Nach der russischen Revolution im Februar 1917 gewann der estnische Staat einen Grad an Autonomie innerhalb Russlands, welcher auch die Bildung von nationalen Streitkräften beinhaltete. So kam es, dass viele Esten in der russischen Armee in die Heimat aufbrachen, um dort in die estnischen Streitkräfte einzutreten. Die estnische Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1918 wurde durch Deutschland nicht anerkannt, welches im Verlaufe des Jahres in das Land einmarschierte und es besetzte. Die estnischen Streitkräfte wurden aufgelöst. Deutschland ergab sich am Ende des Ersten Weltkrieges am 11. November 1918 und die provisorische Regierung Estlands ging sofort die Aufstellung einer militärischen fliegerischen Einheit an. Die fliegerische Kompanie des technischen Bataillons begann die Errichtung von Militärflugplätzen nahe Tallinn. Am 19. Januar 1919 wurde das erste einsatzbereite Flugzeug in Dienst gestellt – eine erbeutete sowjetische Farman F.30, denen erbeutete deutsche und russische Typen folgten. Im weiteren Verlauf des Jahres kamen dann noch britische Avro 504, Short 185 und Airco DH.9 hinzu.
In der Zwischenzeit hatte die sowjetische Rote Armee am 22. November 1918 Estland angegriffen und den Großteil des Landes besetzt. Die neu aufgestellte estnische Armee schaffte es im Januar 1919, mit ausländischer Unterstützung, einen Gegenangriff zu starten und begann das Land im späten Februar zu befreien. Anschließend befreite die Armee Lettland. Die fliegerische Kompanie flog eine limitierte Anzahl von Einsätzen, um die Armee zu unterstützen. Dem Friedensvertrag mit Sowjetrussland im Februar folgend, wurde die estnische Armee demobilisiert, jedoch wurde die fliegerische Kompanie erhalten. Mit der Lieferung von mehr Flugzeugen wurde sie als fliegerisches Regiment (Lennuväe rügement) neu organisiert, bestehend aus einem Geschwader für Landflugzeuge, einem Wasserflugzeuggeschwader, Flugschulen und Werkstätten. Weitere Basen und Wasserflugzeugstationen wurden gebaut.
Manche Piloten des Regiments waren in einem pro-sowjetischen Staatsstreichversuch am 1. Dezember 1924 involviert, aber dieser wurde innerhalb von Stunden zerschlagen. Ab 1925 wurden die Flugzeuge der Ära des Ersten Weltkrieges schrittweise durch modernere Typen ersetzt und eine Reorganisation der Luftstreitkräfte mit einer Unterteilung in drei Divisionen mit Stationierungen in Rakvere, Tartu und Lasnamäe durchgeführt. 1928 wurden sie zur Luftverteidigung (Õhukaitse), welche auch über Flugabwehrgeschütze verfügte, zusammengefasst. In ihrer bedeutendsten Zeit, den 1930er-Jahren, verfügten die estnischen Luftstreitkräfte über 130 Flugzeuge. Die veralteten DH.9 wurden ab 1933 durch tschechische Letov Š-228 ersetzt. Pläne zum Erwerb von zwölf Spitfires und acht Lysanders von Großbritannien wurden vereitelt, als der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges Großbritannien zum Annullieren aller Ausfuhraufträge zwang. Auch die Verhandlungen über die Lieferung polnischer PZL P.24 scheiterten solchermaßen. Einzig von Deutschland konnten anstelle der Lysander im Mai 1940 fünf Henschel Hs 126 erworben werden.Karl Schwarz: Henschel Hs 126. Das Auge des Heeres. In: Klassiker der Luftfahrt Nr. 05/2021, Motor Presse Stuttgart, , S. 22.
Am 17. Juni 1940 drangen sowjetische Truppen in die drei baltischen Staaten ein. Wahlen nach sowjetischer Art wurden organisiert und das daraus resultierende kommunistische Parlament setzte sich für eine Mitgliedschaft innerhalb der Sowjetunion ein. Diesem Gesuch wurde am 6. August 1940 stattgegeben. Während der Invasion im Juni 1940 wurde die Luftverteidigung nicht tätig und daher verblieben die vorhandenen Jagdflugzeuge Bristol Bulldog sowie die Bomben- und Aufklärungsflugzeuge der Typen Hawker Hart, Hs 126, Š-228 und Avro Anson verschlossen in ihren Hangars. Die Luftwaffe wurde im Sommer 1940 zur 22. Korpsfliegerstaffel (KAE) umgebildet und dem 22. territorialen Schützenkorps der Sowjetarmee angegliedert. Sie war mit den verbliebenen Hawker Hart und Hs 126 ausgestattet; alle anderen estnischen Flugzeuge waren von der Sowjetunion übernommen worden.
Nach dem Überfall auf die Sowjetunion und der anschließenden Besetzung des Baltikums 1941 durch die deutsche Wehrmacht sollte sich die KAE mit ihren Flugzeugen in rückwärtiges Gebiet zurückziehen, doch verweigerten viele Piloten, die die deutschen Soldaten als Befreier ansahen, den Befehl und desertierten. Im Rahmen der deutschen Luftwaffe entstand aus estnischen Freiwilligen die Sonderstaffel Buschmann, die mit übrig gebliebenen Flugzeugen verschiedener Herkunft Aufklärungsflüge über dem finnischen Meerbusen durchführten. Daraus entstand im Juli 1942 die 15. Staffel der Aufklärungsgruppe 127 (See). Weitere Staffeln wurden aufgestellt, die im Frühjahr 1943 in der Aufkl.Gr.127 (See) zusammengefasst wurden und aus der wiederum weitere aus estnischen Angehörigen bestehende Einheiten gebildet wurden, die bis zur Einnahme des baltischen Territoriums im September 1944 durch sowjetische Truppen gegen die Rote Armee kämpften. Viele Besatzungen setzten sich danach in das neutrale Schweden ab, was im Oktober die Auflösung der estnischen Fliegerverbände, die Jagdstaffeln ausgenommen, durch das Oberkommando der Wehrmacht zur Folge hatte.
Wiederaufbau nach 1991 Die estnischen Luftstreitkräfte wurden nach der 1991 wiedererlangten Unabhängigkeit der Republik Estland am 15. Dezember 1991 neu aufgestellt, nachdem sie während der deutschen und sowjetischen Besatzung nicht existiert hatten. Bis heute verfügen sie lediglich über Trainings- und Transportluftfahrzeuge – die Sicherung des staatlichen Luftraums wird von anderen NATO-Mitgliedern im Rahmen des Air Policing Baltikum übernommen.
Seit 1994 ist die Õhuvägi damit beschäftigt, die zerstörte militärische Infrastruktur, welche von der russischen Armee hinterlassen wurde, wiederaufzubauen. Die meisten Geldmittel wurden dabei in den Militärflugplatz Ämari investiert. Das Ziel dieses Fliegerhorsts ist die Kooperation mit der NATO und Luftstreitkräften anderer Partnernationen sowie die Versorgung mit standardisierten Dienstleistungen, welche für den Host Nation Support notwendig sind.
Kommandeure Nr.Dienstgrad und NameBeginnEndeKolonel Vello LoemaaKolonel Teo Krüüner (kommissarisch)Kolonel Vello LoemaaKolonel Teo KrüünerKolonel Valeri Saar (kommissarisch)Kindralmajor Teo KrüünerKapten Mart Vendla (kommissarisch)Kolonel Valeri Saar (kommissarisch)Major Rauno Sirk (kommissarisch)Brigaadikindral Valeri SaarKolonel Jaak TarienKolonel Riivo ValgeBrigaadikindral Rauno SirkBrigaadikindral Toomas SusiBrigaadikindral Riivo Valgeseit 18. Juni 2025
Aufgaben und Organisation Aufgaben Eines der Hauptziele der Luftstreitkräfte ist der Aufbau eines Luftraumüberwachungssystems, das der Grundstein der Sicherheit des Flugverkehrs und der Luftraumsicherung sein wird. Die zweite Priorität ist die Ausdehnung des Host Nation Supports zur Unterstützung der NATO-Luftverteidigung im Rahmen des Air Policing Baltikum. Ein wichtiger Meilenstein wird der Ausbau des Luftraumüberwachungssystems auf das Niveau sein, welches enge Kooperation mit dem integrierten NATO-Luftverteidigungssystem ermöglicht. Die Aufgabe der Amari Air Base ist sowohl die Zusammenarbeit mit Luftstreitkräften der NATO und deren Partner-Nationen als auch die Versorgung ebendieser mit einem standardisierten Flugplatz- und Flugzeug-Service.
Organisationsstruktur miniatur|Organisationsstruktur der estnischen Luftwaffe (bis 2023) miniatur|250px|Französische Mirage 2000 bei der Überwachung des baltischen Luftraums miniatur|250px|US-Kampfflugzeuge A-10 auf dem Luftwaffenstützpunkt Ämari in Estland
40px Stab und Hauptquartier der Luftwaffe Der Õhuväe Staap ist das höchste Kommandogremium der estnischen Luftstreitkräfte und repräsentiert die militärische Führungsstruktur, welche die Einsatzbereitschaft der militärisch untergeordneten Strukturen erreichen, aufrechterhalten und steigern soll, damit diese in der Lage sind, unter autorisierten Befehlen operieren zu können.
40px Luftraumüberwachungsgeschwader Die Hauptaufgabe der Õhuseiredivisjon besteht in der Sammlung und Aufbereitung von Informationen, welche durch regionale Radar-Luftraumüberwachungssysteme, Abfangjäger-Patrouillen und anderen Luftraumüberwachungssensoren gewonnen werden.
Dazu hat die Einheit das nationale Luftraumüberwachungssystem auf ein Niveau ausgebaut, welches die Entdeckung und Identifikation aller fliegenden Objekte im estnischen Luftraum mit maximaler Wahrscheinlichkeit und die Informationsübermittlung über deren Standort und Bewegung mit hinreichendem Grad an Genauigkeit rund um die Uhr erlaubt. Dazu wurden neben den zuvor bereits vorhandenen Einrichtungen in Ämari und bei Kellavere zuletzt zwei weitere Überwachungsanlagen (auf Muhu und bei Otepää) aufgebaut.Meldung auf news.err.ee zur Eröffnung des Radarpostens Muhu vom 27. März 2013, abgerufen am 11. Juli 2014 (englisch)Meldung auf postimees.ee zur Eröffnung des Radarpostens Otepää vom 28. Januar 2015, abgerufen am 7. Mai 2015 (englisch)
40px Flugabwehrraketengruppe Die Õhukaitsedivisjon wurde 2023 als bislang jüngste Einheit der Luftstreitkräfte aufgestellt. Die Aufgabe des Geschwaders ist die bodengebundene Flugabwehr, wozu sie seit 2026 mit IRIS-T SLM ausgerüstet ist.Erste IRIS-T SLM Feuereinheit für Estland übergeben. Hardthöhenkurier, 22. Juni 2026
40px Luftwaffenstützpunkte und Flugplätze Obwohl die estnischen Luftstreitkräfte nach der Wiederherstellung der Unabhängigkeit im Jahr 1991 eine große Anzahl sowjetischer Flugplätze übernahmen, wurden die meisten davon in den frühen 90er Jahren aufgrund fehlenden Bedarfs aufgelöst. Die Armee betreibt derzeit nur den Stützpunkt in Ämari (Lennubaas Ämari). Als Ausweichmöglichkeiten werden die Zivilflughäfen in Tallinn und Pärnu genutzt.
Luftwaffenstützpunkt Ämari Nach Übergabe des ehemals russischen Militärflugplatzes Ämari im Jahr 1994, begann Estland diesen für seine eigenen Luftstreitkräfte zu nutzen. In den folgenden Jahren wurde die Basis nach und nach saniert. So erfolgte 2010 beispielsweise die Eröffnung des innerhalb von drei Jahren instandgesetzten Flugfeldes. Die von der NATO finanziell unterstützten Um- und Neubaumaßnahmen waren damit aber noch nicht abgeschlossen. Die vollständige Einsatzfähigkeit des Stützpunktes sollte Anfang des Jahres 2015 erreicht werden. Aufgrund der Krise in der Ukraine wurde allerdings schon im April 2014, im Rahmen der Air Policing Baltikum, erstmals ein Kontingent von vier dänische Maschinen in Ämari stationiert und eine 24/7-Bereitschaft der Basis hergestellt. Onlinemeldung auf mil.ee vom 30. April 2014, abgerufen am 22. Mai 2023 (estnisch)
Daneben waren und sind bereits seit längerer Zeit folgende estnischen Einheiten in Ämari stationiert: Allzweckhubschrauber-Geschwader leichtes Transportflugzeug-Geschwader
Flughafen Tallinn und Flughafen Pärnu Ausweichstandorte
Dienstgradabzeichen GeneräleStabsoffiziereOffiziere 30px 30px 30px 30px 30px 30px 30px 30px 30px 30px 30pxAuastmedKindralKindralleitnantKindralmajorBrigaadikindral KolonelKolonelleitnantMajorKaptenLeitnantNooremleitnantLipnikDienstgradGeneralGeneralleutnantGeneralmajorBrigadegeneralOberstOberstleutnantMajorStabshauptmannHauptmannOberleutnantLeutnantOberfähnrichFähnrich