Nazarener bzw. Nazoräer ist ein neutestamentliches Synonym und oft verwendeter Beiname Jesu von Nazaret und der Name religiöser – zumeist christlicher – Gruppen.
Zwischen den beiden Formen des Wortes wird in den etlichen Übersetzungen der christlichen Bibel und vielfach auch in sonstiger christlicher Literatur und dem allgemeinen Sprachgebrauch nicht unterschieden, wobei „Nazarener“ die in den westeuropäischen Sprachen am häufigsten vorkommende Form ist.
Etymologie der Begriffe Die etymologische Ableitung der Begriffe Nazarener und Nazoräer wird in der Literatur in unterschiedlicher Weise begründet und ist noch nicht vollständig geklärt. Zwei hebräische Grundbegriffe gelten als Ausgangspunkt: Das hebräische Verb nāṣar (hebr. ) und das aus dieser Wurzel gebildete Nomen næṣær (hebr. ), das im Konsonantenbestand identisch ist mit dem Verb.
Das hebräische Verb nāṣar bedeutet „beobachten“, „bewachen, hüten“. Dem entspricht die hebräische Bezeichnung nōṣrī (hebr. ) („Wächter“, „Hüter, Bewahrer“) und mit der gleichen Bedeutung das aramäische natsaraya.
Der hebräische Ausdruck næṣær bedeutet „Spross, Trieb, Schössling“ und wird gelegentlich als messianischer Begriff verwendet (so in ; 4QIs 3,15 ff.). Viel häufiger begegnet in dieser Verwendung das gleichbedeutende ṣæmaḥ.So in : „Spross Jahwe“; , : „Spross Davids“; , : „Spross“ als eigentlicher Name des Messias;„Patriarchensegen“ (4QPatr.); 15. Segnung des „18-Gebets“ Nach einigen Interpreten sei aus dem Namen næṣær und seinem Bezug zur messianischen Prophezeiung in Jes 11,1 auch der Name der Stadt Nazaret zu erklären, die im 2. Jahrhundert vor Chr. durch Mitglieder der davidischen Familie (neu) gegründet worden sei.B. Pixner, Wege des Messias, Gießen: 1994 (zit. in: Rainer Riesner: Nazaret, NBL, 910).
Es fällt außerdem auf, dass die Orts- bzw. Herkunftsbezeichnungen Nazaret, Nazara, Nazoräer und Nazarener alle auf den Wortstamm der hebräischen Begriffe nāṣar und næṣær zurückgeführt werden können. Diese Ähnlichkeit der Begriffe ermöglicht Wortspiele (wie z. B. in ), die auch sonst vielfach aus der biblischen und rabbinisch-jüdischen Tradition bekannt sind.
Einzelne Autoren haben auch eine Verbindung zum Begriff Nasiräer (hebr. , nāzīr) in Erwägung gezogen. Ein Nasiräer ist ein Gottgeweihter, der strenge Regeln befolgt . Abstinenz gehört mit dazu. Etymologisch macht diese Herleitung, wie zeigen, wenige Probleme. So weist Ναζωραῖος erstens die typische Adjektivendung (αῖος) auf, die auch Ri 13,5LXXA und 13,7LXXA (ναζιραῖος) für ihre Wiedergabe von נזיר belegen. Zweitens bietet Ναζωραῖος mit den Konsonanten Ν-ζ-ρ denselben Bestand wie Ri 13,5LXXB (ναζιρ) und lässt sich von hierher gut als Transkription von נזיר verstehen. Mit Klaus Berger ist zudem festzustellen, dass „bei der Transkription hebräischer Eigennamen eine Wiedergabe des plene geschriebenen Jod durch das griechische Omega relativ häufig belegt ist“.Klaus Berger: Jesus als Nasoräer/Nasiräer. In: NT 38,4 (1996) 323–335, 324. Auf diese Weise ließe sich die etymologische Herkunft von Ναζωραῖος als griechisches Äquivalent zu hebr. נָזִיר (nāzīr) gut vertreten.
Begriffe: Nazarener, Nazoräer, Nazara, Nazaret Insbesondere im angelsächsischen Sprachraum wird von Bibelübersetzern häufig der Begriff Nazarener (engl. Nazarene) verwendet, unabhängig davon, ob in den griechischen Texten Nazoräer (griech. ) oder Nazarener (griech. ) geschrieben steht. Diese Übersetzungspraxis betrifft sowohl biblische als auch kirchengeschichtliche Texte. Wortgetreue Übersetzungen unterscheiden dagegen zwischen den beiden Formen des Namens.
Vorkommen der Begriffe in der Bibel Nach dem etablierten Text des Novum Testamentum Graece kommt im gesamten Neuen Testament der Begriff Nazarener sechsmal und Nazoräer dreizehnmal vor – davon siebenmal in der Apostelgeschichte. Mit der einzigen Ausnahme von , wo als Nazoräer die Anhänger Jesu bezeichnet werden, wird das Wort immer als Attribut für Jesus verwendet. Im Matthäus- und Johannesevangelium wird nur der Begriff Nazoräer benutzt. Die Bezeichnung Nazarener wird ausschließlich im Markus- und im Lukasevangelium verwendet ( par.: ; ; ; vgl. ). Andererseits wird der Begriff Nazoräer im Markusevangelium nie verwendet. Markus betont wahrscheinlich bewusst die Herkunft Jesu aus dem Hause Davids (der Spross Isais) gemäß . Jesus wird denn auch des Öfteren als Sohn Davids angesprochen (f; ; ).
Der Name der Stadt, in der Jesus aufgewachsen sei, wird im Neuen Testament zweimal – in und in der Parallelstelle Die Lesung Nazara bietet Papyrus P70 auch in . – als Nazara () angegeben. An beiden Stellen ist dies der Name der Ortschaft, die zuerst in den Berichten vom Wirken Jesu genannt wird. Auch Origenes verwendet in Anlehnung an das Matthäus- und Lukasevangelium den Namen Nazara.Johannes-Kommentar, Buch X (eine englische Übersetzung des Texts findet sich unter: http://www.newadvent.org/fathers/101510.htm). An allen anderen Stellen wird der Name der Ortschaft als Nazaret ( oder Für die meisten Vorkommen dieses Ortsnamens im Neuen Testament sind beide Lesungen – im Codex Alexandrinus auch Nazarat () – in verschiedenen Textzeugen zu finden.) angegeben. Hierbei wird im Allgemeinen angenommen, dass Naz(a)rā mit der hebräischen Hauptform des Namens (naṣrat) in Zusammenhang stehe und dass der Name der Stadt mehrere Nebenformen – unter anderen (nāṣæræt) – gehabt habe.Vgl.: Rainer Riesner: Nazaret, in: NBL, 910.
Die juden-christliche Gruppierung der Nazoräer Die Nazoräer (auch Nasoräer, Nasiräer oder Nasiräer-SekteRainer Schmidt: Nazarener, Nazoräer, Nasiräer – war da noch was? 2. Juni 2022, auf occammeetspooh.de ) waren eine frühjüdisch-christliche oder judenchristliche Gruppierung in der Spätantike, über die es nur wenige und teilweise widersprüchliche Quellen gibt.Jörg Frey: Judenchristentum. Deutsche Bibelgesellschaft. Erstellt: Oktober 2015, auf www.die-bibel.de Andreas Merkt: Die religiöse Verwandlung der Welt. Die Anfänge „moderner“ Religion in der Spätantike. Herder, Freiburg im Breisgau 2024, ISBN 978-3-451-39632-8, S. 47 f Sie sind nicht zu verwechseln mit den „Nasiräern“Ludwig Schmidt: Nasiräer. Deutsche Bibelgesellschaft. Erstellt: März 2009, auf www.die-bibel.de aus dem Tanach oder Alten Testament.Wolfram Kinzig: The Nazoreans. In: Oskar Skarsaune, Reidar Hvalvik (Hrsg.): Jewish Believers in Jesus. Baker Academic, 2007, ISBN 978-0-8010-9850-5, S. 471 f.
Im historischen Kontext sind die Nazoräer eine judenchristliche Sekte, also eine Gruppe, die Jesus als Messias anerkannte, aber weiterhin stark an Gesetzen und Traditionen festhielten.Brockhaus Konversationslexikon, 1902-1910, Das heißt, sie betrachteten Jesus als den Messias, hielten aber am jüdischen Gesetz aus der Tora fest. Sie unterschieden sich von anderen judenchristlichen Gruppen wie den Ebioniten, mit denen sie oft verwechselt wurden. Im Gegensatz zu den Ebioniten lehnten sie vermutlich nicht die jungfräuliche Geburt Jesu ab und hielten sich nicht nur an eine rein menschliche Interpretation Jesu.
Sie akzeptierten möglicherweise große Teile des Neuen Testaments, aber in einer jüdisch geprägten Auslegung.
Die meisten Informationen über die Nazoräer stammen aus den Schriften von Kirchenvätern wie Epiphanius von Salamis aus dem 4. Jahrhundert, der in seiner Schrift Panarion über verschiedene Häresien schreibt.
Epiphanius erwähnt die Nazoräer als eine eigene Gruppe, die im römische Palaestina insbesondere in Regionen wie Bereia (Aleppo) und Basanitiden (Gebiet um Basan), lebte.
Nazarener / Nazoräer als Bezeichnung Jesu Nach der traditionellen Auffassung, der in der neueren Forschung vielfach gefolgt wird, sind „Nazarener“ und „Nazoräer“ Appositionen, die sich auf die Herkunft Jesu beziehen und damit dem Ausdruck „von bzw. aus Nazaret“ (; ; ) gleichzusetzen sind. Für die Form „Nazarener“ wird die Herleitung aus dem Ortsnamen Nazaret als gesichert betrachtet, während für „Nazoräer“ die Abstammung aus einer Nebenform naṣōr von dem gleichen Ortsnamen vorgeschlagen worden ist.Vgl.: Rainer Riesner: Nazarener, in: NBL, 908; dort zitiert: Hans Peter Rüger, in: ZNW, 72, 1981, S. 262. Ein direkter Bezug auf diese Bedeutung von Nazarener / Nazoräer wird explizit im Matthäusevangelium () genommen: Josef „ließ sich in einer Stadt namens Nazaret nieder. Denn es sollte sich erfüllen, was durch die Propheten gesagt worden ist: Er wird Nazoräer genannt werden.“ Viele Ausleger sehen in diesem Passus eine Anspielung auf , wo der Messias „Spross“ (nēṣer) Davids genannt wird. Es wird aber nicht ausgeschlossen, dass hier ein Verweis auf mehrere Prophezeiungen vorliegen könnte, wobei andere Stellen der Bücher Jesaia (; ; u. a.) und Jeremias () herangezogen worden sind.Vgl.: Rainer Riesner: Nazarener, in: NBL, 909.
Matthias BerghornMatthias Berghorn: Genesis Jesu Christi. S. 105–126. verweist darauf, dass „Nazoräer“ als Ableitung vom hebräischen נזיר ursprünglich eine herausragende Gestalt meinen kann, zumeist einen asketischen Menschen (vgl. Simson in ), aber auch einen Herrscher (vgl. Josef in Gen 49,26LXX). Da der Begriff Ναζωραῖος an einigen Stellen des Neuen Testaments im Kontext der Bezeichnung Jesu als Herrscher zu finden ist (z. B. ; ), kann Ναζωραῖος ursprünglich einen Herrschertitel für Jesus meinen. Beispielhaft lässt sich das an Mt 2 zeigen, in der Flucht, Rückkehr und Ankunft Jesu in Galiläa mit dem Schicksal Jerobeams, dem ersten König des Nordreiches (vgl. 1 Kön 11,26-12,25), parallelisiert wird. Hier wird Jesus zum König in Galiläa, so dass sich erfüllt, dass er Ναζωραῖος genannt wird (). Möglicherweise wurde diese Bedeutung bald nicht mehr verstanden und dann mit der Stadt Nazaret verbunden.
Einer von vielen Kommentatoren vertretenen Auffassung zufolge ist es möglich, dass die Evangelien eine damals herabsetzend gemeinte Fremdbezeichnung Jesu als „Nazoraios“ umzudeuten versucht haben (z. B. in ; ). Dass dieser Beiname im Umfeld der Evangelisten wiederum einen Bezug auf Nazaret hatte, lege nahe:W. Wiefel: Das Evangelium nach Matthäus, S. 49. „Da sagte Natanaël zu ihm: ‚Aus Nazaret? Kann von dort etwas Gutes kommen?‘“ Einen ähnlichen Ansatz hatte Anfang des 20. Jahrhunderts Mark Lidzbarski vorgeschlagen. Nach Lidzbarski weise der aramäische Name (naṣōraijē) eine Form auf, die sonst hauptsächlich in den Bezeichnungen für Vertreter bestimmter Lehrtätigkeiten – wie Amoräer und Saboräer für Talmudlehrer – vorkam. Erst die Evangelisten hätten ihn bewusst oder irrtümlich auf Nazaret bezogen, um den Ausdruck „Nazoraios“ zu erklären.M. Lidzbarski: Ginzā. Der Schatz oder Das große Buch der Mandäer; Göttingen, Leipzig: 1925; S. IX mit Anm. 2
Hartmut Stegemann schrieb, dass die Bezeichnung „Nazoräer“ für Jesus seine Zugehörigkeit zum Jüngerkreis um Johannes den Täufer meinen kann:
Nazoräer als Bezeichnung religiöser Angehörigkeit Im ersten Jahrhundert Im Neuen Testament werden die Nachfolger Jesu von Nazaret dreimal Christianoi („Christen“) genannt, laut zuerst in Antiochia.Günter-Manfred Pracher: Jeder Christ trägt ethische Verantwortung. Die Auseinandersetzung. (2009), S. 129: „Der Terminus ‚Christ sein‘ ist keine Erfindung unserer Zeit, sondern er kommt folglich ursprünglich aus Antiochia, verbreitete sich aber sehr schnell.“ Das Wort Nazoraioi („Nazoräer“) wird nur einmal verwendet. In überliefert der neutestamentliche Autor, dass jüdische Führungskreise aus Jerusalem den hellenistischen Judenchristen Paulus von Tarsus verklagten. Der römische Kläger Tertullus beschimpft hier Paulus als einen Anführer der Nazoräer, der unter den Juden Unruhe stifte: „Denn wir haben diesen Mann als eine Pest befunden und als einen, der unter allen Juden, die auf dem Erdkreis sind, Aufruhr erregt, und als einen Anführer der ‚Sekte der Nazoräer‘ ()“.
Nazarener im jüdischen Gebrauch