Die Bahnstrecke Čížkovice–Obrnice ist eine Eisenbahnverbindung in Tschechien, die ursprünglich durch die Brüx-Lobositzer Verbindungsbahn (tschech.: Mostecko-Lovosická spojovací dráha) als landesgarantierte Lokalbahn erbaut wurde. Sie verläuft in Nordböhmen von Čížkovice (Tschischkowitz) über Třebenice nach Obrnice (Obernitz). Von 2007 bis 2019 war der planmäßige Reisezugverkehr eingestellt.
Im deutschböhmischen Volksmund war die Strecke früher als Zwetschkenbahn oder Powidlbahn bekannt. Seit 2008 wurde das tschechische Äquivalent Švestková dráha als Markenname für das touristische Fahrtenangebot an Wochenenden und Feiertagen genutzt.
Nach einem Erlass der tschechischen Regierung ist die Strecke seit dem 20. Dezember 1995 als regionale Bahn („regionální dráha“) klassifiziert.
Geschichte Die Konzession „zum Baue und Betriebe einer als normalspurige Localbahn auszuführenden Locomotiveisenbahn von der Station Sedlitz der Staatsbahnlinie Pilsen–Dux zur Station Čížkovitz der Lokalbahn Lobositz–Libochwitz der privilegirten österreichisch-ungarischen Staatseisenbahngesellschaft“ erhielten Leopold Graf von Hohenstein, Gutsbesitzer in Stephan, im Vereine mit Alois Bauer, Reichsratsabgeordneter und Gutsbesitzer in Podeseditz, Albin Victor Tschinkel, Advocat in Teplitz und Victor Noback, Bauunternehmer in Prag am 29. Jänner 1897. Teil der Konzession war die Verpflichtung, den Bau der Strecke sofort zu beginnen und binnen ein und einem halben Jahre fertigzustellen. Die Konzessionsdauer war auf 90 Jahre festgesetzt.Reichsgesetz für die im Reichsrathe vertretenen Königreiche und Länder vom 16. Februar 1897 mini|links|Aktie der Brüx-Lobositzer-Verbindungsbahn von 1900 Das Königreich Böhmen finanzierte 70 Prozent der Baukosten von insgesamt 4.248.000 Kronen als nicht rückzahlbaren Zuschuss, den Rest von 1.194.600 Kronen übernahmen private Investoren. Das Kapital der am 28. Februar 1900 gegründeten Aktiengesellschaft der Brüx-Lobositzer Verbindungsbahn betrug 1.274.600 Kronen in 5973 Stammaktien zu 200 Kronen und 400 Prioritätsaktien zu 200 Gulden. An der Aktiengesellschaft war das Königreich Böhmen mit 400 Stammaktien im Wert von 80.000 Kronen beteiligt. Sitz der Gesellschaft war Prag.
Im Widerspruch zu den Konzessionsbestimmungen verzichtete man in Sedlitz auf den Bau einer Anschlussstation, stattdessen führte man die Strecke weiter bis in den Bahnhof Obernitz. Am 19. Dezember 1898 wurde die Strecke eröffnet. Den Betrieb führten die k.k. Staatsbahnen (kkStB) für Rechnung der Eigentümer.
Im Jahr 1912 wies der Fahrplan der Lokalbahn drei gemischte Zugpaare 2. und 3. Klasse aus, die jeweils bis Brüx ATE durchgebunden waren. Einer der Züge verkehrte im Durchlauf von und nach Lobositz, alle anderen hatten in Tschischkowitz Anschluss an die Züge der Strecke Lobositz–Libochowitz. Sie benötigten für die 40 Kilometer von Tschischkowitz bis Brüx etwas mehr als zwei Stunden.Fahrplan 1912 der kkStB – gültig ab 1. Mai 1912 mini|Bahnhof Třebívlice mit ehemaliger Wasserstation zur Versorgung der Dampflokomotiven (2008) Nach dem Ersten Weltkrieg traten an Stelle der kkStB die neu gegründeten Tschechoslowakischen Staatsbahnen (ČSD). Am 1. Januar 1925 wurde die Brüx-Lobositzer Verbindungsbahn per Gesetz verstaatlicht und die Strecke wurde ins Netz der ČSD integriert.Gesetzestext auf parliament.cz
Anfang der 1930er Jahre ermöglichte der Einsatz moderner Motorzüge einerseits eine Verdichtung des Fahrplanes, als auch eine deutliche Fahrzeitverkürzung. Der Winterfahrplan 1937/38 verzeichnete vier durchgehende Reisezugpaare zwischen Lobositz und Obernitz, ergänzt durch weitere Verbindungen auf Teilstrecken. Die kürzeste Reisezeit zwischen Lobositz und Obernitz lag nun bei einer Stunde und 24 Minuten.Fahrplan der ČSD – gültig ab 3. Oktober 1937
Nach der Angliederung des Sudetenlandes an Deutschland zum 1. Oktober 1938 durchschnitt die neue Staatsgrenze die Strecke mehrfach. Während Anfangs- und Endpunkt nunmehr im Deutschen Reich lagen, verblieben die Gemeinden Třebenice/Trebnitz, Třebívlice/Trziblitz und Semeč/Semtsch und die dortigen Betriebsstellen auf dem Staatsgebiet der Tschechoslowakei. Da keine direkte Anbindung an weitere in der Tschechoslowakei verbliebene Strecken bestand, kam die Strecke zur Gänze zur Deutschen Reichsbahn, Reichsbahndirektion Dresden. Mit vier Reisezugpaaren wurde der Verkehr zwischen Schiedowitz und Obernitz wieder aufgenommen, ein Betrieb über tschechoslowakisches Territorium von und nach Lobositz war zunächst nicht möglich. Im Reichskursbuch vom Sommer 1939 war die Verbindung als Kursbuchstrecke 140u Obernitz–Schiedowitz u Tschischkowitz–Lobositz enthalten.Deutsches Kursbuch Sommer 1939
Erst nach der Besetzung der sogenannten „Rest-Tschechei“ und der Bildung des Protektorats Böhmen und Mähren im März 1939 wurde der durchgehende Verkehr über die Grenze wieder aufgenommen. Die Grenzbahnhöfe zum Protektorat waren Tschischkowitz, Podseditz und Liebshausen, wo die Passkontrollen stattfanden. Im Sommerfahrplan 1941 verkehrten vier Personenzugpaare in der Relation Lobositz–Obernitz, zwei weitere zwischen Lobositz und Triblitz bzw. Podseditz.Deutsches Kursbuch Sommer 1941 Der Einsatz der Motorwagen wurde wegen Kraftstoffmangels im Zweiten Weltkrieg eingeschränkt und später ganz eingestellt. Gegen Kriegsende war die Strecke zunehmend eine Alternativroute für die durch Luftangriffe beschädigten Hauptstrecken. So wurden unter anderem Lazarettzüge über die Strecke geleitet.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges am 9. Mai 1945 kam die Strecke wieder vollständig zu den ČSD, die den Verkehr mit vier durchlaufenden Reisezugpaaren wieder aufnahm. Eine Zäsur war die Ausweisung der deutschsprachigen Bevölkerung des Bahngebietes in den Jahren 1945 und 1946. Schon 1947 wurden alle Reisezüge wieder mit Motorwagen geführt. Sukzessive wurde der Fahrplan in den folgenden Jahren wieder auf das Vorkriegsniveau und darüber hinaus verdichtet. Ab Mitte der 1950er Jahre fuhren acht Reisezugpaare über die Gesamtstrecke. Bedeutendste Leistung im Güterverkehr war ab den 1960er Jahren ein Ganzzug von Most nach Lovosice zur Belieferung der dortigen Chemiefabrik (heute: Lovochemie) mit Ammoniak.
Im Jahr 1982 unterbrach ein Erdrutsch die Strecke zwischen Třebenice město und Dlažkovice, ein Ereignis, das den Fortbestand der Strecke erstmals ernsthaft in Frage stellte. Die Reisezüge wurden auf diesem Abschnitt fortan im Schienenersatzverkehr geführt. Erst 1987 ließ die ČSD den Abschnitt instand setzen und nahm den durchgehenden Eisenbahnverkehr wieder auf.
Am 1. Januar 1993 ging die Strecke infolge der Auflösung der Tschechoslowakei an die neu gegründete tschechische Staatsbahngesellschaft České dráhy (ČD) über. Seit 2003 gehörte sie zum Netz des staatlichen Infrastrukturbetreibers Správa železniční dopravní cesty (SŽDC).
Zum Fahrplanwechsel am 9. Dezember 2007 wurde der Reisezugverkehr durch den verantwortlichen Ústecký kraj abbestellt. Als Grund für die Einstellung wurde vor allem die geringe Auslastung der Züge genannt. Der letzte Fahrplan 2007 verzeichnete sechs Reisezugpaare an Werktagen, die in einem angenäherten Zweistundentakt verkehrten. Güterverkehr fand schon seit einigen Jahren nicht mehr statt.
mini|Reisezug in Třebenice město (2015) Am 9. Januar 2008 fuhr versuchsweise ein aus 28 leeren Kesselwagen für Ammoniak und Harnstoff sowie zwei Lokomotiven gebildeter, 400 Meter langer Güterzug des privaten Eisenbahnverkehrsunternehmens Unipetrol doprava. Seit dem 13. Januar 2008 sind die Züge im Fahrplan enthalten, sie verkehren bedarfsweise ein- bis zweimal im Monat in der Verkehrsrichtung Lovosice–Most.
Auf Initiative der Anliegergemeinden wurde die Strecke ab dem 26. März 2008 wieder mit zwei Reisezugpaaren an den Wochenenden befahren. Dieses auf das Sommerhalbjahr beschränkte Zugangebot wurde fortan als „Švestková dráha“ beworben. Beauftragtes Eisenbahnverkehrsunternehmen für diese Fahrten waren zunächst die Jindřichohradecké místní dráhy (JHMD) und ab 2014 Railway Capital (RC). Zum Einsatz kamen Triebwagen älterer Bauarten, die nicht mehr im Regelverkehr anzutreffen waren. Seit dem Jahresfahrplan 2016 war die Verbindung als saisonale touristische Linie T4 „Středohorský motoráček“ in den Regiotakt Ústecký kraj integriert.
Im Oktober 2010 gab das tschechische Verkehrsministerium die beabsichtigte Stilllegung der Strecke im Dezember 2010 bekanntAktuelles auf www.zelpage.cz – abgerufen am 21. Oktober 2010, was nicht umgesetzt wurde. Im November 2014 wurde die Strecke von SŽDC für 132.265.270 Kč zum Verkauf ausgeschrieben.Michal Pavec: Chcete si koupit železnici? Stát poprvé prodá funkční tratě, Lidovky.cz, 20. 11. 2014 Im Jahr 2016 ging sie für lediglich 5,7 Millionen Kč in das Eigentum von AŽD Praha über. Der tschechische Hersteller für Eisenbahnsicherungstechnik wollte die Strecke insbesondere als Erprobungsstrecke zur Entwicklung fahrerloser Züge nutzen. Im Ergebnis der Streckenübernahme wurden auch die Züge der touristischen Linie T4 seit 2017 von AŽD selbst gefahren.„Provozovatelem tratí 063 a 113 bude nadále SŽDC“ auf www.zelpage.cz„AŽD Praha pořizuje vlastní motorové vozy“ auf www.vlaky.net mini|Der vollständig erneuerte Bahnhof Třebívlice wurde 2017 als „Schönster Bahnhof in Tschechien“ prämiert (2023) Seit der Übernahme arbeitete AŽD an der vollständigen Erneuerung der Infrastruktur. Neben der Erneuerung von Gleisen und Anlagen wurden auch die Hochbauten instand gesetzt. Die Bahnhöfe erhielten moderne Sicherungstechnik mit Lichtsignalen, die Wegübergänge wurden mit Blinklichtanlagen ausgerüstet. Der instandgesetzte Bahnhof Třebívlice wurde im Oktober 2017 als Zweitplatzierter mit dem Prädikat „Schönster Bahnhof des Jahres 2017“ (Nejkrásnější nádraží roku 2017) ausgezeichnet.Třebívlice se chlubí druhým nejkrásnějším nádražím v zemi auf idnes.cz Der Zweck des Erwerbs der Strecke war die Erprobung und Demonstration der eigenen Signal- und Zugbeeinflussungstechnik. Deshalb wurde die Strecke komplett für das aktuelle ETCS Level 2 nach Baseline 3 ausgerüstet.
Nach Abschluss der Modernisierungsarbeiten strebte AŽD die Wiedereinführung eines regelmäßigen Schienenpersonennahverkehrs an, was vom Ústecký kraj als Aufgabenträger für den öffentlichen Nahverkehr unterstützt wurde.
Im September 2018 wurde AŽD mit der Erbringung der Verkehrsleistungen für die Linie Litoměřice–Most ab Fahrplanwechsel im Dezember 2019 im Rahmen einer Direktvergabe beauftragt. Die Vereinbarung hat eine Laufzeit von zehn Jahren und sieht jährlich 510.000 Zugkilometer zum Preis von 108,50 Kronen je Kilometer vor.„Na Švestkovou dráhu se vrátí každodenní provoz. AŽD se dohodla s krajem, koupila už pro trať vlaky“ auf zdopravy.cz Vorgesehen ist ein autonomer, „fahrerloser“ Betrieb der Züge ohne Steuerung durch einen Triebfahrzeugführer.„První autonomní vlak vyjede v Česku příští rok. Strojvedoucí v něm bude jen pro jistotu“ auf zdopravy.net