mini|Kuhblasen wird von einem Angehörigen der Khoikhoi praktiziert. Die Zeichnung entstand zwischen 1700 und 1740. Das Kuhblasen (Shae Clancy: Cattle In Early Ireland. In: Celtic Well. 1999. oder Kuhblasen,F. Sierksma: Sacred Cairns in Pastoral Cultures. In: History of Religions. Band 2, 1963, S. 227–241. in Indien anglisierend phooka genanntThe Prevention of cruelty to animals act, 1960 (Artikel 12; MS Word; 106 kB), dort wird auch der Begriff doom dev für das Phänomen genannt.) ist ein in der ethnographischen Literatur aus vielen Ländern berichtetes Verfahren, bei dem durch kräftiges Einblasen von Luft in die Vagina – bisweilen auch in den After – einer Kuh zu erreichen versucht wird, dass sie mehr Milch gibt.

Meist erfolgt dieses Einblasen direkt mit dem Mund, aber auch mittels einer Röhre bzw. in Kombination mit anderen Verfahren zur Stimulation der Milchproduktion.Ein weiteres Verfahren ist die Überlistung der Kuh zu besserer Milchleistung durch die Verwendung einer sogenannten „Kalbspuppe“ (engl. ). Solche Verfahren sind auch für andere Milchtiere bekannt: neben dem Rind auch beim Pferd, Yak, Kamel oder bei der Ziege.Hans Plischke, 1954, S. 6

Geschichte und Vorkommen mini|Das Melkerfries der Fassade des Tempels der Muttergöttin Ninḫursanga in Tell el-Obed zeigt die Herstellung von Kuhmilchprodukten, rechts ein Priester beim Kuhblasen. 2800–2600 v. Chr. Irakisches NationalmuseumPhilippe Gouin: Bovins et laitages en Mésopotamie méridionale au 3ème Millénaire: quelques commentaires sur la „frise à la laiterie“ de El Obeid. In: Iraq, Band 55, 1993, S. 135–145 Das Verfahren war bereits im alten Ur bekannt, wo ein Tempelfries vom Tell el-Obed hinter den Kühen sitzende Melker erkennen lässt.Abb. 1 bei Plischke zeigt das „Kuhblasen im alten Ur. Tempelfries in El Obeid.“ Aus: C. J. Wooley: Vor 5000 Jahren. Stuttgart 1930. Taf. 1. Plischke zitiert einen Bildzusatz zu einer bereits in einem anderen Buch (Bernatzik: Zwischen Weißem Nil und Belgisch-Kongo. Wien) publizierten Abbildung „Kuhblasen bei den Dinka“ aus der neuen erweiterten Auflage der Großen Völkerkunde (1954) von Hugo Adolf Bernatzik (Frankfurt/Main 1954): „Diese Sitte ist auch heute noch in abgelegenen Tälern der europäischen Alpen erhalten, ihre Darstellung findet sich bereits auf Tongefäßen im alten Ur.“ Eine frühe Beschreibung gibt es auch im zweiten Kapitel des vierten Buches der Historien des griechischen Historikers Herodot (5. Jahrhundert v. Chr.): Dort wird beschrieben, wie die Skythen Pferdestuten durch hohle Knochenröhren Luft in die Scheide blasen, während eine andere Person die Stute melkt.Herodot: Historien. 4. Auflage, Stuttgart 1971, S. 253 (Übersetzung von A. Horneffer); vgl. englische online-Ausgabe und den Kommentar dazu. Das wurde mindestens bis zum 17. Jahrhundert auch in Irland praktiziert.Shae Clancy: Cattle In Early Ireland. In: Celtic Well. 1999. Der Artikel zitiert aus: The Journal of Thomas Dineley (1681). Dem irischen Satiriker Jonathan Swift (1667–1745) scheint diese „Quelle des Witzes“ (fonde of wit) lediglich aus Herodot bekannt gewesen zu sein (s. A Tale of a Tub (Ein Tonnenmärchen), VII. Abschnitt (Project Gutenberg EBook).) Besonders zahlreiche Belege liefern afrikanische Hirtennomaden,Hubert Kroll (1928) zufolge ist diese Erscheinung in Afrika bei den hamitischen Hirtennomaden und den davon beeinflussten Negerstämmen vom Nil über Ostafrika südwärts bis zu den Hottentotten verbreitet. (Angabe nach Plischke, 1954) es ist in Süd- und Ostafrika verbreitet, zum Beispiel bei den Dinka und Nuer,Ein filmisches Dokument wurde auf einer Ostafrika-Expedition der Deutschen Nansen-Gesellschaft 1962/1963 durch H. Luz und Dr. W. Herz erstellt. Im Begleitheft zum Film () heißt es: Er stellt sich entweder seitlich mit quergelegtem Kopf oder direkt hinter die Kuh, wobei er die beiden Hinterschenkel mit den Händen umfasst und bläst der Kuh Luft in die Scheide. Dieser Vorgang wird mehrmals wiederholt. Zwischendurch werden an den Zitzen Melkbewegungen gemacht, und es wird von hinten zwischen den Hinterbeinen durch leicht gegen das Euter geschlagen. Diese Behandlung regt nach Meinung der Nuer die Kuh dazu an, mehr Milch zu geben. Nachdem nun einige Zeit gemolken worden ist, wird das Blasen wiederholt. Dabei wird meistens mit dem Melken aufgehört, zuweilen kommt aber auch ein zweiter Hirt hinzu und blast, während der andere weitermelkt. aber auch in anderen Hirtenkulturen wie zum Beispiel bei den alten Skythen und in Tibet. Obwohl einzelne Beschreibungen des Phänomens aus vielen Teilen der Welt bekannt sind, ist es bislang nur in wenigen systematischen wissenschaftlichen Studien beschrieben worden.

Indien In Indien, wo das Rind aufgrund religiöser hinduistischer Vorstellungen einen besonderen Schutz genießt (siehe auch Heilige Kuh), wird die Praktik phooka genannt. Sie wurde im indischen Tierschutzgesetz von 1890 erstmals explizit verboten. Darin wird phooka oder doom dev an Kühen oder anderen Milchtieren folgendermaßen definiert: Prevention of cruelty to animals act 1890. In: LIIofIndia, Indian Numbered Acts Personen, die die Handlung durchführen oder an in ihrem Besitz oder unter ihrer Kontrolle stehenden Tieren durchführen oder erlauben, konnten mit einer Geldstrafe bis zu fünfhundert Rupien oder mit Gefängnis bis zu zwei Jahren bestraft werden. Das Tier, an dem die Handlung verübt wurde, ging in den Besitz des Staates über. Das Gesetz wurde 1938 erweitert. Gandhi berichtet in seiner AutobiographieMohandas K. Gandhi: An Autobiography or The Story of my Experiments with Truth. 1927/1929 darüber. Seit seiner Beobachtung des phooka habe Gandhi einen starken Ekel vor Milch gehabt. Der Prozess des phooka habe Gandhis Einstellung zur Gewalt an Tieren beeinflusst.Florence Burgat: Non-Violence Towards Animals in the Thinking of Gandhi. The Problem of Animal Husbandry. In: Journal of Agricultural and Environmental Ethics. Band 17, Nr. 3, 2004, S. 223–248.

Nuer Der Ethnologe Edward Evan Evans-Pritchard beschriebSome Features of Nuer Religion. In: The Journal of the Royal Anthropological Institute of Great Britain and Ireland. Band 81. und fotografierteFoto des Kuhblasens durch Edward Evan Evans-Pritchard. 1935 das Kuhblasen in die Vagina der Kuh bei den Nuern. Dort wurde es insbesondere bei Kühen praktiziert, die ihr Kalb verloren haben. Zusätzlich zu dem Kuhblasen wurde eine Puppe des gestorbenen Kalbes mit dem Fell des Kalbes (tulchan) zur Kuh geschoben um die Kuh zur Milchproduktion zu stimulieren.Foto eines tulchan durch Edward Evan Evans-Pritchard, 1935

Physiologische Aspekte Eine Dehnung der Cervix uteri führt über den Ferguson-Reflex zur Ausschüttung von Oxytocin, was physiologisch während der Geburt die Muskulatur der Gebärmutter anregt und auch die Milchejektion stimuliert.Siehe z. B. Ob das „Kuhblasen“ einen sogenannten Ferguson-Reflex auslöst, ist aber ungeklärt. Die Ausschüttung von Oxytozin wird auch durch das Saugen des Jungtiers und durch das „Anrüsten“ (eine Art Eutermassage vor dem Melken) ausgelöst.

Verbreitung nach Plischke (1954)

Volk Gebiet Autor (Jahr) siehe (auch) sonstigesmongol. Kalmückensüdrussische SteppengebietePeter Simon Pallas (1776)SkythenHerodot(Pferde)Jakutenan der Lena, SibirienGerhard Friedrich Müller (Bericht um 1736)AbessinienI. M. Hildebrandt (1874)KaffaFriedrich J. Bieber (1920)NuerH. A. Bernatzik (1929)E. E. Evans-Pritchard (1951); Luz H, Herz W (1976)DinkaH. A. Bernatzik (1930)BaggaraKordofanMcMichael (1924)SomalC. Keller (1894)GallaPh. Paulischke (1893)WasibaH. Rehse (1910)WanyaturuE. Sick (1915)WagogoH. Clauss (1911)HottentottenPeter Kolb (1719)BanaLogone-Gebiet südl. des TschadA. Rühe (1938)west- und zentralasiatische HirtennomadenChina, Tung-FlussI. H. Edgar (1924)Sichuan, Dadu HeIndienT. Murari (1937)Mohandas Karamchand Gandhi (1927/1929)„phooka“Alpen (Untergurgl im oberen Ötztal; Almen des Pfitscher Jochs; bei Gargellen)(1939)Pyrenäen(1939)

Literatur Hans Plischke: Das Kuhblasen. Eine völkerkundliche Miszelle zu Herodot. In: Zeitschrift für Ethnologie. Band 79. Reimer, Berlin 1954, S. 1–7. H. A. Bernatzik: Zwischen Weißem Nil und Belgisch-Kongo. Wien 1929 Isaac Schapera: The Khoisan Peoples of South Africa. London 1930 Tadeusz Margul: Present-Day Worship of the Cow in India. In: Numen. Band 15, Nr. 1, Februar 1968, S. 63–80 Florence Burgat: Non-Violence Towards Animals in the Thinking of Gandhi: the Problem of Animal Husbandry. In: Journal of Agricultural and Environmental Ethics. Band 17, Nr. 3, Mai 2004, S. 223–248 Hubert Kroll: Das Zurückhalten der Milch bei Rindern und ihre Behandlung bei afrikanischen Hirtenstämmen. In: Milchwirtschaftliches Zentralblatt. Jahrgang 57, Heft 22, 1928, S. 349–350 Hubert Kroll: Die Haustiere der Bantu. In: Zeitschrift für Ethnologie. Band 60, S. 247–248 Sture Lagercrantz: Contribution of the Ethnography of Africa. Håkan Ohlssons, Lund 1950 (mit Karte zur Verbreitung in Afrika, auch zur Verbreitung des milking with dummy-calves („Melkens mit Kalbspuppen“))

Weblinks

Einzelnachweise

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