Die Terminologie Heideggers entstand vor allem aus der Bemühung heraus, sich von bestimmten grundlegenden Merkmalen und Tendenzen philosophischer Traditionen loszusagen. Martin Heidegger wollte ein Vokabular entwickeln, das seinem eigenen theoretischen Anliegen eher gerecht wird. Dies betrifft vor allem seine spezifische Fassung der Frage nach dem Sein.
Der Artikel gibt eine Übersicht über die wichtigsten Termini und ihren Bedeutungswandel in der zeitlichen Entwicklung von Heideggers Denken. Es wird außerdem der Ort ihres Vorkommens in Schriften der Gesamtausgabe angegeben.
Heideggers Umgang mit Sprache Da für Heidegger die Geschichte der abendländischen Metaphysik durch Seinsvergessenheit bestimmt ist, sah er keine Möglichkeit, an deren Vokabular anzuknüpfen. In dieser geschichtlichen Sprachnot sah sich Heidegger der Schwierigkeit ausgesetzt, eine Terminologie für etwas zu entwickeln, das seiner Meinung nach in der bisherigen Tradition stets ungedacht geblieben ist.
Unbegriffliche Sprache Während der frühe Heidegger noch in Sein und Zeit dazu tendiert Neologismen zu schaffen, um diesem Anspruch gerecht zu werden, ändert sich sein Vokabular später dahingehend, dass er Begriffe der Umgangssprache entlehnt, diese jedoch stark umdeutet. In späten Texten wandelt sich dies noch einmal. Heidegger tendiert nun zu einer unbegrifflichen Sprache, die sich teilweise an das Dichterische anlehnt. Diese Unbegrifflichkeit findet sich zum Beispiel auch in der Umgangssprache, so gibt es „Gegenstände“ – wie die Welt, die Geschichte oder der Mensch – von denen wir weder eine Anschauung haben (da die Welt uns niemals als Ganze gegeben ist) noch sind diese „Gegenstände“ begrifflich fassbar. Unter eine solche Gruppe von „Gegenständen“ lässt sich auch Heideggers später Begriff des Seins einordnen.Vgl. Dirk Mende: »Brief über den ›Humanismus‹« Zu den Metaphern der späten Seinsphilosophie. In Dieter Thomä (Hrsg.): Heidegger Handbuch. Metzler Verlag, Stuttgart 2003, S. 251.
Heidegger hat verschiedene Konzepte entwickelt, um das Problem der Unbegrifflichkeit zu explizieren und Alternativen vorzuschlagen. Zentrales Anliegen war ihm dabei immer, dass die philosophischen Begriffe den Menschen angehen müssen, sie müssen ihn er-greifen. Da es zugleich der Mensch ist, der philosophiert, also in dem sich die Metaphysik vollzieht, ist er in die Metaphysik und deren Begriffe einbezogen, Metaphysik ist also ein inbegriffliches Denken. (So noch 1930; Heidegger wird später die Bezeichnung „Metaphysik“ für sein Denken ablehnen.) Damit der Mensch von den philosophischen Begriffen angegangen, ja angegriffen werden kann, muss er sie sich zu eigen machen:
Die Begriffe zeigen also nicht direkt auf ein vorhandenes Ding, sondern sie weisen, wenn sie den Menschen betreffen, auf (zeitliche) Strukturen hin, die keinen Dingcharakter haben (Vgl. bspw. Existenz). Daher kommt es, dass ein Begriff nur im strukturellen Zusammenhang mit anderen Begriffen Sinn ergibt. Nimmt man die Begriffe nicht in dem Zusammenhang, auf welchen Heidegger hinweisen möchte, passiert es schnell, dass man sie wieder in ihrer alten Bedeutung auffasst und so meint, sie würden etwas Vorhandenes anzeigen.
Zwar hat man das Problem des Begriffszusammenhangs, so Heidegger, in der Geschichte der Philosophie gesehen, was dazu geführt hat, die Begriffe in einem System zu ordnen. Da nun aber der den Menschen bestimmende Zusammenhang geschichtlich gewachsen ist, kann es kein ewig gültiges System philosophischer Begriffe geben: „Die Geschichtlichkeit des Daseins verwehrt noch mehr als eine Systematik jede Isolierung und isolierte Ablösung einzelner Begriffe.“GA 53, S. 432.
Ablehnung der Metaphorik Heideggers Sprache wirkt häufig metaphorisch. Da Heidegger selbst jedoch seinen Sprachgebrauch nicht als metaphorisch verstanden wissen wollte, bleibt dieser offensichtliche Widerspruch Gegenstand der Forschung.Vgl. zum Beispiel Giuseppe Stellardi: Heidegger and Derrida on Philosophy and Metaphor. Imperfect Thought. Prometheus Books UK, New York 2000. Dabei wird zum einen davon ausgegangen, dass die Metaphern des späten Heidegger dazu dienen, den weder in der Anschauung noch begrifflich fassbaren „Gegenstand“, von dem sie sprechen, zu konstituieren, indem von ihm durch sie gesprochen wird. Ein Beispiel hierfür ist Heideggers Lichtmetaphorik, wenn er schreibt, dass „im Lichte des Seins das Seiende als das Seiende das es ist erscheine.“ Das Licht, welches das Sein auf das Seiende wirft, lässt dieses erst erscheinen, das heißt sein. Was zuvor dunkel war, wird nun sichtbar. Die Lichtung des Seins ist der Mensch, der jedoch nicht darüber verfügen kann, ob und wie im geschichtlichen Prozess das Licht des Seins in seine Lichtung fällt und dort das Seiende sein lässt. Er kann sich nur offen für das einfallende Licht halten. Dieser ganze Vorgang wäre wohl außerhalb der Metaphorik nicht sagbar.
Heidegger selbst hat es stets abgelehnt, seine Sprache als metaphorisch zu bezeichnen. So schreibt er zum Beispiel im „Brief über den »Humanismus«“ über sein Wort von der Sprache als das Haus des Seins:
Bestimmte sprachliche Gebilde als metaphorische Konstruktion aufzugreifen stellte für Heidegger eine von ihm kritisierte metaphysische Verfehlung dar, die davon ausgeht, dass ein Innen auf ein Außen übertragen wird. So ist der Ausdruck „ein langweiliges Buch“ nicht als ein metaphorischer Transport eines Drinnen auf ein Draußen zu verstehen.GA 29/30, S. 127f. Heidegger möchte damit die traditionelle Opposition von subjektiv und objektiv, sinnlich und unsinnlich überwinden. Daher ist die Destruktion der Metapher ein wesentlicher Teil der Metaphysikkritik: „Das Metaphorische gibt es“, so Heidegger, „nur innerhalb der Metaphysik.“GA 10, S. 89.
Schon in Sein und Zeit hat es Heidegger abgelehnt, den „Ruf des Gewissens“ als eine Metapher aufzufassen, die ähnlich wie Kants Bild vom Gewissen als Gerichtshof zu verstehen sei: „Diese Charakteristik des Gewissens als Ruf ist keineswegs nur ein »Bild«, etwa wie die Kantische Gerichtshofvorstellung vom Gewissen. Wir dürfen nur nicht übersehen, dass für die Rede und somit auch für den Ruf die stimmliche Verlautbarung nicht wesentlich ist.“Sein und Zeit, GA 2, S. 271. Heidegger sah das, was den Menschen in seinem Weltbezug, dem „ek-statischen Hinausstehen“ ausmacht, als in erster Linie nicht durch die vernünftig-begriffliche Erfassung einzelnen Seiendes bestimmt. Stattdessen sah er das, was uns im Umgang mit der Welt grundlegend be-stimmt, in der Stimmung. Die Stimmung geht allem Bezug auf einzelne Dinge in der Welt voraus. Sie wird auch nicht durch eine einzelne innerweltliche Sache erregt, sondern ist immer schon vor- und mitgängig, wenn wir uns auf etwas beziehen.
Die Grundstimmung ist aber keine innerliche Einstellung des Subjekts, sondern ist selbst wesentlich im Bezug zur Welt bestimmt, da der Mensch als ek-statischer immer schon ‚draußen ist‘. Sie ist eine Totalempfindung, die auch einzelnen Sinnesdaten vorausgeht. Weil der Mensch als ek-statisches Wesen durch seinen Weltbezug „gestimmt“ ist, werden auch Sinnesdaten stets in diese Stimmung eingetaucht: Der Mensch empfängt keine „Rohdaten“, wie etwa primitive tierische Organismen. So wie es abhängig von der Situation ist, ob wir Schmerz als qualvoll oder lustvoll empfinden, so geht die Grundstimmung jeglichem Einzelerlebnis voraus. Sie ragt ihrem Ursprung nach jedoch in unseren kulturellen und geschichtlichen Hintergrund hinein und ist daher breiter und tiefer als die Stimmung in einer Situation. Das „Sinnes“-Organ für die Stimmung ist bei Heidegger das Herz.Vgl. die Studie von Byung-Chul Han: Heideggers Herz. Zum Begriff der Stimmung bei Martin Heidegger. Wilhelm Fink, München 1996. Es ist das Organ des nicht-metaphysischen Denkens, denn es beschränkt unseren Weltbezug nicht auf die Summe der einzelnen Sinnesorgane und die von ihnen gelieferten Daten, sondern macht überhaupt erst möglich, dass wir etwas hören, sehen, fühlen, das uns in unserem Wesen angeht:
Die metaphysische Trennung von Sinnlichem und Unsinnlichem geht für Heidegger auf Platon zurück.Vgl. GA 53, S. 18. Die Trennung enthüllt sich jedoch als rein konzeptioneller Abstand zwischen beiden Bereichen, über den hinweg die metaphorische Übertragung geschähe. Für ein Denken, welches versucht, die Metaphysik zu überwinden, lassen sich solche Konzepte nicht aufrechterhalten. Wenn nun das Herz als Organ der Stimmung jenes ist, welches uns eigentlich sehen und hören lässt, dann lässt sich auch die Aufspaltung des Seins in verschiedene Sinnesregionen nicht aufrechterhalten – auch das Auge kann also hören und das Ohr sehen. Dies ist von Heidegger daher nicht metaphorisch gemeint:
Dabei ist sogar das Nichts, wie es Heidegger in „Was ist Metaphysik?“ ausarbeitet, weder mit dem Auge zu erblicken, noch mit dem Ohr vernehmbar. Für Heidegger ist es die Grunderfahrung der Angst, also eine Stimmung, welche uns mit dem Nichts konfrontiert, dann nämlich, wenn die Welt in ihrer Bedeutsamkeit für uns zusammensinkt und die Sinnangebote der Öffentlichkeit nichts für uns sind.
Insofern also die Stimmung bei Heidegger der Überwindung metaphysischer Vorstellungen gilt, lässt sich von hier aus auch seine Ablehnung gegenüber der Metapher verstehen, die ja auf die metaphysischen Konzepte und denen sich daraus ergebenden Trennungen angewiesen ist. Denn erst auf der Grundlage der metaphysischen Trennung lässt sich die Metapher als eine sprachliche Figur verstehen, die das in einer Seinsregion gewonnene Verständnis mittels ihrer Bildhaftigkeit in eine andere Seinsregion hinüber rettet. Vielmehr ist die Welt stets ein ganzes, innerhalb dessen es nichts gibt, das wir sprachlich so erfassen, dass sich von ihm sagen lässt, wir kennen sein „eigentliches Wesen“ und nutzen dieses noch in anderer Weise als Metapher oder Symbol:
Allerdings gibt es in Heideggers Werk auch Hinweise darauf, dass es ihm gelegentlich nicht völlig gelingt, die bildliche Sprache zu verlassen:
Die Sprachkritik und Sigetik des späten Heidegger