mini|Jürgen Domian (2008) Domian war eine Telefon-Talkradio-Sendung des Hörfunksenders 1 Live, die außerdem zur selben Zeit im WDR Fernsehen übertragen und vom 3. April 1995 bis zum 17. Dezember 2016 ausgestrahlt wurde. Moderiert wurde sie von Jürgen Domian.
Hintergrund Der Radiosender WDR 1 strahlte von 1991 bis 1995 werktäglich von 15 bis 16 Uhr eine auf Jugendliche zugeschnittene Sendung namens Riff – der Wellenbrecher aus. Zu einem vorgegebenen Thema, zunächst mittels Reportagen und Expertentalks journalistisch aufbereitet, wurden im Verlauf jeder Sendung zunehmend anrufende Zuhörer einbezogen. Die Ausnahme: Ab 1993 wurde freitags auf journalistische Aufbereitung verzichtet, und Moderator Jürgen Domian erteilte von der ersten Minute an Zuhörern das Wort – ohne konkrete Themenvorgabe. Das Konzept war: Die Anrufer dürfen über alles sprechen. Rasch entwickelte sich dieses Format namens Die heiße Nummer zu einer der beliebtesten WDR-Radiosendungen.
Im Rahmen der Umwandlung von WDR 1 in 1 Live im Frühjahr 1995 regte der damalige Intendant Fritz Pleitgen bei Jürgen Domian eine neue Live-Sendung mit Telefonanrufen an. Seit der Erstausstrahlung am 2. April 1995 wurde Domian zeitlich parallel zur Radiosendung im WDR-Fernsehen ausgestrahlt, so dass Anrufer und Zuschauer den Moderator nicht nur akustisch, sondern auch visuell wahrnehmen konnten. Das Konzept wurde durch einen USA-Aufenthalt im selben Jahr beeinflusst, auf dem Domian das dort erfolgreiche Talkradio mit seinen bimedialen Aspekten kennenlernte. Als spezifisches Vorbild nannte er andererseits die Live-Sendung Hallo Ü-Wagen der Radiojournalistin Carmen Thomas.
Am 9. März 2015 teilte der WDR mit, die Sendung werde auf Wunsch des Moderators Ende 2016 eingestellt.Domian zum Ende der Sendung auf Facebook Die Einstellung geschah aufgrund von gesundheitlichen Problemen des Moderators.Jürgen Domian: „Wir haben über alle Kapriolen des menschlichen Lebens gesprochen“. Stern-Interview am Tag der letzten Sendung über seine Zukunft und weiteren beruflichen Plänen. 16. Dezember 2016. Der WDR werde Jürgen Domian und seiner Sendung einen würdigen Abschied bereiten, erklärte 1-Live-Programmchef Jochen Rausch.Pressemitteilung des WDR: WDR-Nachttalker Jürgen Domian hört auf vom 9. März 2015 Die Ausstrahlung der letzten Sendung lief in der Nacht vom 16. auf den 17. Dezember 2016 und hatte 380.000 Zuschauer.Schöne Werte: «Domian»-Abschied mobilisiert beachtliches Publikum, quotenmeter.de, 17. Dezember 2016
Am 8. November 2019 sendete der WDR erstmals die Nachfolgesendung Domian live. Die Sendung lief zunächst bis zum 18. Dezember 2020. Seit dem 9. April 2021 wurde Domian live fortgesetzt. Zudem gab es im wöchentlichen Wechsel zur Livesendung einen Podcast. Am 4. April 2022 teilte Jürgen Domian auf Twitter mit, dass Domian live nicht fortgeführt wird, weil er sich mit dem WDR nicht einigen konnte.
Profil Jürgen Domian beschreibt sein Ziel für das jeweilige Gespräch als „so schnell wie möglich, ohne den Anrufer zu bedrängen, sein Anliegen, die wichtigsten Eckdaten seiner Geschichte zu erfragen. Auf dieser Basis kann ich weiterarbeiten: Zum Beispiel meine Meinung sagen, einen Rat formulieren oder gemeinsam mit dem Anrufer eine Lösung überlegen. [Am Ende des Interviews] darf keine entscheidende Frage mehr offen bleiben“. Er erlernte die Grundlagen seiner Fragetechnik im Rahmen seiner Ausbildung beim WDR von Hanko Bommert, Professor für Psychologie an der Universität Münster.
Der Moderator versucht, in möglichst freundschaftlicher und authentischer Atmosphäre als Privatmensch zu erscheinen, d. h. auch persönliche Meinungen kundzutun, viel von sich selbst preiszugeben. Da die Anrufer sehr häufig Ratschläge bezüglich ihrer Probleme suchen, lässt sich diese Sendung durchaus dem Ratgeberjournalismus zuordnen – allerdings mit der Einschränkung, dass es einigen Anrufern anstelle von Ratschlägen eher um eine Meinungsplattform geht oder auch darum, einfach etwas Unterhaltsames darzubieten.
Maskottchen der Sendung war ein 679 Gramm schwerer, weißer Hirsch aus Porzellan, der während der Sendung im Hintergrund stand. Der Hirsch war Domian von einem langjährigen Mitarbeiter geschenkt worden, 2016 wurde er auf Ebay für 43.000 Euro versteigert. Der Erlös war für die Palliativstation der Uniklinik Köln vorgesehen, um zur Finanzierung einer Einrichtung beizutragen, in der Palliativmedizin und Hospiz erstmals in Deutschland zusammengeführt werden sollen. Der Käufer, ein Schweizer Arzt, gab in der vorletzten Sendung bekannt, Domian die Figur zu schenken. Nach einem längeren Telefongespräch mit Domian rundete der Käufer den Betrag auf 50.000 € auf. Domian vermachte daraufhin den Hirsch der Palliativstation.
Bekannte Gespräche Einige der Gespräche wurden als besondere Skurrilitäten mit Kult-Status oder aufsehenerregende und bewegende Unterhaltungen bekannt und mehrfach in den Medien wiedergegeben.
Die größte Bekanntheit erreichte wohl die vermeintliche sexuelle Vorliebe eines 26-jährigen Anrufers im Jahr 1996, der in der Sendung erzählte, dass er sich regelmäßig aus 60 Kilogramm Hackfleisch eine Frau modelliere und sich damit sexuell befriedige. Der Anruf war von der Metal-Band Cancer Barrack als Anspielung auf ihren Song Beischlaf mit 60 kg Hackfleisch getätigt worden.Gothic, Ausgabe 118, Herbst 2009, Seite 119. Das Gespräch wurde in der vorletzten Sendung im Dezember 2016 als Hommage von einem Märchenerzähler vorgetragen.
Ebenfalls Kultstatus erhielt eine damals 73-jährige Anruferin im Jahre 2013, die ihre Geschichte zum Thema „Es geschah im Wald“ erörterte. Sie erzählte von ihrem Erlebnis nahe eines Friedhofs. Dort traf sie einen fremden Mann, der sie sexuell oral befriedigen wollte. Besonders die Art, wie die Anruferin ihr Erlebnis schilderte, war markant. Sowohl in der letzten Folge von Domian Ende 2016, als auch bei Domian redet wurde das Telefonat erneut aufgegriffen, wobei sie bei ersterem erneut anrief.
Organisation Die Sendung wurde bis zum 23. März 2012 aus dem Studio B des Hörfunksenders 1 Live im Kölner Mediapark gesendet. Nach dem Umzug des gesamten Senders im April 2012 in die Kölner Innenstadt (Mörsergasse) wurde Domian in einem neuen Studio produziert, das mit neuer Kulisse und modernem, technischem Equipment (LED-Beleuchtung, HD-Kameras, TriCaster-Regiesystem) ausgestattet war. Ab der ersten Sendung von dort am 17. April 2012 kamen zwei unterschiedliche Kameras und Einstellungen zum Einsatz.
Seit der Nacht auf den 21. April 2009 wurde die Sendung im 16:9-Format ausgestrahlt; seit der Nacht auf den 1. Mai 2012 in nativem HD.
Sendezeiten waren dienstags bis samstags von 1:00 Uhr bis 2:00 Uhr. Bis Ende 2008 dienstags und donnerstags, seit Anfang 2009 nur noch mittwochs legte die Redaktion ein Thema fest. Gegenstände einer solchen Themennacht reichten von gesellschaftlichen Tabus über soziale Phänomene bis hin zu menschlichen Abgründen. An den anderen Tagen durften die Anrufer beliebige Themen vorschlagen.
Jeweils eine Stunde vor Beginn jeder Sendung hatten die Zuschauer und -hörer die Möglichkeit, sich per Telefon, Fax oder E-Mail bei der Domian-Redaktion zu melden, um mit ihrem Thema in die Sendung geschaltet zu werden. Bis zu 200 konnten ihr Anliegen im Vorgespräch darlegen, und sechs bis zehn schafften es in die Sendung. Die Einschaltquoten schwankten zwischen 40.000 und 60.000 Zuschauern und -hörern. Laut eigenen Angaben führte Domian innerhalb der ersten dreizehn Jahre ungefähr 18.000 Gespräche.Fernsehsendung TV total am 18. Februar 2008 Bis Ende 2016 führte Domian laut Sabine Heinrich über 25.000 Gespräche.
Drei Rechercheure nahmen die Anrufe entgegen und entschieden bei einem Vorgespräch über die Durchstellung der Anrufer an die Regie. Abgesehen vom Themenvorschlag gab es formale Auswahlkriterien: Die akustische Qualität der Verbindung musste akzeptabel sein, und der Anrufer musste sich ausreichend „fit“ anhören, durfte also weder durch Rauschmittel oder Müdigkeit oder Krankheit beeinträchtigt klingen. Menschen in erkennbar schwereren Krisen verbanden die Rechercheure direkt mit wissenschaftlich ausgebildeten Psychologen, die zur etwa 25-köpfigen Domian-Redaktion gehörten.
Die letzte Hürde war der sogenannte Realisator. Er rief die von den Rechercheuren Vor-Ausgewählten an, führte ein Vertiefungsgespräch und entschied dann, ob der einzelne Anrufer ins Programm aufgenommen wurde.
Redaktionelle Verantwortung trug ein 1-Live-Redakteur, der diese Aufgabe immer über Jahre übernommen hatte. Anders als der Rest des Teams, das wochenweise arbeitete, war der Redakteur ständig für die Sendung tätig.
Die Sendung begann mit einem halbminütigen musikalischen Vorspann, der im Fernsehen Jürgen Domian beim Fahren eines Taxis zeigte und dessen Musik in beiden Medien den jeweils aktuellen Jingles von 1Live angepasst war. Dann rief der Moderator die vom Realisator ausgewählten Anrufer einzeln auf und sprach mit ihnen. Diese Gespräche wurden ausgestrahlt. Damit der Moderator sich möglichst authentisch und spontan verhalten konnte, waren ihm vor Beginn des Gesprächs nur der Vorname und das Alter des Anrufers bekannt.
Forschung Aufgrund der Besonderheit dieses Sendekonzeptes war Domian mehrfach Gegenstand von Forschungsbemühungen, insbesondere im Rahmen von Diplom- und Magisterarbeiten.
Publikumsforschung Die einzige repräsentative Untersuchung zum Publikum der Sendung führte der Radiotrend, ein Projekt der WDR-Abteilung Unternehmensplanung und Medienforschung, im September 1996 durch. Per Telefon befragt wurden 1000 in Nordrhein-Westfalen wohnende Personen ab 14 Jahren. Diese Untersuchung wurde repräsentativ angelegt, die Ergebnisse werden im Folgenden vorgestellt.
Ein Fünftel der Befragten hatte das Talkradio schon einmal gehört oder gesehen: Jüngere häufiger als ältere, Höhergebildete häufiger als Geringgebildete, Männer häufiger als Frauen. Von diesen Personen rezipierte jeder Zwanzigste die Sendung vier- bis fünfmal pro Woche, jeder Zehnte zwei- bis dreimal und jeder fünfte einmal. Nach der Bewertung der Sendung auf einer zehnstufigen Skala (null = „sehr schlecht“; zehn = „sehr gut“) ergab sich ein Mittelwert von sechs Punkten. Frauen gaben eher bessere Bewertungen als Männer, Jüngere eher bessere als Ältere, Geringgebildete bessere als Höhergebildete. Fünf Prozent der Domian-Rezipienten hatten bereits selbst angerufen, darunter niemand mit Abitur oder Studium; die Bereitschaft zum Anrufen korrelierte negativ mit der Bildung. Die Hälfte aller Befragten schloss einen eigenen Anruf definitiv aus.
Die Rezipienten wurden weiter gefragt, inwieweit sie fünf Aussagen zur Bewertung zustimmten. Hierbei erhielt die Aussage, dass Domian Einblicke in menschliche Abgründe und Schicksale ermögliche, eine besonders häufige Zustimmung – nämlich bei drei Vierteln der Befragten. Aus Sicht von 60 Prozent bot das Format gute Unterhaltung. Personen mit allgemeiner Hochschulreife oder Studienabschluss meinen dies seltener als Menschen mit niedrigerer formaler Bildung. Dass die Sendung zu Gesprächen mit Freunden und Bekannten anrege, meinten rund 40 Prozent. Diese Zustimmungsquote erreichten auch die beiden letzten Aussagen: einerseits, dass die Sendung viele sachliche Informationen biete, andererseits, dass sich durch Domian eigene Probleme relativierten.
Ergebnisse zu Anrufermotivationen Die Untersuchung von Schweers aus dem Jahr 1995 liefert eine deskriptive Beantwortung der Frage, warum Menschen bei Domian anrufen und wie sie das Telefongespräch im Nachhinein bewerten. 102 Personen, die bei Domian angerufen und mit dem Moderator „live on air“ gesprochen hatten, wurden dabei telefonisch interviewt. Es handelte sich um standardisierte Interviews von 10 bis 15 Minuten Dauer, bestehend aus 20 überwiegend geschlossenen Fragen.