Eine Turinggalaxie entspricht der Hypothese, gemäß der vernetzte Computer eine virtuelle Galaxie bilden.
Entstehung des Begriffs Der Begriff der Turing-Galaxis wurde von Wolfgang Coy 1993 in einem Vortrag mit dem Titel „Die Turing-Galaxis. Computer als Medien“ auf der Konferenz Interface II in Hamburg geprägt. Coy schreibt:
Analog zu McLuhans Gutenberg-Galaxis verwendet das Deonym Turing-Galaxis den Namen des Innovators, um die mediengeschichtliche Epoche zu benennen, die seine Innovation prägt. Johannes Gutenberg hat mit seiner Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern eine Dynamik ausgelöst, die sich nach McLuhans Analyse direkt auf Reformation, Aufklärung, moderne Wissenschaft, die bürgerliche Gesellschaft und den Kapitalismus auswirkte.
Vergleichbar grundlegende Veränderungen gehen nach Coys Analyse von der universellen Maschine aus, die der britische Mathematiker Alan Turing 1936 erdachte. Turing wollte die für die Mathematik grundlegende Frage der Berechenbarkeit lösen. Dazu entwarf er in dem Aufsatz On Computable Numbers, with an Application to the EntscheidungsproblemOn Computable Numbers, with an Application to the Entscheidungsproblem (28. Mai 1936) eine Gedankenmaschine, heute unter dem Namen Turing-Maschine bekannt, die mit nur drei Grundoperationen in der Lage ist, .
Die universelle Turingmaschine kann selber prinzipiell nicht gebaut werden, allein schon wegen ihres unendlichen Schreibbandes. Aber die Berechnungsvorschriften dieser Maschine liegen jedem heutigen Computer und damit der Medienepoche, die er prägt, zugrunde.
Diese Aktion, schreibt Coy, zeige sich zuerst als neue Form der Transformation von Schrift, dann in der Form des Automats als Transformation von Sensordaten in Aktionen von Robotarmen usw. und schließlich durch Vernetzung als Transformation vieles Denkbaren bzw. alles überhaupt medial Speicherbaren in das digitale Universalmedium.
Verwandte Begriffe aus der Vorgeschichte Dass aus der Gutenberg-Galaxis durch medientechnologische Innovationen neue kulturelle und gesellschaftliche Verhältnisse entstehen, wurde zuerst in den 1920er und 1930er Jahren wahrgenommen. Bertolt Brecht formulierte diese Wahrnehmung in seiner Radiotheorie. Walter Benjamin baute seine Theorie vom Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit von Kunstwerken vor allem auf das neue Medium Film.
Tesla-Galaxis Für die eigenständige medienkulturelle Epoche zwischen der buchzeitlichen und der digitalen Galaxis, die durch die elektrischen und chemischen Innovationen bei Bild- und Tonmedien gekennzeichnet ist, hat sich noch kein Name durchsetzen können. McLuhan sprach vom „Zeitalter Marconis“. Der Soziologe Manuel Castells bezeichnete die durch das Fernsehen charakterisierte Konfiguration als McLuhan-Galaxis.Manuel Castells: Das Informationszeitalter. 2004, Band 1 Damit nimmt er aber nicht einen medientechnologischen Innovator, sondern den medienwissenschaftlichen Analytiker der Epoche zu ihrem Namensgeber. Inzwischen ist der von der Geschichte und vom US-Patentbüro übergangene Nikola Tesla rehabilitiert. Da er und nicht Guglielmo Marconi als Erfinder des Radios oder, laut seinem Biografen, gleich des ganzen 20. JahrhundertsRobert Lomas: The man who invented the twentieth century: Nikola Tesla, forgotten genius. London 1999. anerkannt ist, wäre diese Epoche als Tesla-Galaxis zu bezeichnen.
Post-Gutenberg-Galaxis In den 1950er Jahren wird erneut ein grundlegender gesellschaftlicher Wandel wahrgenommen, diesmal bereits unter dem Zeichen des Computers. Das Atomzeitalter, das der Kybernation, die Informationsgesellschaft (Yujiro Hayashi, 1969) und die postindustrielle Gesellschaft (Daniel Bell 1973) gehören zu den Versuchen, der Epoche einen Namen zu geben.
Von vielen Beobachtern wird das Neue zunächst nur negativ als Post-Gutenberg-Zeitalter benannt. 1987 fragte Wolfgang Coy nach einer „Post-Gutenbergian Era“. In dem Aufsatz Von QWERTY zu WYSIWYG – Texte, Tastatur & Papier analysierte er das neue Aufschreibesystem, denn genau das und keineswegs ein Lesegerät sei der Computer. Der Schreibprozess werde einmal mehr maschinisiert. Gelesen werde aber nicht am Bildschirm, sondern auf dem Papierausdruck. Er schilt daher die schreibende Zunft, die sich von Bibeln auf Diskette in ihrem Wesen bedroht wähnte.
Coy beschreibt in dem Aufsatz die neuen maschinellen Textoperationen, die der Computer ermöglicht (Suchen, Sortieren, Rechtschreib- und Stilprüfen, Konzipieren, Formatieren, Desktop-Publishing, bis hin zur Möglichkeit der automatischen Textgenerierung). Doch neben Veränderungen auf dem Papier, trage die rechnergestützte Textverarbeitung auch Potenzen, die über die Buchproduktion hinausgehen: Und er schließt seine Überlegungen 1987 mit der Frage:
Die größte Umlaufgeltung erzielte der Begriff jedoch durch den Kognitionswissenschaftler Stevan Harnad, der 1991 in seinem Aufsatz The Post-Gutenberg Galaxy das elektronische Schreiben als vierte Revolution in den Produktionsmitteln des Wissens nach der Erfindung von Sprache, Schrift und Druckkunst analysierte. 1995 verabschiedete auch der Medientheoretiker Norbert Bolz Gutenbergs Welt der Schrift und blies zum Aufbruch in die Welt der Hypermedien (Am Ende der Gutenberg-Galaxis).
Begriffsprägung Turing-Galaxis Eine gesellschaftliche Breitenwirkung erlangte die digitale Revolution mit der Verbreitung von PCs in den 1980er Jahren und des Internets in den 1990er Jahren. Nicht zufällig wird in dieser Zeit das Werk Alan Turings für die Kultur- und Medienwissenschaften entdeckt. Bis dahin finden sich Verweise auf Turing ausschließlich in der mathematischen und informatischen Fachliteratur. In der Computer-Geschichtsschreibung war Turings Name hinter dem von John von Neumann verschwunden.
Die Person und das Werk Turings wurden erst in der Biographie von Andrew Hodges (1983, deutsch 1989) erschlossen, der dafür erstmals auf gerade deklassifizierte Originaldokumente zugreifen konnte. Im deutschsprachigen Raum war die Zusammenstellung und Übersetzung der Schriften Turings, die ohne mathematische Aufrüstung lesbar sind, durch Bernhard Dotzler und Friedrich Kittler 1987 ein Schlüsselereignis. 1992 legten Harry Harrison und Marvin Minsky den Roman The Turing Option vor.
Der Erste, der Turing zu einem Epochen-Marker machte, war Jay David Bolter mit seinem Turing's Man. Western Culture in the Computer Age (1984, deutsch 1990). Zu einer Zeit, da, wie er schreibt, die meisten Laien noch nie im selben Zimmer mit einem Computer gewesen sind, sieht er voraus, dass der Computer...
Am Anfang des „Turingschen Menschen“ standen, Bolter zufolge, zwei „Manifeste“, die beiden Turing-Aufsätze On Computable Numbers (1937) und Computing Machinery and Intelligence (1950).
In Analogie zu McLuhan sieht Bolter eine Verschiebung des bevorzugten Erkenntnisorgans. Hatte der „Faustische Mensch“ sich zuoberst über das Auge mit der Welt in Beziehung gesetzt, so sein Nachfahre über die Hand. Der Computer sei ein „Greifwerkzeug“, er „manipuliere“ Information, fördere daher eine taktile Form des Problemlösens und . Eng damit verbunden ist eine weitere Haltung, die der Computer in die Welt einführe: das Spiel. Wie das Kind im Sandkasten forme und modifiziere der Turingianer seine Ideen und als Programmierer seinen Code. Wie das klassische Spiel ist sein Ausprobieren von beschränktem Ernst, da nicht unwiderruflich und ein Neustart immer möglich.
Bolter zieht daraus die optimistische Folgerung, dass “[…] the computer age […] is perhaps less likely to produce a Hitler or even a Napoleon.”. Schließlich sieht Bolter, wie nach ihm Coy, ein Bewusstsein von der Begrenztheit der Welt als charakteristisch für die Turing-Galaxis. Den Faustischen Mensch trieb eine Politik, eine Wirtschaft, allgemein: eine Liebe der Unendlichkeit, wie sie sich in Gott manifestiert.
Wolfgang Coy gebrauchte dann im Frühjahr 1993 zum ersten Mal die Wendung Turing-Galaxis in einem Vortrag auf der Interface II in Hamburg mit dem Titel Die Turing-Galaxis. Computer als Medien. Seine zentrale These: Der Text erschien zusammen mit zwei anderen im Juli 1994 unter dem Titel Computer als Medien. Drei Aufsätze. Es ist dies die Ursprungstrilogie der Turing-Galaxis. Dabei steht weder die Person oder Innovation Turings noch die Epochenbenennung im Vordergrund. Hauptanliegen ist es vielmehr, der landläufigen Vorstellung vom Computer als Automat die in der klassischen Informatik nicht präsente Erkenntnis entgegenzuhalten, dass der Computer ein Medium sei. Erstere führe konsequent zur Künstlichen Intelligenz, während das Medium Computer die Beziehungen zwischen Menschen ordne.
Mit Sensoren und Effektoren an seine Nahumwelt gekoppelt und durch ihre innige Verbindung mit der Nachrichtentechnik global vernetzt, bildet die Turing-Maschine analog zu dem des Buches einen medialen Wissensraum aus. Der Computer ist nicht nur Medium, sondern als die das Universal-Medium.
Immer noch wird das neue Medium Gutenbergianisch gedacht, wenn Coy von einem spricht, wobei die Textproduktion radikal erweitert wird zum Hypertext und zum Hypermedium. Vannevar Bush, Doug Engelbart, Ted Nelson und Alan Kay sind die Namen, die für diese Entwicklungslinien hin zum Computer als intelligenzverstärkender Wissensmaschine stehen.
Coy formuliert hier auch eine politische Kritik des Computers, wenn er die Großrechner als bezeichnet, Dem stellt er die durch die PC-Revolution gegenüber, die bringt.
Ein Jahr später schließt Coy in seiner Einleitung zur deutschen Neuauflage von McLuhans Buch Die Gutenberg-Galaxis das Computerzeitalter eng an das des Buches an.
Im Wettbewerb zwischen Buch und Computer schien ihm vorerst noch das Buch als Sieger hervorzugehen. Doch nicht mehr lange:
1996 lieferte Coy weitere , in der sich fundamentale Wahrnehmungsprozesse und mit ihnen neu konfigurieren werden. Wiederum hebt er die Bedeutung der Erweiterung des Medienzugangs von corporate zu personal computing hervor und jetzt auch die politische Dimension des inhärenten Globalisierungstrends und das Missbrauchspotential durch Verstöße gegen den Datenschutz.
Hier taucht auch erstmals der Begriff Wissensordnung des Karlsruher Philosophen Helmut Spinner auf, die in Coys weiteren Forschung zur Turing-Galaxis eine zentrale Rolle einnahm.
Die Wissensordnung der Turing-Galaxis Am ausgehenden 20. Jahrhundert trat neben der technischen und medialen die rechtliche Ordnung der Turing-Galaxis in den Vordergrund. Konnte John Perry Barlow in seiner Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace 1996 das Internet noch mit gutem Grund zum rechtsfreien Raum erklären, setzte zeitgleich seine rechtliche Regulierung ein. Das betraf insbesondere die geistigen Eigentumsrechte. Ebenfalls 1996 verabschiedete die UNO-Agentur für geistiges Eigentum (WIPO) mit zwei Internet-Abkommen das erste Urheberrecht speziell für die Turing-Galaxis.
Bereits Ted Nelson hatte erkannt, dass Hypertexte mit der Einheit des Werks auch die Zuweisung dieses Werks auf einen Autor und sein Eigentum problematisch machen. Urheberrecht wird nach seiner Vorstellung dadurch keineswegs überflüssig, es müsse vielmehr höher auflösend gestaltet werden. Die Transklusion, also das Einlinken von Bestandteilen anderer Werke in ein neues Werk (im Unterschied zum Zitieren), mache ein Transcopyright erforderlich. Er stellt sich eine programmierte Wissensumgebung vor, in der kleinste Werkteile bis hin zu Wörtern mit ihrem Eigentümer markiert sind, so dass die Bezahlung eines zusammengesetzten Werks automatisch allen Eigentümern der enthaltenen Bestandteile gutgeschrieben wird. Man kann diese Vision als Metastase des geistigen Eigentums lesen, aber auch als einer Vorwegnahme der Auseinandersetzung um Sampling und Remixing, die in der Musikindustrie begann und bis heute andauert.