mini|Vorne: Frantz Fanon (Tunis, 1959) Frantz Omar Fanon (* 20. Juli 1925 in Fort-de-France, Martinique; † 6. Dezember 1961 in Bethesda, Maryland) war ein französischer Psychiater, Politiker, Schriftsteller, Philosoph und Vordenker der Entkolonialisierung.
Leben
Frantz Fanon wurde als Sohn von Éléonore Médélice (1891–1981) und dem Zollinspektor Félix Casimir Fanon (1891–1947) in eine bildungsorientierte Familie des schwarzen Mittelstandes der Insel Martinique geboren. Frantz war das fünfte Kind von acht Kindern. Die Mutter, die väterlicherseits aus dem Elsass stammte, eröffnete nach dem Tod ihres Ehemannes im Jahr 1947 ein Geschäft, um die Familie durchzubringen.Lewis R. Gordon: What Fanon Said: A Philosophical Introduction to His Life and Thought. S. 9. (books.google.de)Frantz Fanon, sahistory.orgSabine Kebir: Nicht Prophet, sondern Analytiker der Gewalt. In: Neue Zürcher Zeitung. 17. August 2002, internationale Ausgabe, S. 52.
Martinique war bis zum 19. März 1946 eine französische Kolonie, danach ein Département d’outre-mer (Übersee-Département). Ihre schwarzen Bewohner – wie Fanon – galten zwar formal als Franzosen, wurden jedoch von den weißen Siedlern als Bürger zweiter Klasse behandelt. Casimir Fanon erinnerte seine Familie an jedem französischen Nationalfeiertag daran, dass die in der Französischen Revolution propagierten Ideale liberté, égalité, fraternité (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) den Sklaven auf Martinique keineswegs die Freiheit gebracht hätten. Vielmehr war hier die Sklaverei erst 1848 abgeschafft worden, als der Abgeordnete der Nationalversammlung und spätere Senator von Martinique und Guadeloupe, Victor Schœlcher, mit dem Décret d’abolition de l’esclavage du 27 avril 1848 (Dekret zur Abschaffung der Sklaverei vom 27. April 1848) das Ende der Sklaverei festschreiben ließ.
Frantz Fanons Familie ermöglichte ihm den Besuch des Lycée Schoelcher in Fort-de-France, an dem er von Aimé Césaire unterrichtet wurde.
Im Zweiten Weltkrieg, in dem sich die Kolonialverwaltung von Martinique auf die Seite des Vichy-Regimes stellte, wollte Fanon für die andere Seite kämpfen. Als noch 17-Jähriger meldete er sich 1943 als Freiwilliger bei einer Kontaktstelle der Forces françaises libres auf Dominica, der britischen, zwischen den französischen Inseln Martinique und Guadeloupe gelegenen Kolonie.Pramod Nayar: Frantz Fanon. Routledge, London 2013, S. 16. Er wurde jedoch zurückgeschickt. Erst im März 1944 konnte er sich nach Nordafrika einschiffen, um sich den Truppen von General Jean de Lattre de Tassigny anzuschließen. Im Ausbildungslager in Französisch-Marokko erlebte er den alltäglichen Rassismus in den Reihen der Forces françaises libres. Die senegalesischen Soldaten wurden als Menschen vierter Klasse behandelt, die nordafrikanisch-arabischen Soldaten als Menschen dritter Klasse, die Schwarzen aus den antillanischen Kolonien immerhin als Menschen zweiter Klasse, denn sie waren Franzosen und Christen. In den Kämpfen in den Vogesen im Spätherbst 1944 schickte die 1ere armée die Antillaner als Kanonenfutter vor. Dabei, im Kampf um Colmar, wurde auch Fanon verwundet.Stefan Goodwin: Africa in Europe. Interdependencies, relocations, and globalization. Lexington Books, Lanham 2008, ISBN 978-0-7391-1725-5, S. 245. Bereits in der Karibik hatte er sich gegen Philippe Pétain gestellt; für seinen Einsatz gegen NS-Deutschland wurde er später ausgezeichnet.
Nach dem Krieg kehrte Fanon nach Martinique zurück, holte seinen Schulabschluss nach und studierte dann in Lyon Medizin und Philosophie. Seine eigentliche Doktorarbeit wurde abgelehnt, so dass er eine neue Arbeit verfasste und dadurch 1951 die Promotion abschloss. Erstere veröffentlichte er im gleichen Jahr als Schwarze Haut, weiße Masken.
1952 heiratete Fanon die Französin Marie-Josèphe Dublé, genannt „Josie“; 1955 kam ihr gemeinsamer Sohn Olivier zur Welt. 1953 wurde Fanon zum Leiter der psychiatrischen Abteilung der Klinik von Blida-Joinville in Algerien berufen. 1956 trat er aus politischen Gründen von diesem Posten zurück. Danach arbeitete er für die algerische Nationale Befreiungsfront (FLN). 1958 wurde er deren Bevollmächtigter für Westafrika, 1960 Botschafter in Ghana.
Frantz Fanon starb im Dezember 1961 an Leukämie –, im selben Monat, in dem sein Hauptwerk Die Verdammten dieser Erde veröffentlicht wurde, das weiterhin als ein Manifest des Antikolonialismus gilt. Er hatte den Text innerhalb von zehn Wochen und im Wissen seines nahenden Todes verfasst.
Theorie und Bedeutung Fanons Werke sind Ergebnis und Theoretisierung seiner politischen sowie psychiatrischen Praxis. David Caute hat in seinem Fanon-Porträt den Versuch unternommen, in Anlehnung an die Entwicklung des Denkens bei Karl Marx und den Kategorien von Hegel, drei Phasen des Fanonschen Schaffens zu unterscheiden: „[D]em Menschen, der sich seiner Selbstentfremdung bewusst wird“ (verdeutlicht durch die Schrift Schwarze Haut, weiße Masken, die 1952 erschien), „dem freien Bürger Algeriens“ (Fanons Teilnahme an der algerischen Revolution und deren theoretische Betrachtung in Im fünften Jahr der algerischen Revolution, erschienen 1959) und „dem sozialistischen Revolutionär“ (dessen Ideen sich in Die Verdammten dieser Erde, seinem letzten Werk, finden). Die koloniale Situation bildet den Dreh- und Angelpunkt seines Denkens.
Fanon setzt sich in seinem ersten größeren Werk stark mit den Schriften verschiedener Philosophen (u. a. Marx, Nietzsche, Hegel und Jaspers) und Psychoanalytiker (u. a. Freud, Jung und Adler) auseinander und war stark beeinflusst von Jean-Paul Sartre, Merleau-Ponty und der existentialistisch-phänomenologischen Strömung in Frankreich. Später bildete er seine eigene Theorie aus. In Die Verdammten dieser Erde finden sich kaum noch Verweise auf politische und philosophische Strömungen, wenn auch die Einflüsse auf Fanons Denken noch deutlich sichtbar sind. Sein zentrales Thema blieb die Analyse und Überwindung von Rassismus und Kolonialismus, doch die Behandlung dieser Phänomene änderte sich in seinem Denken durch seine Teilnahme am Algerienkrieg und seine politischen Erfahrungen. Getrieben von der Notwendigkeit politischer Praxis enthalten seine Schriften Einflüsse aus Philosophie, Soziologie, Psychologie und Literatur.
Schwarze Haut, weiße Masken
1952 erschien Fanons erstes großes Werk unter dem Titel Schwarze Haut, weiße Masken in Lyon. Zuvor hatte er schon mit der Schrift Das nord-afrikanische Syndrom die Grundzüge seiner Theorie über Rassismus und Kolonialgewalt dargelegt. Ursprünglich wollte Fanon sein Buch Essay über die Entfremdung des Schwarzen nennen, der schließlich prägnantere Titel des Werks stammt von dem Sartre-Schüler Francis Jeanson, der gemeinsam mit Fanon an dem Manuskript arbeitete und auch das Vorwort beisteuerte. Zum Zeitpunkt des Verfassens war Fanons Gedankenwelt geprägt von seiner konkreten Arbeit als Psychiater in der Anstalt von Saint-Alban-sur-Limagnole in Frankreich, wo vom dortigen Leiter François Tosquelles neue, fortschrittliche Methoden in der Behandlung der Patienten angewandt wurden. Darüber hinaus speisen sich seine Theorien aus der Beschäftigung mit dem Existentialismus Sartres und der Phänomenologie. Und auch die Ausgrenzung als Schwarzer in der weißen Gesellschaft Frankreichs, die ihm schon als Soldat schmerzlich bewusst geworden war, fließt in seine Schriften ein. Geprägt war diese Phase neben Sartre auch von Aimé Césaire, Albert Memmi und Simone de Beauvoir.
Fanons Absicht in Schwarze Haut, weiße Masken ist, eine universelle emanzipatorisch-humanistische Vision zu entwerfen. In seiner grundsätzlichen Kritik an Rassismen und kolonialer Unterdrückung gilt er in seinen Ansätzen als ein sehr früher und vielseitiger Theoretiker, der seiner Zeit weit voraus war. So untersuchte er, welchen Einfluss Unterdrückung und Rassismus auf die Kolonialisierten haben und wie sich eine entfremdete Selbstwahrnehmung bei den Betroffenen entwickelt und auswirkt (soziologisch: „Subjektkonstruktion“). Hierbei geht er in Schwarze Haut, weiße Masken u. a. mit Hilfe von Lacans Spiegelungstheorem psychoanalytisch vor und bezieht sich auf Sartres Phänomenologie des Blickes. Er fragt danach, wie sich die von der Unterdrückung durch Rassismus und Kolonialismus Betroffenen dagegen wehren können. Fanon beschreibt den kolonialen Rassismus dabei als gewaltbasiertes Verhältnis, das sich in Sprache, Blicken und Denkweisen der Kolonisatoren wie der Kolonisierten niederschlägt. Seine Analysen gelten zudem den psychologischen Effekten des Rassismus, der Rolle des Körpers bei seiner Reproduktion und der Herstellung von Minderwertigkeit.
Deshalb spricht Fanon davon, dass der schwarze Mensch in eine neurotische Situation geworfen wird, wenn er in einer weißen Gesellschaft lebt, die deren Überlegenheit gegenüber der schwarzen Bevölkerung proklamiert (Philipp Dorestal). Fanon kritisiert also, dass die „Schwarze Person“ eine „weiße Maske“ tragen muss, um in einer kolonialisierten Welt ernst genommen zu werden. Sein Antirassismus lässt sich deshalb auch als Weiterentwicklung der marxschen Entfremdungstheorie lesen: Befreiung meint für ihn auch eine Dekolonisierung des Bewusstseins.
Zugunsten einer universalen Befreiung wendet sich Fanon in Schwarze Haut, weiße Masken von der Négritude-Bewegung ab, die vorher sein politisches Denken stark bestimmt hat. Ihrer Rückbesinnung auf die afrikanischen Kulturen zur Entwicklung eines schwarzen Selbstbewusstseins hält er entgegen, dass die präkoloniale Vergangenheit nicht als Muster für die künftige soziale Umwälzung herangezogen werden kann. „Meine eigentlichen Ziele dürfen keinesfalls von der Vergangenheit der farbigen Völker bestimmt werden, und ich werde mich keinesfalls mit der Wiederbelebung einer zu Unrecht nicht beachteten Kultur des Negers befassen“. Zu diesem Zeitpunkt ist für Fanon noch eine Emanzipation des Schwarzen im Rahmen der französischen Nation denkbar: „Wir Farbigen weigern uns, Außenseiter zu sein, wir nehmen voll und ganz teil am Schicksal Frankreichs.“ Vorstellungen einer glorreichen kollektiven Vergangenheit oder essentialistische Wesensgleichheiten lehnte Fanon entsprechend ab.
Obwohl Fanons erstes größeres Werk noch nicht von seiner späteren radikalen anti-kolonialen Position geprägt ist, die „die Verdammten dieser Erde“ zum revolutionären Subjekt erklärt, gibt es auch schon nach dem Erscheinen von Schwarze Haut, weiße Masken Kritik vonseiten der kommunistischen Parteigänger. Fanon würde die Rolle der weißen Arbeiterklasse, die den Rassismus hinter sich gelassen habe, für die Errichtung einer neuen Gesellschaftsordnung nicht anerkennen. Diese Differenzen mit den kommunistischen Kreisen sollten sich während des Algerienkriegs vertiefen: Während Fanon für die Befreiungsbewegung arbeitet, weigert sich die KPF, gegen den Kriegszug der französischen Armee Stellung zu beziehen.
Im fünften Jahr der algerischen Revolution Im Jahr 1953 ging Fanon nach Algerien und wurde dort Chefarzt im Psychiatrischen Krankenhaus von Blida, 45 Kilometer von Algier entfernt. Hier erprobte er das System der „Sozialtherapie“, das er in Saint Alban kennen gelernt hatte. Sowohl die strikte Trennung der Patienten nach dem Kolonialsystem (eigene Pavillons für Europäer und Algerier) wie auch die Hierarchie zwischen dem Pflegepersonal und den Insassen wurde von ihm mit Hilfe seiner Assistenten abgebaut. Bis 1956 wirkte Fanon in Blida und geriet schon bald in Kontakt mit der algerischen Unabhängigkeitsbewegung. Im Spital von Blida wurden verwundete Widerstandskämpfer versorgt und vor der französischen Armee versteckt. Außerdem behandelte Fanon Mitglieder des Maquis mit psychischen Störungen.