Turm und Riegel (auch stehender und liegender Turm) war ein vom Architekturbüro Coop Himmelblau in den 1990er Jahren ventiliertes Architekturprojekt für das Mariahilfer Platzl in Wien. Die Architektur des nicht realisierten Projektes wird dem Dekonstruktivismus zugeordnet.

Projektidee und öffentliche Diskussion Das Vorhaben, an der trichterförmigen Ausbuchtung der Mariahilfer Straße im Kreuzungsbereich zum Gürtel nahe dem Westbahnhof einen städtebaulichen Akzent zu setzen, wurde in den 1990er Jahren von den Medien immer wieder gerne aufgegriffen. Artikel zum Projekt „Turm und Riegel“ gab es unter anderem in der gesamten Wiener Tagespresse vom 21. September 1993, in der Kronenzeitung vom 21. Juni 1994, in Der Standard vom 12. Februar 1995, in Die Presse vom 10. Jänner 2000, und in Der Standard vom 15. Jänner 2001. Diese architektonische Zeichensetzung auf einem der markanten Verkehrsknotenpunkte der Stadt war rund ein Jahrzehnt lang in Diskussion und machte die Namensgebung „Turm und Riegel“ in Wien sehr bekannt.

Das Projekt Am 6. November 1998 erfolgte im Wiener Gemeinderat nach langer Planung und Diskussion des genauen Standortes die erforderliche Umwidmung des öffentlichen Grundstücks. Die Realisierung von „Turm und Riegel“ am Mariahilfer Platzl rückte damit in erreichbare Nähe. In der Bezirksvertretung Mariahilf gab es für das Projekt einhellige Zustimmung.

Geplant wurde von Coop Himmelblau ein Ensemble, bestehend aus einem rund 70 m hohen, schlanken Turm, an den ein rund 80 m langer, auf zwei Etagen begehbarer Quader, der „Riegel“, angebaut werden sollte. Dieser Baukörper sollte in rund vier Metern Höhe auf Stützelementen leicht ansteigend quer über den Platz geführt werden und gastronomische Einrichtungen beherbergen. Ebenso wie der „Riegel“ sollte auch der „Turm“ eine transparente Fassade erhalten. Durch ein komplexes Beleuchtungssystem innerhalb des Turms sollte durch verschiedenfarbiges Licht je nach Tageszeit auch ein Beleuchtungseffekt auf den Platz gesetzt werden.

Das Scheitern Verschiedene Investoren wurden genannt, das Vorhaben blieb jedoch letztlich Ungebautes Wien. Das dekonstruktivistische Projekt scheiterte schließlich an der Finanzierung. Es hätte zu geringe kommerzielle Verwertungsmöglichkeit für die Investoren gegeben (die Werbeflächen wären zu teuer gekommen, die Nutzflächen zu gering gewesen). Der vorgesehene Baukonzern Porr gründete zwar mit dem Bauunternehmer Anton Kallinger-Prskawetz die Turm und Riegel Gebäude Projektentwicklungs- und verwertungsgesellschaft mbH, fand aber nicht genügend Geldgeber für das Projekt, dessen Kosten zuletzt mit elf Millionen Euro angegeben wurden.

Mit Jahresende 2004 lief die Option zum Abschluss eines Baurechtsvertrages zwischen der Stadt Wien und dem Bauträger aus. 2006 wurde ein neuer Architektenwettbewerb für das Mariahilfer Platzl ausgelobt.Wettbewerbsausschreibung vom 17. Juli 2006 (PDF-Datei; 178 kB) Die Investitionen durch die Stadtverwaltung für die Neugestaltung des rund 4000 Quadratmeter großen Platzes wurden mit 600.000 Euro begrenzt. Am 20. September 2007 begannen die Umbauarbeiten nach dem wesentlich einfacheren gestalterischen Ergebnis des Wettbewerbs – es sah die Errichtung zahlreicher roter Masten als herausragende Elemente vor (Bilder) – und am 5. Mai 2008 wurde der neu gestaltete Platz eröffnet.ORF Wien: Mariahilfer Platzl offiziell eröffnet (Bild)

Medienecho Im Gegensatz zu anderen Wiener Turm- und Hochhausbauten wie dem Leseturm im MuseumsQuartier fand das Projekt nicht nur internationale Anerkennung, sondern auch weitgehende Zustimmung quer durch die politische Parteienlandschaft und die Bevölkerung. Eine wesentliche Bedingung dafür war aber die private Finanzierung, die schließlich nicht aufgebracht werden konnte:

Literatur Ein Leuchtturm für Stadtpiraten. Der liegende und der stehende Turm, Wien. In: Architektur Aktuell. 27/1993, Nr. 163/164, 1993, , S. 46–48. Liesbeth Waechter-Böhm: Wird Wien international? Wien bleibt Wien. In: Stadtbauwelt – Themenheft der Bauwelt. 85/1995, Nr. 24, 1995, , S. 1346–1353. Turm und Riegel auf dem Mariahilfer Platz in Wien, Österreich In: Neuer Städtebau. Bahnhöfe, Plätze, Wohn- und Gewerbegebiete. New urban development. Kärmer, Stuttgart 1999, ISBN 978-3-7828-3178-9, S. 24f. Frank Werner: Covering + Exposing. Die Architektur von Coop Himmelb(l)au. Birkhäuser, Basel 2000, ISBN 978-3-7643-6075-7. Wiener Architekturgespräche. Hrsg. Magistratsabteilung 18, Stadtentwicklung und Stadtplanung. Wien 2000, ISBN 3-902015-13-6. Frank Kaltenbach: Bleibt Wien Wien? – Stadtsanierung fürs 21. Jahrhundert. In: Detail 41/2001, Nr. 6, 2001, , S. 1020–1025. Dirk Baecker: Neue Promenaden braucht die Stadt. In: Topos. 2002, Nr. 41, , S. 46–50. Peter Noever, Jeffrey Kipnis, Sylvia Lavin: Coop Himmelb(l)au. Beyond the blue. Prestel, München 2007, ISBN 978-3-7913-3962-7. Andrea Nussbaum: Coop Himmelb(l)au: „Beyond the Blue“ Bauen in der wirklichen Welt. In: Architektur Aktuell. 2008, Nr. 1/2, , S. 12–14.

Einzelnachweise

Weblinks

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