Lobpreis und Anbetung sind als besondere Form des Gebetes Ausdrucksmöglichkeiten des christlichen Glaubens. Im Lobpreis erweist der Gläubige Gott Ehre und rühmt seine Taten, in der Anbetung (lateinisch adoratio, griechisch προσκύνησις) verehrt er Gottes Wesen. Lobpreis und Anbetung sind – auch in der besonderen Form der Doxologie – seit der Urchristenheit liturgischer Bestandteil des christlichen Gottesdienstes aller Konfessionen. In der Gegenwart fungieren die Begriffe zusammen auch als terminus technicus für eine zeitgenössische musikalische Ausdrucksform des Lobpreises, als dessen Besonderheit kurze, meist einstrophige, dafür oftmals wiederholte Gesänge gelten, die in der Musiksprache der Gegenwart gehalten sind. Lobpreismusik hat sich im Verlauf von sechzig Jahren zu einem eigenen Musikstil entwickelt, dessen Ursprünge in der charismatischen Bewegung liegen und der inzwischen in den meisten christlichen Konfessionen – vor allem in der Jugend – verbreitet ist. Daneben ist „Lobpreis und Anbetung“ aber auch Inbegriff für eine innere christliche Lebenshaltung, mithin für das Ziel aller theologischen Arbeit. Im Englischen werden die Begriffe praise und worship verwendet, wobei „worship“ nicht nur die spezielle Gattung der Anbetung, sondern in weiterem Sinne die Gesamtheit des gottesdienstlichen Geschehens beschreibt.Vgl. Richard G. Jones: Groundwork of Worship and Preaching. Epword Press, London 1980.
Geschichte
Lobpreis und Anbetung in der Bibel Altes Testament (Tanach) Im Alten Testament (Tanach) z. B. im Psalter (hebräisch סֵפֶר תְּהִלִּים sefær təhillîm) findet (beispielsweise das sogenannte „Hallel“ der Psalmen 113–118). Im Gebet lobt der Glaubende Gott um seiner Majestät, seiner Hilfe und seiner großen Taten willen.Vgl. Claus Westermann: Lob und Klage in den Psalmen. Göttingen 1977; Claus Westermann: Abriss der Bibelkunde. Stuttgart 1991, S. 115–117. Die hebräische Sprache (hebräisch ברך barach) differenziert nicht zwischen einem „Handeln Gottes“ (Segen) und dem Ausdruck eines glaubenden „Menschen Gott gegenüber“ (Lobpreis).
Bereits in den Psalmen hat der Lobpreis ausdrücklich verschiedene Gebetsgesten und musikalischen Ausdruck erhalten (; u. ö.). Im Lob Gottes findet der Mensch seine eigentliche Bestimmung und Israel seine Aufgabe . Aus der Vielfalt der Formen sind der Aufruf zum Lob („Preiset den Herrn“) und das hebräische „Halleluja“ (הַלְלוּיָהּ haləlūjāh; übersetzt: „Singet dem Herrn“)Frank-Lothar Hossfeld: Lob I: Biblisch. In: RGG4. Band 5: L-M. Tübingen 2002, Sp. 476 f. sowie das Gott selbst im kultischen christlichen Vollzug anbetende „Sanctus“ („Heilig, heilig, heilig“: ) hervorzuheben.
Neues Testament Der Lobpreis der Christenheit geht auf die Lobgesänge Israels zurück, das Neue Testament setzt die Tradition des Lobpreises nach Struktur und Tradition in christologischer Überarbeitung und Zentrierung fort.Hughes Oliphant Old: Worship. Reformed according to Scripture. Westminster John Knox Press, Louisville 2002, S. 39. Angesichts des gekommenen Christus wird Gott betend gelobt, z. B. mit den Worten „Ehre sei Gott in der Höhe“ , dem Lobgesang der Maria (Magnificat) oder in der lobpreisenden Anerkennung der göttlichen Wirklichkeit in der Doxologie des Vaterunsers („Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit“) . Doxologischer Natur sind die Christushymnen wie .Geoffrey Winewright: Doxologie II.: Theologiegeschichtlich und dogmatisch. In: RGG4. Band 2: C-E. Tübingen 1999, Sp. 963 f. Doxologische Wendungen, die auf einen gottesdienstlichen bzw. liturgischen Hintergrund schließen lassen, finden sich , u. a.Jürgen Roloff: Der Gottesdienst im Urchristentum. In: Hans-Christoph Schmidt-Lauber, Michael Meyer-Blanck, Karl-Heinrich Bieritz (Hrsg.): Handbuch der Liturgik. Liturgiewissenschaft in Theologie und Praxis der Kirche. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2003, S. 68. Oftmals findet sich in ihnen die Form: Nennung Gottes im Dativ oder Genitiv – δόξα (doxa, übersetzt „Ehre“, „Herrlichkeit“) – Ewigkeitsformel (vgl. ; Samuel Vollenweider: Doxologie. I, 2. In: RGG4. Band 2: C-E. Tübingen 1999, Sp. 963.Reinhard Deichgräber: Formeln, liturgische II. In: TRE 11. de Gruyter, Berlin 1983, S. 258.). Einen besonderen Stellenwert besitzen die liturgischen Lobgesänge der Johannesoffenbarung (, , ). Sie wollen als Echo des himmlischen Gotteslobes verstanden werden – ein bedeutendes Motiv des jüdischen Gottesdienstverständnisses – in dem „Gott durch die seinen Thron umgebende Schar der Engel und der vollendeten Gerechten ein unaufhörlicher Lobpreis zuteil“ wird.Jürgen Roloff: Der Gottesdienst im Urchristentum. In: Hans-Christoph Schmidt-Lauber, Michael Meyer-Blanck, Karl-Heinrich Bieritz (Hrsg.): Handbuch der Liturgik. Liturgiewissenschaft in Theologie und Praxis der Kirche. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2003, S. 69.Edmund Schlink: Ökumenische Dogmatik. Grundzüge. Göttingen 1985, S. 34 f. An diesem neuen, himmlischen Gottesdienst hat die Gemeinde nach der Theologie der Johannesoffenbarung im Lobpreis und der Anbetung Gottes Anteil. Einige Autoren gehen davon aus, dass auch in der Urchristenheit das Lob Gottes eine gesungene Form hatte.Hughes Oliphant Old: Worship. Reformed according to Scripture. Westminster John Knox Press, Louisville 2002, S. 38 ff.
Form und Aussage „Es handelt sich bei der Anbetung um einen freiwilligen Akt der Dankbarkeit, der dem Retter von den Geretteten, dem Heiler von den Geheilten, dem Befreier von den Befreiten dargebracht wird“ (Lucado).Max Lucado: Gnade für den Augenblick. Francke-Buchhandlung, Marburg 2004, S. 333. Der evangelische Theologe Edmund Schlink hat – inspiriert durch die Liturgie der orthodoxen Kirche – in ökumenischer Perspektive die spezifische Sprachform herausgearbeitet: Die Person des Beters selbst tritt in der Anbetung in den Hintergrund. Er dankt nicht oder bittet für sich, sondern er betet Gott um seiner selbst willen an und gibt sich Gott im Vollzug dieses Lobes selbst hin. Darum formuliert die Anbetung in ihrer Grundform nicht in der zweiten („Gott, ich verherrliche dich“), sondern in der dritten Person („Gott ist herrlich“),Edmund Schlink: Ökumenische Dogmatik. Grundzüge. Göttingen 1985, S. 727f. Zur Inspiration durch die Orthodoxe Liturgie Vgl. S. 65 sowie den Aufsatz Edmund Schlink: Die Bedeutung der östlichen und westlichen Traditionen für die Christenheit. In: Edmund Schlink: Der kommende Christus und die kirchlichen Traditionen. Göttingen 1961, S. 232–240. auch wenn sich zu dieser in der Liturgiegeschichte rasch das vertraulichere „Du“ hinzugesellte.F. Heiler: Anbetung I: Religionsgeschichtlich. In: RGG3. Band 1: A-C. Tübingen 1957, Sp. 356. „In der Doxologie geht es letztlich um Gott selbst – um Gott aufgrund seiner Taten an uns Menschen, an der Welt, aber um Gott, der nicht in diesen Taten aufgeht, sondern in der Freiheit des allmächtigen und liebenden Herrn seine Taten tut, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende ist. Es geht um Gottes ewige Wirklichkeit“ (Edmund Schlink).Edmund Schlink: Ökumenische Dogmatik. Grundzüge. Göttingen 1985, S. 35. Vgl. zu dieser Arbeit und dem ihr zugrundeliegenden Aufsatz Die Struktur der dogmatischen Aussage als ökumenisches Problem. Zuerst erschienen in: Kerygma und Dogma 3. 1957, S. 251–306, die kirchengeschichtlich mehrfache Wirksamkeit entfaltet hat; Christoph Schwöbel: Edmund Schlink – Ökumenische Dogmatik. In: Christian Möller, Christoph Schwöbel, Christoph Markschies, Klaus von Zedtwitz (Hrsg.): Wegbereiter der Ökumene im 20. Jahrhundert. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005, ISBN 3-525-55450-8, S. 249ff; Jochen Arnold: Theologie des Gottesdienstes. Eine Verhältnisbestimmung von Liturgie und Dogmatik. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2004, besonders S. 111–119. Lobpreis und Anbetung bilden darum zusammen mit dem Dankgebet den Gegenpol zu Klage und Bitte: Im „Lobopfer“ gibt der Glaubende Gott Ehre, „sodaß Welt und Person als Segen erscheinen und im Lob antwortend zu ihrem Ursprung zurückkehren“.Klemens Richter: Lob II: Liturgisch. In: RGG4. Band 5: L-M. Tübingen 2002, Sp. 477f. Der Westminster Katechismus von 1647 formuliert als „Hauptzweck des Menschen“, „Gott zu verherrlichen und sich an Ihm in Ewigkeit zu erfreuen“. Dies kann nicht nur in Redeform geschehen, sondern auch im „heiligen Schweigen“, das als eine Weise inniger Anbetung deshalb ebenfalls einen Ort in der Liturgie hat.Josef Weismayer: Art. "Anbetung III. Systematisch-Theologisch", in: LThK3, Band 1: A-Barcelona, Freiburg (Herder) 31993, Sp. 609
Besonders in der römisch-katholischen Theologie wird die Eucharistie insgesamt als Anbetung, ja als deren höchste Form verstanden: Christus selbst „gesellt sich in seinem priesterlichen Werk der vollkommenen Verherrlichung Gottes u[nd] Heiligung der Menschen seiner Kirche zu, so daß die Kirche als Ganze, Haupt und Glieder, Subjekt der Anbetung ist“.Andreas Heinz: Art. "Anbetung V.: Liturgisch", in: LThK3, Band 1: A-Barcelona, Freiburg (Herder) 31993, Sp. 610
In der Reformationszeit wies Martin Luther darauf hin, dass das Lob Gottes das Werk des Heiligen Geistes ist: „Denn es ist keines Menschen Werk, Gott mit Freuden loben. Es ist [viel]mehr ein fröhliches Leidenlies: "Erdulden", also etwas Passives und allein Gottes Werk, das sich mit Worten nicht lehren, sondern nur durch eigene Erfahrung kennen[lernen] lässt“.WA 7, S. 550, zit. in: Jochen Arnold: Theologie des Gottesdienstes. Eine Verhältnisbestimmung von Liturgie und Dogmatik. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2004, S. 289. Anhand des Lobgesangs der Maria zeigt er auf, dass Lobpreis und Anbetung das eigene Wohlergehen nicht zwangsläufig zur Voraussetzung haben, sondern aus dem Glauben heraus geschehen kann.WA 7, S. 550, zit. in: Jochen Arnold: Theologie des Gottesdienstes. Eine Verhältnisbestimmung von Liturgie und Dogmatik. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2004, S. 290f.
In der Theologie der Orthodoxie wird öfters darauf hingewiesen, dass Doxologie mehr ist als ein Stück des Gottesdienstes, sondern dass „theologisches Denken und Forschen wie überhaupt Glaubenserfahrung […] ihren Höhepunkt in der Doxologie [erhalten], die Erkenntnis im Gebet ist“ (A. Kallis).zit. in: Jochen Arnold: Theologie des Gottesdienstes. Eine Verhältnisbestimmung von Liturgie und Dogmatik. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2004, S. 72f. „Das heißt: Summe und Gipfel der Theologie ist die Doxologie, weil sich hier Erkenntnis Gottes im Gebet, d. h. in personaler Beziehung, ereignet“.
Liturgische Variationen