mini|Alessia Russo, April 2023
Frauenfußball (als Abkürzung, etwa in Vereinsnamen, auch FF) auch Damenfußball bezeichnet die Sportart Fußball, wenn sie ausschließlich von Frauen ausgeübt wird. Das Regelwerk unterscheidet sich nach anfänglichen Abweichungen inzwischen nicht mehr von dem im Männerfußball.
Geschichte mini|British Ladies Football Club mit Nettie Honeyball (hintere Reihe, zweite von links) (1895) mini|Alexander Boyd: Frauen-Fußball (1895)
Im 12. Jahrhundert beteiligten sich in Frankreich Frauen genau so wie Männer an einem Spiel namens la sioule, einem Vorläufer des heutigen Fußballs. Auch bei den Eskimos nahmen Frauen an einem fußballähnlichen Spiel teil.
Anfänge des Frauenfußballs im Vereinigten Königreich Als 1863 Fußball durch die internationale Vereinheitlichung der Regeln zu einer Sportart wurde, spielten auch Mädchen an englischen Schulen dieses Spiel. 1894 wurde das erste britische Frauen-Fußballteam, die British Ladies, von Nettie Honeyball gegründet.
Das erste Spiel der Fußballerinnen, London-Nord gegen London-Süd am 23. März 1895, das mit 7:0 endete, wurde von gut 10.000 Zuschauern verfolgt. Die Fußballerinnen trugen Hüte und (für die damalige Zeit relativ) kurze Röcke über Knickerbockern, um den Anstand zu wahren. An dem Spiel nahmen teil:
London Nord Misses Ethel Hay (Tor), Bella Osborne und Georgina Wright (Verteidigung), Rose Rayman und Isa Stevenson (Mittelfeld), Emma Wright, Louise Cole, Lily St Clair, Maud Riweford, Carrie Balliol und Minnie Brymner (Sturm) London Süd Misses May Goodwin (Tor), Mabel und Maud Hopewell (Verteidigung), Maud Starling und Ada Everston (Mittelfeld), Geraldine Vintner, Mabel Vance, Eva Davenport, Minnie Hopewell, Kate Mellon und Nelly Sherwood (Sturm)
Aufschwung zwischen den Weltkriegen Den größten Aufschwung erlebte der Frauenfußball während des Ersten Weltkriegs. Wie andere Bereiche des Sport- und Kulturbetriebs war auch der Fußball von den massenhaften Rekrutierungen zum Kriegsdienst stark beeinträchtigt, im Männerfußball war es vielen Verbänden nicht möglich den regelmäßigen Spielbetrieb aufrechtzuerhalten. Dank dieser Umstände wurde dem Frauenfußball über Nacht eine ungekannte Aufmerksamkeit entgegengebracht, die den Vereinen neue Mittel und Spielerinnen zuführte.
Vereinigtes Königreich In der Folge war Frauenfußball noch in den 1920er-Jahren auf der Insel eine große Publikumsattraktion. Jede größere Ortschaft hatte ihre eigene Frauenmannschaft. 1920 wurde das Spitzenspiel zwischen den Dick Kerr’s Ladies und den St. Helens Ladies in Everton von 53.000 zahlenden Zuschauern verfolgt.
Frankreich mini|Französisches Auswahlteam der Frauen 1920
In Frankreich wurden während des Ersten Weltkriegs die ersten Frauenteams gebildet. Wegen der ablehnenden Haltung der bestehenden Verbände (Comité Français Interfédéral und Fédération Française de Football Association) gegenüber dem Frauensport gründeten diese einen eigenen Frauensportverband, die Fédération des Sociétés Féminines Sportives de France (FSFSF), und trugen unter dessen organisatorischem Dach bis 1932 regelmäßig Landesmeisterschaft und Pokalwettbewerb aus. 1920 kam es zur ersten internationalen Begegnung der Französinnen in England, bei der die Dick Kerr’s Ladies einen 2:1-Sieg gegen eine Auswahl von Spielerinnen der Pariser Vereine Fémina Sport, En Avant und Les Sportives erzielten. 1924 trug eine weibliche Équipe Tricolore gegen Belgien das erste in einer Reihe von regulären Länderspielen aus.
Deutschland
In Deutschland spielten Frauen noch um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert eine Art „Fußball für Frauen“, bei dem sie sich im Kreis stehend den Ball gegenseitig zuspielten. Während der Frauenfußball in anderen europäischen Ländern in den 1920er-Jahren einen ersten Höhepunkt erreichte, war der Sport in Deutschland noch eine Randerscheinung. Seine Ursprünge liegen wohl im akademischen Bereich, wobei man sich vergegenwärtigen muss, dass es in den frühen 1920er-Jahren kaum mehr als 1000 Studentinnen im Land gab. Das Spiel mit dem Ball nach Art der Männer galt als für Frauen moralisch verwerflich; so beschwerte sich der Deutsche Turnbund über in kurzen Hosen spielenden Studentinnen der Deutschen Studentenvereinigung (DSV), solcherlei Auftreten sei „künftigen deutschen Akademikerinnen unangemessen“.Daniel Meuren: Plötzlicher Alterungsprozess. Wann wurde der deutsche Frauenfußball wirklich geboren? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. Februar 2011.
Erste organisierte Spiele von Studentinnen fanden im Rahmen der Deutschen Hochschulmeisterschaften 1922 statt. Das erste dokumentierte Ergebnis eines Spiels zwischen Frauenmannschaften war 1927 ein 2:1 einer Münchner gegen eine Berliner Elf. 1930 entstand in Frankfurt der erste „Damen-Fußball-Club“; gegründet von Lotte Specht. Dieser konnte aber nur gegen Männermannschaften antreten und wurde angesichts massiver Proteste nach einem Jahr aufgelöst. Nach der Ideologie des Nationalsozialismus galt der Frauenfußball als unerwünscht, da er im Widerspruch zur eigenen Vorstellung stand, die Frauen vor allem anderen als Mütter ansah. Erst in den 1950er-Jahren kam es zu erneuten Bildungen von Frauenmannschaften als Verein oder Abteilung. In der DDR wurde 1968 mit der BSG Empor Mitte-Dresden die erste Frauenfußballelf gegründet. In den Jahren 1969 bis 1971 gab es ein Frauenfußballteam beim 1. FC Union Berlin.
Österreich Zeugnisse fußballspielender Frauen in gemischten Teams oder reinen Frauenmannschaften gibt es schon aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Den ersten Boom erlebte der österreichische Frauenfußball aber in den 1920er und 1930er Jahren.
Ende 1923 wurden in Wien Frauen zum Fußballspielen gecastet, daraus resultierte die Gründung des Ersten Wiener Damenfußballklubs Diana im Februar 1924. Analog zur kurz bevorstehenden Einführung des Profifußballs bei den Männern geschah dies wohl vorrangig in kommerzieller Absicht. Die Veranstaltungen scheinen jedoch nicht den kommerziellen Erwartungen entsprochen zu haben, es fehlte wohl auch die Unterstützung der (Männer)Fußballverbände.
Im Jahr 1934 gründete Edith Klinger den 1. Wiener Damenfußballclub „Kolossal“, den späteren DFC Wien, im darauffolgenden Jahr die Damen-Fußball-Union (DFU) als Dachverband. Das löste eine Welle an Gründungen von Frauenfußballvereinen aus, die sich zum Teil nach erfolgreichen Männerclubs benannten (DFC Austria und DFC Rapid).
Ab 1936 veranstaltete die DFU in Wien eine Damenfußball-Meisterschaft mit neun Teilnehmerinnen, neben DFC Austria, DFC Rapid und DFC Wien auch DFC Brigitta XX, DFC Lichtental, DFC Schwarz-Weiß und DFC Tempo. Der ÖFB verbot 1936 seinen Mitgliedsvereinen, Sportplätze oder Schiedsrichter für Frauenfußballspiele zur Verfügung zu stellen, auch das politische Umfeld im Austrofaschismus war fußballspielenden Frauen alles andere als wohlgesonnen. Trotzdem existierte die Liga sogar noch bis einige Monate nach dem „Anschluss“ an NS-Deutschland und war damit die weltweit einzige geregelte Frauenfußball-Meisterschaft ihrer Zeit.
Polen Ab Anfang des 20. Jahrhunderts organisierten sich polnische Frauen sporadisch zu Mannschaften und trugen vereinzelte Wettkämpfe aus. Nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit des polnischen Staates nahm diese Entwicklung kurzzeitig konkretere Formen an. Im September 1921 wurde im Sportverein Unia Poznań die erste offizielle Frauenfußball-Abteilung Polens gegründet.Najstarsza żeńska drużyna piłkarska jest z Poznania? auf lepszypoznan.pl. 23. Dezember 2021, abgerufen am 16. Dezember 2023 (polnisch). Über das weitere Schicksal dieser Mannschaft, deren Foto damals in der lokalen Presse erschien, ist bislang nichts bekannt. Vieles deutet darauf hin, dass sie – vermutlich unter dem Eindruck der Proklamation der englischen Football Association (siehe unter Verbote) – wenige Monate nach ihrer Gründung wieder aufgelöst wurde.
Verbote Am 5. Dezember 1921 verbot die Football Association den Frauen in England die Benutzung der Stadien. Fußball sei für Frauen „nicht geeignet und sollte deshalb nicht gefördert werden“. Dies bedeutete faktisch das Ende des Frauenfußballs in Großbritannien, bis 1970 das Verbot wieder aufgehoben wurde. Der ursprünglich sehr raue Charakter des Sportspiels Fußball verführte 1953 den Anthropologen Frederik Jacobus Johannes Buytendijk zu der Aussage: Das Fußballspiel als Spielform ist wesentlich eine Demonstration der Männlichkeit. Es ist noch nie gelungen, Frauen Fußball spielen zu lassen. […] Das Treten ist wohl spezifisch männlich, ob darum getreten werden weiblich ist, lasse ich dahingestellt. Jedenfalls ist das Nichttreten weiblich.F. F. J. Buytendijk: Das Fußballspiel. Würzburg 1953, S. 25/26.
Als das deutsche Männerteam 1954 die Fußball-Weltmeisterschaft gewann, kam in Deutschland die Diskussion um den Fußball der Frauen erneut auf. Am 30. Juli 1955 beschloss der DFB auf seinem Verbandstag, das Fußballspielen mit Damenmannschaften zu unterbinden. Er verbot den ihm angeschlossenen Vereinen, Frauenabteilungen zu gründen oder Sportstätten zur Verfügung zu stellen. Als Begründung für das Verbot hieß es in der entsprechenden Erklärung des DFB unter anderem: „Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand.“
Trotzdem spielten Frauen weiterhin in eigenen Vereinen oder als Abteilungen von Vereinen, die nicht dem DFB unterstanden, wie beispielsweise die Frauen-Fußballabteilung der Frankfurter Schützengemeinschaft Oberst Schiel.Frauenfußball – „Mädchen, das war schon ganz gut!“ einestages.spiegel.de. 1956 kam es in Essen sogar zu einem inoffiziellen Länderspiel zwischen einer deutschen und einer niederländischen Auswahl, das 2:1 für Deutschland endete.bpb.de: Die graue Spielzeit. Frauenfußball in der Verbotszeit. Hrsg. von der Bundeszentrale für politische Bildung. Bonn 2007 (Dossier).
Auch in Österreich verbot der ÖFB 1957 Frauenabteilungen. Die dennoch 1972 gegründete Damenliga wurde erst 1982 vom ÖFB offiziell anerkannt.
Wiederbelebung und Institutionalisierung in den 1970er-Jahren mini|Frauenfußball an einer UniversitätAm 31. Oktober 1970 hob der DFB auf seinem Verbandstag in Travemünde das Frauenfußballverbot wieder auf. Es gab jedoch einige Auflagen: So mussten die Frauenteams wegen ihrer „schwächeren Natur“ eine halbjährige Winterpause einhalten, Stollenschuhe waren verboten und die Bälle waren kleiner und leichter. Das Spiel selbst dauerte nur 70 Minuten. Später wurde die Spielzeit auf 80 Minuten erhöht. Seit 1993 gilt auch bei den Frauen die Spielzeit von zweimal 45 Minuten. Schnell bildeten sich erste Ligen auf lokaler Ebene.
Im November 1971 empfahl die UEFA, den Frauenfußball wieder aufzunehmen. Man befürchtete, die Frauen würden sich abspalten und das nicht ohne Grund: Im November 1969 wurde die Confederation of Independent European Female Football gegründet, und 1970 (in Italien) sowie 1971 (in Mexiko) veranstaltete die Fédération Internationale et Européenne de Football Féminin zwei vom Spirituosenhersteller Martini & Rossi gesponserte, inoffizielle Frauenweltmeisterschaftsturniere, woran bei der ersten Austragung – noch vor der Legalisierung des Frauenfußballs durch den DFB – auch eine deutsche Mannschaft teilnahm.
In Berlin wurde 1971 der erste Verbandsmeister Deutschlands ermittelt. 1977 ernannte der DFB Hannelore Ratzeburg zur Referentin für den Frauenfußball. Auf ihre Initiative hin wurden mit dem Länderpokal und dem DFB-Pokal neue Wettbewerbe eingeführt. 1986 fasste der DFB auf seinem Verbandstag in Bremen den Entschluss, eine Bundesliga im Frauenfußball einzuführen.
Einführung internationaler Wettbewerbe mini|UEFA-Women’s-Cup-Finale 2005 in Potsdam