mini|Fuckparade 2006

Die Fuckparade (Kurzform: FuPa) ist eine seit 1997 jährlich stattfindende Technoparade und Demonstration in Berlin, die ursprünglich als Gegenbewegung zur Loveparade entstand.

Hauptgründe waren laut Veranstalter die Verdrängung nicht erwünschter Technostile (Hardcore Techno, Gabber) und die Kommerzialisierung der Loveparade (hohe Teilnahmegebühren für Wagen, szenefremdes Sponsoring, keine politischen Aussagen trotz Demonstrationsstatus). Daneben wurde die Schließung des Techno-Clubs Bunker in der Albrechtstraße in Berlin-Mitte sowie der damit zusammenhängende „Ausverkauf“ des Scheunenviertels thematisiert.

Die Fuckparade versteht sich als eine zeitgemäße Form einer Demonstration. Die Organisatoren sehen die Musik als politisches Ausdrucksmittel der DJs, MCs und Live-Acts sowie als elementaren Bestandteil der Demonstration. 2001 erließ die Versammlungsbehörde Berlin das „Radioverbot“. Im Mai 2007 entschied das Bundesverwaltungsgericht, dass die Fuckparade eine Veranstaltung nach dem Versammlungsgesetz (Demonstration) ist., NetzeitungBundesverwaltungsgericht bestätigt Demonstrationsstatus der Fuckparade, Eve & Rave Berlin, Pressemitteilung vom 17. Mai 2007

Namensgebung der Fuckparade Der Name „Fuckparade“ ist die abgeleitete Kurzform von „Fuck the Loveparade“. Die Fuckparade hieß ursprünglich Hateparade ('hate' ist der Gegenbegriff zu 'love'). Einige Medien interpretierten sie als „Parade des Hasses“ (z. B. Focus und Spiegel TV). 1997 riefen Punks zu „Chaostagen in Berlin“ auf und verwendeten ebenfalls den Begriff Hateparade; auch dies war ein Grund, die Parade 1998 umzubenennen.

Politische Ziele der Veranstalter Demonstrationsgründe der Veranstalter sind die zunehmende Kommerzialisierung von Kultur und öffentlichem Raum sowie der Missbrauch des Versammlungsrechts durch rein kommerzielle Veranstaltungen, insbesondere durch die Loveparade. Gefordert wird die Berücksichtigung von subkulturellen Minderheiten bei Stadtentwicklung und Kulturpolitik. Seit 2001 wird zudem für eine freie Wahl der Demonstrationsmittel demonstriert. Der Sprecher der Fuckparade Martin Kliehm sagte 2001: „Anders als bei Love Parade stehen bei der Fuckparade seit 1997 Inhalte aus dem politischen Party-Umfeld im Vordergrund: Das Eintreten für eine gesunde Subkultur und lebenswerte Innenstädte, gegen die Zerstörung des Öffentlichen Raums und gegen Stadtplanung nur für finanzstarke Zielgruppen.“Die Fuckparade klagt gegen den Senat. In: Spiegel Online – Kultur, 25. Mai 2001 Außerdem beziehen die Veranstalter gegen Rechtsextremismus Position.

Geschichte 1995 bis 2000 DJ Cut-X (Gabba Nation) gab am 8. Juli 1995, auf einer am Loveparade-Wochenende 1995 im Bunker („hardest club on earth“) stattfindenden Party, seinem Tape-Mitschnitt aus dem Gabba-Floor den Namen „Hateparade-Mixx“.

Am 14. Dezember sollte die vorerst letzte Party im seit Mitte 1996 behördlich versiegelten Bunker stattfinden. Neben anderen sollten dort auch der Frankfurter Martin Kliehm (DJ Trauma XP) und das Berliner DJ-Team Gabba Nation auflegen. Die Polizei räumte den Club kurz nach 23 Uhr. Auf der Straße versammelten sich spontan etwa 400 Party-Besucher und tanzten zum Gabba-Sound aus Lautsprechern des Autos von XOL DOG 400 (Christian Müller). Die Polizei sprach um 1.10 Uhr Platzverweise aus und löste die Ansammlung auf. Einige Besucher sammelten sich im besetzten Kulturzentrum Eimer in der Rosenthaler Straße. Müller benennt die Bunker-Schließung als den Anlass für die eigene Protest-Parade: „Die initiale Idee kam nach der Schliessung des Bunker Ende 1996. Auslöser war also der Verlust von Raum, in dem wir unseren Kram machen konnten.“

Am 29. März 1997 organisierte XOL DOG 400 die Gabba-Party UltraCore im Berliner Untergrundclub Eimer. Die DJs Trauma XP und Cut-X sprachen unter den Eindrücken vom 14. Dezember über die Idee einer Gegendemonstration zur Loveparade. Martin Kliehm: „Wir wurden von der Loveparade zu den ,Schmuddelkindern‘ der Techno-Szene degradiert und waren Seitens der Sponsoren nicht mehr erwünscht [...].“ Die erste Fuckparade wurde dann am 12. Juli 1997 noch unter dem Namen Hateparade parallel zur Loveparade mit sechs Wagen und etwa 1000 Teilnehmern durchgeführt. Das Logo der Hateparade war von dem der Loveparade abgeleitet und zeigte Handgranaten statt Herzen. Die Hateparade startete am Bunker und führte zum Alexanderplatz. Trauma XP war Anmelder, XOL DOG 400 half organisatorisch, Cut-X legte auf einem russischen Ural auf. Auf den Musiktrucks haben neben den Initiatoren Szenekünstler wie Christoph Fringeli (Praxis Rec.), Panacea, Problem Child (Position Chrome) und EC8OR (DHR) harten und brachialen Sound zum besten gegeben. Daneben gab es aber auch einen Wagen mit Live-Punk und einen mit House.

Da der Name Hateparade zu Missverständnissen führte, wurde 1998 die Hateparade in Fuckparade umbenannt und fand am 11. Juli 1998 mit elf Wagen und etwa 2000 Demonstranten statt. Auf Anzeige durch die Betreiber von techno.de leitete die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main ein Ermittlungsverfahren gegen Trauma XP ein, weil dieser mit geändertem Absender eine E-Mail mit der Ankündigung der Fuckparade an die Mailingliste der Loveparade gesandt hatte. Das Ermittlungsverfahren wegen „Fälschung technischer Aufzeichnungen“ wurde am 5. August 1999 als unbegründet eingestellt (Az. 50 Js 30293.0/98).

Zur Fuckparade am 10. Juli 1999 stieß mit WolleXDP erstmals ein ehemaliger Protagonist der Loveparade hinzu. Durch seine aktive Mitarbeit kam es zu einer offenen inhaltlichen Auseinandersetzung zwischen der Loveparade und der Fuckparade innerhalb der deutschen Technoszene. Es gab wiederum elf Wagen mit Gabba, Speedcore, Techno, House, Breakbeat, Noise, Industrial, Trance und Drum and Bass unter anderem von der Adalbert 6, Wolles Club Discount, Dr. Dr. Bartholdy, dem besetzten Kulturzentrum Eimer, Klangkrieg, Lisa Simpson’s Dream und dem Piratensender Twen FM.

Seit 2000 Am 8. Juli 2000 fand die vorerst letzte Fuckparade mit uneingeschränktem Demonstrationsstatus statt:

Die Demonstrationsstrecke ging vom Bunker an den Mauerpark im Prenzlauer Berg. Sie führte direkt durch die Berliner Kieze, die von der Verdrängung von Subkultur durch Kahlschlagssanierung betroffen waren und wollte so das Thema anschaulich machen. Mit 28 Wagen und geschätzten 5.000 (Polizei) bis 10.000 (Veranstalter) Teilnehmern war es die größte jemals durchgeführte Fuckparade. Auch auf den großen Loveparadepartys trugen vor allem die Berliner DJs Fuckparade-Shirts. In vielen Interviews stellten aber nicht nur sie plötzlich Forderungen zum Erhalt ihrer subkulturellen Lebensräume. Die bis dato rein spaßorientierte Technowelt wurde zunehmend politisiert wahrgenommen.

Während der Veranstaltung wurde ein Video aufgenommen, das später als Internetphänomen mit der Bezeichnung „Techno Viking“ viral ging.

Die ursprünglich am 14. Juli 2001 geplante Demonstration Fuckparade wurde verboten. Das Verwaltungsgericht Berlin erkannte die Fuckparade 2001 im Eilverfahren als Demonstration an, das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg (OVG) jedoch nicht. Das Bundesverfassungsgericht stellte im Eilverfahren fest, dass die Entscheidung des OVG nicht grob falsch war und die endgültige Klärung im regulären Hauptverfahren stattzufinden habe. Das anhängige Hauptverfahren endete im Frühjahr 2007 mit einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts zugunsten der Veranstalter.

Daraufhin planten die Veranstalter am 14. Juli 2001 eine Demonstration „Für Demonstrationsfreiheit, für eine freie Wahl der Mittel einer Demonstration“. Der Berliner Innensenator und die ihm unterstellte Berliner Versammlungsbehörde untersagte den Organisatoren dieser Demonstration als Minusmaßnahme das Abspielen von Musik sowie das Benutzen jeglicher elektronischer Stimmverstärker außer Megafonen. Die Veranstalter riefen die Teilnehmer der Demonstration daraufhin zum Mitbringen von tragbaren Radioempfängern auf. Unterstützt wurde diese Aktion durch den öffentlich-rechtlichen Sender Radio Fritz. Dieser sendete live vom Endpunkt der Demonstration an der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin-Mitte. Die Versammlungsbehörde ordnete daraufhin die strikte Durchsetzung ihrer Auflagen an und ließ den Stellplatz der Demonstration, eine ca. 3000 m² große Kreuzung der Berliner Innenstadt (Frankfurter Tor), durch die Polizei hermetisch absperren. Passanten und Demonstranten wurden von der Polizei einer Leibesvisitation unterzogen und Personen mit mitgeführten Radios oder Walkmans wurde der Zutritt oder die Überquerung des Platzes untersagt. Es kam zu Beschlagnahmungen solcher Geräte und zu Festnahmen.Wenn nackt, dann Techno…? In: Spiegel Online – Kultur, 16. Juli 2001 Die Polizei untersagte den Organisatoren auch, ihre Reden durch Lautsprecher zu verstärken. Lediglich die Verwendung von Megaphonen wurde gestattet. Dies führte dazu, dass die Kundgebung von den meisten Anwesenden nicht verfolgt werden konnte. Martin Kliehm (DJ Trauma XP) und WolleXDP, zwei der Redner der Kundgebung, konnte man etwas weiter entfernt nicht verstehen.

Die Fuckparade wurde 2002 nach dem Weg durch die Gerichtsinstanzen unter Auflagen (unter anderem Wagenzahl auf drei beschränkt, deutliche Lautstärkereduzierung) genehmigt. Diese Form der Demonstration hatte bei den größtenteils jugendlichen Demonstranten wenig Zuspruch. An der Demonstration am 13. Juli 2002 nahmen etwa 1500 (Polizeiangaben: 600) Menschen teil. Polizisten und andere Ordnungshüter waren mit Messgeräten zur Bestimmung der Lautstärke unterwegs. Durch die strengen Auflagen wurden dem Demonstrationszug Redebeiträge, unter anderem von DJ Tanith, Trauma XP, MCs und Politikern (Lisa Paus, Bündnis 90/Die Grünen; Stefan Liebich, PDS) vorangestellt. Die Einschränkung der Demonstrationsfreiheit wurde wie 2001 thematisiert. Die Wegstrecke führte wieder vom Bunker zum Roten Rathaus. Im September stellte die Versammlungsbehörde Strafantrag wegen „Verletzung der Auflagen“. Das Strafverfahren endete im April 2003 mit Freispruch.

Die Fuckparade 2003 wurde zunächst nicht genehmigt, fand aber nach erneuten Eilentscheiden von Verwaltungsgericht und Oberverwaltungsgericht am 5. Juli 2003 wiederum mit Redebeiträgen statt. Die Loveparade fand damals nicht mehr statt; sie war für die Fuckparade kein Thema mehr. Erstmals wurde die Fuckparade darum eine Woche vor der Loveparade mit sechs Musikwagen durchgeführt. Die Strecke verlief 2003 umgekehrt mit einer Auftaktkundgebung am Roten Rathaus und einer Abschlusskundgebung am Bunker, der „Christopher Street“ der Fuckparade. Nachdem die Polizei in der Nähe des französischen Dorfes Le Faouët in der Bretagne am 18. Juli ein Teknival gewaltsam auflöste und dabei 28 Tanzende zum Teil schwer verletzte, organisierte die Fuckparade am 1. August zusammen mit Loveparade-Gründer Dr. Motte eine Protestkundgebung vor der französischen Botschaft in Berlin und zusammen mit der Nachttanzdemo eine Demonstration zum französischen Generalkonsulat in Frankfurt am Main.

Die Fuckparade 2004 wurde von der Versammlungsbehörde genehmigt und fand am 3. Juli 2004 ohne Auflagen und Gerichtsverfahren mit elf Wagen und etwa 1000 Teilnehmern statt. Die Route wurde leicht abgeändert und führte am Palast der Republik vorbei. Die Loveparade wurde mangels Sponsoren abgesagt.