Traumdeutung bzw. Oneirologie () bezeichnet jene Tätigkeiten und weltanschaulichen Konzepte, die hinter den im Traum erlebten Bildern, Handlungen und Gefühlen jeweils eine bestimmte, meist wichtige symbolische Botschaft vermuten und versuchen, sie methodisch zu deuten.
Die moderne Traumdeutung beruht auf den Forschungen Sigmund Freuds, dessen psychoanalytische Theorie das Traumgeschehen als wichtige Informationsquelle über unbewusste Erlebensweisen des Menschen auffasst. In zahlreichen Publikationen legt sie eine Theorie dar, welche die Entstehung und Bedeutung der Träume sowie ihre Deutung systematisiert. In seinem Werk Die Traumdeutung bezeichnet Freud solche Arbeit deswegen auch als Traumanalyse. mini|Joseph deutet die Träume zweier Gefangener, 17. Jahrhundert
Geschichte der Traumdeutung Frühe Zeugnisse aus dem Nahen/Mittleren Osten und Europa Dokumente ältester Schriftkulturen enthalten auch Träume und Traumdeutungen. In der Antike wurde den Träumen eine göttliche oder dämonische Quelle zugeschrieben, die dem Menschen auf diesem Wege eine Botschaft übermittelte oder ihn in Versuchung führte. Bereits der altägyptische König Merikare sah um 2170 v. Chr. den Traum als Hinweis auf zukünftige Ereignisse. Aus der Zeit des Mittleren Reiches ist eine Liste von 200 Traumdeutungen überliefert.Traum und Traumdeutung, Buch aus der Reihe „Geheimnisse des Unbekannten“, TIME-LIFE, 4. deutsche Auflage 1993, S. 26. Der älteste Hinweis auf ein Ritual zur Erlangung eines Traums als göttlicher Botschaft und damit der älteste schriftliche Hinweis auf Träume überhaupt findet sich wahrscheinlich schon auf der Geierstele des sumerischen Königs E-ana-tum von Lagaš, ca. 2450 v. Chr. Es heißt, der Gott sei zu Häupten des liegenden Königs hingetreten, was aufgrund jüngerer Parallelen wohl als Traumritual zu deuten ist.Horst Steible: Die altsumerischen Bau- und Weihinschriften, Teil 2, FAOS 5, Wiesbaden 1982, ISBN 3-515-02590-1, S. 41 f. Der Stadtfürst Gudea von Lagaš (ca. 2130 v. Chr.) berichtet von Träumen, in denen er angewiesen wird, einen Tempel zu bauen. Für die Deutung der Traumbilder holt er sich Rat bei einer Göttin, die als professionelle Traumdeuterin bezeichnet wird.W. H. Ph. Römer: Die Zylinderinschriften von Gudea, AOAT 376, Münster 2010, ISBN 978-3-86835-040-1, S. 41–49. In der altbabylonischen Zeit (ca. 2000 bis 1600 v. Chr.) sind zahlreiche literarische Träume sowohl in sumerischer als auch in akkadischer Sprache überliefert. Hinzu kommen auch Berichte über Träume aus Briefen.Annette Zgoll: Traum und Welterleben im antiken Mesopotamien, AOAT 333, Münster 2006, ISBN 3-934628-36-2. Insbesondere in der altbabylonischen Fassung des Gilgamesch-Epos werden viele sehr lebhafte Träume geschildert. Zum Beispiel berichtet Gilgamesch seiner Mutter über einen Traum: „Da lag eine Axt und die Leute sammelten sich darum. Das Aussehen der Axt war seltsam. Ich sah sie und wurde froh. Ich liebte sie wie eine Ehefrau, liebkoste über ihr. Ich nahm sie und tat sie an meine Seite“.A. R. George: The Babylonian Gilgamesh Epic. Oxford 2003, ISBN 0-19-814922-0, S. 175. Seine Mutter deutet den Traum als Hinweis auf die Ankunft seines späteren Freundes Enkidu. Zahlreiche weitere literarische Traumberichte finden sich in der mesopotamischen Literatur bis zum letzten babylonischen König Nabonid (556–539 v. Chr.)Sally A. L. Butler: Mesopotamian Conceptions of Dreams and Dream Rituals. AOAT 258, Münster 1998, ISBN 3-927120-65-0. Daneben gab es auch Sammlungen von Traum-Omina, in denen aus bestimmten Träumen auf zukünftige Ereignisse geschlossen wird. Die umfangreichste Sammlung ist das heute so genannte Assyrische Traumbuch, das 11 Tafeln umfasste und in der Bibliothek des Königs von Assyrien Assurbanipal (669 bis 631/27 v. Chr.) gefunden wurde.A. Leo Oppenheim: The Interpretation of Dreams in the Ancient Near East. With a Translation an Assyrian Dream-Book. Philadelphia 1956. Notiert wurde auch, zu welcher Zeit in der Nacht der Traum erschienen war, und entsprechend wurde ihm mehr oder weniger Bedeutung beigemessen.
Das Alte Testament der Bibel enthält rund 20 Träume, von denen Jakobs Traum von den Engeln auf der Himmelsleiter () und die Traumdeutungen durch Joseph besonders bekannt sind.Siehe , , und folgende. Die gottgesandten Träume im Alten Testament sind meist ein Privileg der Propheten. So spricht Jahwe aus der Wolkensäule zu Aaron und Mirjam: „Wenn es bei euch einen Propheten gibt, so gebe ich mich ihm in Visionen zu erkennen und rede mit ihm im Traum“ (). Zugleich wird im Alten Testament auch vor Missbrauch gewarnt (z. B. ). Im Talmud und allgemein der jüdischen religiösen Tradition spielten Traum und Traumdeutung eine große Rolle. Im 3. Jh. z. B. lehrte Rabbi Chisda: „Ein ungedeuteter Traum gleicht einem ungelesenen Brief.“Alfons Rosenberg (1954): Weisheiten des Talmud: Mystische Texte und Traumdeutungslehre (München, Barth-Verlag), S. 33. Zitiert nach Hansueli F. Etter (2018): Weisheit aus den Träumen. Die evolutionspsychologische Bedeutung innerer Bilder. S. 36.
Im Neuen Testament sind Träume entscheidend im Ablauf der Heilsgeschichte: Jesus’ Vater Josef träumt, er solle den Sohn seiner Verlobten Maria annehmen, wenngleich er nicht von ihm gezeugt wurde (); Die Sterndeuter verraten das Jesuskind aufgrund eines Warntraumes nicht an Herodes (), während Josef aufgrund eines Traumes mit Frau und Kind nach Ägypten flieht () und aus gleichem Anlass später wieder zurückkehrt (). Auch der Apostel Paulus lässt sich später durch einen Traum leiten (). Trotzdem stand das frühe Christentum der Traumdeutung überwiegend ängstlich und verdammend gegenüber, nur Heiligen wurde ihr Sinn zugestanden. Dies änderte sich im Hochmittelalter hin zu mehr Anerkennung, bevor die kirchlich akzeptierte Traumdeutung wieder in den Wirren der Hexenverfolgung unterging.Hansueli F. Etter (2018): Weisheit aus den Träumen. Die evolutionspsychologische Bedeutung innerer Bilder. S. 38–41.
Eine Besonderheit bildeten im griechischen Asklepioskult die erwarteten Heilbehandlungsvorschläge aus der Trauminkubation während eines Tempelschlafs: Die Patienten mussten sich reinigen, ein Opfer bringen und sich dann vor den Götterstatuen im Allerheiligsten schlafen legen. Der Tempelschlaf war bereits im Alten Ägypten gängige Praxis, von Priestern als Traumdeutungsspezialisten betreut; so wurde der spätägyptische Gott Serapis, der die Träume schickte, dem Asklepios gleichgesetzt.Hansueli F. Etter (2018): Weisheit aus den Träumen. Die evolutionspsychologische Bedeutung innerer Bilder. S. 18. Volkstümliche Auffassungen bildeten die Grundlage der Oneiromantie und sollen von biblischen Propheten wie Daniel praktiziert worden sein. Der wichtigste Traumdeuter der griechischen Antike war Artemidor von Daldis (2. Jh. n. Chr.). Die Geschichte der Traumdeutung oder „Traumdeuterey“ lässt sich in Europa vor allem durch die sogenannten Traumbücher nachvollziehen, in denen Traumsymbolen zukunftsweisende Bedeutungen zugemessen wurden. Auch diese standen in langer Tradition: Als ältestes Traumlexikon ist das des Antiphon von Rhamnus (480-411) bekannt.Hansueli F. Etter (2018): Weisheit aus den Träumen. Die evolutionspsychologische Bedeutung innerer Bilder. S. 23.
Die arabischsprachigen Traumhandbücher des mittelalterlichen islamischen Kulturraumes benutzen die gleichen Formeln wie altägyptische und babylonische Omen-Texte: „Wenn ein Mann das und das im Traum sieht“, dann passiert dies und das.Sirriyeh: Dreams and Visions in the World of Islam. 2015, S. 28. Sie lehnen sich zum Teil an Artemidor an, machten in ihren Einleitungen aber den Bezug der Träume zum Göttlichen deutlich.Sirriyeh: Dreams and Visions in the World of Islam. 2015, S. 30. Der bekannteste Traumdeuter der islamischen Tradition war Ibn Sīrīn (gest. 728), dem zahlreiche Traum-Handbücher zugeschrieben worden sind. Bei den meisten dieser Handbücher handelt es sich allerdings um Fehlzuschreibungen.Sirriyeh: Dreams and Visions in the World of Islam. 2015, S. 63. Im frühen 11. Jahrhundert verfasste Abū Saʿd ad-Dīnawarī ein umfassendes Traumhandbuch für den abbasidischen Kalifen al-Qādir bi-'llāh (reg. 991–1031), in dem er die muslimische und die griechische Traumdeutungstradition zum Ausgleich zu bringen versuchte. Seine Einleitung schloss er mit einer langen Liste von Namen muslimischer und nicht-muslimischer Traumdeuter. Seine Hauptautorität war allerdings Artemidor.Sirriyeh: Dreams and Visions in the World of Islam. 2015, S. 92–94, 104. Eine der klassischen Methoden in der muslimischen Traumdeutung war es, eine etymologische oder scheinetymologische Verbindung zwischen dem Traum und seiner Bedeutung herzustellen. Ad-Dīnawarī meinte zum Beispiel, dass das Vorkommen eines Christen (naṣrānī) in einem Traum dem Träumenden Sieg (naṣr) verheiße.Sirriyeh: Dreams and Visions in the World of Islam. 2015, S. 105 f. – Auch im Koran werden zahlreiche Träume berichtet.Hansueli F. Etter (2018): Weisheit aus den Träumen. Die evolutionspsychologische Bedeutung innerer Bilder. S. 33. Der islamische Gebetsruf und sein Text gehen auf den Traum eines Gefolgsmannes des Propheten Mohammed zurück.Annemarie Schimmel (1998): Die Träume des Kalifen: Träume und ihre Deutung in der islamischen Kultur. München (Beck). S. 146. Zitiert nach Hansueli F. Etter (2018): Weisheit aus den Träumen. Die evolutionspsychologische Bedeutung innerer Bilder. S. 33 f.
Neuzeit bis vor der modernen Psychologie Seit dem Zeitalter der Aufklärung wird der Charakter des Traums als Überbringer von Botschaften philosophisch bezweifelt. Im 18. Jh. wurden sämtliche Formen von Wahrsagerei wie auch die Träume zunehmend des Aberglaubens und der Scharlatanerie verdächtigt. Der Traum stellte Philosophen und Wissenschaftler vor ein Rätsel. Einerseits sollte eine klare Abgrenzung von Traum und (äußerer) Wirklichkeit vollzogen werden, andererseits wurde versucht, verschiedene Arten von Träumen deutend zu systematisieren. Beispielsweise wurden neben angenommenen übernatürlichen Ursachen (göttliche oder teuflische Einwirkungen), natürliche Ursachen wie Erinnerungen, Gefühlslagen oder Krankheiten diskutiert.Traum. In: Krünitz: Oekonomische Encyklopädie. Somit fand im 18. Jahrhundert eine Säkularisierung und Psychologisierung bei der Interpretation von Träumen statt.Claire Gantet: Der Traum in der frühen Neuzeit. Ansätze zu einer kulturellen Wissenschaftsgeschichte. de Gruyter, Berlin/New York 2010, ISBN 978-3-11-023112-0, S. 432 ff. und S. 468 ff. „Träume wurden als verworrene Funktion der Einbildungskraft abgetan. Gottgesandte Träume wurden nicht mehr benötigt. Träume entstanden im Schlaf, als die Vernunft vorübergehend ausgeschaltet war“; eine „romantische“ Gegenbewegung zum Rationalismus begann bezüglich Träumen aber bereits mit Johann Gottfried Herder in seiner Adreastea (1801–1803), wo der Traum zum Vorbild von Dichtung, besonders Märchen und Roman, wurde.Hansueli F. Etter (2018): Weisheit aus den Träumen. Die evolutionspsychologische Bedeutung innerer Bilder. S. 51. 1814 erschien Gotthilf Heinrich von Schuberts einflussreiches Werk Die Symbolik des Traumes, in dem – zurückgreifend auf vor-aufklärerische Konzepte – den „Traumbildern“ wiederum eine „prophetische Combinationsgabe“ (S. 11) zugeschrieben wurde.
Psychologische Herangehensweisen Sigmund Freud