Tamilische Kultur () ist die Kultur der Tamilen im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu, in Sri Lanka und in Ländern außerhalb Südasiens, in denen Tamilen leben, etwa in Malaysia und Singapur.

Sprache

mini|Statue einer Göttin, die die tamilische Sprache repräsentiert; die Inschrift am Fuß der Statue bedeutet Tamil Annai („Mutter Tamils“). Das vielleicht wichtigste Bindeglied der tamilischen Kultur ist die tamilische Sprache, die auf eine rund 2000-jährige Literaturgeschichte zurückblicken kann und daher als einzige dravidische Sprache zu den klassischen Literatursprachen Indiens zählt.BBC News: India sets up classical languages (17. September 2004); The Hindu: (28. Oktober 2005)

Tamilen haben generell eine starke Bindung zur tamilischen Sprache, welches sich auch dadurch zeigt, dass die Sprache in der Literatur als „Tamil̲an̲n̲ai“ („Mutter Tamils“)Siehe Sumathi Ramasamy: Passions of the Tongue. Feminising language: Tamil as Goddess, Mother, Maiden Chapter 3. bezeichnet wird. Tamil gehört wie die anderen Sprachen Südindiens zu den dravidischen Sprachen und ist nicht verwandt mit den indoarischen Sprachen Nordindiens. Zudem hatte Tamil durch die geographische Lage kaum Kontakt zu Sanskrit und hat viele seiner urdravidischen Eigenschaften beibehalten. Jedoch hat das heute gesprochene Tamil eine große Menge an Lehnwörtern aus dem Sanskrit und dem Englischen. Durch diese Eigenschaft gehört Tamil zu den Sprachen mit Diglossie, da das schriftliche Tamil sich seit Beginn der tamilischen Schriftsprache kaum verändert hat. Dies war auch der Grund dafür, dass die indische Regierung Tamil als erste Sprache überhaupt in den Rang einer klassischen Sprache gehoben hat.

Es gibt unter den Tamilen eine große Anzahl an regionalen Dialekten und diese unterscheiden sich meist durch Lautverschiebungen. Obwohl die meisten Dialekte sich nicht im Vokabular unterscheiden, gibt es ein paar Ausnahmen. So wurde das gesprochene Tamil in Sri Lanka stark durch das Portugiesische und das Niederländische beeinflusst und es gibt unterschiedliche Bezeichnungen für Wörter des Alltagsgebrauches. Auch die Sprache der muslimischen Tamilen ist hervorzuheben, da diese stark vom Arabischen und von Urdu beeinflusst worden ist.

Literatur mini|Schöpfungsgeschichte aus einer tamilischen Bibel (1723) Der Legende nach pflegten im Altertum die Sangams (Dichterakademien) auf dem sagenhaften Kontinent Kumarikkandam die tamilische Literatur, weshalb die früheste Entwicklungsstufe der tamilischen Literatur (etwa 200 v. Chr. bis 300 n. Chr.) als Sangam-Literatur bezeichnet wird. Aus jener Epoche stammen zahlreiche Werke unterschiedlicher Gattungen (Gedichte, Epen), die zum Teil auf ältere mündliche Überlieferungen zurückgehen. Das Tolkappiyam, eine Grammatik des Tamil, beschreibt die Ästhetik der klassischen Dichtung. Sie wird nach subjektiven Inhalten (akam), wie Liebe und Sexualität, sowie objektiven Themen (puram), wie Krieg und Staatswesen, unterschieden, die jeweils bildhaft dargestellt werden. Im Gegensatz zur nordindischen Sanskritliteratur sind Bezüge auf höhere Wesen äußerst selten. Zu den Hauptwerken der Sangam-Zeit zählen die Sammlungen Ettuttokai („Acht Anthologien“) und Pattuppattu („Zehn Lieder“) sowie die „Fünf Großen Epen“, darunter das Cilappatikaram.

Gegen Ende der Sangam-Periode machten sich verstärkt nordindische Einflüsse bemerkbar, die unter anderem in umfangreichen buddhistischen und jainistischen Schriften, oft in Sanskrit verfasst, zum Ausdruck kamen. Neue Themen wie Moral und Ethik traten in den Vordergrund, etwa in Tiruvalluvars belehrender Verssammlung Tirukkural.

Mit dem Entstehen der hinduistischen Bhakti-Bewegung im 7. Jahrhundert erlebte die fromme Hindulyrik in Form von Preisliedern auf Shiva und Vishnu eine Blüte. In der Chola-Zeit wurde das Epos zum beliebtesten Genre. Hervorzuheben sind hier besonders Kampan mit seinem Hauptwerk Kamparamayanan, einer Version des Ramayana, und die Dichterin Auvaiyar.

Ab dem 14. Jahrhundert entstanden neben Kommentaren zu älteren Werken zahlreiche philosophische und religiöse Schriften. Die hinduistischen Herrscher der Kleinstaaten, die auf den Zusammenbruch des Vijayanagar-Reiches im 16. Jahrhundert folgten, förderten erneut die fromme Hindulyrik. Das 17. Jahrhundert sah zum ersten Mal bedeutende islamische und christliche Beiträge.

Umwälzende Veränderungen erlebte die tamilische Literatur infolge westlicher Einflüsse während der europäischen Kolonialherrschaft. Neue Genres, wie Roman, Essay und Kurzgeschichte, setzten sich im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert durch und prägen die moderne tamilische Literatur bis heute. Kalki (1899–1954) verarbeitete in seinen Romanen und Kurzgeschichten vor allem historische Stoffe. Pudhumaipithan (1906–1948) erlangte durch seine sozialkritischen Werke große Anerkennung. Subramaniyam Bharati (1882–1921) gilt als einer der herausragendsten Dichter der tamilischen Moderne.

Kunst mini|Malerei aus Tanjore, welche den Hindugott Krishna darstellt Traditionelle tamilische Kunst bezieht sich meist auf den Hinduismus. Jedoch wird die Religion nur als Metapher benutzt, um universelle und humanistische Themen darzustellen.A. K. Coomaraswamy: Figures of Speech or Figures of Thought Die Darstellung der klassischen Kunst ist als "lebende Tradition" zu verstehen, welche zu dieser Zeit praktiziert wurde. mini|links|Elfenbeinrelief aus der Nayak-Epoche Den wichtigsten Einfluss für die tamilische Malerei hatte die Thanjavur Kunst aus dem neunten Jh. n. Chr. Die Grundlage für die Malereien bildeten mit Zinkoxid versetzte Ganzleinen, auf denen mit Färbemittel gezeichnet wurde. Hiernach wurde die Malerei mit Edelsteinen, Silber und Gold verziert. Eine ähnliche Technik wurde für die Wandmalereien in den zahlreichen Tempeln Tamil Nadus benutzt; ein sehr erwähnenswertes Beispiel ist der Minakshi-Tempel in Madurai. Generell ist tamilische Kunst für ihre stilistische Eleganz, ihr Farben- und Detailreichtum bekannt.

Tamilische Skulpturen reichen von eleganten Steinmeißelungen bis zu detailreichen Bronzeikonen. Die Bronzestatuen der Chola-Ära werden als eine der größten indischen Beiträge für die Welt der Kunst angesehen. Das Material für die tamilischen Skulpturen hat die Form derer nicht beeinflusst. Stattdessen hat der Künstler sein Werk so erschaffen, dass der Betrachter im Nachhinein nicht sofort wissen konnte aus welchem Material das Werk geschaffen wurde. So wirken die Höhlenmalereien in Mamallapuram, als ob sie mit Edelsteinen besetzt wären. Ein populäres Motiv für Bronzeskulpturen waren vornehmlich die Darstellungen von Shiva in einer seiner Erscheinungsformen des Nataraja.

Wie in der indischen Kunst auch spielen bei der tamilischen Kunst Porträtierungen oder Realismus kaum eine Rolle. Es wird mehr auf Wert auf die Darstellungen von idealistischen Prototypen und Symbolen gelegt. So wird durch die Idealisierung des Dargestellten Kritik an der Realität geübt.

Architektur mini|Küstentempel in Mamallapuram mini|Ein Gopuram des Minakshi-Tempels in Madurai Tamil Nadu ist berühmt für seine großen Tempelanlagen. Diese bedeutenden historischen Meisterwerke der dravidischen Tempelbaukunst sind viel besuchte Pilgerstätten und besitzen in der Tradition des Hinduismus einen besonderen Stellenwert. Jeder Ort ist eng mit einem bestimmten Aspekt der hinduistischen Mythologie verbunden, und jedes Heiligtum gewährt einen Einblick in eine andere Facette des Hinduismus.

In Tamil Nadu finden sich einige der herausragendsten Beispiele frühmittelalterlicher hinduistischer Tempelbaukunst. Die monolithischen Felsentempel aus der Pallava-Zeit (7. und 8. Jahrhundert) in der ehemaligen Hafenstadt Mamallapuram sind Frühformen des südindischen Dravida-Tempelbaustils, der durch einen pyramidenförmig gestuften Tempelturm namens Vimana über dem Allerheiligsten gekennzeichnet ist. Dem Vimana ist üblicherweise eine Säulenhalle vorgelagert. In der Architektur der Pallava spiegeln sich Einflüsse älterer Tempelbauten der Chalukya in Badami, Aihole und Pattadakal wider. Die Pallava nutzten vor allem den in Tamil Nadu reichlich vorhandenen Granit als Baumaterial, im Gegensatz zum Sandstein Nordindiens. Im 8. Jahrhundert setzte sich der in Mamallapuram begonnene Tempelbaustil in der alten Pallava-Hauptstadt Kanchipuram fort.

Die Chola entwickelten die Vimanas der Pallava-Zeit zu gewaltigen Stockwerkpyramiden weiter, deren Geschosse mit aufgesetzten Scheinzellen verziert wurden. Als Höhepunkt dieser Entwicklung gilt der Brihadisvara-Tempel in Thanjavur aus dem frühen 11. Jahrhundert. Unter den späten Chola und insbesondere unter den sie ablösenden Pandya vollzog sich eine bauliche Akzentverlagerung vom Vimana auf den Torturm (Gopuram) des den eigentlichen Sakralbau umgebenden Tempelbereiches. Während der Vimana kleiner und unauffälliger ist, nimmt der Gopuram nun dessen Größe und künstlerische Ausgestaltung an. In der Zeit der Nayaks der tamilischen Kleinstaaten (16. bis 19. Jahrhundert) wuchsen viele Tempelbezirke durch die Ergänzung zusätzlicher Säulenhallen sowie mit Gopurams geschmückter Mauerzüge zu Tempelstädten heran. Beispiele sind Srirangam, Chidambaram, Rameswaram, Tiruvannamalai und Madurai. Mit dem Untergang der Nayaks im 18. Jahrhundert kam auch die klassische dravidische Tempelbaukunst Tamil Nadus zu ihrem Ende.

Unter europäischer Herrschaft erlebte die zuvor weitgehend unbeachtete Profanarchitektur einen Aufschwung. Die Kolonialarchitektur in Tamil Nadu ähnelt weitgehend der des gesamten Subkontinents. Ihre Frühformen unterschieden sich kaum von der zeitgenössischen Baukunst in Europa. Später traten neben europäische auch einheimische indische, vor allem islamische, Einflüsse, die sich im ausgehenden 19. Jahrhundert im indo-sarazenischen Stil vermischten. Besonders in Chennai entstanden monumentale Verwaltungs- und Repräsentationsgebäude wie der High Court sowie zahlreiche Museumsbauten.

Darstellende Kunst Tänze und Musik mini|Bharatanatyamtänzerin mini|Volksmusik auf einer tamilischen Beerdigung →Videoclip Darstellende Kunst hat in der tamilischen Kultur eine lange Geschichte und sie wird noch heute praktiziert. Die Tempel und die königlichen Höfe dienten seit dem klassischen Zeitalter als Zentrum für die darstellenden Künste. In den klassischen Texten tamilischer Literatur finden sich Belege für eine enge Verbindung zwischen den altertümlichen und modernen Kunstformen. Das Ziel einer Darstellung in tamilischer Tradition ist es, die Gefühle des geschriebenen Wortes darzustellen. Die Qualität und der Erfolg einer guten Darstellung wird daran gemessen, wie sehr das Publikum mitfiebert. Im Gegensatz zur westlichen Welt ist es in der tamilischen Kultur für das Publikum durchaus üblich, während einer Aufführung aufzustehen, mitzutanzen, mitzusingen oder laut zu applaudieren.t

Die klassische tamilische Musik gehört zur karnatischen Musik Südindiens. Sie orientiert sich primär an der Gesangsstimme, während die Musikinstrumente nur begleiten, manchmal die Gesangsstimme paraphrasieren. Die ältere Musik während der klassischen Periode spielte eine große Rolle für die Entwicklung der Karnatik. So wurden die Geschichten aus der klassischen Ära dem ungebildeten Volk in Form eines Schauspiels präsentiert.

Der dominanteste, klassische Tanz ist der Bharatanatyam. Er ist einer der acht klassischen Tanzstile in Indien. Sie alle folgen den von Bharata aufgestellten Grundregeln. Der Bharatanatyam hat sich in Tamil Nadu entwickelt und wird dort heute noch besonders gepflegt. Er kann zwar nur 200 Jahre zurückverfolgt werden, dennoch basiert er auf den alten indischen Traditionen in Literatur und Kunst. Seit den 1930er-Jahren erlebt er durch die Arbeit von Rukmini Devi Arundale eine Renaissance.