miniatur|hochkant=0.9|Jörg Lanz von Liebenfels (vor 1907)
Jörg Lanz von Liebenfels, eigentlich Adolf Joseph Lanz (* 19. Juli 1874 in Penzing; † 22. April 1954 Wien), war ein österreichischer Ariosoph und Hochstapler. Er prägte den Begriff Ariosophie und gründete den Neutemplerorden. Früher hielt man ihn verbreitet für den „Mann, der Hitler die Ideen gab“. Diese Einschätzung beruht auf einer Selbststilisierung und wurde in einer Biografie von 1958 verbreitet. Neuere wissenschaftliche Untersuchungen sehen sie als unzutreffend an.
Leben und Werk Jugend und Herkunft Adolf Lanz war Kind einer Wiener Familie römisch-katholischen Glaubens und wuchs im Ortsteil Penzing auf. Seine Eltern waren der Lehrer Johann Lanz und Katharina Lanz, geborene Hoffenreich.Nicholas Goodrick-Clarke: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus. Graz 1997, S. 83. Sein Großvater Josef (ursprünglich Samuel) Hoffenreich (1815 in Holíč als Sohn eines jüdischen Handelsmanns geboren) hatte sich am 24. Januar 1842 in Wien katholisch taufen lassen. Pfarre am Hof [Tom. 6, fol. 89 https://data.matricula-online.eu/de/oesterreich/wien/01-am-hof/01-06/?pg=91] Lanz verbrachte eine wenig ereignisreiche, für damalige Verhältnisse sorgenfreie Jugend und zeigte bereits früh ein intensives, romantisch gefärbtes Interesse an religiösen Ordensgemeinschaften und verschiedenen Formen von Esoterik. Unmittelbar nach seiner Matura 1893 schloss er sich dem Zisterzienserorden an, dem er bis zum Jahre 1899 angehörte.
Leben als Zisterzienser 1893 trat Lanz als Bruder Georg in das Zisterzienserkloster Heiligenkreuz im Wienerwald ein. Sein Novizenmeister war Nivard Schlögl, Professor für Altes Testament und orientalische Sprachen, der in seinen Arbeiten eine antisemitische Haltung einnahm.Nicholas Goodrick-Clarke: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus. Graz 1997, S. 84.
In seiner Zeit als Novize erarbeitete sich Lanz rasch Ansehen als profunder Kenner der Geschichte seines Landes und seines Ordens im Allgemeinen sowie seines Stifts im Besonderen. Ab 1894 verfasste er mehr als dreißig historische und kunsthistorische Abhandlungen, unter anderen in wissenschaftlich anerkannten Zeitschriften wie den Berichten und Mittheilungen des Alterthums-Vereines zu Wien und den Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens und seiner Zweige. Er beschäftigte sich bereits zu dieser Zeit mit Astrologie, Neopaganismus, Okkultismus und dem Gralsmythos. Unter dem Einfluss dieser Studien, der Schriften des Okkultisten Guido von List und der Polemiken des Alldeutschenführers Georg von Schönerer entwickelte sich Lanz bis zur Jahrhundertwende zum radikalen Deutschnationalen und Eugeniker.
Noch während seiner Ausbildung als Novize trat Lanz 1896 in den Verein für Landeskunde Niederösterreichs ein und unternahm Verhandlungen, die Burg Werfenstein in Grein zu kaufen – die genauen Geldgeber für die dafür benötigten Mittel sind nach aktuellem Forschungsstand nicht bekannt. Vermutlich agierte Lanz schon damals im Auftrag seines späteren Geldgebers Walthari Wölfl, denn dieser wurde 1907 tatsächlich Besitzer und Verwalter der Burg Werfenstein. In Reiseführern der damaligen Zeit wurde berichtet, dass die Festung wohl „schon in grauer Vorzeit eine germanische Opferstätte“ war.
1898 wurde Lanz zum Priester geweiht. Kaum ein Jahr später wurde er aufgefordert, den Orden zu verlassen. Lanz selbst gab später an, seine ständig „steigende Nervosität“ und seine angegriffene Gesundheit seien der Grund für seinen im April 1899 vollzogenen Austritt gewesen. Quellen im Heiligenkreuzer Stiftsarchiv hingegen vermerken in lateinischer Sprache den Austrittsgrund, Lanz sei . Eine alternative Übersetzung lautet „von weltlichem Ehrgeiz erfüllt“ – ein möglicher Bezug auf seine 1900 erfolgte Gründung der Neutempler-Organisation. Einige Kommentatoren vermuten hinter der ersten Übersetzung eine Frauenbeziehung – möglicherweise mit einer Angehörigen der Familie Lanz von Liebenfels – und sehen in deren mutmaßlichem Scheitern einen Grund oder Mitgrund für Lanz’ spätere Misogynie.Nicholas Goodrick-Clarke: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus. Graz 1997, S. 85. Lanz scheint aber tatsächlich nie geheiratet zu haben. Andere Kommentatoren verweisen auf das Gerücht, Lanz sei homosexuell gewesen. Von nun änderte er seinen Ordensnamen Georg in die deutsche Variante Jörg und behauptete, sein Vater wäre ein „Baron Johann Lancz de Liebenfels“ gewesen.Michaela Lindinger: Außenseiter, Sonderlinge, Femmes fatales. Das „andere“ Wien um 1900. Amalthea Signum, Wien 2015, Abschnitt Camelot im Strudengau einsehbar über Google Books.
Beginn der Hochstapelei miniatur|Wappen der Familie Lantz von Liebenfels. Ein tatsächlicher Bezug Lanz’ zu dieser Familie ist nicht nachweisbar.
Wie sich Lanz nach seinem Austritt seinen Lebensunterhalt finanzierte, ist unbekannt. Seit 1902 führte er einen Doktortitel – für eine Promotion gibt es keine Belege, er führte den Titel wohl unberechtigtElke Kimmel: Lanz, Josef Adolf. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Band 2: Personen. De Gruyter, Berlin u. a. 2009, , S. 454f. – und nannte sich fortan Lanz-Liebenfels.Nicholas Goodrick-Clarke: Lanz von Liebenfels. In: Wouter J. Hanegraaff (Hrsg.) Dictionary of Gnosis and Western Esotericism. Brill, Leiden 2006, S. 673–675, hier S. 674. 1910 änderte er dies zu Lanz von Liebenfels ab. Zwischen 1902 und 1905 verfasste Lanz Zeitungsaufsätze u. a. für die antiklerikale und antijesuitische Frankfurter Zeitschrift Das freie Wort und erhielt dafür kleinere Summen, die aber wohl nicht ausreichten, seinen Lebensunterhalt zu decken.
In Schwaben und auf Schloss Liebenfels im Thurgau existierte eine Adelsfamilie mit dem Namen Lantz (oder Lanz) von Liebenfels. Es ist allerdings nicht nachweisbar, dass zwischen ihr und Lanz eine verwandtschaftliche Beziehung bestand, und die jüngsten Belege für die Existenz dieser Familie datieren von 1790.Nicholas Goodrick-Clarke: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus. Graz 1997, S. 96. Wahrscheinlich hat Lanz auch seine Zugehörigkeit zu dieser Adelsfamilie erfunden.
Unterstützt durch Guido von List überzeugte er damals jedoch nicht nur die breite Öffentlichkeit, sondern auch das für ihn zuständige Wiener Meldeamt von seiner geänderten Identität. Vertrauten gegenüber rechtfertigte Lanz seine Manipulation mit der angeblichen Notwendigkeit, sich einer „astrologischen Überprüfung seiner Person“ zu entziehen. Wahrer Grund ist nach überwiegender heutiger Auffassung hingegen die wahrscheinliche jüdische Abstammung seiner Mutter.Brigitte Hamann: Hitlers Wien. 7. Aufl., Piper, München 1997, S. 309.
Frühe politische Aktivitäten Nach seinem Austritt aus dem Kloster hatte Lanz eine sehr kreative Phase.Nicholas Goodrick-Clarke: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus. Graz 1997, S. 85, und derselbe: Lanz von Liebenfels. In: Wouter J. Hanegraaff (Hrsg.) Dictionary of Gnosis and Western Esotericism. Brill, Leiden 2006, S. 673 f. Er verfasste polemische Schriften über den Einfluss der Jesuiten auf die katholische Kirche, ließ mehrere technische Erfindungen patentieren und schrieb Artikel über Anthropologie, Archäologie und Frühgeschichte, die sich um die arische Rasse drehten. Daneben knüpfte er Kontakte mit alldeutschen und sozialdarwinistischen Kreisen und schrieb etwa für Theodor Fritschs antisemitische Zeitschrift Der Hammer.
Hinwendung zu Rassentheorien und Rassismus Eigenen Aussagen zufolge hatte sich Lanz der Kern seiner späteren Weltanschauung bereits 1894 bei der Betrachtung eines Grabsteins erschlossen, auf dem ein Ritter abgebildet ist, der einen Hundsaffen niederringt. Einer Vision folgend, deutete er den Ritter als blonden „Herrenmenschen“, der das „Minderrassige“ und Böse niederzuringen habe.Wolfgang Hilger: Das angebliche Grabmal Heinrichs des Grausamen in Heiligenkreuz. In: Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte, 29, 1976, S. 21–28. Da die Arier durch Rassenmischung geschwächt seien, hielt er umfassende „rassenhygienische“ Maßnahmen zu ihrer „Reinzucht“ und „Veredlung“ für erforderlich. Diese wiederum bedürften unter anderem einer bedingungslosen Unterordnung der arischen Frau unter den arischen Mann. Tatsächlich aber dürfte weniger „Vision“ als vielmehr Lesen die Basis von Lanz’ „arischem“ Denken gebildet haben. Nach dem Austritt aus dem Kloster widmete er sich ausgiebigen Studien der zeitgenössischen anthropologischen Literatur über die arische Rasse, darunter Origines Ariacae von Karl Penka (1883), Die Heimat der Indogermanen von Matthäus Much (1902) und Die Germanen von Ludwig Wilser (1904).Nicholas Goodrick-Clarke: Ariosophy. In: Wouter J. Hanegraaff (Hrsg.): Dictionary of Gnosis and Western Esotericism. Brill, Leiden 2006, S. 91–97, hier S. 91.
Entwicklung der Theozoologie Lanz’ frühe Artikel waren zwar radikal, aber noch nicht exzentrisch. Die ihnen zugrunde liegende Kombination von Rassismus, Antisemitismus, Antikatholizismus, Antifeminismus und Antisozialismus hatte zu ihrer Zeit viele Anhänger.
In den Jahren 1903 und 1904 publizierte er eine Artikelserie mit dem Titel Anthropozoon biblicum, worin er erstmals Teile seiner „Theozoologie“ entwickelte.Nicholas Goodrick-Clarke: Ariosophy. In: Wouter J. Hanegraaff (Hrsg.): Dictionary of Gnosis and Western Esotericism. Brill, Leiden 2006, S. 91–97, hier S. 91 f. Mit Bezug auf Schilderungen von Herodot, Euhemeros, Plutarch und anderen Schriftstellern der Antike postulierte er, dass in frühen Zivilisationen im Rahmen kultischer Veranstaltungen sexueller Verkehr mit Tieren (Sodomie) praktiziert worden sei. Das versuchte er auch mithilfe von archäologischen Funden und Interpretationen des Alten Testaments zu untermauern. Auf dieser Grundlage formulierte er eine theologische Lehre, wonach der Sündenfall darin bestanden habe, dass die ursprünglich göttlichen Arier sich mit Tieren vermischt hätten. Daraus seien minderwertige Rassen hervorgegangen, und diese würden die legitime Vorherrschaft der Arier bedrohen, insbesondere in Deutschland, wo die Arier im internationalen Vergleich noch am zahlreichsten seien.