mini|Johann Christoph Gottsched, Gemälde von Leonhard Schorer, 1744

Johann Christoph Gottsched (* 2. Februar 1700 in Juditten, Ostpreußen; † 12. Dezember 1766 in Leipzig) war ein deutscher Schriftsteller, Dramaturg, Sprachforscher und Literaturtheoretiker sowie Professor für Poetik, Logik und Metaphysik der Aufklärung.

Leben Gottsched war Sohn des Pastors von Juditten, Christoph Gottsched (1668–1737), und dessen Ehefrau Anna Regina Biemann (1671–1763)Briefwechsel unter Einschluss des Briefwechsels von Luise Adelgunde Victorie Gottsched: 1734–1735. Walter de Gruyter, 2009, S. 510.. Johann Heinrich Gottsched (1706–1771), der Redakteur des hessischen Hof- und Staatskalenders, war sein Bruder. Johann Daniel Gottsched war sein Neffe und zeitweise der Sekretär von Gabriel de Riqueti, Comte de Mirabeau. Gottscheds Großvater mütterlicherseits war der schriftstellerisch veranlagte Pastor Johann Biemann (* 24. Juni 1646 in Königsberg), der fünfzehn Jahre lang das Pfarramt bei der Festung Groß Friedrichsburg verwaltet hatte.Adolf Rogge: Johann Biemann, der Großvater Gottsched’s. In: Neue Preußische Provinzial-Blätter. Band 73, Königsberg 1870, S. 233–246.

Nach dem ersten Unterricht, den er von seinem Vater erhielt, immatrikulierte sich Gottsched 1714 mit 14 Jahren an der Albertina, der Universität Königsberg, um Theologie zu studieren. Sein Interesse für die Philosophie brachte Gottsched die Beschäftigung mit den Werken des Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz und des Vordenkers der Aufklärung Christian Wolff ein. Anschließend wechselte er zum Studienfach Philosophie und blieb sein Leben lang unbeirrbarer Wolffianer. Seine an Wolff orientierte philosophische Methode beschreibt er als mathematische Lehrart.Johann Gottfried Gottsched: Erste Gründe der gesammten Weltweisheit, Bd. 1, Leipzig 1756, S. 126. Einer seiner Lehrer war u. a. auch Johann Jakob Quandt.

Im Januar 1724 flüchtete Gottsched, der inzwischen den akademischen Grad eines Magister Artium erworben hatte, nach Leipzig ins Kurfürstentum Sachsen. Gerüchte über die brutalen Methoden der preußischen Militärwerber hatten den hochgewachsenen Dozenten vertrieben. An der Universität Leipzig freundete er sich bald mit dem Polyhistor Johann Burckhardt Mencke an, der ihn als Hofmeister für seinen ältesten Sohn engagierte. An den Acta eruditorum, welche Mencke herausgab, konnte Gottsched nicht mitarbeiten. Deshalb habilitierte er sich noch im selben Jahr und erhielt eine Lehrerlaubnis.

Mencke führte Gottsched nicht nur in die Gesellschaft ein, sondern war ihm auch ein Fürsprecher bei der Aufnahme in die Teutschübende poetische Gesellschaft. Als er 1727 zu ihrem „Senior“ gewählt wurde, wandelte er diese Vereinigung in die Deutsche Gesellschaft in Leipzig um. Diese Gesellschaft wurde für Gottsched das ideale Forum für seine Reformbemühungen der Sprache und Literatur. So wurden dann auch bald an mehreren Orten, meist in Universitätsstädten, Deutsche Gesellschaften nach den Maßgaben Gottscheds gegründet.

mini|Der Biedermann, Titelseite vom 19. April 1728

1725 begann Gottsched seine moralische Wochenschrift Die vernünftigen Tadlerinnen zu veröffentlichen, zuerst in Halle, dann in Leipzig. Wie in dieser Zeitschriftengattung nicht unüblich, war sie von Anfang an auf zwei Jahre konzipiert. 1727 bis 1729 folgte die unter dem Pseudonym Ernst Wahrlieb Biedermann veröffentlichte Wochenschrift Der Biedermann. Bereits in diesen Wochenschriften begann er das literarische Leben der Frühaufklärung zu gestalten.

Im Laufe des Jahres 1727 machte Gottsched die Bekanntschaft der Theaterprinzipalin Friederike Caroline Neuber und ihres Ehemanns Johann Neuber. In einer fruchtbaren Zusammenarbeit sollte ein regelgerechtes nationales deutsches Theater entstehen. Das große Vorbild dieses frühen Vordenkers der Aufklärung waren die von der Antike beeinflussten, meist aus dem Französischen übersetzten, Dramen von Pierre und Thomas Corneille, Philippe Néricault Destouches, Molière, Jean Racine, Voltaire u. a. Im Oktober 1737 wurde in einem extra dafür geschaffenen Stück die Figur des Harlekins (Hanswurst) von der Bühne verbannt.

1730 avancierte Gottsched zum außerordentlichen Professor für Poetik, und vier Jahre später ernannte man ihn zum ordentlichen Professor der Logik und Metaphysik. Während dieser Zeit wurde er mehrmals zum „Rector magnificus“ (Dekan der Philosophischen Fakultät) gewählt.

Wegbereiter und Vordenker in Gottscheds Reformbestreben war sein ehemaliger Königsberger Professor Johann Valentin Pietsch (1690–1733). Dieser bestärkte Gottsched immer wieder in dessen Abneigung gegen die Barockliteratur insbesondere der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und deren sprachlichen Manierismus. Gottscheds sprachliche und literarische Reformbestrebungen setzten sich in seinen literaturkritischen Periodika fort. In den Jahren 1732 bis 1744 erschienen die Beyträge zur critischen Historie der deutschen Sprache, Poesie und Beredsamkeit. Fortgesetzt wurden sie von 1745 bis 1750 mit dem Neuen Büchersaal der schönen Wissenschaften und freyen Künste und in den Jahren 1751 bis 1762 erschien Das Neueste aus der anmuthigen Gelehrsamkeit. Gottsched war Hauptautor und Herausgeber der Zeitschriften, die aber auch anderen Wissenschaftlern ein Diskussionsforum boten. Insgesamt produzierte der Leipziger Gelehrte so im Laufe seines Lebens etwa 20.000 gedruckte Zeitschriftenseiten.

1731 wurde in Leipzig Gottscheds Tragödie Sterbender Cato uraufgeführt. Dieses überaus erfolgreiche Stück hatte er streng nach den Vorgaben der zeitgenössischen französischen Dramenpoetik verfasst, die sich auf Aristoteles berief (siehe Regeldrama). Gottsched wurde zu seinem Werk, das als das erste deutsche „Originaldrama“ galt, das nach den Regeln der aufklärerischen Poetik geschrieben wurde, durch das gleichnamige Stück von Joseph Addison angeregt. Das Drama war wenig später Zielscheibe für Spott und Kritik seiner Gegner, deren es nicht wenige gab, vor allem von Seiten der Schweizer Johann Jakob Bodmer und Johann Jakob Breitinger sowie des Hallensers Jakob Immanuel Pyra; Pyra behauptete, Gottsched habe das Drama „mit Scheere und Kleister“ verfertigt, und glaubte massive Verstöße gegen die aristotelischen Regeln feststellen zu können.

mini|Die Gottschedin, die erste Ehefrau, Luise Adelgunde Victorie Kulmus, Ölbild von Elias Gottlob Haußmann um 1750

1735 heiratete Gottsched in Danzig die literarisch hochbegabte Luise Adelgunde Victorie Kulmus. Seine Ehefrau, die in Zeitschriftenveröffentlichungen meist nur „die geschickte Freundin“ genannt wurde, unterstützte ihn nach allen Kräften und wurde auch literarisch tätig. Sie schrieb vor allem Komödien und Zeitschriftenbeiträge und übersetzte aus dem Englischen (u. a. Alexander Popes Lockenraub) und dem Französischen. In der Literaturgeschichte wird ihr dichterisches Talent allgemein weit höher eingeschätzt als das ihres Gatten. Wegen Gottscheds außerehelichen Abenteuern, aber auch wegen seiner zunehmend doktrinären Ablehnung neuerer literarischer Bestrebungen, war die Ehe nicht glücklich.Renate Feyl: Idylle mit Professor. Kiepenheuer & Witsch, 2002, ISBN 978-3-462-02194-3.

In der Critischen Dichtkunst (zuerst 1729, 4. Auflage 1751), seinem literaturtheoretischen Hauptwerk, argumentierte Gottsched für seine rationalistische Dichtungsauffassung, gemäß der Poesie Regeln zu folgen habe, welche sich mit den Mitteln der Vernunft begründen lassen. Der Phantasie räumte Gottsched keine Freiheiten gegenüber dem Vernünftigen ein, und auch das Wunderbare wurde durch die leibnizsche und wolffianische Theorie der möglichen Welten reglementiert. Aus diesen Vorgaben ergab sich Gottscheds ablehnende Haltung zur Darstellung übernatürlicher Erscheinungen, deren literarisches Paradigma in der zeitgenössischen Diskussion John Miltons religiöses Epos Paradise Lost war. Gottsched, der auch in seinen philosophischen Schriften dem Deismus nahestand, lehnte religiöse Themen als Gegenstand der Literatur ab. Diese Dichtungsauffassung führte zum sogenannten Zürcher Literaturstreit mit den beiden Schweizern Johann Jakob Bodmer und Johann Jakob Breitinger, deren literaturtheoretische Vorstellungen nicht weniger rationalistisch waren als die Gottscheds, die – bedingt auch durch die Gegebenheiten des reformierten Zürich – in ihrer Haltung zum Wunderbaren und zur religiösen Dichtung aber andere Akzente setzten als der Leipziger Gottsched. Die auf beiden Seiten zunehmend mit Mitteln der Satire und der persönlichen Verunglimpfung geführten Auseinandersetzungen waren das literarische Hauptereignis der Jahre zwischen 1730 und etwa 1745, doch hielten schon unbeteiligte Zeitgenossen den Streit für eine primär literaturpolitische Angelegenheit zweier um Einfluss konkurrierender Parteien. Auch in Deutschland gab es heftige Kritik an Gottsched. Im Jahr 1743 eröffnete Jakob Immanuel Pyra einen Angriff auf Gottsched durch den „Erweis, dass die Gottschedianische Sekte den Geschmack verderbe“. Durch die Massivität der Angriffe auf Gottsched gingen im Urteil seiner Zeitgenossen seine Gegner als Sieger des Streits hervor, zumal Bodmer es verstanden hatte, die wichtigsten Autoren der Zeit auf seine Seite zu ziehen. Gottscheds maßgebliche Rolle in der Ausbildung der Literatur des 18. Jahrhunderts wurde nach seinem Tod lange Zeit unterschätzt. Die wissenschaftliche Neubewertung Gottscheds geht vor allem auf Theodor Wilhelm Danzel zurück.

1736 erschien seine Ausführliche Redekunst, in der Gottsched die Tradition der klassischen Rhetorik zusammenfasste und sie einer Reinterpretation nach den rationalistischen Maßstäben der Frühaufklärung unterzog. Zweierlei kennzeichnet Gottscheds Position in Poetik und Rhetorik: zum einen die Kritik am Stil der Barockrhetorik („schwülstiger Stil“), zum anderen die aufklärerische Überzeugung, alles sei durch die Vernunft erkennbar. Leitbegriff ist der „Witz“ im Sinne eines Vermögens, Gemeinsamkeiten zwischen scheinbar unzusammenhängenden Dingen oder Sachverhalten zu erkennen, sowie der „Geschmack“ als die Fähigkeit, vernunftgemäße Urteile zu fällen, ohne sie vorher deduktiv herzuleiten.

Zu diesen beiden Hauptwerken Gottscheds kamen als drittes die umfangreichen Ersten Gründe der gesamten Weltweisheit, die im Wesentlichen eine deutsche Bearbeitung der lateinischen Wolffschen Metaphysik darstellen, und die Deutsche Sprachkunst, eine Grammatik des Deutschen, die jahrzehntelang im Schulunterricht verwendet wurde und der so große Bedeutung bei der Ausbildung der deutschen Schriftsprache des 18. Jahrhunderts zukommt.

Die 1752 von ihm begründete Gesellschaft der freyen Künste zu Leipzig war eine gelehrte Sozietät, die bis zum Ende des 18. Jahrhunderts bestand.

1754 erschien mit den Vorübungen der Beredsamkeit, einem um Mustertexte angereicherten Auszug der Ausführlichen Redekunst, das letzte deutschsprachige auf der antiken Rhetorik fußende Schulbuch.

Zwischen 1757 und 1765 begann Gottsched seinen Nöthigen Vorrath zur Geschichte der deutschen dramatischen Dichtkunst zu veröffentlichen. Diese Kompilation sollte alle Dramen der Jahre 1450 bis 1760 verzeichnen, blieb aber unvollendet. Noch heute ist dieser Torso ein wichtiges Hilfsmittel für das Studium der Geschichte des deutschen Schauspiels.