Aggro Berlin war ein deutsches Independent-Label aus Berlin. Es wurde 2001 als Plattenfirma für Hip-Hop-Künstler gegründet. Für den Vertrieb seiner Produkte nutzte Aggro Berlin von 2001 bis 2007 das Kölner Unternehmen Groove Attack. Anschließend wurden die Vertriebswege des Major-Labels Universal Music Deutschland verwendet. Im April 2009 beendete Aggro Berlin die aktive Labelarbeit und löste die Verträge mit seinen Rap-Künstlern vorzeitig auf. Seitdem konzentriert sich die Firma auf die Internetplattform Aggro.TV, auf der regelmäßig neue Videos von Hip-Hop-Musikern veröffentlicht werden.
Im Zeitraum von der Gründung 2001 bis zur Auflösung der Künstlerverträge 2009 standen die Rapper Sido, B-Tight, Bushido, Fler, Tony D, G-Hot und Kitty Kat bei Aggro Berlin unter Vertrag, wobei die Dauer der geschäftlichen Zusammenarbeit variierte. Stilistisch fielen die Hip-Hop-Musiker des Labels vor allem durch ihre aggressiven Texte auf. Die Künstler bedienten dabei von Gangsta- und Battle-Rap bis Crunk verschiedene Subgenres der Hip-Hop-Musik. Aggro Berlin stellte bereits wenige Jahre nach der Gründung eines der kommerziell erfolgreichsten Independent-Labels in Deutschland dar.
Geschichte 2001–2003 Aggro Berlin wurde 2001 von Specter, Spaiche und Halil als Independent-Label gegründet. Specter war zuvor als Graffiti-Künstler als Mitglied der Squat Force sowie als Grafik-Designer aktiv gewesen.Specter über die Gründung von Aggro Berlin redbull.com, Author: Ralf Theil, 5. Dezember 2018, abgerufen am 3. Februar 2019. Seine Arbeit für Aggro Berlin umfasste die Konzeption der Produkte wie etwa die Anfertigung von Logos, Artworks und Videos sowie Entwicklung von Marketing-Strategien. Halil war Bestandteil der Gruppe GHS und Besitzer des auf Hip-Hop-Artikel spezialisierten Berliner Geschäfts Downstairs. Spaiche war ebenfalls in der Berliner Hip-Hop-Szene aktiv. Er wirkte als Breakdancer etwa in der Gruppe Funky Grossangriff mit, mit der er auch Battles gewinnen konnte. Mit der Gruppe Vlinke Vüsse wurde er 1994 Sieger des „Battle of the Year“. Zudem arbeitete Spaiche als Organisator verschiedener Hip-Hop-Veranstaltungen. Ende der 1990er Jahre hatte Spaiche darüber hinaus das Jugendprojekt Hip-Hop-Mobil geleitet, durch das er mit zahlreichen Personen aus der Berliner Hip-Hop-Szene in Kontakt treten konnte.
Der Ansatz bei der Gründung war, eine Plattform für authentische Rap-Musik zu schaffen, die sich von dem populären Hip-Hop der 1990er Jahre abgrenzt. Specter äußerte sich in einem Interview mit dem Hip-Hop-Magazin Juice zu den Zielsetzungen der Plattenfirma: „Vertriebe und Medien haben sich über die Jahre ein festes Bild von Hip-Hop gemacht. Die Musik wurde elitär von oben an die Masse weitergegeben. Was wir gerade versuchen, ist von ganz unten in die Elite zu stoßen.“Juice, November 2003, S. 65. Die ersten Rapper, die einen Künstler-Vertrag bei dem Label unterschrieben, waren Sido und B-Tight, Mitglieder der Hip-Hop-Gruppe Die Sekte, sowie der aus Berlin-Schöneberg stammende Bushido. Die ebenfalls zu dieser Zeit zu Die Sekte gehörenden Rapper Vokalmatador und Rhymin Simon lehnten dagegen ein Vertragsangebot ab. Bei den Verträgen fand das 360°-Modell Verwendung, sodass sämtliche Belange des Musikgeschäfts, darunter die Organisation von Aufnahmestudios und Konzerten, die Vermarktung der Künstler sowie die Anfertigung von Logos und Artworks, vertraglich in den Aufgabenbereich des Labels fielen. Später wurden weitere Vereinbarungen über die Organisation privater Belange der Künstler wie Einrichtung von Bankkonten, Krankenversicherungen oder Steuernummern beim Finanzamt vereinbart.
Die erste Veröffentlichung Aggro Berlins war 2001 die Splash-Spezial-EP zum Musikfestival splash! von Sido und B-Tight, die als Duo zunächst unter dem Namen Royal TS auftraten und sich später, auf Anraten der Labelführung, in Alles ist die Sekte umbenannten. In der Anfangszeit des Labels war es den Gründern Aggro Berlins nicht möglich, einen Vertrieb für die produzierten Tonträger zu finden. Nachdem auch der Independent-Musikvertrieb Groove Attack eine Zusammenarbeit abgelehnt hatte, nutzte Aggro Berlin einen bestehenden Mixtape-Vertriebsaccount Groove Attacks, um seine Tonkassetten und CDs vertreiben zu lassen. Durch die im Folgenden steigenden Verkaufszahlen wurde Groove Attack auf Aggro Berlin aufmerksam und richtete einen eigenen Account für die Plattenfirma ein. Die Internet-Verkäufe des Labels wurden von Halils Geschäft Downstairs übernommen.
Anfang 2002 erschien das Album Alles ist die Sekte – Album Nr. 3. Des Weiteren wurde 2002 der Sampler Aggro Ansage Nr. 1 als EP veröffentlicht. Auf diesem treten Bushido, Sido und B-Tight in verschiedenen Konstellationen in Erscheinung. Darüber hinaus steuert der Rapper Fler unter dem Namen Frank White seinen ersten Beitrag für eine Veröffentlichung des Labels bei. Auch das später mehrfach wiederveröffentlichte Lied Arschficksong ist bereits auf Aggro Ansage Nr. 1 zu finden. Die „Aggro-Ansagen“ wurden über mehrere Jahre regelmäßig zur Präsentation der Künstler genutzt und waren Bestandteil der Vermarktung des Labels. Im August 2002 trat Die Sekte auf der Nebenbühne des Festivals Splash! auf. Zudem wurden 2002 das Album Carlo Cokxxx Nutten, das von Bushido und Fler unter den Pseudonymen Sonny Black und Frank White aufgenommen worden war, die EP Der Neger (in mir) von B-Tight und der zweite Label-Sampler Aggro Ansage Nr. 2 veröffentlicht.Juice, April 2003, S. 10.
Im Juli 2003 veröffentlichte Aggro Berlin Vom Bordstein bis zur Skyline, das Debütalbum Bushidos. Es stieg auf Platz 88 der deutschen Charts ein, womit es als erster Tonträger des Labels einen Rang in den Album-Charts belegen konnte. Im Zuge der Veröffentlichung wurden die Lieder Bei Nacht und Gemein wie 10 als Singles ausgekoppelt. Vom Bordstein bis zur Skyline wurde in verschiedenen Medien besprochen und steigerte so den Bekanntheitsgrad Bushidos und Aggro Berlins. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung erhielt das Album positive Bewertungen von Kritikern aus dem Musikjournalismus. Da das Album stilistisch dem Subgenre Gangsta-Rap zugeordnet werden kann, zeichnet es sich durch auffallend aggressive Texte aus, was in den folgenden Jahren zu Kontroversen führte.
Sowohl Bushido als auch Sido und B-Tight traten 2003 auf dem Splash! auf. Die Auftritte nachmittags auf der Hauptbühne des Festivals wurde von 20.000 Zuschauern besucht. Im Oktober 2003 wurde der Künstler-Kader Aggro Berlins durch die Vertragsunterzeichnung des Rappers Fler erweitert. Dieser hatte zuvor bereits einen großen Anteil an der Entstehung von Vom Bordstein bis zur Skyline. Auf dem im Dezember erschienenen Sampler Aggro Ansage Nr. 3 tritt Fler gleichberechtigt neben Bushido, B-Tight und Sido in Erscheinung. Der Sampler wurde etwa 60.000 Mal verkauft, womit er der erste kommerziell erfolgreiche Tonträger Aggro Berlins wurde.Juice, Mai 2005, S. 58. Zu dem auf Aggro Ansage Nr. 3 enthaltenen Lied Weihnachtssong von Sido wurde ein Video gedreht. Dieses wurde als erster von Aggro Berlin produzierter Videoclip regelmäßig im Fernsehen ausgestrahlt. Insbesondere in der Sendung Get the Clip des Musik-Fernsehsenders VIVA Plus erhielt Weihnachtssong durch die Anrufe der Zuschauer eine hohe Rotation. Im Weihnachtssong-Video tritt Sido bereits ausschließlich mit einer metallenen Totenkopfmaske auf, die von Specter entworfen wurde und die der Rapper seit 2003 bei allen öffentlichen Auftritten trug.
Ende 2003 führten die Labelgründer Aggro Berlins erstmals Gespräche mit dem Major-Label Universal Music Group über eine mögliche Kooperation.Juice, November 2007, S. 66. Wegen des Ausstiegs Tim Renners aus der Geschäftsführung entschieden sich Specter, Spaiche und Halil gegen eine Zusammenarbeit mit Universal Music. Neffi Temur, A&R von Universal Music, nahm daraufhin Kontakt mit Bushido auf, um ihn abzuwerben.heise.de Daraufhin wollte Bushido 2004 Aggro Berlin verlassen. Dabei brach er den Kontakt zu Fler ab und äußerte sich sowohl öffentlich als auch in Songtexten seiner nachfolgenden Alben gegen Aggro Berlin und dessen Vorstand. Erst Jahre später wurde bekannt, dass Bushido sich nur mit Hilfe des kriminellen Clan-Chefs Arafat Abou-Chaker aus seinem Vertrag mit Aggro-Berlin lösen konnte, indem dieser Druck und Gewalt auf das Management von Aggro Berlin ausübte. Bushido bestätigte dies in einer Zeugenaussage vor Gericht, während dessen Verhandlung seine zwanghafte Teilhaberschaft zu dem Clan thematisiert wurde, die als Gegenleistung für die Hilfe verlangt wurde.
2004–2005 Anfang 2004 wurde als Vorbote zu Sidos erstem Soloalbum ein Video zum Lied Mein Block veröffentlicht. Für das Video wurde die Remix-Version des Berliner Produzenten-Duos Beathoavenz verwendet. In dieser Version war der Song zuvor bereits auf einer CD des Hip-Hop-Magazins Juice sowie auf Aggro Ansage Nr. 3 erschienen. Mein Block wurde ebenfalls auf den Musiksendern gespielt und als Single veröffentlicht. Mit Platz 13 in den deutschen Single-Charts konnte sie sich als erste Veröffentlichung Aggro Berlins in den Top-20 positionieren. Zudem stieg mit der Single erstmals ein Tonträger des Albums in die österreichischen Charts ein. Mein Block leitete so den kommerziellen Durchbruch Sidos ein. Im April 2004 folgte Sidos Debütalbum Maske, das in Deutschland auf Rang 3 der Album-Charts einstieg und sich somit zur bis dahin erfolgreichsten Veröffentlichung des Berliner Labels entwickelte. Auch in Österreich und der Schweiz war das Album in den Hitparaden vertreten. Durch den Erfolg Sidos stieg auch dessen mediale Präsenz.
In den ersten Monaten nach Veröffentlichung von Maske wurden 100.000 Einheiten des Albums verkauft, womit Sidos Debütalbum Goldstatus erreichen konnte. Zudem wurde dem Rapper im September 2004 der Musikpreis Comet in der Kategorie Newcomer national zuerkannt. Am 27. September 2004 wurde Sido erstmals zur ProSieben-Show TV total eingeladen. Sido veröffentlichte 2004 noch zwei weitere Singles. Fuffies im Club, eine Auskoppelung aus seinem Album, und Arschficksong, aus Aggro Ansage Nr. 1. Insbesondere der letztgenannte Titel wurde zum immer wiederkehrenden Gegenstand öffentlicher Kritik. Die hohen Verkaufszahlen des Jahres 2004 wurden thematisch in dem Ende des Jahres veröffentlichten vierten Teil der „Aggro Ansagen“ Aggro Ansage Nr. 4 aufgegriffen. Der Sampler wurde am 5. November 2004 veröffentlicht und stieg mit Platz 7 ebenfalls in die Top-10 der Album-Charts ein. Aggro Berlin produzierte ein Splitvideo, in dem die Songs Aggro Gold, Neue Deutsche Welle und Aggro Teil 4 vorgestellt werden. Das Video wurde, wie die vorherigen Clips von Sido, im Musikfernsehen gespielt, sodass auch die Rapper B-Tight und Fler Präsenz im Fernsehen bekamen.
Im Dezember 2004 wurde mit Aggro Ansage Nr. 3 erstmals ein Tonträger Aggro Berlins durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert, womit ein Verkauf an Minderjährige sowie Werbung für den Sampler verboten wurde. Für die Entscheidung waren die Stücke Bums mich! Wie 1 Gee und Für die Sekte verantwortlich. Das Gremium hob in seiner Begründung vor allem das vermittelte Frauenbild in den Liedtexten hervor. Dieses sei „ausnahmslos negativ und herabwürdigend“, womit es „dem in der Gesellschaft vorherrschenden Erziehungsziel diametral entgegen“ stehe.Juice, Mai 2005, S. 62. Einem Antrag auf Indizierung der Single Arschficksong wurde nicht stattgegeben. Ein Video zum Song war zuvor auf der DVD Aggro Ansage DVD Nr. 1 erschienen und durch die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft ab 16 Jahren freigegeben worden, wodurch keine weitere Einstufung der BPjM erfolgen konnte.