mini|Taschenbuchausgabe Der Tod in Rom ist der Titel eines 1954 publizierten Romans und das dritte Werk der sogenannten Trilogie des Scheiterns von Wolfgang Koeppen. In episodenhaften Sequenzen wird vom dreitägigen Treffen zweier Familien mit nationalsozialistischer Vergangenheit und ihren opponierenden Söhnen in Rom Anfang der 1950er Jahre erzählt. Wie Tauben im Gras gilt der Roman nicht nur wegen der Thematik, sondern auch wegen des an Mustern der Montagetechnik und des inneren Monologs moderner Romane orientierten Aufbaus als bedeutendes Werk der Nachkriegsliteratur.
Inhalt
Überblick Koeppens Roman spielt an drei Tagen in der Nachkriegszeit, Anfang der 1950er JahreDatierungshinweise: Indochinakrieg. Wolfgang Koeppen: Der Tod in Rom. In: Drei Romane. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1986, S. 432, 613. und handelt von einem Zusammentreffen der Familien Pfaffrath und Judejahn in Rom. Friedrich Wilhelm Pfaffrath reist mit Frau Anna, Schwägerin Eva und Sohn Dietrich an. Während der Zeit des Nationalsozialismus war er Regierungsrat. Bei der Entnazifizierung nach dem Krieg als Mitläufer eingestuft, weil er nicht an Verbrechen beteiligt war, wurde er im neuen demokratischen Staat zum Oberbürgermeister seiner Stadt gewählt. Er will mit seinem bisher verschollenen Schwager Gottlieb Judejahn die Möglichkeiten von dessen Rückkehr nach Deutschland beraten. Judajahn war als SS-General wegen Kriegsverbrechen bei den Nürnberger Prozessen zum Tod verurteilt worden, konnte sich aber zuvor in ein arabisches Land absetzen und half dort beim Aufbau des Militärs. Seinen Romaufenthalt verbindet er mit Waffengeschäften.
Die Eltern Pfaffrath und Judajahn erfahren in Rom von der Anwesenheit ihrer Söhne Siegfried Pfaffrath und Adolf Judejahn, die den Kontakt zu ihnen abgebrochen haben: Siegfried ist in der Stadt, um die Premiere seiner Zwölfton-Symphonie unter Leitung des aus Nazi-Deutschland emigrierten Dirigenten Kürenberg zu erleben. Dessen jüdischer Schwiegervater Aufhäuser wurde in Pfaffraths Stadt nach einem Pogrom inhaftiert und erschlagen. Seine Tochter Ilse, Kürenbergers Frau, trifft während des Konzertes auf ihre ehemaligen nationalsozialistischen Mitbürger und deren opponierende Söhne. Während Siegfried Gespräche mit seinen Verwandten ablehnt, will Adolf Priester werden, um seinen Eltern ihre Sünden vergeben zu können und sie vor Gottes Verdammung zu retten.
Der Roman ist mit einander abwechselnden und teils ineinanderfließenden Parallelhandlungen aufgebaut. Der erste Teil erzählt die getrennten Aktionen, Gespräche und, in inneren Monologen bzw. einer Art Bewusstseinsstrom, assoziativen Gedanken der Protagonisten: Im zweiten Romanteil werden die Handlungsstränge zusammengeführt: in Judejahns Hotel, beim Konzert und anschließend in einer Homosexuellen-Bar. Während Siegfrieds Symphonie mit einem Preis ausgezeichnet wird, eskaliert die Judejahn-Handlung mit dem Bar-Mädchen Laura. In einem Stundenhotel will er in seiner wirren Vermischung der Gegenwart mit seinem sadistischen Beute-Frauen-Bild aus seiner SS-Kriegsvergangenheit die vermeintliche Jüdin Laura erschießen, tötet aber die Jüdin Ilse Kürenberg.
Vorgeschichte Die Protagonisten der älteren Generation waren Unterstützer oder maßgebliche Träger des nationalsozialistischen Systems in Deutschland: Gottlieb Judejahn vertritt noch zur Handlungszeit des Romans die nationalsozialistische Ideologie und die Rassentheorie, die er im Zweiten Weltkrieg als SS-Offizier in Italien als Befehlsempfänger brutal umsetzte. Den übergeordneten Hierarchien gehorchen und den disziplinierten Untergebenen befehlen sind seine Prinzipien. Ziel ist die Weltherrschaft der nordischen Rasse in einem faschistischen totalitären Führersystem. Bereits zuvor hat er sich nach dem Ersten Weltkrieg bei einem Freikorps der Reichswehr gegen die Spartakisten und beim Kapp-Putsch und als NS-Standartenführer profiliert. Nach Kriegsende konnte er sich in ein von den USA militärisch unterstütztes arabisches Land absetzen, dem er als Organisator beim Aufbau eines disziplinierten Heeres und bei Waffenbeschaffungen dient. Da er in Abwesenheit bei den Nürnberger Prozessen wegen Kriegsverbrechen zum Tod verurteilt wurde, lebt er Inkognito im Ausland und gilt als verschollen.
Erst nach einigen Jahren nahm er wieder Kontakt zu seiner Familie auf. An seinem Menschenbild und seiner Vorstellung von der Überlegenheit der nordischen Rasse hat sich nichts geändert und er hofft auf eine Revanche für die seiner Meinung nach unverdiente Niederlage. Seine Frau Eva vertritt wie ihr Mann die nationalsozialistische Ideologie und das ganze Programm und betrauert den Untergang Großdeutschlands und den Tod Hitlers noch mehr als den Verlust ihres Mannes. Diese Überzeugung war die Grundlage ihrer Ehe und deshalb sieht sie keinen Sinn in deren Weiterführung nach dem Auftauchen ihres Mannes und kleidet sich schwarz.
Nach der Kooperation der USA mit Deutschland in der Zeit des Kalten Krieges glaubt Judehahns Schwager Friedrich Wilhelm Pfaffrath, die Gelegenheit seiner Rückkehr sei gekommen. Pfaffrath war als Regierungspräsident an den nationalsozialistischen Aktionen, z. B. den „Judenboykotttagen“, nicht aktiv beteiligt, hat sie aber auch nicht verhindert. Bei einem dieser Ausschreitungen wurden das Kaufhaus des Juden Aufhäuser abgebrannt und der Besitzer inhaftiert. Kürenberg, Generalmusikdirektor an der Stadtoper und Ehemann von Aufhäusers Tochter Ilse, bat Pfaffrath um Unterstützung bei der Freilassung. Pfaffrath gab ihm jedoch den Rat, an seine Karriere zu denken und sich scheiden zu lassen. Aufhäuser wurde während seiner Haft erschlagen und Kürenberg emigrierte mit Ilse. Bei der Entnazifizierung nach Kriegsende wurde Pfaffrath als Mitläufer eingestuft und nach seinem Bekenntnis zur Demokratie zum Oberbürgermeister gewählt. Aber hinter dieser Fassade ist er, wie zuvor, von der starken Persönlichkeit seines Schwagers und dessen Hoffnung auf einen Wiederaufstieg der Nation beeindruckt.
Die Söhne Pfaffraths und Judejahns, Siegfried und Adolf, besuchten beide als „Junker“ eine NS-Ordensburg. Um dem Indoktrinationssystem zu entkommen, meldete sich Siegfried zur Wehrmacht, geriet in englische Kriegsgefangenschaft und erarbeitete sich mit Unterstützung des nach England emigrierten Musikdirektors Kürenberg die Zwölfton-Musik für seine Kompositionen. Adolf trainierte in den letzten Kriegstagen für den Volkssturm, begegnete nach deren Auflösung befreiten KZ-Häftlingen und entschied sich aus Reue dafür, Priester zu werden.
Die Protagonisten Die Handlungen konzentrieren sich im Wesentlichen auf drei Personen bzw. Personengruppen:
Gottlieb Judejahn verbindet sein Familientreffen in Rom mit Waffengeschäften für den arabischen Staat, wohnt in einem standesgemäßen Botschafter- und Ministerhotel, zu dem er sich mit dem Botschaftswagen kutschieren lässt. Da ihm die Begegnung mit der Familie und die Verbindungen seines zivilen Schwagers, dem er sich als Soldat immer erhaben gefühlt hat, für die Organisation seine Rückkehr nach Deutschland peinlich ist, verschiebt er den Termin auf den nächsten Tag und schaut sich zuerst einmal die Stadt und die ihm aus der Besatzungszeit her bekannten Gebäude und Plätze an. Wie damals gilt sein Interesse nicht den kulturellen Denkmälern, sondern, wie es seinen Vorstellungen von einem auf Befehl ohne Gewissensbefragung auch brutale Handlungen und Exekutionen ausführenden Soldaten entspricht, Essen, Trinken und Sex mit Prostituierten einer untergeordneten Rasse. Um Macht, Krieg und Tod der Sieger und der Unterlegenen kreisen immer wieder seine Gedanken. Stationen auf seinem Rundgang sind Gasthäuser und Garküchen und eine Homosexuellenbar, an deren Kasse die schöne Laura mit ihrem aufmunternden Lächeln sitzt. Auf seinen Wegen denkt er mit Wehmut an seine große Soldatenvergangenheit für das Großdeutsche Reich, für dessen Untergang er Verrat und internationale Verschwörungen verantwortlich macht, und träumt von Revanche.
Ein zweiter Protagonist ist der Komponist Siegfried Pfaffrath, Judejahns Neffe, der sich von seiner Familie getrennt hat und wegen seiner Abneigung Frauenkörpern und der Zeugung von Kindern gegenüber seine homosexuelle pädophile Neigung einsam im Verborgenen lebt. In der Musik findet er einen Freiraum, in der er seine Probleme gestalten kann. Er zweifelt jedoch am Erfolg und am gesellschaftlichen Sinn seiner Arbeit, obwohl sein Entdecker Kürenberg Siegfrieds Begabung schätzt, ihm Mut zuspricht und von ihm eine neue noch nie gesprochene musikalische Sprache erwartet. „Sie mochte dem allgemeinen Gehör, das hinter dem schnellen Lauf der Zeit zurückgeblieben ist, schrecklich klingen; aber sie würde neue Kunde bringen […] für ein paar Menschen, die die neue Botschaft hören konnten“. Kürenberg glaubt, dass seine Musik „eine Funktion in der Welt hat“. Vielleicht werde „der Unverstand pfeifen“, aber er solle sich „nie von [seinem] Weg bringen“ lassen: „Versuchen Sie nie, Wünsche zu erfüllen. Enttäuschen sie den Abonnenten“. Aber er solle sich vor dem „berühmten Elfenbeinturm“ hüten. „[K]ein Leben für die Kunst! Gehen Sie auf die Straße. Lauschen Sie dem Tag! Aber bleiben Sie einsam! […] Experimentieren Sie mit allem, mit allem Glanz und allem Schmutz unserer Welt, mit Erniedrigung und Größe – vielleicht finden Sie einen neuen Klang!“Wolfgang Koeppen: Der Tod in Rom. In: Drei Romane. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1986, S. 475, 476.
Durch einen Zeitungsartikel hat sein Cousin Adolf von Siegfrieds Aufenthalt in der Stadt erfahren und besucht ihn, um mit ihm sein familiäres Problem zu besprechen. Während Siegfried die Beziehung zu seinen Eltern abgebrochen hat, kann sich Adolf gedanklich nicht von der Jugendzeit trennen und leidet unter seiner Sozialisation und der Schuld der Eltern. Um für sich und sie die Vergebung Gottes zu erbitten und zu sühnen, will er Priester werden, denn nur mit dieser Weihe kann er die Absolution erteilen. Er sucht in der katholischen Kirche eine Autorität und Stütze und fürchtet zugleich, dass er sich in neue hierarchische Machtstrukturen einfügt, die mit den Faschisten stillschweigend kooperiert haben. Genau dies macht ihm Siegfried zum Vorwurf, der nur außerhalb von gesellschaftlichen Strukturen in der Einsamkeit seine Unabhängigkeit zu finden sucht. Aber für eine Karriere als Komponist braucht er, wie Kürenberg, Förderer und ihre Vernetzung, aber er wehrt sich gegen die Konventionen des Kulturbetriebs.
Eine dritte Personengruppe ist die Familie Pfaffrath, die sich im ersten Teil v. a. in ihrem einfachen, von deutschen Touristen bewohnten Hotel aufhält.
Begegnungen Im zweiten Teil werden die einzelnen Handlungsstränge miteinander verbunden. Judejahn empfängt am zweiten Tag in seinem Hotel Pfaffrath mit Frau Anna und Sohn Dietrich. Der Jurastudent hat, im Gegensatz zu seinem Bruder, mit der Vergangenheit seiner Eltern keine Probleme, passt sich wie diese gut der neuen Zeit an und baut in seiner Burschenschaft karrierefördernde Verbindungen auf. Eva kommt nicht mit zum Treffen mit ihrem Mann und bleibt die ganze Zeit in ihrem Hotel. Auf die Nachrichten von Adolfs Ausbildung zum Priester und von Siegfrieds kurz bevorstehender Symphonie-Premiere reagiert Judejahn wütend bzw. herablassend belustigt. In beiden ehemaligen Junkern sieht er Abweichler vom richtigen Weg.