mini|hochkant=1.7|Die im Archäologischen Nationalmuseum (Athen) ausgestellten Fragmente B, A, und C (von links) mini|Die Vorderseite des Fragments A mit vierspeichigem Hauptantriebsrad mini|Die Rückseite des Fragments A
Der Mechanismus von Antikythera ist ein antikes, mit einer astronomischen Uhr vergleichbares Gerät, das mit Hilfe von Zahnrädern und Zifferblättern astronomisch-kalendarische Zusammenhänge zeigte. Es wurde im Jahr 1900 von Schwammtauchern zusammen mit anderen Funden, darunter Bronzestatuen und Münzen, in einem Schiffswrack vor der griechischen Insel Antikythera (Andikythira) entdeckt. Die Münzen erlaubten eine Datierung des Schiffuntergangs auf den Zeitraum von 70 bis 60 v. Chr.Jo Marchant: Die Entschlüsselung des Himmels. Rowohlt, 2011, ISBN 978-3-498-04517-3, S. 85–88. Das Gerät ist unvollständig erhalten und daher nicht mehr funktionsfähig. Seine 82 Fragmente befinden sich im Archäologischen Nationalmuseum in Athen, das die drei größten in der Abteilung für Bronzegegenstände öffentlich ausstellt.
Der Fund des Mechanismus stellte eine Sensation dar, da er wesentlich komplexere Darstellungen erlaubte als die astronomischen Uhren des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit. Die Herstellung eines technisch so anspruchsvollen Geräts in der Antike war bis dahin nicht für möglich gehalten worden.Eine Schlussfolgerung lautet zum Beispiel: „… dass die Technologie des 18. Jahrhunderts in den hellenistischen Werken wurzelte, …“. Vgl. Lucio Russo: Die vergessene Revolution oder die Wiedergeburt antiken Wissens. Springer, 2005, ISBN 3-540-20938-7, S. 156.
Die umfangreiche, noch immer andauernde Rekonstruktion ergab, dass der Mechanismus als Modell für die beobachtbaren Bewegungen von Sonne und Mond durch Anzeigen auf runden Skalen diente. Die mehrheitlich als Kalender skalierten Anzeigen ließen sich mit einer Einstellhilfe synchron verändern. Das Gerät verfügte über drei große und drei kleine Skalen: einen Sonnenkalender mit Monatsskala, ägyptischen Monatsnamen und babylonischen Tierkreiszeichen; der zusätzlich zum Sonnenzeiger wahrscheinliche Mondzeiger lässt vermuten, dass diese Anzeige ursprünglich noch über fünf Planeten-Zeiger verfügte und sowohl Kalender als auch Planetarium war, einen gebundenen Mondkalender mit Monatsskala und korinthischen Monatsnamen, einen Finsterniskalender mit Monatsskala zur Anzeige von vergangenen und künftigen Sonnen- und Mondfinsternissen, einen kleinen Olympiaden-Kalender mit Jahresskala im vierjährigen Olympiaden-Zyklus, beschriftet mit den Namen der Orte, an denen periodisch die Panhellenischen Spiele stattfanden, sowie zwei weitere, kleine Skalen, die größere Zeitabschnitte im Mond- und im Finsterniskalender anzeigten.
Fund und Ausgangssituation für die Rekonstruktion Die Koordinaten der Fundstelle bei Antikythera, zwischen Kythira und Kreta:
Das Schiffswrack lag in einer Tiefe von etwa 42 Metern. Der größte Teil der umfangreichen Ladung wurde bis zum Herbst 1901 gehoben und ins Archäologische Nationalmuseum nach Athen gebracht.
Das Augenmerk der Archäologen galt zuerst den augenfälligen Schätzen unter den Funden,
die alle im Archäologischen Nationalmuseum in Athen zu sehen sind. Originale Bronzestatuen aus der Antike sind äußerst selten.
1902 wurde der Museumsdirektor und Archäologe Valerios Stais dann auf den unscheinbaren, später so genannten Mechanismus von Antikythera aufmerksam und erkannte dessen Bedeutung.Derek de Solla Price: Gears from the Greeks. The Antikythera Mechanism: A Calendar Computer from ca. 80 B. C. Science History Publications, 1975, S. 9.
Der Mechanismus war als Klumpen aus zusammenkorrodierten Metallteilen geborgen worden. Viele vermutete äußere Teile können bei der Bergung verlorengegangen oder während der 2000 Jahre im Meer abgefallen sein. Einige Zahnräder sind vollständig, aber keine der Skalen, und nur ein einziger Zeiger ist vorhanden.
Als 75 Jahre nach der Bergung die intensive Untersuchung mit Röntgenstrahlen begann, war der Mechanismus bereits in viele Teile zerbrochen. Die Rekonstruktion stützte sich dabei auf materielle Reste, schwache Spuren von Bauteilen (Wellenrest, Zeigerrest) und Formelementen (Befestigungsstellen für Wellen, Distanzbolzen zum Tragen einer Lagerplatte, halbkugelförmiger Hohlraum für eine Anzeigekugel) sowie auf Hinweise in unvollständigen Inschriften.
Vergleich des Mechanismus von Antikythera mit anderen Geräten Astrolabium Die beiden griechischen Wissenschaftler Ioannis N. Svoronos (Archäologie) und Perikles Rediadis (Geodäsie und Hydrographie) berichteten 1903 als erste über den Mechanismus, bei dem es sich um eine Art Astrolabium handeln müsse. Seitdem haftete ihm dieser Begriff lange an, bevor Derek John de Solla Price ihn 1958 einen Computer nannte.
Mit einem Astrolabium hat der Mechanismus gemein, dass mit beiden die Bewegung der Sonne modelliert werden kann, dass er von Hand eingestellt oder bewegt wird.
Unterschiede sind: Mit einem Astrolabium wird die Bewegung des Mondes meistens nicht nachgebildet. Mit dem Mechanismus von Antikythera wird die Bewegung der Fixsterne nicht nachgebildet. Es enthält meistens keine Zahnräder.
Analoger Rechner oder Computer mini|300px|Animation des Antikythera Mechanismus Price untersuchte den Mechanismus erstmals umfassend und nannte ihn in seinem Bericht einen „Computer“. Das University College London greift 2021 den Begriff Computer bei der Berichterstattung über die neuen Erkenntnisse der Untersuchungen im Antikythera Mechanism Research Project wieder auf.
Manche Autoren, die sich auf Price beziehen, bemühen sich, darauf hinzuweisen, dass es sich genauer um einen analogen Rechner handle. Hierbei wird berücksichtigt, dass für analoges Rechnen die kontinuierliche Veränderung, zum Beispiel das kontinuierliche Verschieben am Rechenschieber, kennzeichnend ist und dass der vorliegende Mechanismus mithilfe einer Handkurbel angetrieben wurde.
Die analoge Arbeitsweise ist zutreffend. Obwohl Zahnräder mit einer diskreten Zahl von Elementen (Zähne) ausgerüstet sind, bewegen sich Zahnradgetriebe stufenlos beziehungsweise kontinuierlich. Bei der Zahnform im Mechanismus von Antikythera ist nur die Bewegung im Kleinen von Zahn zu Zahn nicht ganz gleichmäßig. Es werden aber nicht wie beim Rechnen – egal, ob von Hand oder mit einer Rechenmaschine – zwei oder mehrere voneinander unabhängige Größen zu einer dritten oder weiteren Größe verrechnet. Im Mechanismus von Antikythera werden lediglich feste Beziehungen zwischen mehreren zeitlich periodisch veränderlichen Größen dargestellt. Zu einem für einen Zeitpunkt vorgegebenen Wert der einen Größe zeigt der Mechanismus automatisch den Wert der anderen Größen für diesen Zeitpunkt an.
Astronomische Kunstuhr Mit einer Uhr hat der Mechanismus von Antikythera generell gemein, dass er mit Zahnrädern und Zeigern über runden Skalen ausgerüstet ist. Er hat viele Zeiger und Zifferblätter wie eine etwa ab dem 16. Jahrhundert n. Chr. gebaute astronomische Kunstuhr. Mit dieser verbindet ihn aber auch der Verlust an Anschaulichkeit im Vergleich zur ab dem 14. Jahrhundert n. Chr. gebauten größeren astronomischen Uhr, die wie das Astrolabium mehrere Zeiger auf nur einem Zifferblatt hat und den Stand von Sonne und Mond nicht nur relativ zueinander und vor den Fixsternen, sondern auch relativ zum Horizont zeigt.
Schlussfolgerung aus den Vergleichen Mit einem Astrolabium hat der Mechanismus wenig gemein, denn dieses kann in der Bauweise ohne Zahnräder lediglich die Bewegung der Sonne nachbilden.
Der Vergleich mit einem Rechner oder Computer ist häufig anzutreffen.The Antikythera Mechanism Research Project: "The Antikythera Mechanism is now understood to be dedicated to astronomical phenomena and operates as a complex mechanical 'computer' which tracks the cycles of the Solar System." (Online)Seaman, Bill; Rössler, Otto E. (1. Januar 2011). Neosentience: The Benevolence Engine. Intellect Books. p. 111. ISBN 978-1-84150-404-9. „Mike G. Edmunds and colleagues used imaging and high-resolution X-ray tomography to study fragments of the Antikythera Mechanism, a bronze mechanical analog computer thought to calculate astronomical positions“ Swedin, Eric G.; Ferro, David L. (24. Oktober 2007). Computers: The Life Story of a Technology. JHU Press. p. 1. ISBN 978-0-8018-8774-1. „It was a mechanical computer for calculating lunar, solar, and stellar calendars.“ Paphitis, Nicholas (30 November 2006). „Experts: Fragments an Ancient Computer“. Washington Post. „Imagine tossing a top-notch laptop into the sea, leaving scientists from a foreign culture to scratch their heads over its corroded remains centuries later. A Roman shipmaster inadvertently did something just like it 2,000 years ago off southern Greece, experts said late Thursday.“
Der Mechanismus von Antikythera wurde gleichermaßen wie eine spätere einfache astronomische Uhr oder eine astronomische Kunstuhr prinzipiell dazu verwendet, zueinander relative Stellungen zwischen Sonne und Mond abstrakt anzuzeigen. Im Unterschied zu den astronomischen Uhren hatte er keinen Antrieb. Die Stellungen wurden mit der Hand von außen her eingestellt: wie beim Astrolabium. Besonderheit ist, dass er zwei erweiternde, aber gleichzeitig auch begrenzende spiralige Skalen mit Schiebern hatte, also nicht permanent weitergedreht werden konnte.
Historische Einordnung Der Mechanismus von Antikythera stammt aus einer Zeit, aus der bisher die Existenz einer komplexen Zahnrad-Apparatur nicht nur nicht bekannt war, sondern von der man überdies lange annahm, sie habe vor dem Beginn der technischen Entwicklung gelegen.Lucio Russo: Die vergessene Revolution oder die Wiedergeburt antiken Wissens. Springer, 2005, ISBN 3-540-20938-7, S. 149. Die in der Neuzeit nur als rein philosophische Tätigkeit gedeutete griechische Wissenschaft habe sich zwar auf die erfolgreich betriebenen Zweige Mathematik und Physik – hier vor allem die Astronomie – ausgedehnt, jedoch keinen „praktischen Nutzen“ zur Folge gehabt, wie man meinte. Die Erkenntnisse der Griechen seien daher erst nach ihrer Wiederentdeckung (Renaissance) etwa 1.500 Jahre später in Apparate und Verfahren eingegangen und hätten erst jetzt die Kultur der Technik begründet. Allerdings weiß man heute, dass gerade das hellenistische Zeitalter, an dessen Ende der Mechanismus von Antikythera entstand, von erheblicher technischer Kreativität geprägt war, wenngleich Erfinder wie Archimedes oder Heron von Alexandria viele ihrer Erfindungen wohl in der Tat niemals tatsächlich konstruierten. Eine neuere Meinung lautet daher, „… dass die Technologie des 18. Jahrhunderts in den hellenistischen Werken wurzelte“.Lucio Russo: Die vergessene Revolution oder die Wiedergeburt antiken Wissens. Springer, 2005, ISBN 3-540-20938-7, S. 156.