Die Surtees Racing Organisation (zeitweise: TS Research and Developments Ltd.) war ein von John Surtees gegründeter britischer Hersteller von Rennwagen, der in den 1960er- und 1970er-Jahren Wettbewerbsfahrzeuge für die Formeln 1, 2 und 5000 produzierte. Verbunden damit war ein als Team Surtees bezeichneter Rennstall, der die eigenen Autos in diesen Klassen werksseitig einsetzte. Am längsten – von 1970 bis 1978 – war Surtees in der Formel 1 vertreten. Während das Team 1972 die Formel-2-Europameisterschaft gewann und in den ersten Jahren zu den besten Rennställen der Europäischen Formel-5000-Meisterschaft gehörte, erzielte Surtees in der Formel 1 nur wenige Erfolge.

Geschichte mini|hochkant|John Surtees

Gründer des Teams war der britische Rennfahrer John Surtees. Surtees hatte sieben Meistertitel im Motorradsport gewonnen, bevor er 1960 zum Automobilsport wechselte. Er fuhr in den folgenden zehn Jahren für Lotus, Ferrari, Cooper, Lola, Honda und BRM. Mit Ferrari gewann er 1964 die Formel-1-Weltmeisterschaft. Außerdem nahm Surtees regelmäßig an Sportwagenrennen teil. Seit 1966 unterhielt Surtees ein eigenes Sportwagenteam, mit dem er in der nordamerikanischen CanAm-Serie antrat. Im ersten Jahr gewann Surtees mit seinem Team und einem werksunterstützten Lola T70 die CanAm-Meisterschaft. Dieses Sportwagenteam wurde zur Grundlage für Surtees’ Entwicklung zu einem eigenständigen Konstrukteur.Doug Nye: Das große Buch der Formel-1-Rennwagen. Die Dreiliterformel ab 1966. Verlagsgesellschaft Rudolf Müller, Köln 1986, ISBN 3-481-29851-X, S. 224.

John Surtees galt schon während seiner Zeit als aktiver Rennfahrer als technikaffin. Er brachte sich bei seinen Teams stark in die Chassisentwicklung ein. Das galt für Cooper und Lola, vor allem aber für Honda, dessen RA300 von Surtees in vielen Details beeinflusst wurde.Pierre Ménard: La Grande Encyclopédie de la Formule 1, 2. Auflage, St. Sulpice, 2000, ISBN 2-940125-45-7, S. 507.

Ungeachtet dessen wurde John Surtees lediglich „durch Zufall“David Hodges: Rennwagen von A–Z nach 1945, Stuttgart 1993, ISBN 3-613-01477-7, S. 237. zum eigenständigen Rennwagenkonstrukteur: Ende 1968 vermittelte Surtees zwischen dem britischen Designer Len Terry und dem amerikanischen Schauspieler James Garner, der in den USA ein Formel-5000- (bzw. Formel-A-) Team mit der Bezeichnung American International Racing (AIR) aufbauen wollte. Garner wollte zwei von Len Terry konstruierte Chassis übernehmen und sie 1969 in den USA mit einem Motor von AMC für die Piloten David Hobbs und Scooter Patrick an den Start bringen. Parallel dazu sollte das britische Team Surtees zwei weitere Chassis in der Europäischen Formel-5000-Meisterschaft melden. Das US-amerikanische Projekt verzögerte sich zunächst durch ausbleibende Motorenlieferungen von AMC. Als dann die ersten Chassis im April 1969 in Riverside getestet wurden, erlitten beide einen Aufhängungsbruch. Garner, dessen Budget zu diesem Zeitpunkt bereits erschöpft war, gab daraufhin das Formel-5000-Projekt vollständig auf. John Surtees, der zu dieser Zeit ein Werkscockpit für BRM in der Formel 1 hatte, übernahm alle Formel-5000-Autos, die die Bezeichnung TS5 erhielten, und führte das Projekt mit dem Team Surtees alleine fort.Zur Frühgeschichte des Teams vgl. die Darstellung auf www.oldracingcars.com (abgerufen am 4. Mai 2016). Nach einigen Änderungen entwickelte sich der TS5 zu einem der besten Fahrzeuge der Europäischen Formel-5000-Meisterschaft 1969, sodass die Surtees-Piloten David Hobbs und Trevor Taylor um den Titel kämpfen konnten.

Aus diesem Projekt entwickelte sich Surtees’ Formel-1-Programm, das 1970 mit dem TS7 begann. Anders als in der Formel 5000, nahm John Surtees von 1970 bis 1972 regelmäßig mit eigenen Autos an der Formel-1-Weltmeisterschaft teil. 1971 ergänzte er sein Team mit Mike Hailwood, der wie er seine Rennfahrerkarriere im Motorradsport begonnen hatte. Mit Hailwood kam auch dessen Manager Rob Walker zu Surtees, der sein traditionsreiches Privatteam Rob Walker Racing Ende 1970 nach eineinhalb Jahrzehnten eingestellt hatte. Walker brachte seine Sponsoren, darunter die Teemarke Brooke Bond Oxo, zu Surtees, und in den folgenden zwei Jahren meldete sich der Rennstall gelegentlich als Rob Walker Team Surtees. Ab 1973 konzentrierte sich John Surtees auf das Management und die Konstruktion von Rennwagen. In dieser Zeit wurde die Formel 1 zum zentralen Standbein des Unternehmens. Das Formel-5000-Engagement wurde Ende 1972 eingestellt, und die als Ersatz aufgenommene Produktion von Formel-2-Fahrzeugen brachte ungeachtet sportlicher Erfolge keinen Gewinn. Damit begann auch der sportliche Niedergang von Surtees. Er wurde durch das Formel-1-Modell TS14 eingeleitet, das nicht konkurrenzfähig war, wegen schwacher Finanzen aber mehr als eine Saison ohne wesentliche Veränderungen eingesetzt werden musste.David Hodges: Rennwagen von A–Z nach 1945, Stuttgart 1993, ISBN 3-613-01477-7, S. 239.

In der Formel 1 fuhren in acht Jahren 40 Fahrer für das Surtees-Werksteam. Viele von ihnen waren Paydriver, die Surtees vor allem wegen der finanziellen Unterstützung durch ihre Sponsoren verpflichtete. Zu den Surtees-Piloten gehörten Alan Jones, Rolf Stommelen, Mike Hailwood, Jochen Mass und Helmut Koinigg. Letzterer verunglückte beim Großen Preis der USA in Watkins Glen 1974 tödlich; es war der einzige tödliche Unfall in einem Surtees. 1978 wurde der Rennstall, trotz eines bereits fertiggestellten Wagen für die kommende Saison, wegen finanzieller Schwierigkeiten aufgelöst.

Rennwagenkonstrukteur Seit Mitte der 1960er-Jahre unterhielt Surtees in Slough eine Werkstatt, die später in die Gemeinde Edenbridge in der Grafschaft Kent verlegt wurde. In ihr entstanden seit Ende des Jahrzehnts alle von Surtees konstruierten Rennwagen. Die Produktion begann 1968 mit einem Formel-5000-Fahrzeug, dessen Konstruktion Surtees von Len Terry übernommen hatte. In den folgenden zehn Jahren entstanden etwa 80 Chassis für die Formeln 5000, 1 und 2. In den ersten Jahren waren John Surtees, Peter Connew und Shahab Ahmed die verantwortlichen Konstrukteure. Connew trennte sich allerdings Ende 1971 im Streit von Surtees und legte ein eigenes Formel-1-Projekt auf, das kurzlebig war und zu „den größten Flops der Formel-1-Geschichte“ gehörte.Heinz Prüller: Knall und Fall. Große Ideen zerplatzen wie Seifenblasen – die Formel-1-Flops. In: Auto Motor und Sport, Heft 6/1987, S. 284 ff. Beginnend mit dem TS14 verantwortete Surtees die Chassis zunächst allein, später kamen wechselnde Ingenieure hinzu, die vor allem beratend tätig waren.

Surtees gab seinen Konstruktionen fortlaufende Modellbezeichnungen, die keinen Hinweis auf die Rennklasse enthielten, für die sie bestimmt waren. Die Zählung begann bei dem Modell TS5 und setzte sich bis zum TS20 fort. Modelle mit den Bezeichnungen TS1 bis TS4 gab es nicht. Zuvor hatte Surtees allerdings vier Motorradchassis entworfen, die als JS1 bis JS4 bezeichnet wurden. Nicht realisiert wurden die Projekte TS6 und TS17 (Formel-5000-Modelle) sowie TS12 (Rennsportwagen). Ein TS21 für die Formel-1-Saison 1979 war Ende 1978 fertig konstruiert, allerdings fertigte das Team nur noch einzelne Komponenten; das Auto wurde nicht mehr komplett aufgebaut.

Rennwagen der Surtees Racing Organisation Klasse Typ Baujahr StückzahlDie Produktion der hier angegebenen Fahrzeuge ist durch Meldelisten bei Renneinsätzen belegt. Möglich, aber nicht abschließend dokumentiert ist die Produktion einiger weiterer Fahrzeuge, die nicht zu Renneinsätzen gemeldet wurden. Die Originalität einiger Fahrzeuge, die teilweise mit Zeitverzug auf dem Markt erschienen, ist nicht belegt. Das gilt insbesondere für einige Formel-5000-Fahrzeuge in den USA. Hier ist denkbar, dass sie aus verschiedenen früher produzierten Exemplaren nachträglich zusammengesetzt wurden. Zu Einzelheiten diesbezüglich siehe die detaillierte Aufstellung über Surtees’ Formel-5000-Autos bei www.oldracingcars.com (abgerufen am 4. Mai 2016). Gesamt Formel 5000 Surtees TS5 1969 7 30 Surtees TS5A 1970 10 Surtees TS8 1971 9 Surtees TS11 1972 4 Formel 1 Surtees TS7 1970 2 28 Surtees TS9 1971 6 Surtees TS14 1972 5 Surtees TS16 1974 5 Surtees TS19 1976 7 Surtees TS20 1978 3 Formel 2 Surtees TS10 1972 7 ca. 12 Surtees TS15 1973 5

Team Surtees – Das Werksteam Team Surtees in der Formel 5000 Der Rennwagenkonstrukteur Surtees hatte seinen Ursprung in der Formel 5000. Bis 1972 konstruierte Surtees drei verschiedene Modelle für diese Klasse. Alle Typen wurden sowohl in der nordamerikanischen als auch in der Europäischen Formel 5000-Meisterschaft eingesetzt. In Nordamerika war Surtees bis 1970 und in Europa bis 1971 mit einem Werksteam vertreten; daneben wurden die Autos regelmäßig an Kunden verkauft. Mit Ablauf des Jahres 1972 beendete Surtees das Formel-5000-Engagement. Seine Autos waren aber noch bis 1973 (USA) bzw. 1974 (Europa) bei Kunden im Einsatz.

Europäische Meisterschaft mini|hochkant|1971 Europäischer Vizemeister mit Surtees: Mike Hailwood

Das Team Surtees debütierte werksseitig beim ersten Rennen der Europäischen Formel-5000-Meisterschaft 1969. Der Surtees TS5 war eines der besten Fahrzeuge der Saison. Siegen konnte das Team Surtees allerdings nur bei Rennen, zu denen der dominierende Peter Gethin, der einen werksunterstützten McLaren M10 des Church Farm Racing fuhr, wegen anderweitiger Verpflichtungen nicht antrat. Bei direkten Aufeinandertreffen hingegen gewann, wenn nicht beide Teams technische Probleme hatten, regelmäßig Gethin. Der Surtees-Werkspilot Trevor Taylor gewann auf diese Weise vier der insgesamt zwölf Rennen des Jahres, sein Teamkollege David Hobbs gewann eines. Im Herbst 1969 gab Surtees das werksseitige Engagement in der europäischen Serie vorübergehend auf; die Wagen wurden von Elite Racing übernommen, das weiterhin Trevor Taylor als Fahrer meldete. Taylor beendete die Saison 1969 als Zweiter.

In der Saison 1970 trat Surtees wieder mit einem Werksteam in der Europäischen Meisterschaft an. Fahrer waren erneut Trevor Taylor und David Hobbs. Die Erfolge waren allerdings geringer als in der Debütsaison. Einerseits brachte der nur leicht überarbeitete Surtees TS5A keine Verbesserungen; andererseits waren die Kapazitäten des Unternehmens durch die Entwicklung eines Formel-1-Autos stark beansprucht, das im Mai 1970 debütierte. In der Formel 5000 konnte sich Surtees gegen die dominierenden Chassis von McLaren und Lola nicht durchsetzen. Taylor gewann nur eines der insgesamt 20 Rennen der Saison, Hobbs keines. Taylor belegte am Jahresende mit 33 Punkten Rang sieben der Fahrerwertung, Hobbs, der vorrangig in den USA engagiert war, hatte nur zwei Punkte eingefahren und war Neunzehnter.

In der Saison 1971 erhielt Surtees Konkurrenz durch Lola Cars, die jetzt ihrerseits ein Werksteam unterhielten. Lola trat mit Frank Gardner an, der fünf von 17 Rennen gewann. Für das Surtees-Werksteam, das nun den neu entwickelten TS8 einsetzte, fuhr der ehemalige Motorradweltmeister Mike Hailwood. Er siegte bei drei Rennen. Gardner gewann in diesem Jahr den Meistertitel, Hailwood wurde Zweiter.

Ab 1972 nahm Surtees nicht mehr werksseitig an der Europäischen Meisterschaft teil. Der für dieses Jahr neu entwickelte TS11 ging in Europa exklusiv an das von Jack Epstein organisierte Team Speed International Racing, das den Wagen für den Niederländer Gijs van Lennep einsetzte. Lennep gewann zwar nur zwei Rennen, wurde aber viermal Zweiter und dreimal Dritter und konnte so mehr Meisterschaftspunkte einfahren als sein Konkurrent Graham McRae, der mit seinem selbst konstruierten Rennwagen vom Typ Leda viermal siegte. Lennep gewann im Kunden-Surtees die Meisterschaft 1972. In den folgenden Jahren spielte Surtees keine Rolle mehr in der Europäischen Formel 5000.

Amerikanische Meisterschaft mini|Sam Poseys Surtees TS11 mit Chevrolet-V8-Motor (1972)