Stützerbach ist ein Ortsteil der Stadt Ilmenau im Ilm-Kreis (Thüringen) und staatlich anerkannter Luftkurort. Über Jahrhunderte war der Ort geteilt und verfügt daher über zwei Kirchen und Friedhöfe. Literarische Bekanntheit erfuhr Stützerbach durch die Besuche Johann Wolfgang von Goethes. Als Staatsminister des Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach weilte er oft in Ilmenau und 13-mal in Stützerbach.
Lage Am Nordosthang des Thüringer Waldes gelegen, ist Stützerbach nur etwa 3 km vom Kammweg des Thüringer Waldes, dem Rennsteig entfernt. Der Ort zieht sich im Tal der Lengwitz, dem Oberlauf der Ilm entlang. Südlich von Stützerbach entspringt die Lengwitz, der eigentliche Quellfluss der Ilm. Nördlich des Ortes vereinigt sich diese mit den Bächen Taubach und Freibach. Von diesem Zusammenfluss ab wird das Gewässer als die Ilm bezeichnet.
Wegen der klimatisch ungünstigen Verhältnisse mit durchschnittlich 173 Frosttagen und einer jährlichen Niederschlagsmenge um 1.100 mm kann der traditionelle Ackerbau mit Getreide keine guten Ernten hervorbringen, nur Roggen und Hafer wurden wegen der harten Witterung ausgesät. Erst die Einführung der Kartoffel im Hackbau brachte für die Bauern eine Anbaufrucht, die der klimatischen Lage des Ortes gerecht wurde. Allerdings kam es durch Kartoffelfäule auch hier zu Ernteausfällen und daraus folgenden Hungersnöten.
Geschichte mini|Die evangelische Dreieinigkeitskirche (Trinitatiskirche), 1716 in Weim.-Stützerbach erbaut mini|Die 1901 erbaute evangelische Christuskirche Um 1506 erfolgte die erste indirekte Erwähnung des Ortes durch die Nennung des Forstortes „Stoczerbach“. Der heutige Name Stützerbach erschien zum ersten Mal am 18. Oktober 1570 und betraf einen herzoglichen Hof „in Stutzerbach“ genannt, der als Gestüt zur Pferdezucht diente. Die bereits durch Köhler und Holzfäller gelichteten Wälder auf der Hochfläche wurden in almartige Wiesen umgewandelt, südlich von Schmiedefeld am Rennsteig erinnern die Flurnamen „Stutenhaus“ und „Hengstwiese“ an weitere Bestandteile dieser einstigen Pferdezucht. Das erste Gebäude im Ort soll Kunerts Mühle gewesen sein, die 1655 der Ilmenauer Papiermacher Hans Meißner aufkaufte. Sein Schwager war der für den Stützerbacher Wald zuständiger Forstaufseher Sebastian Grahner der offenbar beim Kauf behilflich war. Als nächstes Gebäude entstand in Sichtweite der Mühle um 1648 die erste Stützerbacher Glashütte.
Als Folge der landesgeschichtlichen Entwicklung markierte der Rennsteig zunächst die nördliche Grenze der Grafschaft Henneberg – in diesem Gebietsteil zum Burgamt Schleusingen gehörig. Die nördlich des Rennsteigs gelegenen Orte galten im Mittelalter als das Stammland der Grafen von Kefernburg und der Schwarzburger Grafen. Ein wichtiger Grenzpunkt war der Kleine Dreiherrenstein am Rennsteig. Auch der Bach Lengwitz wurde 1660/61 zu einem Abschnitt der Grenze des Herzogtums Sachsen-Weimar mit dem Verwaltungszentrum Ilmenau. Der zu dieser Zeit aus fünf Wohnhäusern bestehende Ort Stützerbach wurde somit Bestandteil des Amtes Ilmenau. Der jenseits gelegene Teil war bereits seit dem Mittelalter Bestandteil des Burgamtes Schleusingen und gelangte bei der Teilung von 1660 zum Herzogtum Sachsen-Naumburg-Zeitz, das 1718 im Kurfürstentum Sachsen aufging. Nach der Beendigung der napoleonischen Fremdherrschaft hatte das Königreich Preußen 1815 auch das Amt Schleusingen zugesprochen bekommen. Der westliche Teil des heutigen Ortes Stützerbach wurde entsprechend als „Preußisch-Stützerbach“, der östliche als „Weimarisch-Stützerbach“ verwaltet. Um 1800 bestanden beide Ortsteile von Stützerbach aus 45 Häusern, in denen 279 Einwohner von Waldarbeiten, der Papier- und Glasmacherei und dem Handel lebten. Im Zusammenhang mit der Ausweitung der Ilmenauer Bergwerke mussten sogenannte „Wasserkünste“ angelegt werden, es handelte sich dabei um mühlenartige Pumpwerke, die über hölzerne Gestänge mit Wasserrädern angetrieben wurden. Für den Einsatz dieser Pumpwerke mussten zuvor Teiche und Wassergräben bis in die Stützerbacher Flur gegraben werden. Die ersten Bauwerke wurden 1611 errichtet. Während des Dreißigjährigen Krieges wurden die Gräben und Anlagen vernachlässigt. Von 1661 bis 1693 wurden im Tal der Freibach drei weitere Dämme errichtet, deren Reste noch heute gut im Gelände zu erkennen sind. Bei mehreren Dammbrüchen nahmen sowohl Stützerbach als auch Manebach und Ilmenau Schaden. Der große Bruch des unteren Freibachteiches in der Nacht des 9. Mai 1739 verwüstete die Bergwerksanlagen und brachte so den Bergbau für Jahrzehnte zum Erliegen.
Stützerbach im 18. Jahrhundert
Ab 1648 siedelten sich in Stützerbach erste Glasmacher aus Gehlberg und Lauscha an. Die Glashütten wurden stets in waldreichen Tälern gegründet, da Holz der wichtigste Rohstoff für die Glasmacher war. Ein Glasmacher Johann Holland erwarb 1656 Nutzungsrechte von der sachsen-meiningischen Verwaltung. Hans Greiner, ein Nachfahre des Schwabenhans und Teilhaber dieser Hütte, gründete in der Mitte des Dorfes, auf dem „Hüttenplatz“ nach der 1660 vollzogenen Teilung des Ortes eine neue, nun auf weimarischen Gebiet befindliche Glashütte. Die bereits in Ilmenau ansässigen Glashüttenbesitzer versuchten ebenfalls in dem noch von dichten Wäldern umgebenen Stützerbach Fuß zu fassen. Der Hüttenbetrieb war jedoch unrentabel, da die Glasmacher ständig erhöhte Preise für die erforderlichen Holzlizenzen von der Forstverwaltung diktiert bekamen. Der Grund dafür mag auch in der Jagdleidenschaft der Fürsten gelegen haben. Die (noch) wildreiche Gegend zählte zu den bevorzugten Jagdgebieten des Weimarer Hofes. Herzog Ernst August war sogar gewillt, ein Jagdschloss auf dem jetzt „Schlossberg“ genannten Hügel zu errichten, das er 1732 als Jagdschloss Dianenburg in Auftrag gab, und das etwa 1737 fertiggestellt wurde. Die Bauausführung war so mangelhaft, dass das Hauptgebäude bereits 1748 abgebrochen werden musste, da sich überall Schimmel ausgebildet hatte. Das Mobiliar und Inventar wurde versteigert oder verschenkt. Der zum Schloss gehörige Park hatte einige mit Gehölzen und Blumenbeeten gestaltete Terrassen und eine Grotte, die noch einige Jahre vorhanden war.Der Name „Dianenburg“ war als Ehrerbietung der antiken Jagdgöttin Diana gewählt worden.
links|mini|Die beiden Stützerbach (um 1850) Während der zahlreichen Aufenthalte nutzte die herzogliche Jagdgesellschaft meist die im Ort vorhandenen repräsentativen Wohngebäude des Glashüttenbesitzers Gundlach und des vermögenden Kaufmanns Johann Elias Glaser. Als erstes Gotteshaus wurde die Dreieinigkeitskirche im Weimarer Ortsteil erbaut, eine Gebäudeansicht hat Goethe in seinem Skizzenblock überliefert.
Stützerbach (z. Theil – der übrige Theil ist Königl. Preußisch) am rechten Ufer der Lengwitz, kam 1731 an das Amt.Bedeutender Wiesenwachs, gute Viehzucht, wenig Artland, vorzügliches Quellwasser. 1 Mahl-, 1 Schneide-, 1 Papiermühle. 1 Försterei.365 Einw., 50 Häuser, Joh. Wilh. Baur ist Ortsvorsteher.
Die Anfänge der Glasindustrie in Stützerbach mini|Ein Mundglasbläser in seiner Werkstatt in Stützerbach Die benachbarte südthüringische Region um Lauscha war im 19. Jahrhundert das Zentrum der Thüringer Glasfabrikation, in fast jedem Ort um Lauscha arbeiteten Glashütten und verloren durch die ständig steigenden Betriebskosten rasch an Rentabilität. Die Suche nach speziellen Fabrikaten und Herstellungstechniken wurde für das Fortbestehen einer Glashütte überlebenswichtig. In Stützerbach gelang es Wilhelm Berkes in der Greinerschen Glashütte durch das Erproben von neuen Glasrezepturen einen Werkstoff zu entwickeln, der für die Herstellung von Glasinstrumenten tauglich war. Die zu dieser Zeit aufblühende chemische Forschung war ein ideales Betätigungsfeld und Absatzmarkt für derartige Glasapparate. In Zusammenarbeit mit namhaften Forschern und Instituten wurde der Stützerbacher Instrumenten- und Glasgerätebau zur Grundlage der Entwicklung neuer und oft revolutionärer Erfindungen: 1830 Herstellung des ersten deutschen Thermometers durch den Stützerbacher Franz Ferdinand Greiner und den Wandergesellen Wilhelm Berkes. Die sehr innovative Firma stellte bald 64 verschiedenen Sorten von Aerometern, Thermometern sowie weitere physikalische und technische Instrumente her. Die oft sehr zerbrechlichen Instrumente wurden zu einem lohnenden Geschäft und schufen die Grundlage der „Thermometer-Industrie“ im Ilmenauer Raum. 1883 Herstellung der ersten in Deutschland gefertigten Glühlampe durch die Familie Greiner & Friedrichs. 1885 Herstellung des ersten Thermosglasgefäßes durch die Familie Greiner & Friedrichs. 1896 Herstellung der ersten Röntgenröhre durch das gleiche Unternehmen. (Zur Anstalt siehe Höhere Graphische Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt.) Auch die Gründung der weltbekannten Jenaer Glaswerke geht auf Stützerbacher Glastraditionen zurück: 1879 arbeitete Otto Schott mit der Firma Greiner & Friedrichs an der Entwicklungen eines „feuerfesten“ Glases, das später unter dem Markennamen „Jenaer Glas“ bekannt wurde. Die 1924 als Normschliff vorgestellte Verbindungstechnik revolutionierte den oft problematischen Aufbau von Laborgeräten und hatte die Schaffung eines Baukastenprinzips zur Folge, mit dem preiswerte Laborteile und -gerätesets als Katalogware angeboten werden konnten.
Die Entstehung des Kurortes Stützerbach mini|Der 1904 eröffnete Bahnhof Seit 1870 wurde der Ort für die Behandlung von Atemwegserkrankungen und Herz-Kreislauf-Beschwerden besucht. Das Reizklima am Rennsteig hat für viele Menschen einen günstigen Einfluss auf den Organismus. Die Bewegung in der stillen, freien Natur, die staubfreie Atemluft und die vielen anderen Faktoren des Gebirgsklimas wurden von den Kurärzten des beginnenden 20. Jahrhunderts als Grund für einen Kuraufenthalt im Kneippkurort Stützerbach angepriesen. Tatsächlich stand das als Naturidyll gepriesene Stützerbach zu diesem Zeitpunkt an der Schwelle zum Industrieort, die 1904 eingeweihte Eisenbahnlinie und die Schornsteine der Glasfabriken waren unübersehbar. Um das Prädikat Kurort zu verteidigen, musste der Anteil der Kneipp-Behandlung in den Vordergrund gestellt werden. In der DDR-Zeit wurde der Kneipptourismus durch den FDGB-Feriendienst gestaltet. Etwa 3800 Feriengäste und 1400 Kurpatienten besuchten Stützerbach im Jahr; eine Kur wurde meist für vier Wochen bewilligt.
Die jüngere Geschichte des Ortes mini|Teilansicht der Ortslage Nach dem Ersten Weltkrieg kam der weimarische Teil von Stützerbach zum Landkreis Arnstadt im Land Thüringen, während der preußische Teil im Landkreis Schleusingen in Preußen verblieb. Die Vereinigung beider Ortsteile erfolgte zum 1. Oktober 1945 im Landkreis Arnstadt.
Die Entwicklung der Glasindustrie blieb bis zum Zweiten Weltkrieg Wirtschaftsgrundlage von Stützerbach. Während des Krieges wurden von 1942 bis 1945 im Ort über 100, vorwiegend aus der Sowjetunion stammende, Menschen zu Zwangsarbeit eingesetzt: im Glaswerk Greiner & Friedrichs, im Forstamt, in der Firma Gebr. Heintz, im Glaswerk Heym, Wenz & Witzmann, bei Firma Fritz, Franz & Co und bei E.A.Schmidt.Thüringer Verband der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten und Studienkreis deutscher Widerstand 1933–1945 (Hrsg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933–1945. Reihe: Heimatgeschichtliche Wegweiser. Band 8: Thüringen. Erfurt 2003, ISBN 3-88864-343-0, S. 149.
1945 verließen die Unternehmer Friedrichs gemeinsam mit vielen Glasbläsern die sowjetische Besatzungszone und siedelten sich als „Normschliff-Glasgeräte GmbH“ im unterfränkischen Wertheim-Glashütte an. Noch heute existiert dort für mehrere Straßenzüge die Bezeichnung „Klein Ilmenau“. Die von den Nazis als Rüstungsbetrieb betrachtete Firma „Greiner und Friedrichs“ wurde in Volkseigentum überführt und produzierte in der DDR-Zeit als „VEB Westglas“ weiter.