mini|Wollhauszentrum in Heilbronn Das Wollhauszentrum in Heilbronn in Baden-Württemberg ist ein nach Plänen der Philipp Holzmann AG im Jahre 1974 vollendeter Gebäudekomplex, der hauptsächlich als Einkaufszentrum dient. Der Wollhausplatz nimmt eine wichtige verkehrstechnische Funktion in der Stadt Heilbronn ein. Vor dem Wollhauszentrum befindet sich der innerstädtische Busbahnhof, unter dem Gebäudekomplex eine mehrstöckige Tiefgarage. Das Einkaufszentrum ist nach dem historischen Wollhaus der Stadt benannt, das auf einen im 19. Jahrhundert bedeutenden württembergischen Wollmarkt zurückgeht und das sich in etwa an der Stelle des heutigen Gebäudes befand.
Architektur und Rezeption Das Wollhauszentrum mit seinem markanten zehnstöckigen Büroturm und dem flacheren, asymmetrischen Kaufhaustrakt wurde im Stil des BrutalismusBernhard Lattner mit Texten von Joachim J. Hennze: Stille Zeitzeugen. 500 Jahre Heilbronner Architektur. Edition Lattner, Heilbronn 2005, ISBN 3-9807729-6-9. S. 88 erbaut. Das inmitten der vom Wiederaufbau der 1950er Jahre geprägten Heilbronner Innenstadt befindliche Gebäude hatte bereits vor seiner Errichtung eine Kontroverse ausgelöst, setzte aber dennoch stadtplanerische Akzente.Julius Fekete, Simon Haag, Adelheid Hanke, Daniela Naumann: Denkmaltopographie Baden-Württemberg. Band I.5: Stadtkreis Heilbronn. Theiss, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-8062-1988-3, Seite 60 In den ersten Jahren seines Bestehens galt das Gebäude als „stadtplanerischer Wurf“. Im Lauf der Zeit wandelte sich die Rezeption des Gebäudes. Der Denkmalpfleger Joachim J. Hennze schrieb 2008: […] eine „Wollhalla“ des Konsums […] gehört nicht nur zu den Beispielen für die durch und durch unsensible Architektur der Siebzigerjahre sondern zu den unattraktivsten Gebäuden Heilbronns wo nicht des ganzen Landes.Bernhard Lattner mit Texten von Joachim J. Hennze: Stille Zeitzeugen. 500 Jahre Heilbronner Architektur. Edition Lattner, Heilbronn 2005, ISBN 3-9807729-6-9. S. 73
Die regionalen Vertreter der Architektenkammer Baden-Württemberg meinen, dass das Gebäude „keinerlei architektonische Qualität“ habe. Der Vorsitzende der Architektenkammer Wilhelm Speitelsbach und der stellvertretende Vorsitzende Dirk Vogel erklären deswegen, dass das Gebäude nicht „mit gelungenen Beispielen aus der Ära des sogenannten Beton-Brutalismus“ zu vergleichen sei.
Auch der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg (VGH) hat in seinem Urteil (16. November 2016) den „städtebaulichen Missstand“ des Wollhauses erkannt.
Geschichte mini|Das alte Wollhaus beim Fleinertor in Heilbronn um 1880 Im Jahr 1818 erhielten fünf württembergische Städte, darunter auch Heilbronn, die Erlaubnis zur Abhaltung von Wollmärkten. Neben dem Markt in Kirchheim/Teck entwickelte sich auch der Markt in Heilbronn sehr günstig. In Heilbronn wurde insbesondere Schafwolle gehandelt und der Markt dort hatte kaufmännischen Charakter, da die Erzeuger nicht primär an Verbraucher, sondern überwiegend an Kaufleute verkauften. 1852/53 wurde eine städtische Wollhalle, das erste Heilbronner Wollhaus, etwas nördlich des heutigen Wollhauszentrums erbaut, in dem die Wolle, die bei den Wollmärkten nicht verkauft wurde, gelagert wurde und in den Nachverkauf kam. Durch den Strukturwandel im späten 19. Jahrhundert verlor der Heilbronner Wollmarkt an Bedeutung und wurde 1905 aufgehoben.Helmut Schmolz, Hubert Weckbach: Heilbronn. Geschichte und Leben einer Stadt. 2. Auflage. Konrad, Weißenhorn 1973, ISBN 3-87437-062-3, Nr. 468 Wollhaus beim Fleinertor, um 1880, Seite 143
An die Stelle der Wollmärkte beim Wollhaus trat 1906 der Heilbronner Pferdemarkt, der sich aus den zuvor beim Schießhaus abgehaltenen Viehmärkten heraus entwickelt hatte.
1891 wurde an der Stelle des heutigen Wollhauszentrums das Heilbronner Stadtbad errichtet, das 1944 beim Luftangriff auf Heilbronn zerstört wurde. In der Nachkriegszeit wurde am 14. März 1947 ein Ideenwettbewerb für ein Einkaufszentrum auf dem Wollhausplatz ausgeschrieben, mit dem die Versorgung der Bevölkerung gesichert werden sollte. Da sich ein Kreis von Heilbronner Architekten jedoch dafür einsetzte, dass zunächst ein Generalbauplan zu erstellen sei, bevor Einzelbauten projektiert würden, verwarf man die Idee eines Gewerbebaus auf dem Platz wieder.Heilbronn – Planung des Wiederaufbaues der Altstadt, Stadtarchiv Heilbronn, Heilbronn 1994, S. 42ff. Stattdessen wurde dort zunächst das Stadtbad im Heimatstil wiederaufgebaut und noch über 20 Jahre genutzt. Vor dem Stadtbad wurde ein Busbahnhof als innerstädtischer Verkehrsknotenpunkt eingerichtet.
mini|Kaufhaustrakt des heutigen Wollhauszentrums mini|Fassadengestaltung mit Graffiti von Don Die Konkurrenz von großen Einkaufszentren im Umland wie dem Breuningerland in Ludwigsburg gab in den frühen 1970er Jahren dann den Impuls zur Errichtung eines innerstädtischen Einkaufszentrums in Heilbronn. Das Stadtbad sowie das von der Stadt erworbene Eckgebäude VW-Autohaus Hagelauer (ehemals Reichsbankgebäude) wurden 1972 zugunsten eines Gewerbeneubaus abgerissen. Der erste Spatenstich für das heutige Gebäude fand am 3. Dezember 1973 statt. Im Spätjahr 1974 wurde die Tiefgarage mit 660 Einzelplätzen in Betrieb genommen. 1975 war das Wollhauszentrum fertiggestellt. Der mit über 70 Mio. DM veranschlagte Bau bietet rund 13.000 m² Geschäftsflächen – davon 10.000 m² im Großkaufhaus, der Rest verteilte sich auf anfangs 30 Einzelhandelsgeschäfte – sowie 3600 m² Büronutzflächen.Stadt Heilbronn, Planungsgruppe Stadtentwicklung: Heilbronn nach der Gebietsreform, Heilbronn 1975Stadt Heilbronn, Verwaltungsbericht 1979–1982, S. 140–141.
Einige Teile der Fassade wurden von dem Heilbronner Graffiti-Künstler Don künstlerisch bemalt. Vom selben Künstler stammen auch weitere private und städtische Auftragsarbeiten im Stadtgebiet.Stadtarchiv Heilbronn, Zeitgeschichtliche Sammlung, Archivsignatur ZS-9033.
Das Gebäude erfüllte zunächst die Erwartungen. Kaufhaus und Einzelhandel erzielten im ersten Geschäftsjahr rund 100 Mio. DM Umsatz, ohne dass es zu Umsatzeinbußen beim restlichen innerstädtischen Einzelhandel gekommen wäre. Vielmehr trug das Einkaufszentrum zur Erweiterung des Einzugsgebiets des Heilbronner Handels bei. Noch 1995 zeigte sich der damalige Heilbronner Oberbürgermeister Manfred Weinmann sehr zufrieden über die Kaufhaussituation.
Nach Jahrzehnten der Nutzung entstand Sanierungsbedarf, den der Heilbronner Baubürgermeister Wilfried Hajek 2012 wie folgt beschrieb: „Nicht nur, dass im oberen Fassadenbereich mehr als 50 Prozent der Natursteinplatten schadhaft sind, auch die dahinterliegende Betonwand ist sanierungsbedürftig“. Zuvor hatten sich immer wieder 20 kg schwere Betonteile der Fassade gelöst und sind herabgestürzt. Im November 2012 fand eine Untersuchung über den nötigen Umfang der durchzuführenden Sanierungsmaßnahmen statt, mit denen im Frühjahr 2013 begonnen wurde. Die laut dem Baubürgermeister Wilfried Hajek „hässliche“ Wollhaus-Betonbrücke an der Nahtstelle Allee/Wilhelmstraße ist wegen Baufälligkeit auf unbestimmte Zeit gesperrt.
mini|Das seit längerem eingerüstete Wollhauszentrum im April 2015 Der Hauptmieter des Gebäudes, Galeria Kaufhof, kündigte im Juni 2013 an, die Filiale im Gebäude in absehbarer Zeit schließen zu wollen. Nicht nur wegen der nahegelegenen weiteren Kaufhof-Filiale in Heilbronn, sondern auch wegen der Sanierungskosten (Wollhaus-Turm, Wollhaus-Brücke und Wollhaus-Tiefgarage) sei eine Weiterführung des Kaufhofs am Wollhausstandort nicht mehr wirtschaftlich. Kurz nach Bekanntwerden der Kaufhof-Schließungspläne gab der Heilbronner Oberbürgermeister Helmut Himmelsbach bekannt, dass das Bauunternehmen Strabag Real Estate einen Abriss mit anschließendem Neubau eines Handels- und Dienstleistungszentrums plane. Dabei soll auch der Busbahnhof überbaut werden. Die Stadt und Strabag schlossen im Oktober 2012 eine Entwicklungsvereinbarung.Bärbel Kistner: Heilbronner Wollhaus soll abgerissen werden. stimme.de, 18. Juni 2013 Die Eigentümer der Ladenpassage und Geschäftsflächen sprachen sich jedoch im Herbst 2013 gegen einen Abriss aus und präferierten den Umbau des Gebäudes. 2017 nahm die Strabag eine noch unter Oberbürgermeister Helmut Himmelsbach vereinbarte notarielle Kaufoption, die im Jahre 2013 begann und Ende 2017 abgelaufen wäre, in Anspruch und erwarb die städtischen Immobilienanteile im Turm und an der Ladenpassage. Am 7. Juli 2020 wurde die Ladenpassage des Wollhaus-Zentrums (ohne Wollhausturm und ohne die ehemaligen Verkaufsflächen der Galeria Kaufhof) auf Anordnung der Commerzbank AG zwangsversteigert. Neuer Eigentümer wurde die „Neufeld Wohnbau GmbH & Co. KG“ aus Oedheim für einen Kaufpreis von 3,025 Millionen Euro.
Am 20. September 2022 wurden nun auch, im Rahmen einer Zwangsversteigerung, die ehemaligen Verkaufsflächen der Galeria Kaufhof durch die „Neufeld Immobilien“ für fünf Millionen Euro erworben, diese waren die einzigen Bieter. Damit gehört dem Immobilien-Unternehmen aus Oedheim der Großteil des Wollhauses.
Zwischennutzung und Neuentwicklung Nach dem Erwerb wurden zuvor ungenutzte Teile des ehemaligen Kaufhauses schrittweise reaktiviert. Im Rahmen einer Zwischennutzung entstanden dort 2025 und 2026 unter der Bezeichnung „Wollhouse“ die Play Zone und die Action Zone. Gemeinsam nehmen die beiden Freizeiteinrichtungen eine Fläche von mehr als 6.500 Quadratmetern ein. In den zuvor weitgehend leer stehenden Kaufhausflächen entstand damit ein innerstädtisches Familien- und Freizeitzentrum.
Die mehr als 3.000 Quadratmeter große Play Zone umfasst einen Indoor-Spielplatz mit Kletter- und Rutschenanlagen, Trampolinen, Bällebad, Fahrgeschäften, Elektro-Karts sowie einem eigenen Kleinkinderbereich. Nach Angaben des Betreibers ist die Anlage für bis zu 400 Besucher ausgelegt.
Die Action Zone bietet unter anderem Bowling, Lasertag, Schwarzlicht-Minigolf, Virtual-Reality-Anwendungen, Pixel Games, Billard und Darts. Zur Ausstattung gehören 15 Bowlingbahnen, elf Poolbillardtische sowie eine rund 600 Quadratmeter große Lasertag-Arena mit 30 Westen. Die Schwarzlicht-Minigolfanlage verfügt über 18 Bahnen, die auf vier Themenbereiche verteilt sind.
Durch die Zwischennutzung wurden große Teile der ehemaligen Kaufhausflächen bis zur langfristigen Neuentwicklung des Standorts wieder öffentlich zugänglich gemacht. Das Freizeitangebot richtet sich insbesondere an Familien, Jugendliche, Gruppen, Schulen, Vereine und Unternehmen.
Im Juli 2026 stellten die Eigentümer gemeinsam mit dem Projektentwickler Ten Brinke und dem Architekturbüro Blocher Partners eine grundlegende Neuausrichtung der Planungen für das Wollhauszentrum vor. Das im Jahr 2023 präsentierte Konzept wurde dabei weitgehend überarbeitet. Vorgesehen ist die Entwicklung eines gemischt genutzten innerstädtischen Quartiers mit rund 62.000 Quadratmetern Bruttogrundfläche.
Den Schwerpunkt der Planung bildet der Wohnungsbau. Auf rund 30.000 Quadratmetern Wohnfläche sollen etwa 600 Wohnungen entstehen. Vorgesehen sind überwiegend Ein-, Zwei- und Drei-Zimmer-Wohnungen mit Wohnflächen zwischen etwa 25 und 65 Quadratmetern. Der zuvor als Hotel geplante Hochpunkt soll ebenfalls als Wohngebäude ausgeführt werden.
Ergänzend sind rund 6.000 Quadratmeter für Handel, Dienstleistungen und Gastronomie sowie eine Markthalle vorgesehen. Für die Tiefgarage sind Flächen von rund 10.000 Quadratmetern eingeplant. Die planungsrechtlichen Voraussetzungen sollen nach den im Juli 2026 veröffentlichten Planungen in den Jahren 2027 oder 2028 geschaffen werden. Bei planmäßigem Verlauf wurde eine Fertigstellung des neuen Quartiers für 2031 oder 2032 in Aussicht gestellt.
Einzelnachweise
Literatur Ernst Schmid: Die gewerbliche Entwicklung in der Stadt Heilbronn seit Beginn der Industrialisierung. Stadtarchiv Heilbronn, Heilbronn 1993, ISBN 3-928990-39-X (Quellen und Forschungen zur Geschichte der Stadt Heilbronn. Band 3)
Weblinks
-> Website des Wollhauszentrums ->Wollhouse Action & Play Zone https://wollhouse.fun/de/