mini|Schnitger-Orgel in Cappel, 1680 Arp Schnitger (* 1648, vermutlich im Juli, vermutlich in Schmalenfleth; † 1719, vermutlich im Juli, vermutlich in Itzehoe) war einer der berühmtesten Orgelbauer seiner Zeit und der Vollender der norddeutschen Barockorgel. Sein Wirkungskreis erstreckte sich über Nordeuropa, wo er über 100 Orgelneubauten schuf und stilbildend war. Neben der Hauptwerkstatt in Hamburg arbeiteten Gesellen und Mitarbeiter in Filialen zwischen Groningen und Berlin, um von dort aus neue Orgeln zu errichten oder ältere Werke zu unterhalten oder umzubauen. Schnitger konzipierte seine Werke mit rauschenden Mixturen und starken Bässen zum einen für die Begleitung des Gemeindegesangs. Zum anderen dienten sie der Darstellung der norddeutschen Orgelschule, die sich in den von der Kaufmannschaft organisierten Abendmusiken der Hansestädte entfalten konnte. Etwa 30 seiner Instrumente sind in ihrer Grundsubstanz noch erhalten.
Leben Geburtsdatum Das genaue Geburtsdatum ist nicht bekannt. Einer Vermutung des Schnitger-Forschers Gustav Fock entspringt die inzwischen weit verbreitete Angabe, Schnitger sei am 2. Juli 1648 geboren. Vermutlich hat Fock das Geburtsdatum aus dem Bericht von Siwert Meijer übernommen; s. ebenda, S. 283. Dies lässt sich jedoch mangels Belegen nicht stützen. Belegt ist sein Taufdatum am 9. Juli 1648 in der Golzwarder Kirche.
Herkunft mini|Eigenhändiger Namenszug „Arp Schnitger Orgelmacher“ mit manu propria Arp Schnitger entstammte einer angesehenen Tischlerfamilie, die über Generationen hinweg ihren Wohnsitz in Schmalenfleth (Brake) hatte. Der Familienname Schnitger weist auf das Gewerbe der Herkunftsfamilie hin: Arp Schnitgers Großvater Berendt war „Snitker“ (niederdeutsch für „Schnitzer“), also Tischler. Der Vater Arp Schnitger sen. (* 1610/15–1680) war Tischlermeister, ist aber auch bei Arbeiten an der Golzwarder Orgel nachgewiesen. Von dessen Frau sind nur der Vorname Katharina und das Todesjahr (1674) überliefert. Aus der Ehe gingen mindestens fünf Kinder hervor, von denen Arp wahrscheinlich das jüngste war. Bis 1695 verwendete er meist die Schreibweise „Schnitker“ oder „Schnittker“, danach bevorzugt „Schnitger“.Introduction to Arp Schnitger (englisch), abgerufen am 24. Oktober 2021.
Kindheit und Ausbildung mini|Hus-Schnitger-Orgel in Stade, St. Cosmae Über Schnitgers Kindheit und Ausbildung ist wenig bekannt. Er wuchs zusammen mit seinen Geschwistern auf und erlernte wahrscheinlich das Handwerk seines Vaters (1662–1666). Historisch gesichert ist, dass er ab 1670 in Glückstadt an der Unterelbe Geselle bei seinem Verwandten Berendt Hus war.Edskes, Vogel: Arp Schnitger und sein Werk. 2. Aufl. 2013, S. 18. Vermutlich hat Schnitger dort in den Jahren 1666–1671 den Orgelbau erlernt. Die Fertigstellung der Stader Orgel von St. Cosmae 1673 war ein krönender Abschluss dieser Lebensphase. Befruchtend für Schnitger war die lebenslange Freundschaft mit Vincent Lübeck, der 1674–1702 Organist an St. Cosmae und 1702–1740 an Schnitgers größter Orgel in der Hamburger St.-Nikolai-Kirche war. Nach dem Tode seines Lehrherrn 1676 vollendete Schnitger mit 29 Jahren in Stade den Orgelneubau in St. Wilhadi und führte, zunächst im Auftrage der Witwe Hus, die Orgelwerkstatt weiter, seit 1677 als selbstständiger Meister.
Handwerkliches Geschick und Wirkungskreis mini|Schnitgers Wappen (links) mit dem Zirkel als Symbol der Orgelbauer, oben gekreuzte Stimmhörner; für seine Frau (rechts) Blumen, Obstbaum und Ähren Schnitgers handwerkliches und künstlerisches Geschick sprach sich schnell herum. Er erhielt zunächst Aufträge aus der näheren Umgebung, bald aber kamen auch Anfragen aus Bremen und Hamburg. Von 1677 bis 1682 arbeitete Schnitger in seiner Stader Werkstatt und baute einige Orgeln, die noch bei Hus in Auftrag gegeben worden waren. Danach siedelte er nach Hamburg über, baute ab 1681 an Hamburger KirchenorgelnRichert, Harald: Arp Schnitger und Vincent Lübeck in unserer Heimat. In Lichtwark-Heft Nr. 64. Hrsg.: Bezirksamt Bergedorf, Bergedorf, 1999. Siehe jetzt: Verlag HB-Werbung, Hamburg-Bergedorf. . und wurde mit dem Ablegen des Bürgereides am 1. September 1682 zum hansestädtischen Vollbürger. Noch im selben Jahr erhielt er seinen ersten großen Auftrag vom Kirchenvorstand der St.-Nikolai-Kirche, für die er eine Orgel mit 67 Registern, vier Manualen, Pedal und mehr als 4000 Pfeifen baute. Damals war diese Orgel vermutlich das größte Instrument der Welt und begründete Schnitgers internationalen Ruhm.Edskes, Vogel: Arp Schnitger und sein Werk. 2. Aufl. 2013, S. 178. Die größte Pfeife, das 32-füßige C, wog 860 Pfund. Nach Angabe des Nikolai-Organisten Johann Friedrich Schwencke (1792–1852), Choralbuch zum Hamburgischen Gesangbuch (1832). Diese Orgel wurde 1842 beim Großen Brand von Hamburg zerstört. Noch heute existiert dagegen die 1689–93 von Arp Schnitger in St. Jacobi (Hamburg) um- und teils neu gebaute Orgel mit 60 Registern, vier Manualen und Pedal, eine der größten erhaltenen Barockorgeln. Berühmte Orgelbauer und Komponisten besuchten diese Orgel, darunter die Orgelmeister und Komponisten Dieterich Buxtehude, 1703 vermutlich Georg Friedrich Händel und 1720 Johann Sebastian Bach.Edskes, Vogel: Arp Schnitger und sein Werk. 2. Aufl. 2013, S. 14.
Schnitgers Wirkungsfeld lag vor allem in Norddeutschland und den Niederlanden, erstreckte sich aber über einen großen Teil Europas:Fock: Arp Schnitger und seine Schule. 1974, S. 263, 272–277. Ortgies: Unbekanntes über Schnitger-Orgeln. Hinweise, Funde, Hypothesen, Zuschreibungen. 2016. Norddeutschland Niederlande, ab 1691, wo sich die Stadt Groningen (neben Stade und Hamburg) zu einem Zentrum für Schnitger und seine Schule entwickelteEdskes, Vogel: Arp Schnitger und sein Werk. 2. Aufl. 2013, S. 179. England, 1690 (eine Orgel) Diese Orgel erhielt 1770 ein neues Gehäuse und wurde 1842 in die nahe gelegene Christ Church in Derry Hill umgesetzt. Russland, 1691 (für Peter den Großen), 1697 eine Orgel (Hausorgel) für einen Privatmann, sowie weitere Orgeln für mindestens zwei protestantische Kirchen der Moskauer Ausländervorstadt Dänemark (vermutlich), 1693 (eine Orgel) Portugal, 1701 und später (vier Orgeln) Spanien, nach 1702 (eine Orgel) Der Verbleib der nach England, Russland, Dänemark und Spanien gelieferten Instrumente ist unbekannt.
1699 wurden Schnitger die Orgelbauprivilegien für die Grafschaften Oldenburg und Delmenhorst, die Herzogtümer Bremen und Verden sowie 1702 für Schleswig und Holstein verliehen.Edskes, Vogel: Arp Schnitger und sein Werk. 2. Aufl. 2013, S. 147. 1708 erfolgte Schnitgers Ernennung zum königlich preußischen Hoforgelbauer, eine Position, die er bis 1714 innehatte.
Familienleben
Schnitger war in erster Ehe – Heirat im Jahre 1684 in Hamburg – mit der wohlhabenden Hamburger Kaufmannstochter Gertrud Otte (1665–1707) verheiratet. 1693 erwarb er den Hof seines Schwiegervaters Hans Otte in Neuenfelde, wohin er frühestens 1705 übersiedelte und wo er bis zu seinem Tode im Jahr 1719 eine weitere Orgelwerkstatt unterhielt, den so genannten „Orgelbauerhof“. Vgl. Julius Quast: „Zur Geschichte des »Orgelbauerhofes«“ im Anhang von Er wurde am 28. Juli 1719 in der St.-Pankratius-Kirche in Neuenfelde, neben der Kanzel im Familiengrab beigesetzt.
Aus der Ehe gingen sechs Kinder hervor. Alle vier Söhne ergriffen den Beruf des Vaters, aber nur zwei von ihnen sollten ihren bedeutenden Vater überleben und sein Werk weiterführen. Arp Schnitger jun. (1686–1712) stellte 1710 die Orgel in Weener auf und fand dort eine Frau, starb jedoch bereits zwei Jahre später in Hamburg an der Pest. Hans Schnitger (1688–1708) ertrank beim Baden in der Elbe. Johann Jürgen (Georg) Schnitger (* 1690) wirkte an verschiedenen Orgelprojekten mit und arbeitete einige Jahre zusammen mit seinem Bruder Franz Caspar Schnitger an der Orgel in Zwolle.Edskes, Vogel: Arp Schnitger und sein Werk. 2. Aufl. 2013, S. 15. Nach 1734 verliert sich von ihm jede Spur. Franz Caspar Schnitger (1693–1729) wirkte nach dem Tod seines Vaters im Jahre 1719 in den Niederlanden, wo er unter anderem in Meppel, Alkmaar und Zwolle bedeutende, heute noch erhaltene Orgeln schuf. Arp Schnitgers älteste Tochter Agneta lebte nur sieben Monate (1685). Seine jüngere Tochter Catharina (1697–1736) war dreimal verheiratet und wohnte bis zu ihrem Tod auf dem „Orgelbauerhof“ in Neuenfelde.
Schnitgers erste Frau starb im Jahre 1707. 1712 oder 1713 schloss Schnitger eine zweite Ehe mit der Organistenwitwe Anna Elisabeth Koch, geb. Dieckmann aus Abbehausen.
Persönlichkeit mini|hochkant|Ölbild an der Orgelempore in Golzwarden (1701) mini|hochkant|Weiteres Emporenbild aus Golzwarden, das in der Mitte Schnitger zeigen soll Von Schnitger ist kein Bild nachgewiesen. Peter Golon hat die Vermutung geäußert, dass die Abbildung eines Organisten mit Perücke und Stadtrock an der Golzwarder Orgelempore aus dem Jahr 1701 den Meister von hinten zeigen könnte.Textbuch der CD Arp Schnitger in Niedersachsen. Musikproduktion Dabringhaus und Grimm, 1124-2, 2002, S. 61 f. In Golzwarden hatte Schnitger 1697–1698 eine Orgel zum Selbstkostenpreis von 380 Reichstalern völlig umgebaut, „weil ich in diesem Dorfe geboren und getauft bin“. Das Golzwarder Gemälde ist eines von vielen Gemälden an der Emporenbrüstung und weist keine weiteren Details auf, die auf einen Orgelbauer deuten. Insbesondere sind keine Insignien der Orgelbaukunst wie (Proportional)-Zirkel und Stimmhörner abgebildet, die etwa schon in Schnitgers Wappen (s. oben) in Neuenfelde vertreten waren. Ebenfalls auf einer Indizienkette beruht die umstrittene Identifizierung Schnitgers mit der Darstellung eines Musikers auf der Emporenbrüstung unterhalb der Orgel, der mit einer Notenrolle ein Ensemble dirigiert.Dietrich Diederichs-Gottschalk: Mein Schall aufs Ewig weist. Die Bildprogramme an Orgelemporen und Kirchenausstattungen in der St. Bartholomäuskirche Golzwarden und der St. Pankratiuskirche Hamburg-Neuenfelde im Kontext der Orgeln von Arp Schnitger. Isensee, Oldenburg 2017, ISBN 978-3-7308-1404-8, spricht sich für eine Identifizierung aus, Ibo Ortgies: Een portret van Arp Schnitger? In: Het Orgel. Band 113, Nr. 2, 2017, S. 41–47, argumentiert dagegen.Horst Hollmann: Arp Schnitger erhält ein Gesicht. NWZ online, abgerufen am 24. Oktober 2021.
Schnitger wuchs in einem kleinen Dorf im Oldenburgischen auf. Seine Korrespondenz zeugt von einer überdurchschnittlichen Allgemeinbildung, die auch Lateinkenntnisse einschließt. Zu vermuten ist deshalb, dass Schnitger noch die Golzwarder oder Ovelgönner Lateinschule besucht hat.arp-schnitger-gesellschaft.de: Leben und Werk. Website der Arp Schnitger-Gesellschaft, abgerufen am 24. Oktober 2021. Seiner Unterschrift fügte er das gehobene „manu propria“ statt des üblichen „mit eigen Hand“ hinzu. Für die zweite Auflage von Andreas Werckmeisters Orgel-Probe (1698) verfasste er ein Widmungsgedicht mit 12 Paarreimen im Alexandriner.Werckmeister: Erweiterte Und Verbesserte Orgel-Probe: „Lobpreisungen“ (online), abgerufen am 24. Oktober 2021. Seine weit blickende Geschäftstüchtigkeit und wirtschaftliche Kompetenz wird aus der Koordinierung der verschiedenen Außenstellen der Werkstatt ersichtlich, die besonders um 1700 florierten.
Seine Frömmigkeit tritt vor allem in seinen Briefen und Orgel-Kontrakten zu Tage. An einigen seiner Orgeln und in den meisten seiner Schriftstücke findet sich das Soli Deo Gloria. Nach dem Meijerschen Bericht begann Schnitger seine Manuskripte mit Sätzen wie „In Jesu Namen, Amen. – Gott allein die Ehre. – Ach Gott, laß mich erwerben ein ehrliches Leben und seliges Sterben.“