mini|Marlene Dietrich in Der blaue Engel Der blaue Engel ist eine deutsche Tragikomödie und einer der frühesten deutschen Tonfilme. Er entstand in den Jahren 1929–30 unter der Regie von Josef von Sternberg für die UFA. Das Drehbuch schrieben Carl Zuckmayer und Karl Gustav Vollmoeller sowie Robert Liebmann unter Mitwirkung des Autors nach dem Roman Professor Unrat von Heinrich Mann. Der Film zeigt Emil Jannings als Professor Immanuel Rath, einen älteren Lehrer, der sich in die von Marlene Dietrich gespielte Varietésängerin Lola Lola verliebt und daran zugrunde geht.

Die Uraufführung des Films fand am 1. April 1930 im Berliner Gloria-Palast statt. Die gleichzeitig mit denselben Schauspielern entstandene englische Fassung The Blue Angel wurde am 4. Juli in London uraufgeführt.

Handlung Immanuel Rath ist Gymnasialprofessor in einer deutschen Kleinstadt – ein pedantischer und verschrobener Mann, der unter seinen Schülern und stadtweit nur Unrat genannt wird. Eines Tages entdeckt er während des Unterrichts bei einem seiner Schüler eine Fotokarte einer Tingeltangel-Sängerin, die im Hafen-Varieté „Der blaue Engel“ ein Gastspiel gibt. Rath wittert sofort Unzucht und macht sich – aus rein pädagogischen Gründen, wie er sich selbst einzureden versucht – auf den Weg, um das verrufene Lokal in Augenschein zu nehmen.

Lola Lola – so der Künstlername der Sängerin – ist mit Umziehen beschäftigt, als der Lehrer sie zur Rede stellt. Rath kann – zu seinem eigenen Erstaunen – die Augen nicht von der lasziven, aber gewöhnlichen Schönheit abwenden. Ein Dessous, das der völlig verwirrte Professor zu Hause in seiner Manteltasche findet, gibt ihm einen Grund, Lola wieder aufzusuchen. Er verfolgt eine ihrer Gesangsnummern, verbringt die Nacht mit ihr – und ist ihrem dubiosen Charme so sehr verfallen, dass er den Dienst quittiert, um sie zu heiraten.

Die Sängerin scheint ihrerseits nur an Raths Geld interessiert zu sein. Nachdem sein kleines Vermögen aufgebraucht ist, geht es mit der ohnehin merkwürdigen Verbindung bergab. Rath verkommt zusehends, bringt es aber nicht fertig, sich von seiner Frau zu trennen. Seine kurzen Proteste gegen seinen Verfall werden von Lola meist sofort erstickt. So resigniert Rath schließlich und lässt alles nur noch wortlos über sich ergehen. Allerdings verliert er darüber auch immer mehr den Verstand. Als die Truppe wieder in seiner Heimatstadt gastiert, wird Rath von der Sängerin und dem Zauberkünstler Kiepert zu einer entwürdigenden, aber wegen seiner örtlichen Bekanntheit hohe Zuschauerzahlen versprechenden Clownsnummer gezwungen. Während die ebenfalls anwesenden Gymnasiallehrer über die Vorführung ihres ehemaligen Kollegen empört sind, ist der überwiegende Rest der Menge von Raths tragikomischem Auftritt begeistert. Unterdessen beobachtet Rath, wie Lola mit dem Artisten Mazeppa anbändelt. Wutentbrannt und tobsüchtig versucht er daraufhin, Lola, die sich keiner Schuld bewusst ist, zu erwürgen, jedoch halten ihn die weiteren Artisten zurück und Mazeppa steckt ihn sogar in eine Zwangsjacke. Kiepert bedauert nach diesem Ereignis, dass Rath seine gesellschaftliche Stellung für Lola aufgegeben hat und derart heruntergekommen ist.

Nachdem Rath kurz darauf seiner Fesseln befreit ist, entfernt er sich während eines Auftritts von Lola heimlich aus dem „Blauen Engel“. Es zieht ihn noch einmal zu seiner ehemaligen Schule in sein Klassenzimmer, in dem er schließlich festgekrallt am Katheder stirbt.

Produktion Vorarbeiten, Kosten, Erfolg Am Anfang des Films stand eine Idee des Ufa-Produzenten Erich Pommer und des Schauspielers Emil Jannings. Sie hatten sich vorgenommen, einen großen, beeindruckenden Film zu schaffen, der weltweit Aufsehen erregen sollte. Nachdem Fritz Langs Monumentalfilm Metropolis von 1927 zum finanziellen Desaster geraten war, befand sich die Ufa in Schwierigkeiten. Man brauchte ein prestigeträchtiges Projekt. Jannings war im Mai 1929, nachdem er fast drei Jahre in den USA verbracht hatte, zurückgekehrt und drängte darauf, Josef von Sternberg, mit dem er in den Vereinigten Staaten so erfolgreich zusammengearbeitet hatte, als Regisseur einzusetzen, da er seinen ersten Tonfilm unbedingt mit diesem drehen wollte. Als dieser im August 1929 in Berlin eintraf, war das ein Ereignis, auch weil die Ufa erfolgreich die Werbetrommel gerührt hatte.

Der Dramatiker Carl Zuckmayer war von der Ufa bereits als Drehbuchschreiber angekündigt worden, obwohl noch nicht klar war, welcher Stoff verfilmt werden sollte. An dem vorgeschlagenen Filmstoff über Rasputin war Sternberg jedoch nicht interessiert. Irgendwann kristallisierte sich heraus, dass es ein Stoff von Heinrich Mann sein sollte. Man einigte sich dann auf dessen 1905 erschienenen Roman Professor Unrat, einen Roman, der „eine einzige Attacke gegen das korrupte und heuchlerische deutsche Kleinbürgertum“ war. Als der Film in Planung war, waren die Zeiten in Deutschland schlecht: Wirtschaftskrise und hohe Arbeitslosigkeit sowie politischer Extremismus von rechts und links kündigten den Untergang der Weimarer Republik an. Doch befand sich die Ufa bereits 1927 „fest in deutschnationaler Hand“. Sie gehörte der Scherl-Gruppe an, „an deren Spitze der Pressezar Alfred Hugenberg, ein erzkonservativer deutschnationaler Industrieller und erklärter Feind der Republik, stand“, dem der Stoff nicht sonderlich zusagte. Da der Einfluss bestimmter Gruppen auf die Ufa noch nicht gegeben war, konnten der jüdische Produzent Erich Pommer, ein jüdischer Regisseur sowie ein jüdischer Komponist und jüdische Schauspieler wie beispielsweise Kurt Gerron verpflichtet werden, und man konnte den Stoff eines bekennenden Republikaners, Heinrich Manns, durchsetzen. Um ein künstlerisches Werk zu schaffen, das gleichzeitig aufgrund der prekären Situation der Ufa erfolgreich sein sollte, benötigte man die erste Garde für diesen Film, „ob jüdisch oder nicht“. Das war der Grund, dass die Ufa-Direktion trotz politischer Bedenken Zustimmung für die gegebene Konstellation signalisierte. Der Stoff bot neben einer dramatischen Story eine für Emil Jannings maßgeschneiderte Rolle im halbseidenen Milieu des Tingeltangels, denn schon damals wusste man, Sex bringt die Besucher ins Kino.Leslie Frewin: Marlene Dietrich – Ihre Filme – ihr Leben. Heyne Filmbibliothek Nr. 32/79, Wilhelm Heyne Verlag, München, 1984, ISBN 3-453-86074-8, S. 43–48, 60.

Sternberg galt als kompliziert und war bei seinen Kollegen nicht sehr beliebt. Seine dominante Persönlichkeit gepaart mit seinem Drang nach Unabhängigkeit brachten ihm immer wieder Ärger mit den Produzenten ein. Der Roman wurde zu einem Filmstoff umgearbeitet, der mit Heinrich Manns Vorlage nur noch wenig zu tun hatte.

Dass Emil Jannings die männliche Hauptrolle spielen sollte, stand fest; wer die Lola Lola spielen sollte, war strittig. Trude Hesterberg, mit der Mann befreundet war und die ihn um die Freigabe seines Romans zur Verfilmung gebeten hatte, da sie sich für die Rolle der Rosa Fröhlich interessierte, Lucie Mannheim und Brigitte Helm kamen in die engere Wahl, entsprachen jedoch nicht Sternbergs Vorstellungen. Der Regisseur meinte, keine verfüge über das „Ewig-Weibliche“, das er suche. Anders Maly Delschaft, die jedoch nicht zu erreichen war. Als Sternberg einen Besetzungskatalog durchblätterte, stieß er auf das Bild eines Fräulein Dietrich. Als er seinem Assistenten das Bild zeigte, meinte dieser, der Popo sei nicht schlecht, aber brauche man nicht auch ein Gesicht? Sternberg sah sich sodann die Revue Zwei Krawatten an, in der Hans Albers spielte, der für die Rolle des Mazeppa vorgesehen war und Sternbergs Zustimmung fand. Sein Blick fiel auf eine junge Frau, „die zwar nicht besonders schlank war, sich aber vollendet zu bewegen wusste“; er war von ihr fasziniert und sicher, in Marlene seinen Star gefunden zu haben.

Als er Dietrich die Rolle anbot, hatte sie Zweifel. Sie meinte, sie sei nicht wirklich fotogen und besitze auch kein Talent für den Film, zudem traue sie sich die Rolle nicht zu. Sternberg ließ jedoch nicht locker. Sie erschien zwar zum mit dem Regisseur vereinbarten Termin, ließ aber durchblicken, dass ihr bei der Rolle nicht ganz wohl sei: „Ein Fräulein von Losch in dieser Nuttenrolle – ihre Familie würde nicht erfreut darüber sein.“ Sie warnte Sternberg erneut, sie sei in Filmen schrecklich mit ihrer „Entennase“. Sternbergs geniale Idee war es, sie von diesem „Entennasentrauma“ zu befreien, indem er ihr einen dunklen Schminkstrich auf dem Nasenrücken verordnete. Sternbergs Vorstellung vom weiblichen Urbild sah er in Dietrich bestätigt. Er war von seiner Wahl restlos überzeugt und brachte Dietrich dazu, einen Vertrag zu unterschreiben. Weder Pommer noch Jannings waren von Marlenes Mitwirkung begeistert. Sternberg war fest entschlossen, Marlene Dietrich einen Hollywood-Vertrag zu verschaffen, denn für ihn stand es fest, die Entdeckung seines Lebens gemacht zu haben.

Trotz der wirtschaftlich angespannten Lage sparte man bei diesem Prestigeprojekt nicht. Mit zwei Millionen Reichsmark wurde der Film zur teuersten Pommer-Produktion der Ufa. Emil Jannings’ Gage von 200.000 Reichsmark stellte seinerzeit eine Rekordgage dar, wohingegen sich Marlene Dietrich mit 25.000 Reichsmark zufriedengeben musste, da sie zu diesem Zeitpunkt noch kein Star war. Regisseur Josef von Sternberg bekam 40.000 Reichsmark, Heinrich Mann für die Filmrechte an seinem Roman 25.000 Reichsmark plus weiterer 10.000 Reichsmark nach der US-Premiere der englischen Fassung am 5. Dezember 1930 in New York.

Die Höhe des Produktionsetats war nicht allein den Spitzenhonoraren geschuldet. Tonfilme bedeuteten seinerzeit einen vermehrten technischen Aufwand und somit auch höhere Kosten. „Gedreht wurde der Film im sogenannten Ton-Kreuz, das erst im September auf dem Ufa-Filmgelände in Neubabelsberg fertiggestellt worden war: Dabei handelte es sich um einen kreuzförmig angelegten Bau, der wegen seiner Schalldämmung wie ein Bunker wirkte und vier modern ausgestattete Tonfilmateliers beherbergte.“ Die Drehzeit von fast drei Monaten war für damalige Verhältnisse überaus lang. Nachdem der Film im Kino angelaufen war, war jedoch schnell klar, dass der Aufwand sich gelohnt hatte, denn Der blaue Engel wurde zu dem Erfolg beim Publikum, den man sich erhofft hatte.

Dreharbeiten, Produktionsnotizen Die Dreharbeiten fanden im Zeitraum 4. November 1929 bis 22. Januar 1930 in den Ufa-Ateliers in Neubabelsberg, dem heutigen Studio Babelsberg in Potsdam, statt.

Die Zusammenarbeit von Sternberg und Marlene Dietrich gestaltete sich sehr eng, wobei spürbar war, dass Dietrich unbegrenztes Vertrauen und Hochachtung für Sternbergs künstlerische Fähigkeiten hegte und sich im Glauben an seine Kreativität vollständig seinem Willen unterwarf. Jannings wiederum war über die Entwicklung nicht sehr glücklich, schließlich handelte es sich um seinen ersten Tonfilm, aber die erste Geige schien Marlene Dietrich zu spielen. Er litt darunter, dass der Dietrich ein ungewohntes Maß an Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Zu den Dreharbeiten gesellte sich auch Heinrich Mann, der verstimmt war, dass seine Freundin Trude Hesterberg die Rolle der Lola nicht bekommen hatte. Als Jannings sich einige abgedrehte Filmszenen mit dem Autor anschaute und Mann lobheischend anschaute, meinte dieser: „Herr Jannings, den Erfolg dieses Films werden in erster Linie die nackten Oberschenkel der Frau Dietrich machen!“ Jannings soll sehr wütend über diese Aussage gewesen sein.