Kinderarmut ist die Armut von Personen eines vorgegebenen Altersrahmens; üblicherweise ab der Geburt bis zum 18. Geburtstag. Kinderarmut kann unterschiedlich berechnet werden, wobei normative Komponenten eine Rolle spielen. Kinderarmut wird weithin als Ursache der Unterversorgung in wichtigen Lebensbereichen wie Wohnen oder Ernährung verantwortlich gemacht. Sie kann zu eingeschränkten Entwicklungschancen und schlechteren Bildungschancen bei den betroffenen Kindern führen.
Zur Berechnung der Kinderarmut und Kritik an der Berechnung Da existenzgefährdende, absolute Armut in industrialisierten Gesellschaften selten ist, wird Kinderarmut in den Industrieländern als materielle, relative Armut gemessen: Kinder gelten als arm, wenn sie in Haushalten leben, deren Einkommen unterhalb einer relativen Armutsgrenze liegt. Diese Grenze wird unterschiedlich definiert – oft bei 50 % und 60 % des Medians vom jeweiligen gewichteten Nettoäquivalenzeinkommen eines Landes angesetzt.Michael Fertig:
Andere Studien bezeichnen diejenigen als arm, die auf Sozialleistungen angewiesen sind. Durch die unterschiedliche Definition von Kinderarmut und Art der Berechnung ergeben sich unterschiedliche Armutsquoten, so dass die Vergleichbarkeit von in verschiedenen Staaten ermittelten Zahlen ausscheidet.
Aus soziologischer Sicht wird hervorgehoben, „Armut“ ließe sich nicht rein wissenschaftlich definieren, da in jede Definition normative Komponenten einfließen.Stefan Weick: Relative Einkommensarmut bei Kindern: Untersuchungen zu Lebensbedingungen und Lebensqualität in Deutschland von 1984 bis 1996. Dissertation (Soziologie), Justus-Liebig-Universität Gießen, 8. Juli 1999, S. 37, Bei der Berechnung des Äquivalenzeinkommens spielt auch die Gewichtung der Haushaltsmitglieder eine Rolle. Die geschieht durch die Äquivalenzskala, die festlegt, welcher Anteil des Bedarfs eines Einpersonenhaushaltes als Bedarf eines Erwachsenen, eines Kindes oder eines Jugendlichen in einem Mehrpersonenhaushalt angenommen wird. Dazu heißt es im ersten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung von 2001: „Herangezogen werden die „Alte OECD-Skala“ (1. Person im Haushalt: Gewicht 1, weitere Haushaltsmitglieder ab 15 Jahren: Gewicht 0,7 und Jugendliche unter 15 Jahre: Gewicht 0,5) und die „Neue OECD-Skala“ (1. Person im Haushalt: Gewicht 1, weitere Haushaltsmitglieder ab 15 Jahren: Gewicht 0,5 und Jugendliche unter 15 Jahren: Gewicht 0,3).“ 2001, S. 9. Eine verschiedene Gewichtung der Personen führt zu Unterschieden in den daraus ermittelten relativen Kinderarmutsquoten.
Diese für Kinder deutlich geringere Gewichtung und deren weitere Absenkung durch die neue OECD-Skala wird auch kritisiert. Nach der alten Skala lag die Gewichtung eines Kindes mit 0,5 nicht nur deutlich höher als jetzt mit 0,3, sie war auch im Vergleich zu einem zusätzlichen über 15-jährigen Haushaltsmitglied mit rund 71 Prozent deutlich höher als jetzt mit 60 Prozent. Bei der Reform der OECD-Skala wurde also die Gewichtung von Kindern relativ besonders stark abgesenkt.
Die Festsetzung der OECD unterscheidet sich auch von den Erfahrungen der Sozialbehörden. Die von den Jobcentern in Deutschland gezahlten Leistungen für ein Kind entsprechen rund 50 bis 60 Prozent dessen, was für einen alleinstehenden Erwachsenen gezahlt wird und liegen damit ähnlich hoch wie für einen zusätzlichen Erwachsenen. Dabei wurden sowohl Arbeitslosengeld II beziehungsweise Sozialgeld als auch Leistungen für Unterkunft und Heizung sowie Sonderzahlungen berücksichtigt.Tilman Weigel: Unterschätzt das Nettoäquivalenzeinkommen Kinderarmut? Statistiker Blog vom 11. Februar 2013.
Zur Kinderarmut allgemein mini| Lithographie Hunger von Heinrich Zille (1924)durch Folgen des Ersten Weltkriegs und die Hyperinflation des Jahres 1923 litten viele Menschen in den ersten Jahren der Weimarer Republik besonders an Armut und Hunger.
Einer Studie der UNICEF zufolge stieg in den Jahren 1995 bis 2005 die Anzahl der in Armut lebenden Kinder in 17 und fiel in sieben von 24 OECD-Staaten. Sechs der sieben Staaten mit fallender Kinderarmut hatten zuvor ein sehr hohes Niveau der Kinderarmut. Lediglich Norwegen war ein Industriestaat mit geringer und kontinuierlich fallender Kinderarmut. Am stärksten stieg die Kinderarmut in Polen (+4,3 %), Luxemburg (+4,1 %) und der tschechischen Republik (+4,1 %). Am stärksten sank sie in England (−3,1 %), den USA (−2,8 %) und Norwegen (−1,8 %). Auch in Deutschland war der Anstieg mit +2,7 % überdurchschnittlich.UNICEF-Report: (PDF; 222 kB). Innocenti Report Card, No. 6 Download am 20. Januar 2008.
Das Ausmaß von Kinderarmut ist durch soziale oder steuerliche Maßnahmen steuerbar, wie sich an den skandinavischen Ländern nachweisen lässt, die selbst bei Alleinerziehenden oder Paarfamilien ohne Einkommensbezieher signifikant niedrige Armutsquoten aufweisen.Christoph Butterwegge, Karin Holm, Margeritha Zander, unter anderem: Armut und Kindheit – Ein regionaler, nationaler und internationaler Vergleich. S. 124.
Kinderarmut geht oft mit schlechter Gesundheit und verzögerter emotionaler und kognitiver Entwicklung einher. Kinder, die in Armut aufwachsen, erbringen – wie für Deutschland durch die World Vision Kinderstudien und die Shell Jugendstudien nachwiesen – schlechtere schulische Leistungen als andere Kinder, Download am 9. Dezember 2007; World Vision Deutschland (Hrsg.): Kinder in Deutschland. Beltz, Weinheim 2013; Shell Deutschland (Hrsg.): Jugend 2010. Fischer, Frankfurt. besuchen in Ländern mit gegliedertem Schulsystem seltener höhere Schulformen,AWO-Pressestelle: www.awo.org Download am 9. Dezember 2007. kommen im Erwachsenenalter weniger häufig an Hochschulen, werden häufiger schon im minderjährigen Alter Eltern, rauchen häufiger, benutzen öfter illegale Drogen und sind als Erwachsene häufiger arbeitslos.
Armutslagen im Elternhaus prägen nicht alle Kinder gleichermaßen negativ. Elterliche Ressourcen wie Werthaltungen und Bewältigungsstrategien, Humankompetenz und kulturelles Kapital können dazu beitragen, dass sich Kinder trotz Armut gut entwickeln. Studien aus Dresden zeigen, dass Eltern sich oft bemühen, ihre Kinder vor den Auswirkungen der Armut zu schützen.Rolf Becker Markus Nietfeld: Harte Zeiten für Familien. Theoretische Überlegungen und empirische Analysen zu Auswirkungen von Arbeitslosigkeit und sozio-ökonomischer Deprivation auf die Qualität familialer Beziehungen Dresdner Familien. In: Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation. 19, 1999, S. 369–387. Besonders Eltern, die selbst über eine hohe Bildung verfügen, oder generell selber sozial abgestiegen sind, engagieren sich trotz Armut stark für den schulischen Werdegang ihrer Kinder.Rolf Becker: Dynamik rationaler Bildungsentscheidungen im Familien und Haushaltskontext. Eine empirische Untersuchung zum Bildungserfolg ostdeutscher Jugendlicher in Armutslagen. Manuskript. Technische Universität, Dresden 1998. Auch Kinder, die in kulturellen Milieus aufwachsen, die sich durch gegenseitige Hilfestellung und starke Familienwerte auszeichnen, scheinen vor den Auswirkungen der Armut weitgehend geschützt. Dazu zählen etwa Kinder von Minderheiten wie der vietnamesischen Minderheit in den USANathan Caplan u. a.: The Boat People and Achievement in America. A study of family life, hard work, and cultural values. University of Michigan Press, 1989, ISBN 0-472-09397-5. und Bauernkinder der meisten Länder Europas und der USA.Glen H. Elder, Rand D. Conger: Children of the Land: Adversity and Success in Rural America. University of Chicago Press 2000, ISBN 0-226-20266-6.
Kinderarmut wird sowohl aufgrund des Mitgefühls mit betroffenen Kindern als auch wegen der möglichen langfristigen Wirkungen auf die Gesellschaft gesellschaftlich meist sehr ernst genommen. Beispielsweise weist man darauf hin, dass sich die durch langfristige Armut aufstauenden Emotionen Wut, Hass und Verzweiflung in Kleinkriminalität und organisiertem Verbrechen ausdrücken und langfristig Kosten für Gewalt- und Drogenbekämpfung nach sich ziehen können. www.3sat.de, September 2006, abgerufen am 20. Januar 2008.
Kinderarmut ist nicht nur Ausdruck eines temporären Mangels, sondern kann auch als Defizit an Zukunftschancen begriffen werden. Eine zukunftsorientierte Kinderpolitik kann Vorteile in den Vordergrund stellen, die sich im Sinne der Humankapitaltheorie ergeben, wenn Menschen auf zukünftige Entwicklungen und Herausforderungen vorbereitet sind. Durch rechtzeitige Investitionen können soziale Folgekosten verringert werden, die sich andernfalls für nachträgliche Versuche der Integration und Qualifikation erwarten lassen.
Dies kann über verbesserte Ausbildungsmöglichkeiten von Kindern auf allen Gebieten erreicht werden, wozu einige bildungsökonomische Erwägungen ausgearbeitet sind.
Die Bedeutung verbesserter Ausbildung zeigt sich beispielhaft am Zugang zu Medien und Informationen sowie des kompetenten Umgangs mit ihnen. Kennzahlen über die Zugriffsmöglichkeiten von Kindern auf Computer und das Internet sind hierfür eine breit akzeptierte Messgröße. Modelle aus skandinavischen Ländern nach dem Prinzip „jedem Kind seinen PC und seine Online-Verbindung auf Staatskosten“ zeigen, dass eine Vorbereitung der zukünftigen Berufsgeneration angesichts der globalisierten Welt sinnvoll und staatswirtschaftlich ohne Schwierigkeit finanzierbar ist. Ähnlichen Zielen dient der 100-Dollar-Laptop im Rahmen des Projektes One Laptop per Child, das sich an Schüler und Schulen in Entwicklungs-, Schwellen- und Industrieländern richtet.
Geschichte
Materielle Armut war je nach Zeit und Gesellschaftsform unterschiedlich geprägt. Das Verständnis der Armut und der Umgang mit dieser hing stark von der Zeitepoche ab. Kinderarmut wurde in den meisten Industrieländern seit der industriellen Revolution als Bestandteil der sozialen Frage thematisiert. Die Wohn- und Ernährungsverhältnisse breiter Schichten der Bevölkerung waren, vom heutigen Standpunkt aus betrachtet, katastrophal.
Um 1840 starben z. B. in der englischen Stadt Manchester noch 57 % der Arbeiterkinder vor dem fünften Lebensjahr. Aufgrund der niedrigen Löhne ihrer Eltern waren viele Arbeiterkinder in der Frühzeit der Industrialisierung gezwungen zu arbeiten.Andreas Gestrich: Geschichte der Familie. Kröner, Stuttgart 2003, ISBN 3-520-37601-6.
Seit Ende des 19. Jahrhunderts wurde zwischen Politik und Wissenschaft nach Lösungen gesucht, wie die Armutsspirale durchbrochen werden könnte. Damals hatte z. B. der englische Sozialforscher Charles Booth die Lebensverhältnisse von Arbeitern in London dokumentiert. Er schlug z. B. vor, Arme so über die Stadt zu verteilen, dass etwa Kinderreichtum und schlechte Wohnsituation möglichst ohne Folgen blieben. Im Jahr 1890 belegte der amerikanische Journalist Jacob Riis mit Fotografien die Lebensverhältnisse von Kindern in New Yorker Slums. Zeitgleich führte Reichskanzler Otto von Bismarck in Deutschland die ersten Sozialgesetze ein; eine Reaktion auf die wachsende Verelendung vieler Arbeiterfamilien.
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts begann die Armut in den meisten industrialisierten Ländern zu sinken, bis die Weltwirtschaftskrise ab 1929 zu einem Wiederanstieg führte.John Clausen: American lives: looking back at the children of the great depression. University of California Press, Berkeley 1995, ISBN 0-520-20149-3. Ab 1939 führten der Zweite Weltkrieg speziell bei Kindern zeitweise okkupierter Länder und die NachkriegszeitWolfgang Lauterbach: Armut in Deutschland – mögliche Folgen für Familien und Kinder. Universität Oldenburg, Oldenburger Universitätsreden 2003, ISBN 3-8142-1143-X, S. 14. zu einem dramatischen Anwachsen von Obdachlosigkeit, Hunger und Armut.