mini|Moondogs Grabmal auf dem Zentralfriedhof in Münster, gestaltet durch Ernst Fuchs nach der Totenmaske Moondog (* 26. Mai 1916 als Louis Thomas Hardin in Marysville, Kansas; † 8. September 1999 in Münster) war ein US-amerikanischer Komponist und Musiker.
Leben Jugend Louis Thomas Hardin wurde als Sohn eines Wanderpredigers der Episkopalkirche und einer Lehrerin geboren.Heinz Kosters: Moondog – Vermächtnis eines großen Herzens. In: Vestischer Kalender. Jg. 51 (1978), S. 61–64. Infolge der wechselnden Einsatzorte seines Vaters verlebte er seine Jugend an einer Vielzahl von Orten des Mittleren Westens (in Wisconsin, Wyoming und Missouri) sowie in North Carolina. Die kindliche und jugendliche Erfahrung, nie wirklich sesshaft zu sein, habe, so Hardin, seinen Freiheitsdrang und seine unbürgerlich-unsesshafte Lebensweise geprägt. Er bezeichnete sich als „Europäer im Exil“: „Das hatte mit meiner Liebe zur klassischen Musik der Alten Welt zu tun.“Albrecht Piltz: Moondog – Rebell gegen die Rebellen. In: Keyboards. Jg. 8 (1994), S. 16–30. Als zweiten Grund nannte er, dass seine Familie mütterlicherseits aus Deutschland, väterlicherseits aus Skandinavien stammte.Interview mit Hans-Joachim Krüger: Moondogs Odyssee: Europäer im Exil. In: Sounds. Die Zeitschrift für Popmusik. 1974, Heft 5.
Im Alter von sechzehn Jahren verlor Hardin das Augenlicht bei einer Explosion, als er mit einer Knallkapsel hantierte, die bei einer Überschwemmung zwischen Eisenbahngleisen angespült worden war. Auf einer Blindenschule in Iowa kam er mit klassischer Musik in Berührung und erhielt seine erste musikalische Ausbildung. Rückblickend verstand Hardin den Unfall als Chance: „Ohne den Unfall hätte ich wohl nie die Möglichkeit bekommen, Musiker zu werden.“ Er lernte Violine, Viola, Piano, Orgel, Chorgesang und Harmonielehre und studierte autodidaktisch weiter, indem er las, was ihm zum Thema Musik in Blindenschrift zugänglich war. Gleichzeitig übte er sich im Trommeln. Seine ältere Schwester las ihm einmal ein Buch über einen europäischen Komponisten vor, daraufhin habe er – so erzählte er später – beschlossen, ebenfalls Komponist zu werden.Karin Steinberger: Gott in der Nähe des neunten Obertons. Manisch kreativ im Ruhrgebiet. Louis Thomas Hardin, genannt Moondog, über seine Musik und eine überirdische Theorie. In: Süddeutsche Zeitung vom 6. September 1997, Wochenendbeilage, S. VII. Seine Gehörbildung perfektionierte er so, dass er musikalische Ideen direkt aus dem Kopf in Blindenschrift umsetzen konnte. So gut wie alle seine Kompositionen entstanden ohne Instrument.
In New York 1943 zog es Hardin nach New York, wo er ein Leben als Straßenmusikant führte. Den Namen „Moondog“ legte er sich 1947 zu, nach seinem Blindenhund, der, so Hardin, „mehr als jeder andere Hund, den ich kannte, den Mond anheulte“.Plattencover von Moondog, Columbia Records, 1969: „I began using Moondog as a pen name in 1947, in honor of a dog I had in Hurley, who used to howl at the moon more than any dog I knew of.“
Bis in die frühen 1970er Jahre war er meistens in Manhattan an der Ecke 6th Avenue/54th Street anzutreffen. Er schlug die Trommel, spielte seine Kompositionen auf einer Zither, trug kleine Gedichte vor, durchweg in der klassisch-strengen Form der Couplets, gereimter Verspaare, und verkaufte sie an Passanten. Fasziniert von der Lektüre der Edda, legte er sich eine Wikingerkluft zu. Alte Fotos zeigen den Verehrer nordischer Mythen mit wallendem Bart, weitem Umhang, langem Speer und gehörntem Helm. Von manchen Passanten wohl als exzentrischer Sonderling oder gar als Scharlatan beargwöhnt, von zahlreichen Künstlern aber hoch geachtet, wurde Moondog bald zu einer Art Institution im Straßenbild von Manhattan. Zu den Anekdoten, die um ihn kursieren, gehört jene, wonach das Hilton-Hotel in der New York Times Anzeigen schaltete, in denen es seine Adresse mit „gegenüber von Moondog“ angab.
Erste Anerkennung als Musiker Wenn Hardin auch die Straße zu seinem Zuhause machte, war er nicht sozial isoliert und kein Stadtstreicher. Er lernte auf der Straße Musiker der New Yorker Philharmoniker kennen, die ihn ihrem Dirigenten Artur Rodziński vorstellten.Robert Scotto: Moondog, The viking of 6th Avenue. Process Media, Port Townsend 2007, S. 91. Der lud ihn ein, den Orchesterproben in der Carnegie Hall beizuwohnen,Halina Rodzinski: Our two lives. Scribner, New York 1976, ISBN 0-684-14511-1, S. 247 f. wo Moondog dann jahrelang ein und aus ging und viel über Orchestrierung lernte.Michael Rüsenberg: „I’m in the world, but not of it.“ Ein Gespräch mit Moondog. In: Rock Session. Magazin der populären Musik. Jg. 1979, Heft 3, S. 144–154. Er begegnete Arturo Toscanini, Igor Strawinski und Leonard Bernstein. Für Bernstein war er „dieses seltsame Genie, das da unten an der Ecke steht“. Nach Rodzińskis Weggang 1947 war Moondog in der Carnegie Hall nicht mehr so gern gesehen. An seinen Straßenecken traf er mit Charlie Parker zusammen, der ihm vorschlug: „You and I should make a record together“ – ein Vorhaben, das sich durch Parkers plötzlichen Tod nicht mehr verwirklichen ließ.
1949/1950 erschienen Moondogs erste Schallplattenaufnahmen, auf denen er Oboe, Klarinette, Maracas, Claves, Kalebassen-Rasseln sowie andere Schlaginstrumente spielt und singt.Robert Scotto: Moondog, The viking of 6th Avenue. Process Media, Port Townsend 2007, S. 99 f. Mit Julie Andrews veröffentlichte er 1955 bei Angel Records eine sehr erfolgreiche Platte mit Kinderliedern. Mit Charles Mingus bestritt er ein Konzert im Whitney Museum of American Art, mit Allen Ginsberg eine Dichterlesung. Janis Joplin und Big Brother and the Holding Company nahmen 1968 sein Madrigal All Is Loneliness auf. „Sie haben es verhunzt“, meinte Moondog später. Die Labels Mars, Prestige und Epic verlegten Platten mit seiner Musik. In den späten 1960er Jahren spielte er zwei Alben für Columbia Records (CBS) ein.
Übersiedlung nach Deutschland 1974 Unvermittelt verschwand Moondog aus New Yorks Straßen. Manche hielten ihn für tot. In einer TV-Talkshow bedauerte Paul Simon, eines seiner großen musikalischen Vorbilder, Moondog sei verstorben. Tatsächlich hatte ein Freund, der Organist Paul Jordan, vermittelt, dass Ernstalbrecht Stiebler vom Hessischen Rundfunk 1974 Moondog einlud.Robert Scotto: Moondog, The viking of 6th Avenue. Process Media, Port Townsend 2007, S. 220. Unter der Überschrift „Bach, Moondog & Bach“ gab es zwei Konzerte in der Peterskirche in WeinheimVeronika Kreuzhage: Vom Mut zur Individualität. Moondog in der Peterskirche. In: Rhein-Neckar-Zeitung. 23. Januar 1974. und in Frankfurt am Main.Robert Scotto: Moondog, The viking of 6th Avenue. Process Media, Port Townsend 2007, S. 226. Nach dem Frankfurter Konzert bemängelte ein Kritiker, dass Moondogs Kompositionen nur „unzureichend avantgardistisch“ seien,Zitiert nach Robert Scotto: Moondog, The viking of 6th Avenue. Process Media, Port Townsend 2007, S. 226. doch das Publikum war begeistert. Angesichts des unverhofften Erfolges entschloss sich Moondog kurzfristig, in Deutschland zu bleiben,Robert Scotto: Moondog, The viking of 6th Avenue. Process Media, Port Townsend 2007, S. 227. und begründete dies so: „Ich wollte ursprünglich gleich nach dem Konzert zurück. Als ich aber hier war, da war ich so beeindruckt von den Menschen, von ihrer Freundschaftlichkeit, ihrer Wärme, der ganzen Atmosphäre, daß ich mich entschieden habe, nicht mehr in die USA zurückzugehen.“ Paul Jordan machte Moondog auch mit dem (ebenfalls blinden) Organisten Helmut Walcha bekannt; gemeinsam spielten sie Inventionen von Johann Sebastian Bach.
In Hamburg, Hannover und wenig später in Recklinghausen setzte er zunächst sein Straßenmusikerleben fort, trommelte in den Fußgängerzonen und verkaufte seine Gedichte.Robert Scotto: Moondog, The viking of 6th Avenue. Process Media, Port Townsend 2007, S. 228–231. Nach Recklinghausen kam er, weil ein junger Musiker, Tom Klatt, gelesen hatte, dass Moondog Deutschland würde verlassen müssen, wenn sich nach dem Frankfurter Konzert keine Folgeauftritte ergäben, und ihn daraufhin einlud.Hein Schlüter: Von der 6th Avenue in die Breite Straße: Moondog in Recklinghausen. In: Vestischer Kalender. Jg. 84 (2011), S. 245–253, hier S. 249.
Förderung und Management durch Ilona Sommer 1977 sprach ihn an seinem Stammplatz in der Recklinghäuser Altstadt die Studentin Ilona Goebel (* 1951, später Ilona Sommer) an,Hein Schlüter: Von der 6th Avenue in die Breite Straße: Moondog in Recklinghausen. In: Vestischer Kalender. Jg. 84 (2011), S. 245–253, hier S. 250. und lud ihn, zunächst für ein paar Tage, in das elterliche Haus im Nachbarort Oer-Erkenschwick ein: „Mein elf Jahre alter Bruder wollte ihn zu Weihnachten zum Essen nach Hause einladen, weil er ihm so leid tat. Aber keiner aus der Familie traute sich, ihn zu fragen. Und dann sah ich eine Platte mit seiner Musik – Orchesterstücke, gespielt von 45 Musikern, mit einer Menge Solisten. Die kaufte ich. Als ich seine Musik zum ersten Mal hörte, war ich ergriffen. Ich konnte nicht glauben, dass jemand, der solche Musik schreiben kann, so leben muss wie er. Da lud ich ihn nach Hause ein.“Moondog – Biographie, abgerufen am 29. April 2014.
Ilona Sommer redete ihm die Wikingerkluft aus und brachte ihn auf den Geschmack an einem mehr bürgerlichen Leben. Sie gab ihr Geologie-Studium auf, nahm ihn in ihre Obhut und machte das Haus in Oer-Erkenschwick für Louis Hardin zur kreativen Stätte des Komponierens.Adele Riepe: ‘Moondog’ Refines Music in Germany. In: New York Times. 3. Januar 1979, S. C18 („in an uninspiring little town in West Germany ... a composer’s paradise“). Sie lernte, seine Kompositionen aus der Blinden- in normale Notenschrift zu übertragen, und begleitete Moondog fortan bei seinen Konzertauftritten. Sie gründete den Musikverlag Managarm für die Werke Moondogs.
In den späten 1970er Jahren brachte Roof Music auf seinem Label Kopf-Records drei Moondog-LPs heraus. Danach wurde es in puncto Veröffentlichungen still um ihn. Moondog komponierte allerdings unermüdlich weiter, so dass sein Werk auf 50 Sinfonien und zahllose kleinere Stücke anwuchs.
Moondog musizierte (und dirigierte) in seinen deutschen Jahren häufig in Recklinghausen in der Altstadtschmiede und in der „alternativen“ Gastwirtschaft „Baum“, bei Konzerten in Münster und bei den Wittener Tagen für Neue Kammermusik.Peter Kemper: Die große Pauke. Zum Tod von Louis T. Hardin alias „Moondog“: In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 13. September 1999.
„Wiederentdeckung“ und Medienecho 1989 15 Jahre nach seinem Weggang aus den USA erlebte Moondog 1989 in New York ein vielbeachtetes Comeback. Das zehnte New Music America Festival hatte ihn eingeladen, einige seiner Kompositionen aufzuführen. Bei dem Konzert, das am 16. November unter dem Motto Meet The Moderns in der Brooklyn Academy of Music stattfand, standen u. a. auch Uraufführungen symphonischer Werke von Butch Morris und John Zorn auf dem Programm. In einer Folge von musikalischen Widmungen an Musiker, die er einst kannte (Benny Goodman, Lester Young, Charlie Parker, Artur Rodziński), sowie an die Städte New York und Paris dirigierte Moondog das Philharmonische Kammerorchester Brooklyn.
Das Medienecho auf Moondogs Rückkehr war überschwänglich. Die New York Times und die Wochenzeitschrift People begrüßten ihn in ausführlichen Beiträgen. In einer Rezension des Konzertes in der New Yorker Tageszeitung Newsday hieß es: „Nur neun kurze Nummern des blinden, gabelbärtigen Moondog machten den Abend lebendig. Für den 75-Jährigen könnte das New Yorker Comeback erst den Anfang einer neuen Karriere bedeuten.“Peter Goodman: Avant Works For Symphony. In: Newsday. 18. November 1989, S. 15–17, abgerufen am 29. April 2014. CBS und ROOF Music unternahmen Wiederveröffentlichungen seiner früheren Platten als CDs.