mini|Altes Theater in Heilbronn kurz nach seiner Fertigstellung 1912 mini|Zustand des Gebäudes nach dem Zweiten Weltkrieg Das Alte Theater in Heilbronn (vereinzelt auch als Fischer-TheaterHerbert Haldy (Hrsg.): Stadttheater Heilbronn: zur Eröffnung am 16. November 1982. Heilbronn 1982, S. 8. bezeichnet) ist das Vorgängerbauwerk des nahegelegenen heutigen Stadttheaters Heilbronn. Das Gebäude wurde von 1911 bis 1913 errichtet und während des Zweiten Weltkriegs beschädigt. An ihm als einem der ersten Gebäude der Stadt fanden erste Wiederaufbauarbeiten ab 1947 unter dem Architekten Rudolf Gabel statt. Bildhauer Robert Grässle erneuerte zwei Maskenköpfe auf der Brüstung. Nach jahrelanger kontroverser Diskussion wurde der Theaterbau am 18. Juli 1970 gesprengt.
Das Theater galt als „bedeutendes architektonisches Werk“ von Theodor Fischer, der als Vorsitzender des 1907 gegründeten Deutschen Werkbunds die Reformarchitektur wesentlich voranbrachte. Daher nahm das Heilbronner Theatergebäude vor allem lokale Bautraditionen auf, so die Architektur der sogenannten „Heilbronner Renaissance“.Heuss: Der neue Theaterbau, S. 2 und Schmolz / Weckbach (1966), Nr. 56, S. 45
Das Theatergebäude wird als das „wohl wichtigste Gebäude“ der architektonischen Moderne vor dem Ersten Weltkrieg in Heilbronn beschrieben.Lattner / Hennze, Stille Zeitzeugen, S. 50 f.: „Bauen! ist die Forderung der Stunde, Bauen im geistigen wie im materiellen Sinn“ – Auf dem Weg in die Moderne:Fekete, Kunst- und Kulturdenkmale …, S. 19 f: – Moderne Aufgrund seiner architektonischen Qualität wurde es als „qualitativ überregionaler Bau“ betrachtet.Fekete, Kunst- und Kulturdenkmale …. S. 21.
Lage und Umgebung Das alte Stadttheater wurde als Blickfang am Nordende der Heilbronner Allee errichtet, einer boulevardartigen Promenade, an der mit der Synagoge am Südende und der alten Harmonie im Osten bereits zwei markante Bauwerke standen.Fekete, Denkmaltopographie, S. 48
Geschichte Baubeschluss und Einweihung (30. September 1913) mini|Vorentwurf für das Heilbronner Theater von 1902 (unter Oberbürgermeister Hegelmaier) mini|Grundsteinlegung für das Theater 1912 mini|Lageplan um 1913 mini|Zuschauerraum um 1913 Im Jahr 1902 lud der Heilbronner Oberbürgermeister Paul Hegelmaier die Architekten Theodor Fischer (Stuttgart), Fellner und Hellmer (Wien) und Carl Moritz (Köln) zu einem beschränkten Architektenwettbewerb für den Neubau eines Theaters an der Ecke Bismarckstraße / Herbststraße ein. Aufgrund fehlender finanzieller Mittel konnte das Bauvorhaben jedoch nicht ausgeführt werden.Scherer, Die Baugeschichte des Heilbronner Stadttheaters, S. 8 f. Andererseits war man 1903 der Meinung, dass das Aktientheater im Harmoniegarten an der Allee veraltet sei, man bezeichnete es als Rumpelkasten.Krusemarck: Aus der Geschichte des Heilbronner Theaters. S. 19 „Der alte Rumpelkasten passt doch nicht mehr in die neue Zeit, in das moderne Heilbronn mit seinen vielen schönen Bauwerken, in die blühende, stolze Handels- und Industriestadt.“ Auch W. Widmann, ein Schriftsteller aus Stuttgart, gab diese in Heilbronn vorherrschende Meinung 1906 in der Neckarzeitung wieder: „Der alte Rumpelkasten passt nicht mehr in die neue Zeit.“ Im November 1903 ließ Oberbürgermeister Hegelmaier das Aktientheater wegen Brandschutz-Mängeln schließen. Dieser als „Gewaltakt“ empfundene Hoheitsakt veranlasste die Harmonie-Gesellschaft dazu, einige Verbesserungsarbeiten vorzunehmen. Weil sie das Aktientheater wegen der hohen Kosten nicht modernisieren konnte, vermietete sie das Haus an die Stadt Heilbronn, womit aus dem privaten Aktientheater ein kommunales Stadttheater wurde. Weil man die notwendigen Renovierungen dennoch nicht vornahm, waren die Vorstellungen jedoch schwach besucht.Bauer,Die Baugeschichte, S. 2 f.
Am 17. Februar 1908 legten die Theaterdirektoren Richard Steng und Konrad Krauß der Stadtverwaltung einen Plan zum Umbau des Aktientheaters mit Kosten in Höhe von 120.000 Mark vor. Nachdem sich am 9. März 1908 die Neckar-Zeitung gegen den Umbau des Aktientheaters ausgesprochen und am 12. März 1908 eine Bürgerumfrage zur Entscheidung über Umbau oder Neubau gefordert hatte, berief am 9. April 1908 der Oberbürgermeister Paul Göbel eine Bürgerversammlung ein, die den Umbau ablehnte und einen Neubau befürwortete. Göbel rief am 9. Mai 1908 zu Stiftungen für den Neubau auf. Am 4. Juni 1908 gab es bereits Darlehenszusagen von 505.900 Mark und Stiftungen in Höhe von 69.725 Mark. Obwohl diese Gelder schnell eingegangen waren, sollten bis zur Fertigstellung des Baus noch über fünf Jahre vergehen.
Den Bauplatz sollte eine vom Gemeinderat am 11. Juni 1908 gebildete Theaterkommission aus dem Stadtvorstand, fünf Gemeinderatsmitgliedern, drei Bürgerausschussmitgliedern und sechs Vertretern der Zeichner auswählen. Am 31. Juli 1908 genehmigte der Gemeinderat die Vertretung des Bürgerausschusses mit fünf Mitgliedern in der Theaterkommission. Der Ausschuss verweigerte am 23. September 1908 die Zustimmung zur Wahl des Bismarckplatzes als Standort des Theaterneubaus. Dagegen bestand der Gemeinderat auf dem Bismarckplatz als Standort. Der (soeben an die Technische Hochschule München berufene) Architekt Theodor Fischer, der am 15. Oktober 1908 mit der Lösung der Standortfrage beauftragt wurde, stellte am 3. Dezember 1908 die Vor- und Nachteile der drei Standorte gegenüber. Daraufhin wählten die „bürgerlichen Kollegien“, der Heilbronner Gemeinderat und der Bürgerausschuss, mit 24:16 Stimmen den Standort für den Theaterneubau an der Heilbronner Allee, an einem der Kopfenden der damaligen Flaniermeile.
Am 8. Februar 1909 erhoben Dr. Buttersack und der Kaufmann G. A. Pfleiderer Einspruch gegen das Allee-Projekt. Pfleiderer war als Nachbar des Standorts an der Allee direkt betroffen, weil die vorgegebene Baulinie des Bebauungsplans nicht eingehalten wurde. Buttersack zog nach Rücksprache mit Theodor Fischer seinen Einspruch zurück. Der Einspruch Pfleiderers wurde am 6. August 1909 vom Gemeinderat verworfen. Pfleiderer wandte sich an das Stuttgarter Ministerium, das am 27. September 1909 die Beschwerde als berechtigt anerkannte und der Stadt die Dispensation, die Befreiung von der vorgeschriebenen Baulinie, versagte. Der Heilbronner Gemeinderat änderte daraufhin am 2. Dezember 1909 die Baulinie. Pfleiderer akzeptierte dies und wurde von der Stadt mit 23.000 Mark entschädigt. Am 20. Januar 1910 zog er seinen Einspruch zurück. Das Ministerium genehmigte am 10. Februar 1910 die Änderung des Bebauungsplans.Scherer: Die Baugeschichte des Heilbronner Stadttheaters.
Bei den „bürgerlichen Kollegien“ galt der Grundsatz, keine Steuermittel für den Theaterneubau zu verwenden. Sie drängten darauf, von Theodor Fischer einen „genauen Kostenvoranschlag“ zu erhalten. Fischers Kostenvoranschlag belief sich auf 520.000 Mark und sah 750 Sitz- und 200 Stehplätze vor. Am 22. Juni 1910 wurde Fischer als „Theaterbauer“ eingestellt. Der Kostenvoranschlag wurde jedoch nochmals von Scherer, einem Mitarbeiter in Theodor Fischers Münchner Architekturbüro, überarbeitet und überprüft. Scherer kam am 9. Dezember 1910 auf Kosten in Höhe von 620.000 Mark, also 100.000 Mark Mehrkosten. Daraufhin verlangte die Stadtspitze, die Kosten um zehn Prozent zu reduzieren. Als das Architekturbüro Fischer dazu nicht bereit war, beauftragte die Stadt das Münchner Bauunternehmen Heilmann & Littmann, das auch das Stuttgarter Hoftheater erbaut hatte, mit der Erstellung eines eigenen Kostenvoranschlags, der jedoch höher als der des Architekturbüros Fischer ausfiel. Das Rathaus beschloss daraufhin am 16. Februar 1911, Fischer endgültig als Theaterbauer zu beauftragen, verlangte aber eine kleinere Bauausführung, die statt 620.000 nur 585.000 Mark kosten sollte. Statt 750 wurden nur 650 Sitzplätze vorgesehen. Das Theater wurde insgesamt kürzer und schmaler gebaut, auch der Orchestergraben und die Magazinräume wurden verkleinert.
Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Bauausführung gab es hinsichtlich des oberen Abschlusses der Hauptfassade. Nachdem am 23. Februar 1912 die Kollegien beraten hatten, ob der Theaterneubau einen Giebel mit dem Heilbronner Stadtadler oder ein Türmchen mit Uhr erhalten sollte, votierten sie am 8. März 1912 zugunsten des Heilbronner Stadtadlers. Nachdem am 8. Mai 1913 ein Preisausschreiben für eine Inschrift am Theaterneubau ergebnislos verlaufen war, wählte man am 23. Mai 1913 auf Vorschlag Fischers die Inschrift Erbaut von der Bürgerschaft 1912/1913.
Die Grundsteinlegung fand am 9. Mai 1912 statt, die Einweihung erfolgte am 30. September 1913.
Beschädigung (4. Dezember 1944) Den schweren Luftangriff auf Heilbronn am 4. Dezember 1944 überstand das Theater vergleichsweise unbeschadet.Artikel in der Heilbronner Stimme vom Mittwoch, dem 15. Oktober 2003 von Kilian Krauth, Nr. 238, S. 19: Fischers Jugendstil-Theater stand für den Heilbronner Bürgersinn vor und nach dem Kriege – Stimme-Architektur-Serie Teil 2: Nachklang der Formgesinnung des Kiliansturms Zerstört waren die teuersten Bauteile und die Innenausstattung, der Zuschauerraum und die Anlagen waren ausgebrannt. Die Umfassungsmauern waren jedoch bis auf wenige „Schönheitsfehler“ unberührt geblieben. Zwei der sechs Maskenköpfe auf der Attika waren verloren gegangen, die Attika bzw. Brüstung des halbrunden Vorbaus war ebenso beschädigt worden.Alexander Renz / Susanne Schlösser, Chronik der Stadt Heilbronn. Band VI: 1945–1951, Heilbronn 1995, Bildnr. 14 [Das zerstörte Stadttheater] Alfred Birkle: Beiträge zur Geschichte der Polizei im Stadt und im Landkreis Heilbronn nach dem Zweiten Weltkrieg. In: Jahrbuch für schwäbisch-fränkische Geschichte. Band 33. Historischer Verein Heilbronn, Heilbronn 1994, Bildnr. 97 [2. Polizeirevier, Stadttheater]
Beschluss zum Wiederaufbau (15. Dezember 1947) und Rekonstruktion Auch in den Wiederaufbauplänen für die Heilbronner Altstadt nach dem Krieg blieb das alte Stadttheater unverändert am Nordende der Allee erhalten. Die Pläne sahen teilweise vor, das westlich parallel des Theaters stehende, aber im Krieg auch schwer beschädigte Bläß’sche Palais durch einen Querbau mit dem Theatergebäude zu verbinden.
mini|1949 von Bildhauer Robert Grässle neu geschaffene Maskenköpfe im Heilbronner Lapidarium