Eine arteriovenöse Fistel ist eine abnormale Verbindung (Kurzschluss) zwischen einer Arterie und ihrer Begleitvene.Roche Lexikon Medizin. 5. Auflage. Urban & Fischer, München / Jena 2003, ISBN 3-437-15156-8, S. 131. Normalerweise fließt das Blut von den Arterien durch Präarteriolen,Erich Krieg: Die Venenentzündung, Verlag Urban & Schwarzenberg, München / Berlin 1952, S. 8 (veraltet?). Arteriolen, Kapillargefäße, SchaltstückeErich Krieg: Die Venenentzündung, Verlag Urban & Schwarzenberg, München / Berlin 1952, S. 8 (veraltet?). und Venolen und erst dann über die Venen zum Herzen zurück.Arteriovenöse Fistel, Gefäß-Lexikon, Gefäßzentrum BremenWolfgang Hach: VenenChirurgie. Leitfaden für Gefäßchirurgen, Angiologen, Dermatologen und Phlebologen. Schattauer 2007, ISBN 978-3-7945-2231-6, S. 331–332.

Physiologische Verbindungen dienen der Regulation der Durchblutung und der Körperwärme und werden als arteriovenöse Anastomosen bezeichnet.Robert Franz Schmidt, Florian Lang, Manfred Heckmann (Hrsg.): Physiologie des Menschen. 31. Auflage. Springer Medizin Verlag, Heidelberg 2010, ISBN 978-3-642-01650-9, S. 588. Für den Gesamtkreislauf stellt eine arteriovenöse Fistel einen Links-rechts-Shunt dar.Walter Bleifeld, Christian W. Hamm: Herz und Kreislauf, Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg / New York 1987, ISBN 3-540-17931-3, S. 248 f. Die arteriovenösen Fisteln zählen zu den Angiodysplasien und damit zu den Mitursachen von Lymphopathien.Hubert Mörl: Gefäßkrankheiten in der Praxis, 2. Auflage, Edition Medizin, Weinheim / Deerfield Beach (Florida) / Basel 1984, ISBN 3-527-15096-X, S. 305 f.

Synonyme mini|285x285px|AV-Fistel am Handgelenk Synonyme sind AV-Fistel, Cimino-Brescia-Fistel,Maxim Zetkin, Herbert Schaldach: Lexikon der Medizin, 16. Auflage, Verlag Ullstein Medical, Wiesbaden 1999, ISBN 3-86126-126-X, S. 645. englisch arteriovenous fistula, aber auch arteriovenous shunt,Peter Reuter: Springer Klinisches Wörterbuch 2007/2008, Heidelberg 2007, ISBN 978-3-540-34601-2, S. 598. arteriovenöser Shunt, arteriovenöses Aneurysma,So auch in der International Classification of Diseases and Related Health Problems (siehe ICD-6) unter der Nummer N 999 des Deutschen Verzeichnisses 1950. Herausgeber: Statistisches Bundesamt, Wiesbaden 1953, Band 3, S. 134. variköses Aneurysma, kavernöses Angiom, einfaches Angiom, plexiformes Angiom und arterielles Angiom.Ernst Wollheim, Josef Zissler: Krankheiten der Gefäße, in: Handbuch der inneren Medizin, Springer-Verlag, 4. Auflage, 9. Band, 6. Teil, Berlin / Göttingen / Heidelberg 1960, S. 1–894, hier: Arteriovenöse Fistel, S. 469. Früher sprach man auch vom Rankenangiom.Horst Rieger: Arteriovenöse Fistel, in: Horst Rieger, Werner Schoop (Hrsg.): Angiologie, Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg 1998, ISBN 978-3-540-50899-1, S. 1386–1396, hier S. 1386.

Das große Wörterbuch der Medizin unterscheidet dagegen bei der arteriovenösen Fistel streng zwischen der angeborenen oder artifiziellen Verbindung zwischen Arterie und Vene (unter Ausschluss der Endstrombahn) einerseits und einem oft mit der eigentlichen Fistel kombinierten Aneurysma andererseits.Das große Wörterbuch der Medizin, Vehling-Verlag, Köln / Luzern / Wien ohne Jahr, S. 33. Analog wird beim Angiom unterschieden („Angiome mit arteriovenöser Fistel“).Klaus Holldack: Lehrbuch der Auskultation und Perkussion, 7. Auflage, Georg-Thieme-Verlag, Stuttgart 1970, ISBN 3-13-352407-0, S. 106.

Wilhelm Nonnenbruch sprach von der zunehmenden klinischen Bedeutung der „arteriovenösen Kurzschlüsse“Wilhelm Nonnenbruch: Krankheiten des Kreislaufes, in: Lehrbuch der Inneren Medizin, 1. Band, Verlag von Julius Springer, 4. Auflage, Berlin 1939, S. 327–460, Zitat S. 335. und K. Großmann sogar vom „parasitären Kreislauf“.K. Großmann: Physiologie, Pathologie und physiologische Anatomie der arteriellen Gefäße, in: Handbuch der Inneren Erkrankungen, Band 1, Teil 1, Gustav-Fischer-Verlag, Stuttgart / New York 1985, ISBN 3-437-10806-9, S. 273. Das Lehrbuch der Inneren Erkrankungen weist besonders auf die hämodynamischen Auswirkungen der „arteriovenösen Kurzschlußverbindungen“ in beiden Kreisläufen hin.H. Schmidt, A. Turowski: Arteriovenöse Kurzschlussverbindungen des großen und kleinen Kreislaufs, in: Gerhard Brüschke (Hrsg.): Handbuch der Inneren Erkrankungen, Band 1, Teil 2, Gustav-Fischer-Verlag, Stuttgart / New York 1986, ISBN 3-437-10968-5, S. 517–521. In der Lungenheilkunde spricht man auch von einem Lungenangiom, von einem kongenitalen arteriovenösen Varix oder von einem arteriovenösen Hämangiom.Fritz Lange: Lehrbuch der Krankheiten des Herzens und der Blutstrombahn, Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart 1953, S. 391.

Folgende Synonyme finden sich im Wörterbuch der Kardiologie: „arteriovenous fistula, arteriovenous aneurysm, pulmonary arteriovenous anastomosis, congenital fistula, arterio-venöses Aneurysma, cirsoidesErklärung: cirsoid: Definitionen: 1. In: Webster's Revised Unabridged Dictionary: „a Cirsoid (Med): varicose“. 2. In: Century Dictionary and Cyclopedia: „cirsoid: caused or characterized by an enlargement of a blood-vessel“. 3. Nach Günter Thieles Handlexikon der Medizin (Band I, S. 403) bedeutet das Adjektiv cirsoideus „varixähnlich, traubenförmig, knotenförmig“; zum Beispiel in: Aneurysma cirsoideum. Das altgriechische Wort kirsos = Adererweiterung ist der Ursprung von Cirsocele = Varikozele, Cirsodesis = Venenverödung durch eine Ligatur und Cirsomphalus = Caput medusae. 4. Nach Ludwig August Kraus’ Kritisch-etymologisches medicinisches Lexikon (3. Auflage, Göttingen 1844, S. 242 f.) bedeutet Cirsos die Krampfader. Dort finden sich etwa 16 Begriffe mit identischer Etymologie (ὁ κιρσος = „eine kleine Blutadergeschwulst, sogenannte Krampfader“), darunter das Cirsaneurysma, mit Verweisung auf das identische Crissaneurysma (von Crissos und Aneurysma) = Aneurysma varicosum = das varicose Aneurysma = der Arterienvarix = eine krampfaderähnliche Ausdehnung der Arterienhäute; Nach Ludwig August Kraus’ Kritisch-etymologisches medicinisches Lexikon (3. Auflage, Göttingen 1844, S. 277. Aneurysma, Aneurysma serpentinum, Aneurysma arteriale racemosum,razemos = traubenförmig, racemus = die Traube, die Weinbeere; racemifer, racemifera, racemiferum = Beeren tragend. arteriovenöse Varize, pulsierendes venöses Angiom und av-Fistel“.Myron G. Sulyma: Wörterbuch der Kardiologie, Band I, Medikon-Verlag, München 1983, ISBN 3-923866-02-X, S. 54. Der Medizin-Duden nennt die arteriovenöse Anastomose und verweist auf die Anastomosis arteriovenosa.Duden: Das Wörterbuch medizinischer Fachausdrücke, 7. Auflage, Duden-Verlag, Mannheim / Leipzig / Wien / Zürich 2003, ISBN 3-411-04617-1, S. 111 und 139. Nach Otto Dornblüth ist das „Arteriovenöse Aneurysma durch gleichzeitige Verletzung einer Arterie und einer Vene entstanden.“Otto Dornblüth: Klinisches Wörterbuch, Verlag von Veit & Comp., 3. Auflage, Leipzig 1907, S. 20; 8. Auflage, Leipzig 1919, S. 25.

Einteilung Die arteriovenösen Fisteln wurden 1974 von Jörg Vollmar, dem Doyen der Gefäßchirurgie (1923–2008), in drei Formen eingeteilt: Typ I mit einem direkten Querachsenkurzschluss, Typ II mit multiplen indirekten Querachsenkurzschlüssen und Typ III mit (seltenenMarkward Marshall (Hrsg.): Ultraschall-Doppler-Fibel zum Grund- und Aufbaukurs, SMV-Verlagsgesellschaft, Edition Materia Medica, Gräfelfing 1987, ISBN 3-88760-047-9, S. 37.) meist lokalisierten tumorförmigen Längsachsenkurzschlüssen.Hugo Partsch (Hrsg.): Phlebologiekurs der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie und Proktologie und der Österreichischen Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie, Wien 1987, S. 406. Nach der Hamburger Klassifikation von Belov und Loose aus dem Jahre 1989 werden die „vorwiegend durch AV-Shunts gekennzeichneten Fehler“ bei Gefäßmalformationen in trunkuläre und extratrunkuläre klassifiziert. Die trunkulären arteriovenösen Fisteln werden in tiefe und oberflächliche, die extratrunkulären in infiltrierende und umschriebene eingeteilt.Jan André Schmidt-Lucke, Ulrich Ruppe: Behandlungspfade in der Gefäßmedizin, ABW-Wissenschaftsverlag, Berlin 2012, S. 142.

Ursachen Arteriovenöse Fisteln infolge von Verletzungen sind bereits seit der Antike bekannt. Die erste umfangreiche wissenschaftliche Beschreibung erfolgte 1757 durch den britischen Arzt William Hunter, der sie nach einem Aderlass beobachtete. Bei sogenannten spontanen erworbenen AV-Fisteln kann eine offensichtliche Ursache nicht gefunden werden.

Arteriovenöse Fisteln sind selten angeboren, sie entstehen meist durch Verletzungen (Traumen) an solchen Stellen, an denen eine Arterie und die sie begleitende Vene nahe beieinanderliegen. Die angeborenen Fisteln zwischen Schlagader und Blutader heißen arteriovenöse Malformation. Eine traumatische AV-Fistel tritt am häufigsten durch Punktion von Gefäßen zum Beispiel im Rahmen einer Angiografie wie der Herzkatheteruntersuchung auf (iatrogene AV-Fistel). Auch durch Schuss- oder Stichwunden (Messerstecherei) sowie durch Knochen- oder Granatsplitter kann eine arteriovenöse Fistel entstehen. Ebenso durch Nekrosen.

Arteriovenöse Fisteln im Bereich der Dura mater (Durafistel) gehen meist auf einen Sturz oder einen Verkehrsunfall zurück, manchmal auch auf eine Sinusthrombose.Durafistel, Neuro-Kopf-Zentrum der Technischen Universität München Sie machen etwa 15 % aller Gefäßfehlbildungen im Gehirn aus.W. Reith, J. Viera, I. Q. Grunwald, P. Papanagiotou: Diagnostik und Therapie duraler arteriovenöser Fisteln. In: Radiologe Band 47, 2007, S. 875–883, Bei einem Schädel-Hirn-Trauma kann es zu einem Einriss der Hirnschlagader (Arteria cerebri anterior und Arteria cerebri media) mit Einbluten in den venösen Sinus cavernosus kommen (Carotis-Cavernosus-Fistel). In der Lunge sind arteriovenöse Fisteln meistens angeboren.Rolf W. Günther, Markus Wingen: Pulmonale arteriovenöse Fisteln: Diagnostik und interventionelle Therapie. In: Deutsches Ärzteblatt, Band 98, 2001; (20): A-1326 / B-1129 / C-1057 (online)

Dialyse-Shunts mini|Funktionsweise eines Dialyse-Shunts Im Rahmen der nephrologischen Dialysebehandlung wird gewollt eine derartige Verbindung, ein so genannter Shunt (auch: arteriovenöser BypassPeter Reuter: Springer Klinisches Wörterbuch 2007/2008, Springer-Verlag, Heidelberg 2007, ISBN 978-3-540-34601-2, S. 598.), geschaffen, um so einen höheren Blutfluss während der Behandlung zu gewährleisten (siehe nebenstehende Abbildung). Dieser Dialyse-Shunt ist heutzutage die häufigste Form einer AV-Fistel. Man spricht von einer „Venenarterialisierung“ der „Shuntvene“.G. Krönung: Permanente Gefäßzugänge für die Hämodialyse, in: Hans Eduard Franz, Walter H. Hörl (Hrsg.): Blutreinigungsverfahren, 5. Auflage, Georg-Thieme-Verlag, Stuttgart / New York 1997, ISBN 3-13-497705-2, S. 62 und 64. Hier beträgt der Shunt-Volumenstrom etwa 1 l/min oder im Mittel 15 ml/sH. Schmidt, A. Turowski: Arteriovenöse Kurzschlussverbindungen des großen und kleinen Kreislaufs, in: Handbuch der Inneren Erkrankungen, Band 1, Teil 2, Gustav-Fischer-Verlag, Stuttgart / New York 1986, ISBN 3-437-10968-5, S. 517–521, hier S. 520. und in Einzelfällen bis zu 3 l/min.G. Krönung: Permanente Gefäßzugänge für die Hämodialyse, in: Hans Eduard Franz, Walter H. Hörl (Hrsg.): Blutreinigungsverfahren, 5. Auflage, Georg-Thieme-Verlag, Stuttgart / New York 1997, ISBN 3-13-497705-2, S. 70.

Dieses Verfahren wurde 1960 von Belding Scribner entwickelt. Die bevorzugte Lokalisation für einen Dialyseshunt ist die Verbindung zwischen der Arteria radialis und der Vena cephalica am Unterarm. Dieser Shunt wird nach den Erstbeschreibern auch Cimino-Brescia-Shunt genannt.

Andere iatrogene arteriovenöse Shunts