Tauben im Gras ist der Titel eines Romans von Wolfgang Koeppen aus dem Jahr 1951 und das erste Werk der sogenannten Trilogie des Scheiterns. In 105 episodenhaften Sequenzen wird vom Leben von über 30 Haupt- und Episodenfiguren in einer bayrischen Großstadt unter amerikanischer Besatzung während der Nachkriegszeit, geprägt von ihren gesellschaftlichen und sozialen Verhältnissen, erzählt. Tauben im Gras gilt wegen des an Mustern der Montagetechnik und des inneren Monologs moderner Romane orientierten Aufbaus als bedeutendes literarisches Werk. 2023 entzündete sich ein Diskurs über die Verwendung rassistischer Begriffe für schwarze Personen.
Inhalt Überblick Verschiedene zeitlich parallel laufende Handlungen spielen an einem Tag um das Jahr 1950 herum in einer bayerischen Großstadt, vermutlich München. Die Spuren des Zweiten Weltkriegs sind noch im Stadtbild präsent, aber das Leben der durch die Kriegserlebnisse geprägten Menschen beginnt sich allmählich zu beruhigen und die Lebensverhältnisse verbessern sich gegenüber den ersten Nachkriegsjahren. Luxusgüter bekommen die nicht vermögenden Deutschen allerdings oft nur durch Beziehungen zu Amerikanern. Die dabei entstehenden Affären und Freundschaften deutscher Frauen mit schwarzen Besatzungssoldaten werden von Teilen der Bevölkerung mit rassistischen Vorurteilen bewertet.
Die schnell wechselnden kaleidoskopartigen Szenen zeigen einzelne Personen bei ihren Gängen durch die Stadt und ihren Begegnungen: Menschen mit Nazi-Vergangenheit und -Denkschablonen, die Kriegerwitwe Carla und ihren Liebhaber Washington Price, einen amerikanischen Soldaten, im schwarz-weißen Vorurteilskonfliktfeld, den Schriftsteller Philipp mit großen Ambitionen, aber Schreibblockaden und seine ihn mit dem Verkauf des Familienschmucks finanzierende depressive Frau Emilia und ihren Psychiater Behude, den erfolgreichen Filmschauspieler Alexander und seine partysüchtige Frau Messalina. Dazu kommen amerikanische Touristen, die sich ein Bild von der Zerstörung und dem Aufbau machen wollen: der bekannte, um die abendländische Kultur in Europa besorgte Dichter Mr. Edwin auf seiner Vortragsreise, der deutschstämmige Flieger Richard Kirsch auf Verwandtenbesuch, eine Gruppe amerikanischer Lehrerinnen, u. a. die junge Kay, der schwarze Soldat Odysseus Cotton, der sich auf seiner Besichtigungstour vom alten Dienstmann Josef seinen Musikkoffer tragen lässt, Christopher Gallagher mit seinem Sohn Ezra, während seine jüdische, vor dem Krieg in die USA emigrierte Frau Deutschland meidet und in Paris auf ihn wartet…
Auf diese Figuren bezieht sich der Romantitel. Sie sind mit Tauben im Gras vergleichbar: „Die Vögel sind zufällig hier, wir sind zufällig hier, und vielleicht waren auch die Nazis nur zufällig hier […] vielleicht ist die Welt ein grausamer und dummer Zufall Gottes, keiner weiß warum wir hier sind. Die Vögel werden wieder auffliegen und wir werden weitergehen“.Wolfgang Koeppen: Tauben im Gras. In: Drei Romane. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1986, S. 179. Auf S. 224 wird der Titel als Zitat von Gertrude Stein erklärt. Die meisten Begegnungen sind zufällig, z. B. die Emilias mit Mr. Edwin im Antiquariat de Voss und mit Kay beim Juwelier Schellack oder Philipps und Mr. Edwins stummes Treffen im Hotel. Zuvor ist dort Philipp bei seinem Versuch, Edwin für das „Neue Blatt“ zu interviewen, von der Lehrinnen-Reisegruppe mit dem berühmten Dichter verwechselt worden und hat dabei die junge Kay kennengelernt.
Im Romanverlauf vernetzen und verdichten sich die einzelnen Handlungsstränge zunehmend und einige Themen und Beziehungen mit ihren Problemfeldern werden herauspräpariert. Zum Schluss hin entwickelt sich die Rassendiskriminierung, angeheizt durch Gerüchte über Ermordungen, dramatisch zu Angriffen auf schwarze Soldaten mit Steinigungen, deren Opfer Unschuldige sind.
Kulturszene Geprägt ist das kulturelle Leben der Stadt durch das Unterhaltungs- und Vergnügungsbedürfnis der Nachkriegsbevölkerung. Anziehungspunkte sind Kinos und Musikveranstaltungen. Künstler, die sich nicht diesem Trend anpassen wollen, spielen ein Randdasein, im Bohème-Milieu oder als Einzelgänger. Kontrastfiguren sind in diesem Zusammenhang der Filmstar Alexander und der Schriftsteller Philipp.
Philipp ist ein Einzelgänger und meidet die Gesellschaft. Er träumt davon, einen großen Roman zu schreiben und berühmt zu werden, doch er hat nicht die Kraft dazu, mit der Arbeit zu beginnen.Viele Kritiker, u. a. Reich-Ranicki, sehen ihn als ein Selbstbildnis Koeppens. Uwe Wittstock: MRR im Interview: Wolfgang Koeppen „war der Modernste“. In: Die Welt. 17. Juni 2006. Für den von seiner Frau vermittelten Auftrag, für den Filmstar Alexander ein Drehbuch zu schreiben, ist er nicht motiviert. Es entspricht nicht seiner Auffassung von echter Dichtung und er verdient mit widerwillig geschriebenen Zeitungsartikeln gelegentlich etwas Geld. Seine Frau Emilia hat einen großen Teil ihres großväterlichen Erbes im Krieg und durch die Währungsreform verloren und finanziert ihr Leben durch den demütigenden Unter-Wert-Verkauf von Silbergeschirr, Familienschmuck und Antiquitäten aus ihrer verfallenen Villa. Meistens muss sie die niedrigen Gebote der Händler akzeptieren. Einmal zeigt sie dem Juwelier Schellack, der den Preis für die Perlen ihrer Großmutter herunterhandeln will, ihren Stolz und schenkt den Schmuck demonstrativ einer Kundin, der jungen Amerikanerin Kay. Über Philipps Lethargie ist sie frustriert, sie trinkt viel in ihren Stammkneipen und gerät dann zu Hause, wenn sie mit ihrem Mann zusammentrifft, außer Kontrolle. Nach ihrem letzten Zornanfall hat Philipp die Wohnung in der Fuchsstraße verlassen und übernachtet im Hotel „Zum Lamm“.
Emilia ist durch ihre Liebe zum Alkohol mit Messalina bekannt, der Frau des Filmstars Alexander, mit dessen Szene der Roman beginnt: Am orgiastischen Abend seiner Frau Messalina, dem von ihm bewunderten „Lustross“, mit der transvestitischen Malerin Alfredo und der jungen Bohémienne Susanne war der von den Unterhaltungsfilmproduktionen ermüdete, impotente Schauspieler nur als Zuschauer beteiligt und fährt jetzt am Morgen, während die Gäste noch schlafen, ins Atelier zu Dreharbeiten für eine weitere Folge des Erzherzog-Films. Zeitgleich wird seine Tochter Hillegonda von der religiös fanatischen Kinderfrau Emmi zur Frühmesse in eine Kirche gebracht, um das Kind „von den Sünden der Eltern [zu] befreien“. Denn Messalina verkehrt nicht nur in der „guten Gesellschaft“, der „gesitteten Klasse“, sondern auch an deren zwielichtigen Rändern und ist ständig auf der Suche nach Partygästen und unterhaltsamen Frauen. So nimmt sie auch den Besuch des berühmten Mr. Edwins in der Stadt als Anlass zu einer Party nach dessen Vortrag. Aus Enttäuschung über Philipps Abwesenheit besucht Emilia zum ersten Mal das Haus des Schauspielers, betrinkt sich, geht aber vor der Orgie nach Hause, um dort zu toben.
Bei dem Versuch, Mr. Edwin im Auftrag der Zeitung „Neues Blatt“ zu interviewen, trifft Philipp im Hotel auf die Touristengruppe der amerikanischen Lehrerinnen aus Massachusetts, die ihn zuerst für den berühmten Dichter halten. Vor allem die 21-jährige Kay, „so unbefangen, so frisch […] von einer Jugend, wie man sie hier kaum noch sieht“,Wolfgang Koeppen: Tauben im Gras. In: Drei Romane. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1986, S. 105. ist eine glühende Edwin-Verehrerin und überträgt nach der Aufklärung des Irrtums ihr Interesse auf den deutschen Dichter Philipp. Beide treffen sich wieder am Abend bei Mr. Edwins Vortrag und Philipp lädt sie, von ihrer jugendlichen Begeisterung für Literatur und Poeten angetan, in sein hässliches Hotelzimmer ein. Kay geht aus Abenteuerlust, „Reiseromantik“ und Interesse „am Heim des deutschen Dichters“ mit, ist aber sogleich über die Atmosphäre der „Absteige“ ernüchtert, verabschiedet sich und lässt dem armen Schriftsteller den ihr von Emilia geschenkten Schmuck zurück.
Mr. Edwin Einige Kritiker glauben, dass das Vorbild für die Edwin-Figur T. S. Eliot sei. Auch gebe es Bezüge zu Thomas Mann und dessen Figur Gustav Aschenbach in der Novelle Der Tod in Venedig. Hilda Schauer: Denkformen und Wertesysteme in Wolfgang Koeppens Nachkriegstrilogie. Wien (Edition Praesens). 2004. S. 53 ist ein belesener philosophischer Dichter, der die bayerische Stadt im Wandel zwischen Vergangenheit und ungewisser Zukunft besucht, um eine Rede über die Gefährdung des europäischen Geistes zu halten. Er fühlt sich nicht den russischen literarischen „Dämonen verbunden, sondern der hellenistisch-christlichen Ratio, die Übersinnliches – in Maßen – nicht [ausschließt]“: „[A]ber schon schienen die vertriebenen Gespenster des Grausam-Absurden wiederaufzutauchen […] Die Stadt erschreckte ihn […] Sie hatte zu viel durchgemacht […] heimgesucht war sie. Hatte das Chaos gestreift, den Sturz in die Urgeschichte, jetzt hing sie wieder am Hang der Historie, hing schief und blühte, war es eine Scheinblüte?“Wolfgang Koeppen: Tauben im Gras. In: Drei Romane. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1986, S. 113, 114.
Am Abend erscheint ein heterogenes Publikum mit unterschiedlichen Interessen und Erwartungen im Saal des Amerikahauses, um die Rede des Weltreisenden über die Gefährdung der europäischen Kultur anzuhören. Für die meisten ist es ein gesellschaftliches Ereignis, bei dem man die Honoratioren der Stadt trifft. Die amerikanischen Lehrerinnen begeistern sich für den berühmten Autor und wollenvon ihm ein Autogramm. Der eigentlich schüchterne Redner fühlt sich von der großen Resonanz geschmeichelt. Sein Überblick über die europäische Philosophiegeschichte von der Antike an mit dem Appell zum Erhalt des europäischen Geistes wird jedoch durch Knackgeräusche der Lautsprecher schwer verständlich („Die Technik rebellierte gegen den Geist“Wolfgang Koeppen: Tauben im Gras. In: Drei Romane. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1986, S. 200.) und die meisten der bereits vom Inhalt überforderten Zuhörer schlafen ein. Auch Kai versteht ihren Dichter nicht. Der neben ihr sitzende Philipp erkennt, dass in Edwins Vortrag „Größe“ liegt und dass er doch „völlig folgenlos“, eine „vergebliche Beschwörung“ bleiben wird: „[E]r sagt uns nicht, was er sieht, was er sieht ist furchtbar […] nur manchmal lüftet er einen Schleier vor dem Grauen, vielleicht gibt es kein Grauen, vielleicht ist nichts hinter dem Schleier, er spricht nur für sich, vielleicht spricht er noch für mich, vielleicht für die Priester, ein Augurengespräch, die andern schlafen.“Wolfgang Koeppen: Tauben im Gras. In: Drei Romane. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1986, S. 219, 222 ff. Nach dem freundlichen Applaus verlässt Edwin sofort das Haus und streift durch „das Revier von Oscar Wildes goldenen Nattern“ auf der Suche nach schönen jungen Männern. Dort wird er von Heinz‘ Jungenbande, die in ihm „einen eleganten reichen Freier, ein komisches Geschäft“ erkannt haben, überfallen.Wolfgang Koeppen: Tauben im Gras. In: Drei Romane. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1986, S. 234.
Rassendiskriminierung Washington und Carla Washington Price, ein schwarzer amerikanischer Soldat aus Baton Rouge, ist in der Stadt stationiert und hat eine Affäre mit der Kriegerwitwe Carla. Frau Behrend, ihre Mutter, verurteilt dies als Schande. Sie leidet an ihrer „verlorenen Tochter“Wolfgang Koeppen: Tauben im Gras. In: Drei Romane. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1986, S. 149. in der sie Wesenszüge ihres Mannes, eines ehemaligen Obermusikmeisters der deutschen Wehrmacht, sieht, der sie wegen des „kleinen Tschechenmädchens“ Vlasta verlassen hat, sie aber weiterhin finanziell unterstützt. Jetzt spielt er mit seiner Kapelle in einem Klub der schwarzen US-Soldaten.