ʿAbd al-Qādir al-Dschīlānī (, manchmal auch mit der Nisba , oder , oder , * 1077/1078 in der Provinz Gilan; † 1166 in Bagdad) war ein hanbalitischer Gelehrter, Prediger und Sufi, auf den der Qādirīya-Orden zurückgeführt wird. Im Jahr 470 (1077) wurde er im Dorf Nayf geboren, das zum Zentrum der Provinz Ǧīlān im Südwesten des Kaspischen Meeres gehört. Seine Mutter Fāṭima war die Tochter des bekannten Asketen und Sufis seiner Zeit, Abū ʿAbd Allāh aṣ-Ṣawmaʿī, und wird ebenfalls zu den weiblichen Heiligen gezählt. Über seinen Vater, Abū Ṣāliḥ Mūsā, wird überliefert, dass er ein frommer Mensch war, jedoch gibt es kaum Informationen über ihn. Sein Stammbaum, der bis zu. 4. Kalifen ʿAlī ibn Abī Tālib zurückgeführt wird, wird in den Quellen wie folgt angegeben: ʿAbd al-Qādir al-Ǧīlānī, Sohn von Mūsā, Sohn von ʿAbd Allāh, Sohn von Yaḥyā, Sohn von Muḥammad, Sohn von Mūsā al-Ǧawn, Sohn von ʿAbd Allāh al-Kāmil, Sohn von al-Ḥasan al-Muṯannā, Sohn von al-Ḥasan, Sohn von ʿAlī. mini|Retouchiertes Bild der sechs Sufimeister: Chvadscha Mu'in al-Din Tschischti, Ghaus al-A'zam, Chvadscha Qutb al-Din, Scheich Mihr, Schah Scharaf Bu 'Ali Qalandar und Sultan-ul-Mashaikh

Leben Als er 18 Jahre alt wurde, schloss sich einer Karawane an und ging nach Bagdad (1095). Dort studierte er Ḥadīṯ bei Gelehrten wie Abū Ġālib b. Bāqillānī, Ǧaʿfar as-Sarrāǧ, Abū Bakr Sūsan und Abū Ṭālib b. Yūsuf; Fiqh bei Rechtsgelehrten wie Abū Saʿd al-Muḥarrimī (al-Maḫzūmī), Abū Ḫaṭṭāb und Qāḍī Abū Ḥusayn; sowie Literatur bei Sprachgelehrten wie Zakariyyā at-Tabrīzī. In kurzer Zeit erwarb er umfassende Kenntnisse in den Bereichen Uṣūl (أصول), Furūʿ (فروع) und Madhāhib. In diesen Jahren, in denen er enge Beziehungen zu den Sufis von Bagdad pflegte, trat er durch Vermittlung von Abū l-Ḫayr Muḥammad b. Muslim ad-Dabbās (gest. 525/1131) dem Sufismus bei. Die Quellen berichten, dass er das Ordensgewand (ḫirqa) von ad-Dabbās empfing und zudem dessen Schwiegersohn wurde.

Die meisten (klassischen) biographischen Quellen berichten außerdem, dass er bereits zuvor (in sehr jungen Jahren) dem berühmten Sufi Yūsuf al-Hamadānī begegnet sei und dabei dessen Aufmerksamkeit auf sich gezogen habe. Dieser habe ihm demnach nahegelegt, sich dem Sufismus zuzuwenden, und ihn zugleich in einigen der Fragen unterwiesen, die ihn damals beschäftigten. In diesem Zusammenhang wird ferner überliefert, dass es ebenfalls Hamadānī gewesen sei, der ʿAbd al-Qādir al-Dschīlānī, als dieser zeitweilig erwog, Predigten aufzugeben und sich in die Zurückgezogenheit zu begeben, erneut zum Predigen und öffentlichen Lehren ermutigte. Diese Überlieferung wird u. a. von vom Fiqh-Gelehrten Ibn Ḥaǧar al-Haitamī in seinem Werk al-Fatāwā al-ḥadīṯiyya angeführt.

In der Madrasa in Bāb al-Azǧ, die ihm sein Lehrer Abū Saʿd zugewiesen hatte, unterrichtete er Wissenschaften wie Ḥadīṯ, Tafsīr, Qirāʾāt, Fiqh und Naḥw und begann zu predigen. Nach einiger Zeit jedoch gab er all dies auf und zog sich in die Einsamkeit (عُزْلَة‎ ʿuzla) zurück

Die Silsila (Überlieferungskette) des Ordens, die bis zu Ǧunayd al-Baġdādī zurückreicht, lautet wie folgt: Abū Saʿd Mubārak al-Muḥarrimī, Abū l-Ḥasan al-Hakkārī, Abū l-Faraǧ at-Tarsūsī, ʿAbd al-Wāḥid at-Tamīmī, aš-Šiblī, Ǧunayd al-Baġdādī. mini|Mausoleum

ʿAbd al-Qādir al-Dschīlānī verstarb am 21. Februar 1166 (561) im Alter von 87 Jahren. Sein Leichnam wurde in einem Mausoleum in der Bābul‑Šaiḫ‑Madrasa im Stadtteil ar-Ruṣāfa in Bagdad, am Ostufer des Tigris, beigesetzt. Während der Herrschaft des safawidischen Ismail I. wurde sein Grab teilweise zerstört. Im Jahr 1535 ließ der osmanische Sultan Süleiman der Prächtige eine Kuppel errichten, das Mausoleum durch den berühmten Architekten Sinan erweitern und anschließend umfassend renovieren. Aus Respekt vor ʿAbd al-Qādir al-Dschīlānī verzichtete Süleiman I. darauf, seinen Herrschernamen an dem Bauwerk anbringen zu lassen, obwohl dies für seine Zeit eigentlich üblich war. Dies wird damit begründet, dass ein solches Vorgehen an diesem Ort als nicht angemessen galt und daher bewusst unterlassen wurde. Wenn man das Mausoleum besucht, kann man dies deutlich erkennen.

Wissenschaft und Persönlichkeit ʿAbd al-Qādir al-Dschīlānī gab, als er nach Bagdad kam, die schāfiʿitische Rechtsschule, der er ursprünglich angehörte, auf und trat in die ḥanbalitische Rechtsschule ein. Dennoch erteilte er bis ans Ende seines Lebens Rechtsgutachten (fatwā) gemäß beiden Rechtsschulen. Der Überlieferung zufolge erschien ihm Aḥmad b. Ḥanbal im Traum und bat ihn, den zu jener Zeit geschwächten ḥanbalitischen Madhhab wiederzubeleben. Daraufhin trat er in die ḥanbalitische Rechtsschule ein und bemühte sich mit aller Kraft, diese zu beleben. Deshalb erhielt er den Beinamen Muḥyī d-Dīn („Wiederbeleber der Religion“). ʿAbd al-Qādir al-Dschīlānī war im weiteren Verlauf der ḥanbalitischen Rechtsschule auf unerschütterliche Weise verbunden. In all seinen Werken, insbesondere in al-Ġunya, wird seine Zugehörigkeit zu dieser Schule deutlich. So sagt er beispielsweise: „Die beste der Rechtsschulen ist die Schule des Imāms Aḥmad“. Er verteidigte Aḥmad b. Ḥanbal leidenschaftlich sowohl im praktischen Handeln (ʿamal) als auch im Glauben (iʿtiqād).

Ibn Taimiyya Ibn Taimiyya ist dafür bekannt und wird häufig als Referenz herangezogen, wenn es um die Kritik an Sufis und ihren Praktiken geht. Umso bemerkenswerter ist es jedoch, dass er zugleich ein entschiedener Befürworter ʿAbd al-Qādir al-Dschīlānīs war. Hauptsächlich durch die Šaṭḥiyya mancher Sufis kritisierte Ibn Taimiyya diese in besonderer weise. Angesichts solcher Aussagen von al-Dschīlānī jedoch sah er sich gezwungen, entweder zu schweigen oder sie durch taʾwīl zu deuten. So versuchte er beispielsweise die Aussage: „Wer um unseretwillen auf etwas verzichtet, dem gibt Allāh weit mehr als das Aufgegebene zurück“ auf verschiedene Weisen zu interpretieren, um ihre Übereinstimmung mit der Scharia nachzuweisen. In seinem Werk Šarḥ kalimāt min Futūḥ al-ġayb führt Ibn Taimiyya weitere Beispiele an und betont zugleich, dass es sich bei ihm um einen großen und ehrwürdigen Vali handele, der – ähnlich wie Dschunaid al-Baġdādī und al-Muḥāsibī – den Scharia-Bestimmungen mit großer Sorgfalt verpflichtet war. Der Gelehrte ʿIzz ad-Dīn b. ʿAbd as-Salām teilt in dieser Frage dieselbe Auffassung. Der hanbalitische Gelehrte Ibn Qudāma begegnete 1166 in Bagdad ʿAbd al-Qādir al-Dschīlānī, bewunderte ihn zutiefst und konnte seine Vorzüge kaum genug rühmen. Auch Gelehrte wie an-Nawawī, as-Suyūṭī und Ibn Ḥaǧar gehörten zu denen, die ihn hochschätzten. Ibn Taimīya verfasste außerdem einen Kommentar zu seiner Predigtsammlung Futūḥ al-ġaib.Makdisi: Ibn Taimīya: a Ṣūfī of the Qādiriya order. 1973, S. 126 f.

Sufismus ʿAbd al-Qādir al-Dschīlānīs Sufi-Verständnis ist durch eine konsequente Bindung an die Scharia und an die äußeren Normen der Religion geprägt. Er vertrat die Auffassung, dass das Handeln des Menschen in jedem Augenblick mit dem Koran und den Hadithen in Einklang stehen müsse. Aus seiner Sicht dürfen die inneren Zustände, die im Leben eines zāhid hervortreten, die Grenzen der religiösen Normativität nicht überschreiten. Seinen Schülern empfahl er daher beständig Gehorsam, Regelkonformität und innere wie äußere Reinheit. So sagt er beispielsweise über die bekannte Situation von al-Hallādsch: „Hallādsch unterlag einem Irrtum; allerdings fand sich zu seiner Zeit niemand, der ihn an die Hand genommen hat.'“.

Werke ʿAbd al-Qādir al-Dschīlānī soll mehr als 50 Werke verfasst haben. Zu den bekanntesten gehören: al-Ġunya li-ṭālibī ṭarīq al-ḥaqq, 1996 in Beirut ediert. al-Fatḥ ar-rabbānī wa-l-faiḍ ar-raḥmānī, 1988 von Muḥammad S. al-Bauwāb in Beirut ediert. Futūḥ al-ġaib: Es handelt sich um eine Sammlung der Predigten ʿAbd al-Qādir al-Dschīlānīs, die er in seinen Lehr- und Gesprächskreisen hielt und die von seinem Sohn ʿAbd ar-Razzāq zusammengestellt wurden. Das Werk beginnt mit einem kurzen Abschnitt über die Befolgung der göttlichen Gebote, das Meiden der Verbote und die Zustimmung zum Schicksal und endet mit einem Kapitel über die Bedeutung und Notwendigkeit der muǧāhada. Am Ende des Werkes finden sich zudem Ratschläge ʿAbd al-Qādir al-Dschīlānīs an seine Kinder sowie Angaben zu seiner Krankheit und seinem Tod. In Futūḥ al-ġayb werden grundlegende Themen des taṣawwuf wie das Diesseits (das weltliche Leben) (dunyā), Askese (zuhd), Gottesfurcht (taqwā), Armut (faqr), Furcht und Hoffnung (ḫawf wa-raǧāʾ), Zufriedenheit (riḍā), Hingabe (taslīm), Erkenntnis (maʿrifa) sowie die Seele (nafs) in einer klaren, für das Volk verständlichen Sprache erläutert. Ǧalāʾ al-ḫāṭir fī l-bāṭin wa-ẓ-ẓāhir, arabisches Werk in 50 „Sitzungen“ (maǧālis), in dem al-Dschīlānī seine sufischen Lehren darlegt. Es wurde 1994 von Chālid az-Zarʿī und ʿAbd an-Nāsir Sirrī ediert. Dilâver Gürer hat in einem 2000 veröffentlichten Aufsatz die verschiedenen Handschriften von diesem Werk beschrieben und seinen Inhalt in türkischer Sprache zusammengefasst.Dilâver Gürer: Abdülkâdir Geylânî'nin fazla tanımayan bir eseri – Cilâü'l-hâtir fil-bâtin ve'z-zâhir. In: Journal of the History of Sufism, 2000, S. 21–51.

Literatur Walther Braune: ʿAbd al-Ḳādir al-Ḏj̲īlānī In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition, Band 1, S. 69a–70b. Carl Brockelmann: Geschichte der arabischen Litteratur. Leiden 1937–1949. Bd. I², S. 560–563, Supplementband I, S. 777–779. George Makdisi: Ibn Taimīya: a Ṣūfī of the Qādiriya order. In: American Journal of Arabic Studies, 1, 1973, S. 118–129.

Weblinks

The Alcove of Sufis and Saints. (Shrine of Sheikh Syed Abdul Qadir Jeelani in Srinagar)

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