mini|Bettler mit Kind am Straßenrand (Indien)

Armut bezeichnet im materiellen Sinn (als Gegenbegriff zu Reichtum) in der Wirtschaftspolitik und Wirtschaftswissenschaft primär die mangelnde Befriedigung der Grundbedürfnisse (vor allem nach Nahrung, Trinkwasser, Kleidung, Wohnung, Gesundheit). Der Geldmangel ist hingegen nicht zwangsläufig mit Armut gleichzusetzen, sofern Subsistenzstrategien vorhanden sind, mit denen die Bedürfnisse anderweitig gedeckt werden können. Stärker auf den Mangel an finanziellen Mitteln bezogen ist der bisweilen synonym verwendete Begriff der Mittellosigkeit.

Im weiteren und übertragenen Sinn bezeichnet Armut jeglichen Mangel. Der konkrete Inhalt des Begriffes variiert dabei je nach historischem, kulturellem oder soziologischem Kontext und basiert teilweise auf subjektiven und zum Teil emotionalen oder kulturell geprägten Wertvorstellungen.

Etymologie Die Herkunft des zugrundeliegenden Adjektivs arm ist zwar umstritten, wird aber mehrheitlich auf die germanische Wurzel *arҍma- zurückgeführt, das „vereinsamt, verwaist, verlassen“ bedeutet und mit griech. erḗmos (ἐρῆμος) „einsam“ in Verbindung gebracht wird.arm In: Digitales Wörterbuch der Deutschen Sprache Eine veraltete Bezeichnung für „sehr große Armut“ ist Mendizität (von lat. mendīcitās).

Definitionsansätze mini|hochkant=1.3|Maslowsche Bedürfnispyramide

Als ein Ansatz zur Definition dient die Maslowsche Bedürfnispyramide. Der Mensch versucht demnach, zuerst die Bedürfnisse der niedrigen Stufen zu befriedigen, bevor die nächsten Stufen Bedeutung erlangen. Wer in einem „niedrigen“ Bedürfnis frustriert wurde, das heißt, es nicht befriedigen konnte, für den wird dieses Bedürfnis übermäßig wichtig werden. Wer zum Beispiel in absoluter Armut lebt und hungrig ist, für den wird das Essen die allergrößte Priorität haben. Alle anderen Bedürfnisse werden in den Hintergrund treten, und sein ganzes Streben wird zwangsläufig darauf ausgerichtet sein, genug zu essen für sein Überleben zu haben.Abraham Maslow: A Theory of Human Motivation. In Psychological Review, 1943, Vol. 50/4.Jutta Heckhausen, Heinz Heckhausen: Motivation und Handeln. 4., überarb. u. aktual. Auflage. Springer, Berlin/Heidelberg 2010, ISBN 978-3-642-12692-5. Existentielle Bedrohungen und Defizite (Mangelzustände) bei den essentiellen Bedürfnissen („Defizitbedürfnisse“) prägen – wenn sie lange genug andauern – die ganze Weltsicht. Für einen Menschen, der hungrig ist, wird das Paradies ein Ort sein, wo es immer genug zu essen gibt. Ein Mensch, der in großer Armut aufgewachsen ist, wird sich bereits glücklich schätzen, wenn er nur genug zu essen hat. Für einen Menschen hingegen, der Hunger nie gekannt hat, wird Nahrung keine besondere Bedeutung besitzen. Die Tatsache, dass er genug zu essen hat, erscheint ihm selbstverständlich und wird ihn nicht glücklich machen.Abraham Maslow: Motivation and Personality. 3. Auflage. HarperCollins Publishers, 1987, ISBN 0-06-041987-3.Abraham H. Maslow: Motivation und Persönlichkeit. (Originaltitel: Motivation and Personality.) Erstausgabe 1954. 12. Auflage. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1981, ISBN 3-499-17395-6. Maslows Modell wurde u. a. von Ronald Inglehart weiterentwickelt.

In den modernen Industriestaaten wird Armut häufig ausschließlich quantitativ auf Wohlstand und Lebensstandard bezogen, obwohl sie sich tatsächlich nicht auf das Fehlen materieller Güter reduzieren lässt. Das Verständnis von Armut unterscheidet sich in verschiedenen Gesellschaften. So bezeichnen sich beispielsweise Angehörige indigener Gemeinschaften erst dann als arm, wenn sie mit der enormen Vielfalt moderner Wirtschaftsgüter konfrontiert werden. Prinzipiell ist Armut ein soziales Phänomen, das als Zustand gravierender sozialer Benachteiligung verstanden wird.G. Reinhold, S. Lamnek, H. Recker: Soziologie-Lexikon. S. 32. Die damit verbundene „Mangelversorgung mit materiellen Gütern und Dienstleistungen“ wird jedoch äußerst unterschiedlich beurteilt. Ein Maßstab für Armut ist typischerweise das Haushaltseinkommen, obgleich häufig damit die mangelnde Ausstattung mit wirtschaftlichen Ressourcen gemeint ist.Berthold U. Wigger: Grundzüge der Finanzwissenschaft. 2. Auflage. Springer, Berlin 2005, S. 202. Auch dies führt dazu, dass Selbstversorger – auch wenn sie materiell und sozial keinen Mangel leiden – zwangsläufig zu den Armen gerechnet werden. Zur Abgrenzung sollte man hier konkreter von „wirtschaftlicher Armut“ sprechen. Armut und Reichtum sind Gegenpole. Die im Folgenden beschriebenen Definitionen stehen ausnahmslos vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Armut nach westlichem Verständnis.

Absolute und relative Armut Zu wirtschaftlicher Armut im engeren Sinne gibt es zwei grundsätzlich verschiedene Festlegungen und entsprechend unterschiedliche Definitionen einer Armutsgrenze. Zum einen gibt es die absolute Armut, bei der ein bestimmter Grenzwert für das Pro-Kopf-Einkommen oder verfügbare Einkommen festgelegt wird. Das sind beispielsweise 1,25 Dollar pro Person täglich (gemessen in Kaufkraftparität zum Basisjahr 2005), laut der Weltbank 1,90 PPP-US-Dollar im Jahr 2015.World Bank Forecasts Global Poverty to Fall Below 10 % for First Time; Major Hurdles Remain in Goal to End Poverty by 2030. The World Bank, 4. Oktober 2015. bzw. 2,15 PPP-US-Dollar im Jahr 2022.Poverty and Shared Prosperity 2022: Correcting Course. International Bank for Reconstruction and Development, Washington 2022, ISBN 978-1-4648-1893-6, S. 31 Zum anderen die relative Armut, bei der ein Einkommen deutlich unter dem Durchschnitts- oder Medianeinkommen.Definition in Springer Fachmedien Wiesbaden (Hrsg.), Kompakt-Lexikon Wirtschaftspolitik, 2013, S. 26 eines Landes oder Staates liegt. Die erste Form ist heute in Industriestaaten seltener, dominiert aber die Situation in Schwellen- und Entwicklungsländern. In diesen kann es im Extremfall vorkommen, dass eine Person zwar absolut, nicht aber relativ arm ist. Die zweite Form betrifft definitionsbedingt in praktisch jedem Staat einen Teil der Bevölkerung. Sowohl absolute als auch relative Armutsgrenzen sind nicht ohne normative Vorgaben zu bestimmen. Weder die Wahl eines bestimmten Prozentsatzes vom Durchschnittseinkommen zur Bestimmung relativer Armut noch die Bestimmung eines Warenkorbes sind wertfrei begründbar. In den EU-Mitgliedstaaten liegt die relative Armut beispielsweise bei 60 % des medianen Äquivalenzeinkommens.

Absolute Armut mini|Anteil der Bevölkerung in absoluter Armut (2008)UN Estimates 2000–2007

Um einen Überblick über die Probleme der Entwicklungsländer zu ermöglichen, hat der ehemalige Präsident der Weltbank, Robert McNamara, den Begriff der absoluten Armut eingeführt. Er definierte absolute Armut wie folgt:

Absolute Armut liegt zudem vor, wenn das Existenzminimum einer Person unterschritten wird und ein Mangelzustand auftritt, der das Überleben gefährdet (Grundbedürfnisse auf Nahrung, Kleidung, Wohnung sind nicht mehr gesichert).Tim Rietzke, Armut, in: Klaus-Peter Horn/Heidemarie Kemnitz/Winfried Marotzki/Uwe Sandfuchs (Hrsg.), Klinkhardt Lexikon Erziehungswissenschaft (KLE), Band 2, 2011, S. 68

Die absolute Armutsgrenze ist bestimmt als Einkommens- oder Ausgabenniveau, unter dem sich die Menschen eine erforderliche Ernährung und lebenswichtige Bedarfsartikel des täglichen Lebens nicht mehr leisten können. Betteln und Hunger(-tod) gehen somit unmittelbar mit dem Begriff der absoluten Armut einher.

Indikatoren der absoluten Armut nach der International Development Association (IDA)

Pro-Kopf-Einkommen (PKE) < 150 US-Dollar/Jahr, Kalorienaufnahme je nach Land < 2160–2670/Tag, Durchschnittliche Lebenserwartung < 55 Jahren, Kindersterblichkeit > 33/1000, Geburtenrate > 25/1000.

Relative Armut

Von relativer Armut wird gesprochen, wenn entweder Ressourcen zu gering sind oder fehlen (Einkommensarmut) oder Unterversorgung in mehreren Lebensbereichen gegeben ist, so dass die durchschnittliche Lebensqualität nicht mehr erreicht wird.

Der Begriff der relativen Armut bedeutet Armut im Vergleich zum jeweiligen sozialen (auch staatlichen, sozialgeographischen) Umfeld eines Menschen. In diesem Zusammenhang bezieht sich relative Armut auf verschiedene statistische Maßzahlen für eine Gesellschaft (zum Beispiel auf den Median des gewichteten Nettoäquivalenzeinkommens). Relative Armut macht sich auch durch eine sozio-kulturelle Verarmung bemerkbar, womit eine fehlende Teilhabe an bestimmten sozialen Aktivitäten als Folge des finanziellen Mangels gemeint ist (wie z. B. Besuch von Theater, Kino oder Schwimmbad, Klassenfahrten).

Verdeckte Armut

Es gibt verschiedene Maßnahmen, insbesondere in den westlichen Industrienationen, mit denen versucht wird, die Konsequenzen der Armut abzumildern. Dazu zählen im Feld der Sozialpolitik neben der Bekämpfung durch Sozialleistungen, die kompensatorische Erziehung und die Einrichtung von Suppenküchen, Tafeln, Kleiderkammern und Notunterkünften. Allerdings gibt es eine unbekannte Zahl von Personen, die einen Anspruch auf eine Grundsicherungsleistung hätten, diesen aber nicht geltend machen wollen (aus Scham) oder können (z. B. wegen fehlender Ausweispapiere usw.).

Kritik Der Begriff von Armut und die entsprechenden Statistiken werden verschiedentlich kritisiert. So wird angemerkt, dass die unterschiedlichen Lebensverhältnisse in einer Gesellschaft oder innerhalb eines Landes unberücksichtigt bleiben und ein durchschnittlicher Warenkorb als Maßstab verwendet wird.

Methodische und politische Kritik Es wird diskutiert, dass den Armutsberichten ein Herrschaftsverhältnis eingeschrieben ist, da von den verfassten Armutsstatistiken oftmals abhängt, wer Zugang zu Wohlfahrtshilfen erhält und wer nicht. Wo die Armutsgrenze verläuft und wie viele Menschen unterhalb dieser Grenzziehung verortet werden, sei auch eine politische Frage. Weiter wird die Validität der Daten, mit denen Armut berechnet wird, kritisch hinterfragt. Je differenzierter und komplexer die Indizes gestaltet werden, desto anspruchsvoller sind die Methoden. Zudem, so ein weiterer Kritikpunkt, können die Pro-Kopf-Zahlen nicht die Verhältnisse abbilden, in denen die Einzelnen tatsächlich leben. In diesen Zahlen käme nicht zum Ausdruck, dass es eine unterschiedliche Zuteilung von Nahrungsmitteln im Familienverband oder auch ungleichen Zugang zu Bildungschancen für Mädchen und Jungen gibt.Reinhart Kößler: Wer Armut definiert, hat Macht. In: iz3w. 336, Mai/Juni 2013.

Globalisierter Eurozentrismus mini|Das Kriterium Armut ist in manchen Gemeinschaften für die soziale Selbsteinschätzung nicht wesentlich: Yanomami-Frau beim Korbflechten.

Die meisten Naturvölker dürfen vor ihrem Kontakt mit der westlichen Welt nicht pauschal als arm bezeichnet werden. Ihre traditionellen Wirtschaftsformen versorgten sie mit allen Gütern, die zum Leben notwendig sind. Zahlreiche Berichte von Reisenden der Kolonialzeit beschreiben, dass die Menschen keinen Mangel litten, sondern im Gegenteil im Überfluss lebten. Da den meisten dieser Menschen materielle Güter wenig bedeuteten, waren sie demnach auch nicht arm zu nennen.Edward Goldsmith: Der Weg. Ein ökologisches Manifest. 1. Auflage. Bettendorf, München 1996, S. 201ff.Dieter Haller (Text), Bernd Rodekohr (Illustrationen): Dtv-Atlas Ethnologie. 2. Auflage. dtv, München 2010, S. 163. Die heute übliche eurozentrische Definition von Armut in Verbindung mit dem enormen materiellen Wohlstand der Industriestaaten führe jedoch zu einer verzerrten Vorstellung: „Ureinwohner“ gälten als ärmlich, elend und chronisch unterernährt, weil sie keine materiellen Güter und keine technologischen Einrichtungen hätten. Die indische Wissenschaftlerin und soziale Aktivistin Vandana Shiva schrieb dazu: