mini|hochkant=1.5|Villa Hammerschmidt (2008) mini|Ansicht der Rückseite, zum Rhein mini|Villa Hammerschmidt, Luftaufnahme (2017) mini|Villa um 1870 mini|Villa um 1900 mini|Ansicht vom gegenüberliegenden Rheinufer (2013) mini|Innere Rheinpromenade mini|Grotte am Ende der inneren Rheinpromenade mini|hochkant|Detail aus der Eingangshalle der Villa mini|Pendeluhr im Terrassenzimmer mini|Speisezimmer der Villa

Die Villa Hammerschmidt in Bonn dient seit 1950 als Amts- und Wohnsitz des Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland, bis 1994 als erster und seither nach Schloss Bellevue als Zweitamts- und -wohnsitz. Sie liegt am Rheinufer (Wilhelm-Spiritus-Ufer) direkt nördlich neben dem Palais Schaumburg, dem zweiten Dienstsitz des Bundeskanzlers und Bundeskanzleramts. Das Hauptportal befindet sich an der Adenauerallee (Hausnummer 135). Die Zufahrt erfolgt über die Kaiser-Friedrich-Straße. Die Villa Hammerschmidt ist eine Station des Geschichtsrundwegs Weg der Demokratie.

Geschichte Der Kaufmann Albrecht Troost (1824–1883) erwarb 1860 ein 17.329 m² großes Grundstück zwischen der Coblenzer Straße im Westen und dem Rhein im Osten. Ab 1861, möglicherweise erst 1862, begann Troost mit dem Bau einer ein- bis zweigeschossigen, spätklassizistischen Villa nach einem Entwurf des Architekten August Dieckhoff (1805–1891). Er bezog sie im Verlauf des Jahres 1863 mit seiner Frau und kaufte weitere Grundstücke hinzu. Troost verkaufte die Villa 1868 nach dem Tod seiner Ehefrau, Jenny Giesler, und des gemeinsamen Sohns Arthur – beide ertranken – an den Unternehmer Leopold Koenig (1821–1903), und zog mit Tochter Alice und Sohn Friedrich Edmund aus. Noch in diesem Jahr kam es zu einer ersten Erweiterung der Villa an der Rheinfront um ein Musik- (südlich) und ein Speisezimmer (nördlich). Bis 1871 wurde ein großes Souterrainzimmer nach Plänen von Ludwig Bohnstedt (1822–1885) angebaut. Im selben Jahr wurde ein unterkellertes, ein- bis zweigeschossiges sowie 39 m langes Palmenhaus einschließlich Kalt- und Warmhaus sowie Glaskuppel eingeweiht. Der Salon des Palmenhauses wurde später auch als Billardzimmer benutzt. 1872 folgte der Bau eines für den Gärtner zu verwendenden Pförtnerhauses, 1875 der einer Futtermauer am Godesberger Bach. Ein rund 50 m langes Stall- und Remisengebäude, das auch drei Pavillons umfasste, wurde um 1876 neu- bzw. umgebaut.

Von Mai 1877 bis Juni 1878 kam es, unter Ausführung von Otto Penner, aber wieder nach Plänen von Ludwig Bohnstedt zu umfangreichen Umbauten und Vergrößerungen der Villa. Die Straßenfront wurde dabei ebenso wie Teile der Seitenflügel abgebrochen. Die Rheinfront gewann im Ergebnis fast 20 m an Breite hinzu, die Straßenfront rund 15 m und die Gebäudetiefe wuchs um 9 m. Aus der bisherigen Hauptfassade wurde ein Mittelrisalit, das Erdgeschoss erhielt eine Mitteltür sowie einrahmende Fenster und das Obergeschoss Balustraden sowie drei Arkaden im Stil der italienischen Renaissance. Auch ein Zwischengeschoss geht auf die von Penner ausgeführten Erweiterungen zurück. Dem mittleren Trakt wurden seitlich zwei offene und der Aussicht dienende, sogenannte Belvedere-Turmbauten aufgesetzt. Die Seitenflügel stockte Penner auf; im unteren Geschoss entstanden Söller, Terrassen und eine große Freitreppe.

Der gut vier Hektar große Landschaftspark wurde 1878 durch den Hamburger Gartendirektor Rudolph Philipp Christian Jürgens angelegt.Charlotte Püttmann: Der Park der Villa Hammerschmidt in Bonn, S. 186.Rudolph P. C. Jürgens, Europäisches Gartennetzwerk (EGHN) Um 1880 folgte der Bau der sogenannten Nibelungengrotte an der Rheinseite.Olga Sonntag: Villen am Bonner Rheinufer: 1819–1914, Bouvier Verlag, Bonn 1998, ISBN 3-416-02618-7, Band 2, Katalog (1), S. 272. 1899 erwarb Rudolf Hammerschmidt (1853–1922), Geheimer Kommerzienrat und Fabrikant, die Villa. Er ließ zwischen 1900 und 1902 eine „Muschelsaal“ genannte Marmorhalle errichten, die einschließlich eines Verbindungstrakts eine Verbindung zwischen Wohn- und Palmenhaus schuf. Der Marmorsaal diente saisonal auch als Wintergarten. Der Verbindungsbau besitzt ionische Säulen und Rundbogenfenster. Nach Hammerschmidts Tod wurde die Anlage ab 1928 in zwölf Wohnungen aufgeteilt und vermietet, das Mobiliar und die Kunstsammlung wurden versteigert. Ab 1929 pachtete der Immobilienmakler Maur die Villa samt Grundstück und ließ einige Umbauarbeiten durchführen. Das Palmenhaus wurde in dieser Zeit abgerissen, der Muschelsaal verlor seine Funktion sowie den Großteil seiner wertvollen Ausstattung und wurde ebenfalls zum Wohngebäude. Die Terrassenaufbauten ließ Maur vergrößern.

Den Zweiten Weltkrieg überstand die Villa unbeschadet. Nach Kriegsende beschlagnahmten Besatzungstruppen das Anwesen. Von Herbst 1948 bis November 1949 wurde es vom Oberkommandierenden der Belgischen Streitkräfte in Deutschland, General Jean-Baptiste Piron, in Anspruch genommen.Aus den Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin:Jens Krüger: Die Finanzierung der Bundeshauptstadt Bonn, Verlag Walter De Gruyter, Berlin 2006. ISBN 3-11-019090-7 (S. 35). Am 5. April 1950 erwarb die Bundesrepublik Deutschland die Anlage, bestehend aus dem Haus, Nebengebäuden und dem Park am Rhein für 750.000 DM von den Erben Rudolf Hammerschmidts,Stadt Bonn, Stadtarchiv (Hrsg.); Helmut Vogt: „Der Herr Minister wohnt in einem Dienstwagen auf Gleis 4“: Die Anfänge des Bundes in Bonn 1949/50. Bonn 1999, ISBN 3-922832-21-0, S. 159. um dort den Amtssitz des Bundespräsidenten einzurichten, der bis dahin noch auf der Schweinheimer Viktorshöhe lag. Bereits im Januar des Jahres hatten die dazu durchgeführten Umbauten begonnen. Die beschädigten Stuck- und Ornamentdecken der Villa wurden entfernt, historische Terrassenaufbauten ebenso wie die zwei charakteristischen Türmchen abgerissen. Auf den zum Teil erhaltenen Mauern des ebenfalls abgetragenen Stall- und Remisengebäudes entstand das Hauptgebäude des neuen Bundespräsidialamts (Kaiser-Friedrich-Straße 16), im Park ein weiteres Verwaltungsgebäude (Adenauerallee 135a). Am 15. Dezember 1950Stadt Bonn, Stadtarchiv (Hrsg.); Helmut Vogt: „Der Herr Minister wohnt in einem Dienstwagen auf Gleis 4“. Die Anfänge des Bundes in Bonn 1949/50, Bonn 1999, ISBN 3-922832-21-0, S. 159–163.offizielle Seite des Bundespräsidenten – Geschichte der Villa Hammerschmidt. bezog Bundespräsident Theodor Heuss (1949–59) offiziell die Villa Hammerschmidt, auch wenn er es vorgezogen hätte, in seinem bisherigen Dienstsitz auf der Viktorshöhe zu bleiben.

Nichtsdestoweniger nutzte Heuss die Villa Hammerschmidt im Gegensatz zu späteren Amtsinhabern auch als Wohnsitz. Im angrenzenden Muschelbau wurde eine Wohnung für den Chef des Bundespräsidialamts eingerichtet.Ursula Salentin: Die Villa Hammerschmidt als Amts- und Wohnsitz der Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland. In: Ursula Salentin, Liselotte Hammerschmidt: Chronik der Villa Hammerschmidt und ihrer Bewohner. S. 164. Die Nibelungengrotte im Park wurde auf seinen Wunsch durch Beseitigung der Figuren unkenntlich gemacht.

Heuss’ Nachfolger Heinrich Lübke (1959–69) bewohnte die Villa nicht.Ursula Salentin: Die Villa Hammerschmidt als Amts- und Wohnsitz der Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland. In: Ursula Salentin, Liselotte Hammerschmidt: Chronik der Villa Hammerschmidt und ihrer Bewohner. S. 179. Unter anderem zwischen 1969 und 1984 kam es zu mehrfachen Umbauten der Villa, die jedoch die Raumdisposition unberührt ließen. 1971 entstand für Gustav Heinemann (1969–74) am südlichen Rande des Grundstücks ein überdachtes Schwimmbecken; im selben Jahr wurde der Muschelbau für die Unterbringung von Staatsgästen hergerichtet.Jörg Diester: Geheimakte Kanzlerbungalow. Bunker unter Regierungsbauten in Bonn und Berlin. Verlagsanstalt Handwerk, Düsseldorf 2017, ISBN 978-3-86950-427-8, S. 113, 118.Der Bundesminister für Wirtschaft und Finanzen: Über- und außerplanmäßige Haushaltsausgaben im 4. Vierteljahr des Haushaltsjahres 1971 (=Deutscher Bundestag – 6. Wahlperiode, Drucksache 6/3628 (PDF; 2,1 MB) S. 2). Walter Scheel (1974–79) ließ vor seinem Einzug Renovierungs- und Umbauarbeiten in Abstimmung mit dem Designer Paolo Nestler durchführenDer Bundesminister für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau (Hrsg.); Wolfgang Leuschner: Bauten des Bundes 1965–1980. C. F. Müller, Karlsruhe 1980, ISBN 3-7880-9650-0, S. 190–192. sowie während seiner Amtszeit einen Raum im Dachgeschoss für Kinovorführungen ausrüsten; er ist heute jedoch nicht mehr funktionstüchtig. Zudem verlegte er sein Arbeitszimmer vom Bundespräsidialamt in die Villa und die Büroräume seiner engsten Mitarbeiter nach dort und in den Muschelbau.Ursula Salentin: Die Villa Hammerschmidt als Amts- und Wohnsitz der Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland. In: Ursula Salentin, Liselotte Hammerschmidt: Chronik der Villa Hammerschmidt und ihrer Bewohner. S. 204. 1978 wurde ein Teil des straßenseitigen Gartens zwecks Schaffung einer Esplanade für das Wachbataillon beim Bundesministerium der Verteidigung betoniert, sodass fortan an der Villa häufiger Begrüßungszeremomien für Staatsgäste stattfanden.Charlotte Püttmann: Der Park der Villa Hammerschmidt in Bonn, S. 198. Karl Carstens (1979–84) bewohnte die Villa als zweiter Amtsinhaber nicht.Ursula Salentin: Die Villa Hammerschmidt als Amts- und Wohnsitz der Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland. In: Ursula Salentin, Liselotte Hammerschmidt: Chronik der Villa Hammerschmidt und ihrer Bewohner. S. 209–210. Während der Amtszeit Richard von Weizsäckers (1984–1994) wurde im Dachgeschoss an einer Tischtennisplatte Sport getrieben. Das Obergeschoss beherbergt die Privaträume des Bundespräsidenten. Im Erdgeschoss befinden sich die Repräsentationsräume, wie Empfangssaal, Kaminsaal, Speisesaal und Terrassenzimmer. Im Speisesaal hing bis 2005 das Canaletto-Gemälde Der Zwingergraben in Dresden. Das im Erdgeschoss befindliche Mobiliar wurde vom Schloss Wilhelmshöhe in Kassel zur Verfügung gestellt. Die vorherrschende Stilrichtung ist französisches Empire aus der Zeit um 1830. Üblicherweise werden die Einrichtungsgegenstände aus Leihgaben der Bundesländer sowie aus dem Fundus von Museen zusammengestellt. Auf der Rheinterrasse erhielten die Mitglieder eines neuen Bundeskabinetts in der Zeit der Villa als erster Dienstsitz ihre Ernennungsurkunde oder präsentierten sich gemeinsam mit dem Bundespräsidenten der Öffentlichkeit.

mini|Villa Hammerschmidt mit gehisster Standarte des Bundespräsidenten (2016) Infolge des Beschlusses zur Verlegung des Parlaments- und Regierungssitzes (1991) verlegte Bundespräsident Richard von Weizsäcker im Januar 1994 als erstes Verfassungsorgan seinen ersten Amtssitz nach Berlin ins Schloss Bellevue; Mitte Januar fanden dort erstmals seine traditionellen Neujahrsempfänge statt, Ende Januar zog er auch privat dorthin um.Bundespräsident zieht nach Berlin. In: Tagesspiegel, 22. Dezember 1993.In der Meisenstraße wollen die Berliner ihren Präsidenten sehen. In: Tagesspiegel, 31. Januar 1994. Seither wird die Villa Hammerschmidt als zweiter Amtssitz genutzt. Am 27. Oktober 1998 wurde mit dem Kabinett Schröder I letztmals durch den Bundespräsidenten eine Bundesregierung in der Villa ernannt; im November 1998 zog das Bundespräsidialamt als erste oberste Bundesbehörde in die Hauptstadt.Foto Kabinett Schröder bei Roman Herzog. LeMO.Christian van Lessen: In Bonn kein Anschluß unter Herzogs Nummer. Tagesspiegel, 4. November 1998. Das letzte im Bonner Amtssitz ernannte Kabinettsmitglied war am 12. April 1999 Bundesfinanzminister Hans Eichel.Taufrischer Finanzminister. Der Spiegel, 12. April 1999.