mini|Die Fachbereiche Elektrotechnik (links) und Chemie (rechts) der damaligen TH Darmstadt, im Alten Institutsgebäude, gegen Ende des 19. Jahrhunderts

Die Technische Universität Darmstadt ist eine 1877 in Darmstadt gegründete technische Universität. Sie ist seit 2004 die erste vollständig autonome Universität der Bundesrepublik Deutschland. Das heißt, sie legt alleine ihre Forschungsschwerpunkte fest und beruft ihre Professoren. Mit rund 25.000 Studenten und 5000 Beschäftigten, davon etwa 350 Professoren, zählt sie zu den mittelgroßen Universitäten in Deutschland und gehört dem Universitätsverbund der TU9 an.

Die Technische Universität Darmstadt, die Johannes Gutenberg-Universität Mainz und die Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main bilden gemeinsam die Rhein-Main-Universitäten (RMU). Auf europäischer Ebene ist die TU Darmstadt seit 2019 Mitglied der Europäischen Universitätsallianz Unite! (University Network for Innovation, Technology and Engineering).European Universities initiative, auf education.ec.europa.eu

Die Technische Universität Darmstadt gründete 1882 den weltweit ersten Lehrstuhl für Elektrotechnik. 1883 folgte die weltweit erste Fakultät für Elektrotechnik und damit die Einführung des weltweit ersten Studiengangs für Elektrotechnik. Absolventen und Mitarbeiter der TU Darmstadt begründeten die Informatik, die Wirtschaftsinformatik und die Künstliche Intelligenz als wissenschaftliches Fachgebiet in Deutschland maßgeblich mit.siehe Peter Mertens, Robert Piloty und Wolfgang Bibel

Die Anfänge der Informatik als wissenschaftliche Disziplin in Deutschland gehen auf das Institut für Praktische Mathematik an der TH Darmstadt zurück, das sich mit analoger wie digitaler Rechentechnik befasste und von 1929 bis 1967 bestand. 1976 führte die TH Darmstadt den ersten Studiengang für Wirtschaftsinformatik in Deutschland ein.

Geschichte links|mini|Altes Hauptgebäude der Universität mini|Blick auf das Residenzschloss, das den Fachbereich Gesellschafts- und Geschichtswissenschaften beherbergt

Die Polytechnische Schule zu Darmstadt wurde am 10. Oktober 1877 durch Verleihung des Titels Technische Hochschule zu Darmstadt von Ludwig IV., Großherzog von Hessen und bei Rhein, in den Universitätsstatus erhoben. Damit erfolgte auch eine Änderung der Aufnahmebedingungen, die nunmehr das Abitur voraussetzten. 1899 wurde der TH Darmstadt von Großherzog Ernst Ludwig das Promotionsrecht zuerkannt.Auftritt des Markenzeichens Dr.-Ing. auf www.tu-darmstadt.de Um den Universitätsrang zu verdeutlichen, änderte die Technische Hochschule am 1. Oktober 1997 ihren Namen in Technische Universität (TU Darmstadt).

Anfänglich litt die Hochschule unter finanziellen Engpässen im relativ armen Großherzogtum Hessen, so dass nach 1876 bereits 1881/1882 ein weiteres Mal über eine Schließung im hessischen Landtag debattiert wurde. Durch den Einsatz einiger Persönlichkeiten im Umfeld der Hochschule (insbesondere Oberbürgermeister Albrecht Ohly, Otto Wolfskehl als Vorsitzender des Finanzausschusses und Innenminister Julius Rinck Freiherr von Starck) sowie durch die Verantwortlichen der TH selbst gelang deren Rettung. Die Hochschule und die Regierung wagten einen Schritt nach vorne und gründeten 1883 die weltweit erste Fakultät für Elektrotechnik, den heutigen Fachbereich Elektrotechnik und Informationstechnik. Ihr erster Professor wurde Erasmus Kittler, der 1883 den ersten Studiengang für Elektrotechnik überhaupt einrichtete. Die dadurch ansteigende Zahl der Studierenden verhinderte die beabsichtigte Schließung. Als weitere Studienfächer kamen Papieringenieurwesen und die Luftschifffahrt und Flugtechnik hinzu. Im Oktober 1895 wurde das neue Hauptgebäude durch den damaligen Rektor (1893–1895), den Geologen Karl Georg Richard Lepsius, eingeweiht.

Insbesondere der Studiengang Elektrotechnik zog viele ausländische Studenten – im Wesentlichen aus Osteuropa – an. So waren 1906 knapp 75 Prozent aller Studenten der Elektrotechnik ausländische Studenten. mini|„Pützer-Turm“ (Uhrturm) am Alten Institutsgebäude in der Hochschul­straße mit der ursprünglichen Turmspitze, links das Alte Hauptgebäude, 1916 mini|hochkant|„Pützer-Turm“ (Uhrturm) mit der neu gestalteten Turmspitze, 2022 mini|Westflügel des Alten Hauptgebäudes Anfang des 20. Jahrhunderts kam es zu einer weiteren baulichen Erweiterung der TH. So entstand 1904 der von Friedrich Pützer erbaute sog. Uhrturm gegenüber dem Hauptgebäude. Zwischen 1904 und 1908 wurden von dem Architekten Georg Wickop Kraftwerk und Maschinenbaulaboratorium an der Magdalenenstraße erbaut sowie das Hauptgebäude in nördlicher Richtung am Herrngarten erweitert. 1908 wurde auch der Erweiterungsbau des Westflügels des Hauptgebäudes bezogen.

Im Ersten Weltkrieg sank die Zahl der Studierenden auf ein Rekordtief von ca. 300. Auch etwa die Hälfte des Lehrkörpers war zeitweise zum Kriegsdienst eingezogen worden. Zehn Lehrende und 245 Studierende verloren im Ersten Weltkrieg ihr Leben. Die Namen der Gefallenen wurden auf einer Bronzetafel festgehalten, die im Eingangsbereich des Hauptgebäudes platziert wurde. Nach einem Entwurf von Heinrich Walbe wurde zudem 1919 ein Gefallenendenkmal errichtet, das sich am nördlichen Rand des Hochschulstadions befindet.

Im Juli 1918 gründete sich die Vereinigung von Freunden der Technischen Hochschule Darmstadt. Intention war es, finanzielle Mittel v. a. aus der Wirtschaft zur Unterstützung der notleidenden Hochschule nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zu erhalten. 2017 hatte die Vereinigung 2.500 Mitglieder und ein Vermögen von umgerechnet ca. 3,8 Millionen Euro.

In den Jahren 1922/23 entstanden der Neubau für die Gerbereichemie an der Schlossgartenstraße für Edmund Stiasny sowie das dahinter gelegene Hochspannungslaboratorium für Waldemar Petersen. Für beide Gebäude, die aus Mitteln von privater Seite finanziert wurden, war Heinrich Walbe als Architekt verantwortlich.

Im Mai 1926 gründete sich aus einer siebenköpfigen Studentengruppe die Darmstädter Hochschulgruppe des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes. Da die von ihr vorgelegte Satzung nicht genehmigt wurde, trat sie zu Beginn noch unter dem Namen „Völkische Studenten“ an. Anfang 1931 errang die Liste des NSDStB in der AStA-Wahl die Mehrheit und stellte seither den Vorsitz.Bernhard Grün: Zwischen Fronteinsatz und Freiheitsklang. Studententum und Kameradschaftswesen im Nationalsozialismus (Historia academica - Schriftenreihe der Studentengeschichtlichen Vereinigung des Coburger Convents. Band 57), akadpress, Würzburg 2019, ISBN 978-3-930877-52-2, S. 283

1933 wurde auch die TH Darmstadt im Zuge der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten gleichgeschaltet. Die Auseinandersetzungen mit den neuen Machthabern kulminierte in der sog. Lieser-Affäre im Frühsommer 1933, die zu einer zeitweisen Schließung der Hochschule führte. Zahlreiche Wissenschaftler wurden unter Bezug auf das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums entlassen. Darüber hinaus verloren einige jüdische Wissenschaftler ihre Stelle und wurden gezwungen, ins Exil zu gehen. Unter den Professoren waren dies u. a. Erich Aron, Hans Baerwald, Ernst Berl, Josef Plenk und Edmund Stiasny. Auch zahlreiche Mitarbeiter, wie B. Maria Dorer, Stephan Gradstein, Paul Leser, Klaus Federn oder Kurt Lion, wurden aus „rassischen Gründen“ oder unter Hinweis auf ihren jüdischen Glauben aus der Hochschule gedrängt. Auch der mit einer Jüdin verheiratete Gerhard Herzberg, dem 1971 der Nobelpreis für Chemie verliehen wurde, verließ deswegen die TH Darmstadt. Unter den Nationalsozialisten übernahm die TH den Fachbereich Maschinenbau von den Technischen Lehranstalten Offenbach.

mini|Robert-Piloty-Gebäude (Informatik) am Herrngarten In der Nacht vom 11. auf den 12. September 1944 wurden ca. 60–80 Prozent der Stadt durch einen britischen Bombenangriff zerstört, darunter litt auch die im Zentrum liegende Technische Hochschule in besonderer Weise. Die Zerstörung vieler Hochschulgebäude wurde in einer Bildersammlung von Ernst Söllinger festgehalten. Mit dem Einmarsch der US-Army am 25. März 1945 wurde die TH zunächst geschlossen. Einzelne Anlagen, die weitgehend unzerstört waren, wurden von der Besatzungsmacht beschlagnahmt. Dazu gehörte das Institut für Fernmeldetechnik von Hans Busch, das Zintl-Institut am Herrngarten, das Hochschulstadion und der Windkanal. Auf Antrag des bereits am 28. April 1945 gebildeten dreiköpfigen Vertrauensausschusses aus den Professoren Wilhelm Schlink, Erich Reuleaux und Max Muss vom November 1945 wurde die TH am 7. Januar 1946 wiedereröffnet. Bereits 1947 fand der erste Kongress für Ingenieursausbildung (IKIA) statt.

mini|hochkant|Wasserbauhalle (1957) von Ernst Neufert Ein Wiederaufbau in größerem Umfang setzte erst nach der wirtschaftlichen Genesung des Landes Hessen (im Zuge des „Wirtschaftswunders“) Anfang bzw. Mitte der 1950er Jahre ein. Organisatorische Voraussetzung für den Wiederaufbau war die Schaffung des Staatlichen Hochschulbauamts im Juli 1949. Erster Leiter des Amts wurde auf Vorschlag des Kultusministeriums Herbert Rimpl, der bereits 1949 verschiedene Wiederaufbauvarianten vorschlug. Christoph Miller bis 1951 und Friedrich Holtz hatten danach an der Wiedererrichtung der Hochschulgebäude einen maßgeblichen Anteil. Friedrich Holtz leitete das Amt bis zu seinem Ruhestand 1963. Erste äußere Anzeichen des Wiederaufbaus waren die Sanierung der Otto-Berndt-Halle 1951/52 mit McCloy-Mitteln, der Bau des Deutschen Kunststoffinstituts 1954/55 mit Mitteln aus der Privatwirtschaft, der Bau der Stoeferle-Halle 1954 (Abriss 2014), der Große Physik-Hörsaal 1958 sowie der Bau der ersten Institute des Bauingenieurwesens ab 1955 durch Theo Pabst und Günter Koch auf dem ehemaligen Altstadtgelände östlich des Schlosses. Zu diesen Gebäuden gehörte auch die 1956–1957 errichtete Wasserbauhalle von Ernst Neufert.

Seit den 1960er Jahren, vor allem aber in den 1970er Jahren, wurde, gefördert durch ständig steigende Studentenzahlen, der Ausbau der Wissenschaftseinrichtung an verschiedenen Standorten (v. a. Campus Innenstadt, Campus Lichtwiese und Campus Botanischer Garten) weiter vorangetrieben. So wurde am 15. Mai 1972 der Fachbereich Informatik gegründet. Auch wurden Teile anderer Hochschulen übernommen (so etwa der Fachbereich Architektur der HfG Offenbach). Seit dem 1. Oktober 1997 trägt die Hochschule den Namen Technische Universität Darmstadt.

Seit dem 1. Januar 2005 ist die TU Darmstadt als erste deutsche Universität weitgehend autonom. Es werden seither neue Entscheidungsstrukturen erprobt, u. a. kann die Hochschule den Haushalt und die Liegenschaften selbst verwalten und selbständig mit Professoren über ihr Gehalt und ihre Ausstattung verhandeln und sie ernennen. 2010 erhielt die Technische Universität zudem die Dienstherreneigenschaft und die Arbeitgeberfunktion. Seitdem werden die Tarifverhandlungen für die Beschäftigten von der TU selbst geführt und nicht mehr vom Land Hessen. Die Beamten sind zudem Beamte der Universität und nicht des Landes. Als erste staatliche Universität hat die TU 2012 eine Betriebsrente für angestellte Professoren eingerichtet. Damit wird die Gleichbehandlung der Professoren angestrebt. Die Technische Universität Darmstadt besitzt daneben das Selbstakkreditierungsrecht für ihre Studiengänge.

Im Jahr 2005 konnte die Universität aus eigenen Mitteln den ehemaligen Militärflugplatz bei Griesheim erwerben, der unmittelbar an den Campus Windkanal angrenzt. Der Flugplatz wurde unter Naturschutz gestellt, kann aber in gewissem Umfang zu Forschungszwecken genutzt werden.