Resilienz (von : zurückspringen, abprallen, nicht anhaften), auch Anpassungsfähigkeit, ist der Prozess, in dem Personen auf Probleme und Veränderungen mit Anpassung ihres Verhaltens reagieren. Dieser Prozess umfasst:
Auslöser, die Resilienz erfordern (z. B. Traumata oder belastender Stress), Ressourcen, die Resilienz begünstigen (z. B. Selbstwertgefühl, positive Lebenshaltung, unterstützendes soziales Umfeld) und Konsequenzen (z. B. Veränderungen im Verhalten oder in Einstellungen). Resilienz kann einen wichtigen Beitrag zur Fähigkeit eines Einzelnen leisten, sich zu erholen oder auf Herausforderungen und Veränderung zu reagieren. Wird Resilienz als Eigenschaft einer Person betrachtet, ist sie weitestgehend angeboren.
Begrifflichkeit Resilienz wird entweder als ein Merkmal oder eine Eigenschaft einer Person betrachtet oder als ein Prozess verstanden.
Resilienz als Prozess In dieser Perspektive wird Resilienz als das Produkt komplexer und dynamischer Interaktionen innerhalb einer Person sowie der Person und ihrer Umgebung verstanden. Es wird zwar oft angenommen, dass es sich bei Resilienz um eine individuelle Eigenschaft handelt, doch die meisten Forschungsergebnisse zeigen, dass sie das Ergebnis der Fähigkeit des Einzelnen ist, mit seiner Umgebung und den Prozessen zu interagieren, die entweder sein Wohlbefinden fördern oder ihn vor dem überwältigenden Einfluss von Risikofaktoren schützen.
Resilienz als Persönlichkeitseigenschaft oder Fähigkeit Resilienz als Eigenschaft wird bei Kindern oder Jugendlichen in der Regel als Reaktion auf schädliche Umgebungen verstanden. So werden zum Beispiel Kinder als resilient bezeichnet, die in einem sozialen Umfeld aufwachsen, das durch Risikofaktoren wie zum Beispiel Armut, Drogenkonsum oder Gewalt gekennzeichnet ist und als Erwachsene dennoch zu einer erfolgreichen Lebensführung in der Lage sind.Emmy Werner: Vulnerable, but Invincible. Adams, Bannister and Cox, New York 1982. Die Resilienz von Erwachsenen ist dagegen häufiger eine Frage der Bewältigung eines einmaligen und normalerweise kurzen traumatischen Ereignisses. So werden auch Menschen, die nach einem Trauma wie etwa Vergewaltigung oder Kriegserlebnissen nicht aufgeben, sondern die Fähigkeit haben weiterzumachen, als resilient bezeichnet. Kinder und Jugendliche benötigen mehr langfristige Anpassungslösungen als Erwachsene, um Widrigkeiten zu überwinden.
Resiliente Personen haben gelernt, dass sie selbst es sind, die über ihr eigenes Schicksal bestimmen (sogenannte interne Kontrollüberzeugung). Sie vertrauen nicht auf Glück oder Zufall, sondern nehmen die Dinge selbst in die Hand und haben ein realistisches Bild von ihren Fähigkeiten.
In der heutigen Persönlichkeitspsychologie werden auch Menschen als resilient bezeichnet, die eines der drei häufigsten Big-Five-Persönlichkeitsprofile aufweisen, mit niedrigem Neurotizismus-Wert und leicht überdurchschnittlichen Werten in den vier übrigen Dimensionen.J. B. Asendorpf, F. J. Neyer: Psychologie der Persönlichkeit. Springer, 2012. In der Längsschnittstudie von Asendorpf und van Aken wurden resiliente Kinder von ihren Erzieherinnen als anpassungsfähig, belastbar, aufmerksam, tüchtig, gescheit, neugierig und voller Selbstvertrauen beschrieben.
Das negative Gegenstück zur Resilienz wird Vulnerabilität genannt. Vulnerabilität bedeutet, dass jemand besonders leicht durch äußere Einflüsse seelisch zu verletzen ist. Vulnerable Personen neigen besonders stark dazu, psychische Erkrankungen zu entwickeln. TUD, Seminar Entwicklungspsychologie, Referat Resilienz. Download am 19. Dezember 2007.
Abgrenzung des Begriffes Mit Resilienz verwandt sind Entstehung und Erhaltung von Gesundheit (Salutogenese), Widerstandsfähigkeit (Hardiness), Bewältigungsstrategie (Coping) und Selbsterhaltung (Autopoiesis). In der Medizin bezeichnet Resilienz zum einen die Eindrückbarkeit von Gewebe bei Belastung und zum anderen die Fähigkeit, negativen Einflussfaktoren standzuhalten ohne eine psychische Störung zu entwickeln.Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch 2013, S. 1800 Das Gegenteil von Resilienz ist Verwundbarkeit (Vulnerabilität).
Geschichte der Resilienzforschung Der Begriff der Resilienz (ego-resiliency) wurde in den 1950er Jahren vom US-amerikanischen Psychologen Jack Block (1924–2010) geprägt, der an der University of California, Berkeley zusammen mit seiner Frau Jeanne Humphrey Block in einer Langzeitstudie über 30 Jahre zum ersten Mal die Resilienzentwicklung von Kleinkindern bis zur Adoleszenz untersuchte,Block, Jack in Dorsch Lexikon der Psychologie wobei er unter anderem einen deutlichen Zusammenhang zwischen früher Resilienz und späteren liberalen politischen Anschauungen sowie zwischen früher Vulnerabilität und späterem Konservatismus fand.
Der Schizophrenieforscher und Begründer der Entwicklungspsychopathologie Norman Garmezy (1918–2009), der seit 1961 an der University of Minnesota über die Auswirkungen von Stress auf die kindliche Entwicklung forschte, wird oft als „Großvater der Resilienztheorie“ bezeichnet.Norman Garmezy: Stress-resistant children: The search for protective factors. Recent research in developmental psychopathology, 4 (1985), S. 213–233. Er entdeckte, dass sich viele Kinder schizophrener Eltern zu erfolgreichen, glücklichen Erwachsenen entwickelten.Michaela Haas: Stark wie ein Phönix. OW Barth, S. 328. Seine engste Mitarbeiterin Ann Masten führte seine Arbeit an der University of Minnesota weiter. Masten bezeichnete Resilienz als „gewöhnliche Magie“ (ordinary magic) und sagte: „Wir sind in einem Maß reprogrammierbar, wie es sich die Resilienzpioniere nicht einmal vorstellen konnten. Wir sind dynamische Systeme; wir können uns verändern.“Michaela Haas: Stark wie ein Phönix. OW Barth, S. 328.
Der Soziologe und Psychologe Glen Elder führte den Resilienzbegriff in die Pädagogik ein. Er forschte über negative und positive Auswirkungen von Armut auf die Entwicklung von Kindern. In seinem wichtigsten Werk aus dem Jahr 1974 Children of the Great Depression (gemeint war die Wirtschaftskrise der 1930er Jahre)Glen H. Elder: Children Of The Great Depression. Routledge, 1999. führt er aus, dass resiliente Kinder sich nicht als passiv begriffen, sondern als kompetente Akteure ihres eigenen Lebens. Insbesondere Mittelschichtskinder wurden durch Armut zu gefestigten Persönlichkeiten. Auch Garmezy kam zu ähnlichen Aussagen über die Rolle der Armut.Norman Garmezy: Resiliency and vulnerability to adverse developmental outcomes associated with poverty. In: American behavioral scientist, 34(1991)4, S. 416–430.
Der Durchbruch des Resilienzbegriffs wird mit dem Namen der US-amerikanischen Forscherin Emmy Werner und dem ihrer Kollegin Ruth Smith verbunden. Werner legte 1971 eine Studie über die Kinder der Insel Kauaʻi vor, die als eine der Pionierstudien zum Thema Resilienz gilt. Im Rahmen dieser Studie wurden 698 Kinder des Jahrgangs 1955 aus schwierigen Verhältnissen von ihrer Geburt an über 40 Jahre beobachtet und getestet. Ein Drittel dieser Kinder wuchs trotz erschwerter Bedingungen zu lebenstüchtigen Erwachsenen heran, wobei die Resilienz sich im Zeitablauf und unter verschiedenen Umweltbedingungen veränderte. Werner zog daraus den Schluss, dass Resilienz erlernbar ist. Ihre Studie war jedoch nicht die erste zum Thema Resilienz. Sie selbst macht in ihrem Buch The children of Kauai bereits auf andere Studien zum gleichen Thema aufmerksam.Emmy E. Werner: The children of Kauai: a longitudinal study from the prenatal period to age ten. University of Hawaii Press, Honolulu 1971, ISBN 0-87022-860-9.Stefanie Maeck: Geheimnis psychischer Stärke: Die Unverwundbaren. Manche Menschen überstehen traumatische Erlebnisse scheinbar unangetastet. Hinter psychischer Stärke stecken häufig ein früh gefasster Lebensplan und der Glaube an sich selbst. Die Widerstandskraft lässt sich zum Teil erlernen – doch auch manches Äußere muss passen. In: Spiegel Online, 3. Februar 2013.
Der französische Ethologe, Neurologe und Psychiater Boris Cyrulnik, der kamerunische Erziehungswissenschaftler an der Universität in Hamburg Louis Henri Seukwa, die Schweizer Pädagogin Corina Wustmann, die indische Psychologin an der staatlichen Universität in Arizona Suniya S. Luthar und viele weitere Forscher haben sich intensiv mit Resilienz beschäftigt. Seit etwa 2000 hat das Forschungsthema Resilienz im Zusammenhang mit Migration international an Bedeutung gewonnen.Andrea Michel: Resilienz bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund. In: Starke Jugend – Starke Jugend: Ausgewählte Beiträge des 12. Deutschen Präventionstages. Forum Verlag, Merching 2008. Im Zusammenhang mit ökonomischen und ökologischen Krisen des 21. JahrhundertsSylvia Kéré Wellensiek, Joachim Galuska: Resilienz – Kompetenz der Zukunft. Beltz, 2014. und insbesondere während der COVID-19-Pandemie trat die Untersuchung der Resilienz von Erwachsenen in den Vordergrund.
An der Universität Mainz wurde 2014 das „Deutsche Resilienz-Zentrum“ gegründet, in dem Neurowissenschaftler, Psychologen und Soziologen Strategien entwickeln, wie Menschen mit steigendem Leistungsdruck umgehen. Seit dem 1. Januar 2020 firmiert das DRZ unter dem Namen Leibniz-Institut für Resilienzforschung (LIR). Der Entwicklungspsychologe Klaus Fröhlich-Gildhoff gründete im Jahr 2004 das Zentrum für Kinder- und Jugendforschung an der Evangelischen Hochschule Freiburg, das sich mit dem Thema Resilienz befasst.
Resilienzfaktoren Wesentliche Faktoren, die die Resilienz einer Person beeinflussen, sind personale Faktoren, Umwelteinflüsse und Prozessfaktoren.
Zu den positiven, die Resilienz stärkenden Faktoren gehören erfahrene Fürsorge und Bindungsqualität in der KindheitMasten 2014, S. 148 Unterstützung durch die eigene Kultur, die Gemeinschaft, das soziale Umfeld, eigene Netzwerke und die schulische UmgebungViola Schreiber, Ernst-Ludwig Iskenius: Flüchtlinge: zwischen Traumatisierung, Resilienz und Weiterentwicklung. 2013, S. 5 ff. amnesty-heilberufe.de (PDF; 139 kB)Masten 2014, S. 148 enge Partnerschaft, LiebeMasten 2014, S. 148 Personale Faktoren: kognitive Fähigkeiten (z. B. Intelligenz, Fähigkeit, sich selbständig Informationen anzueignen, Entwicklung von Deutungs- und Sinngebungs-Modellen der Realität, Religiosität) wie auch emotionale Fähigkeiten (z. B. Emotions- und Handlungskontrolle), eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung, Toleranz für Ungewissheit, die Fähigkeit, Beziehungen aktiv gestalten zu können oder die positive Einstellung gegenüber Problemen (Problemlösungsorientierung),Emmy E. Werner: The children of Kauai: a longitudinal study from the prenatal period to age ten. University of Hawaii Press, Honolulu 1971, ISBN 0-87022-860-9.Viola Schreiber, Ernst-Ludwig Iskenius: Flüchtlinge: zwischen Traumatisierung, Resilienz und Weiterentwicklung. 2013, S. 5 ff. amnesty-heilberufe.de (PDF; 139 kB)Masten 2014, S. 148 aber auch HumorMasten 2014, S. 168 ff. Ganzheitliche Ansätze beziehen auch den Körper als Quelle für Resilienz mit ein (z. B. gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung und Schlaf). Prozessfaktoren: die Fähigkeit, in der Krise Chancen und Perspektiven zu erkennen, die Akzeptanz des Unveränderbaren und die Konzentration aller Energien auf das als Nächstes zu Bewältigende und die dabei entwickelten Strategien.Viola Schreiber, Ernst-Ludwig Iskenius: Flüchtlinge: zwischen Traumatisierung, Resilienz und Weiterentwicklung. 2013, S. 5 ff. amnesty-heilberufe.de (PDF; 139 kB)
Negative Faktoren sind z. B. unsichere Bindungen, geringe kognitive Fertigkeiten und eine geringe Fähigkeit zur Selbstregulation von Anspannung und Entspannung sowie Fixierung auf Probleme.