Der Kampfbund für deutsche Kultur (KfdK), der in seiner Gründungsphase zunächst den Namen Nationalsozialistische Gesellschaft für deutsche Kultur (NGDK) erhielt, war ein völkisch gesinnter, antisemitisch ausgerichteter und politisch tätiger Verein während der Weimarer Republik und des nationalsozialistischen Regimes. Der Verein mit Sitz in MünchenErnst Piper: Kampfbund für deutsche Kultur (KfdK), 1928-1934. In: Historisches Lexikon Bayerns: wurde 1928 von dem nationalsozialistischen Chefideologen Alfred Rosenberg gegründet und stand bis zu seiner Auflösung 1934 unter dessen Führung. Ziel des Vereins war eine maßgebliche Prägung des Kulturlebens in Deutschland, nicht zuletzt innerhalb der NSDAP. 1934 wurde der Verein aufgelöst und mit dem Reichsverband „Deutsche Bühne“ zur Nationalsozialistischen Kulturgemeinde („NS-Kulturgemeinde“) zusammengefasst. Verbunden war der Auflösungsprozess mit der Errichtung der „Dienststelle Rosenberg“ (DRbg), dem späteren „Amt Rosenberg“ (ARo).Reinhard Bollmus: Das Amt Rosenberg und seine Gegner. Studien zum Machtkampf im nationalsozialistischen Herrschaftssystem. Stuttgart 1970, S. 19 und 27.
Weimarer Republik Entstehungsprozess Die Gründungsphase des Kampfbunds stand in engstem Zusammenhang mit dem Nürnberger Reichsparteitag der NSDAP im August 1927. Nach Abschluss des Parteitags teilte der Völkische Beobachter den Beschluss zur Gründung einer Kulturorganisation mit, die „durch Veranstaltung von Vortragsabenden im gesellschaftlichen Rahmen“ den „nationalsozialistischen Gedanken in Kreise ... tragen“ solle, „die durch Massenveranstaltungen im allgemeinen nicht gefasst werden können.“Jürgen Gimmel: Die politische Organisation kulturellen Ressentiments. Der „Kampfbund für deutsche Kultur“ und das bildungsbürgerliche Unbehagen an der Moderne. Münster/Hamburg/London 1999, S. 13.
mini|hochkant|Alfred Rosenberg 1939 Aus einem nachfolgenden Rundschreiben von Alfred Rosenberg, Hauptschriftleiter des Völkischen Beobachters, an alle führenden Partei-Funktionäre der Ortsgruppen der NSDAP sowie an renommierte Vertreter der völkisch-nationalen Kulturszene im Oktober 1927 geht hervor, dass Hitler ihn mit der Gründung beauftragt hatte.Jan-Pieter Barbian: Literaturpolitik im »Dritten Reich«. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder, Nördlingen 1995, S. 56, ISBN 3-423-04668-6 (Quelle: BArch Potsdam, NS 8/122, Bl. 35–37; Landesarchiv NRW, Abt. Rheinland, RW 23/67 Bl. 334–335; das Schreiben trägt den Briefkopf des Völkischen Beobachters und lag einem Rundschreiben des Eher-Verlages bei). In dem Schreiben wies Rosenberg auf seine Bemühungen hin, „20–30 bester deutscher Namen dafür zu gewinnen, sich als Förderer dieser Sache öffentlich nennen zu lassen.“ Seine Parteigenossen auf kommunaler Ebene bat er um Unterstützung bei der Suche nach sämtlichen „irgendwie als national bekannten Persönlichkeiten Ihrer Stadt“, die für eine materielle Unterstützung und für Verträge der Gesellschaft in Frage kämen.
Die offizielle Gründung des Vereins als „Nationalsozialistische Gesellschaft für deutsche Kultur“ (NGDK) geschah am 4. Januar 1928. Gründer waren neben Rosenberg der Reichsorganisationsleiter der NSDAP Gregor Strasser, der Reichsgeschäftsführer Philipp Bouhler, der Reichspropagandaleiter Heinrich Himmler, der Reichsschatzmeister Franz Xaver Schwarz und der Unternehmer Wilhelm Weiß.Jürgen Gimmel: Die politische Organisation kulturellen Ressentiments. Der „Kampfbund für deutsche Kultur“ und das bildungsbürgerliche Unbehagen an der Moderne. Münster/Hamburg/London 1999, S. 13.
„Führer“ der NGDK wurde Rosenberg, Gotthard Urban, ein Freund von Baldur von Schirach, Reichsgeschäftsführer.Reinhard Giersch: Kampfbund für deutsche Kultur, in: Dieter Fricke (Hrsg.): Lexikon zur Parteiengeschichte. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland (1789–1945). Bd. 3, Köln 1985, S. 169–171, hier: S. 169. Die Leitung der verschiedensten Abteilungen – wie Musik, Film und Rundfunk – übernahm Hans Buchner.Willem de Vries: Kunstraub im Westen 1940–1945. Alfred Rosenberg und der Sonderstab Musik, Frankfurt a. M. 2000, S. 23, ISBN 3-596-14768-9. (Wahrscheinlich handelt es sich um den Wirtschaftswissenschaftler Hans Buchner (1896–1971), seit 1923 Wirtschaftsredakteur des Völkischen Beobachters, und den Grafiker und Lehrer Emil_Rudolf_Weiß. Eine diesbezügliche Forschung steht noch aus.)
Am 19. Dezember 1928 wurde die NGDK in „Kampfbund für deutsche Kultur e. V.“ (KfdK) umbenannt und erhielt eine Vereinssatzung.Jan-Pieter Barbian: Literaturpolitik im »Dritten Reich«. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder, Nördlingen 1995, S. 56 f. Bundesarchiv Berlin, NS 8/122, Blatt 73ff online Januar 1929 erschien ein Aufruf mit einer Liste prominenter Unterstützer.Bundesarchiv Berlin, NS 8/122, Blatt 75ff online
Vor- und Feindbilder
Die Stadt Karlsruhe wurde durch die Hans-Thoma-Schule zu einem Zentrum deutschtümelnder Strömungen. Es handelte sich um völkisch gesinnte Kreise, die zu ihrer antisemitischen Tradition nach 1918 auch eine antikapitalistische Ausrichtung angenommen hatten und sich für die Heimatkunst interessierten. Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal, Max Liebermann galten ihnen aufgrund vorgeblicher „internationalistischer“ Denkweisen als Feindbilder; Vorbild war der wiederentdeckte Romantiker Caspar David Friedrich. Die ersten nationalsozialistischen Bilderstürme sollten von der Kampfbund-Gruppe in Karlsruhe unter der Führung des Thoma-Nachfolgers Hans Adolf Bühler und von Weimar ausgehen.
Der Kampfbund beschrieb sich als einen Zusammenschluss aller Kräfte, die bereit seien, den „Wiederaufbau der deutschen Kultur“ gegenüber der Weimarer „Novemberkultur“ zu betreiben. Das war ein Kampfbegriff: das gegenwärtige Theater wurde als „abgrundtief lasterhaft“ empfunden, die Musik als „entartet“, als eine „jazzende Verniggerung“. Man wandte sich generell gegen „Entartung“, „Kulturverfall“, „Kulturbolschewismus“, „Amerikanismus“, „Schmutz und Schund“. Die kulturpessimistische, kulturkämpferische Abwehr der Moderne hatte ferner eine „deutlich antisemitische Note“.Alle Angaben nach: Harald Lönnecker: „... Boden für die Idee Adolf Hitlers auf kulturellem Felde gewinnen“. Der ›Kampfbund für deutsche Kultur‹ und die deutsche Akademikerschaft. Frankfurt a. M. 2003, S. 4 f. Vgl. auch Lutz Felbick: Das „hohe Kulturgut deutscher Musik“ und das „Entartete“ – über die Problematik des Kulturorchester-Begriffs. In: Zeitschrift für Kulturmanagement, 2/2015, S. 85–115.
Pangermanische Tendenzen vertraten die in und um den Alldeutschen Verband konzentrierten Anhänger eines großdeutschen Kulturimperialismus, die eine stark ausgeprägte antisemitische Tradition hatten. Die nordischen Völker besäßen einen Führungsauftrag, ihr Volkstum sollte die kulturellen Kolonisationsfaktoren liefern. Die Expansionsbestrebungen richteten sich vor allem nach Osteuropa. Paul de Lagarde, Houston Stewart Chamberlain, Othmar Spann waren die Autoren dieser Kreise, deren Chauvinismus im gebildeten Bürgertum weit verbreitet war.
Politische Ziele Ein im Mai 1928 veröffentlichter Gründungsaufruf des Kampfbunds mit starken antisemitischen und rassistischen Akzenten erklärte, man stehe vor einem „von volksfeindlichen Kräften geförderten politischen Niedergang“, der einen „planmäßigen Kampf gegen sämtliche deutschen Kulturwerte“ beinhalte. „Rassefremdes Literatentum“ habe sich „mit den Abfällen der Großstädte“ verbündet. Man wolle nun im Kampf gegen „Verbastardisierung und Vernegerung unseres Daseins“ willensstarke und opferbereite deutsche Männer und Frauen an sich binden, um „artbewußte“ Zeitungen und Zeitschriften, bisher „unterdrückte“ Gelehrte und Künstler zu fördern, Ausstellungen zu veranstalten und auf die Theaterspielpläne Einfluss zu nehmen. Eine Liste von wohlbekannten Namen, die sich bereit erklärten, die Gründung öffentlich zu unterstützen, zeigt die bildungsbürgerliche Ausrichtung: Acht der achtzehn Förderer waren Hochschullehrer, die übrigen, meist aus dem Richard-Wagner-Kreis, waren Verleger, Theaterintendant, Schriftsteller, Pfarrer.Reinhard Bollmus: Das Amt Rosenberg und seine Gegner. Studien zum Machtkampf im nationalsozialistischen Herrschaftssystem. Stuttgart 1970, München/Oldenbourg 2006, 2. Aufl., S. 27; Jürgen Gimmel: Die politische Organisation kulturellen Ressentiments. Der „Kampfbund für deutsche Kultur“ und das bildungsbürgerliche Unbehagen an der Moderne. Münster/Hamburg/London 1999, S. 15; Reinhard Giersch: Kampfbund für deutsche Kultur. In: Dieter Fricke (Hrsg.): Lexikon zur Parteiengeschichte. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland (1789-1945). Bd. 3, Köln 1985, S. 169–171, hier: S. 169.
Der Kampfbund bemühte sich lange nach außen um eine formale Distanz zu der ihn führenden Partei. So war er keine der Gliederungen der NSDAP, wiewohl ihn das Hauptarchiv der NSDAP als „Organisation innerhalb der NSDAP“ führte und ihn eine „rein nationalsozialistische Gründung“ nannte.Hildegard Brenner: Die Kunstpolitik des Nationalsozialismus. Reinbek bei Hamburg 1963, DNB Er beschrieb sich als kulturpolitische Einrichtung „völkisch Kulturschaffender“, die „alle Abwehrkräfte gegen die heute herrschenden Mächte der Zersetzung auf kulturellem Gebiet in Deutschland“ sammeln und „Boden für die Idee Adolf Hitlers auf kulturellem Felde gewinnen“ sollte.Selbstbeschreibungen nach: Harald Lönnecker: „... Boden für die Idee Adolf Hitlers auf kulturellem Felde gewinnen“. Der „Kampfbund für deutsche Kultur“ und die deutsche Akademikerschaft. Frankfurt a. M. 2003, S. 1. Erst seit dem Herbst 1932 scheint er sich offen als nationalsozialistisch ausgewiesen zu haben, „obwohl sein parteipolitischer Standpunkt ... schon lange kein Geheimnis mehr war“.Reinhard Giersch: Kampfbund für deutsche Kultur. In: Dieter Fricke (Hrsg.): Lexikon zur Parteiengeschichte. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland (1789-1945). Bd. 3, Köln 1985, S. 169–171, hier: S. 16.
An der ersten öffentlichen Veranstaltung des Kampfbundes in der Universität München am 23. Februar 1929, bei der Othmar Spann über Die Kulturkrise der Gegenwart einen Vortrag hielt, nahm Hitler mit zahlreichen Anhängern teil.Reinhard Bollmus: Das Amt Rosenberg und seine Gegner. Studien zum Machtkampf im nationalsozialistischen Herrschaftssystem. Stuttgart 1970, München/Oldenbourg 2006, 2. Aufl., S. 28.
Mitglieder und Förderer Die Zahl der Mitglieder, die in so genannten Stützpunkten (Ortsgruppen) organisiert waren, stieg vom April 1929 von ca. 300 in 25 Ortsgruppen auf ca. 38.000 in 450 Ortsgruppen im Oktober 1933.Reinhard Giersch: Kampfbund für deutsche Kultur. In: Dieter Fricke (Hrsg.): Lexikon zur Parteiengeschichte. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland (1789-1945). Bd. 3, Köln 1985, S. 169–171, hier: S. 169.