mini|Herakles kämpft mit dem kretischen Stier, Verkleidungsplatte aus Quadraro, gefunden 1812, heute in den Vatikanischen Museen Campanareliefs (auch Campanaplatten) sind antike römische Terrakotta- beziehungsweise Tonreliefs aus der Zeit von der Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. bis in die erste Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr. Benannt sind sie nach dem italienischen Sammler Giampietro Campana, der diese Reliefs in größerer Zahl sammelte und 1842 als Erster über sie publizierte.
Die Reliefs fanden einst als Dachverkleidung, aber auch als Dekoration von Innenräumen Verwendung. Sie waren ein Massenprodukt und dienten als Schmuck von Tempeln sowie von öffentlichen und privaten Bauten. Ihren Ursprung haben sie in den Dachterrakotten der etruskischen Tempelarchitektur. Auf den Reliefs befanden sich vielfältige Bildmotive aus der Mythologie und der Religion, aus dem römischen Alltag, Landschaftsbilder und ornamentale Themen. Ursprünglich waren sie farbig bemalt, wovon sich, wenn überhaupt, nur noch Spuren erhalten haben. Sie wurden hauptsächlich in der Region Latium rund um die Stadt Rom produziert, und auch ihre Verwendung beschränkte sich weitgehend auf diese Gegend. Produziert wurden fünf verschiedene Grundtypen. Heute finden sich Beispiele dieser Kunstgattung weltweit in fast allen bedeutenden Museen mit römischer Kunst.
Forschungsgeschichte Seit der Intensivierung der Ausgrabungen im Mittelmeerraum im 19. Jahrhundert kamen bei Ausgrabungen in und um Rom vermehrt auch Terrakottaplatten zum Vorschein, bei denen ein architektonischer Zusammenhang festgestellt wurde. Waren früher vor allem Gegenstände aus Metall und Marmor beliebt bei Ausgräbern, Wissenschaftlern und Sammlern, stießen nun auch Artefakte aus anderen Materialien auf wachsendes Interesse, so neben antiken griechischen und etruskischen Vasen auch die Campanareliefs.
mini|links|hochkant|Giampietro Campana (vor 1857/1858) Der erste Sammler, der die Reliefs zu einem zentralen Sammelthema machte, war der Marchese Giampietro Campana, Direktor der Pfandleihanstalt in Rom. Seine Bekanntheit in der Archäologie war zu seiner Zeit so groß, dass er zum Ehrenmitglied des Istituto di corrispondenza archeologica ernannt wurde. Seine Sammlung publizierte er 1842 nach Motiven geordnet im Buch Antiche opere in plastica, in dem er seine Erkenntnisse zu den Reliefs erstmals wissenschaftlich zusammenfasste. Daher werden die Platten nach ihm Campanareliefs genannt. Nachdem Campana 1858 wegen Veruntreuung zu einer Freiheitsstrafe verurteilt worden war, verlor er die Ehrenmitgliedschaft im Istituto di corrispondenza archeologica und seine Sammlung wurde aufgelöst und verkauft. Die von ihm zusammengetragenen Terrakottareliefs befinden sich heute im Louvre in Paris, im British Museum in London und in der Eremitage in Sankt Petersburg. Aber auch Andere wie beispielsweise August Kestner sammelten solche Reliefs und Bruchstücke von ihnen in größerer Zahl. Heute finden sich Exemplare dieser Platten in den meisten größeren Sammlungen zur römischen Archäologie. Der Großteil der Reliefs ist bis heute in italienischen Museen und Sammlungen vorhanden.
mini|Blick in die Aufstellung der Sammlung Campanas aus der 2. Auflage seines Buches Antiche opere in plastica aus dem Jahr 1851. An den Wänden in langen Reihen „Campanareliefs“. Trotz der Forschungen Campanas fristeten die Reliefs lange Zeit ein eher unbeachtetes Dasein. Sie galten im Vergleich zu Werken aus Marmor als eher minderwertiges Handwerksprodukt und nicht als künstlerisches Werk. Die Erkenntnis, dass es sich bei ihnen um wichtige Quellen zum Kunsthandwerk, zum dekorativen Geschmack und zur Ikonografie handelt, setzte sich jedoch spätestens zum Beginn des 20. Jahrhunderts durch. 1911 veröffentlichten Hermann von Rohden und Hermann Winnefeld das Werk Architektonische Römische Tonreliefs der Kaiserzeit in der von Reinhard Kekulé von Stradonitz herausgegebenen Reihe Die antiken Terrakotten mit einem Text- sowie einem Bildband. Es war der erste Versuch, die Reliefs nicht nur zu publizieren, sondern sie zu ordnen und kunsthistorisch einzuordnen. Die beiden Autoren unterschieden erstmals die Darstellungstypen, erörterten die Verwendung und befassten sich mit Entwicklung, Stil und Ikonografie. Das Werk ist bis heute grundlegend. Danach flachte das Interesse abgesehen von der Publikation neuer Funde zunächst wieder für mehr als 50 Jahre ab. Erst die Dissertation Campanareliefs. Typologische und stilkritische Untersuchungen von Adolf Borbein rückte die archäologische Fundgruppe wieder stärker in den Fokus der Aufmerksamkeit. In seiner Arbeit konnte Borbein die Abkunft der Campanareliefs von den etruskisch-italischen Dachterrakotten nachweisen. Zudem beschäftigte er sich mit der Übernahme von Motiven und Vorlagen aus anderen Kunstgattungen und wies nach, dass es dabei auch zu kreativen Neuschöpfungen der Handwerker kam.
Seitdem widmeten sich die Forscher vor allem chronologischen Aspekten oder legten Materialsammlungen neuerer Ausgrabungen und Publikationen von Altsammlungen vor. Marion Rauch untersuchte 1999 in einer ikonografischen Studie Bacchische Themen und Nilbilder auf Campanareliefs und Kristine Bøggild Johannsen beschrieb 2006 anhand von gesicherten Fundkomplexen die Verwendungszusammenhänge der Platten in römischen Villen. Es wurde aufgezeigt, dass die Reliefs von der Mitte des 1. bis zum Beginn des 2. Jahrhunderts zu den gängigen Ausstattungen und Dekors römischer Villen gehörten, sowohl von Landhäusern der römischen Oberschicht als auch von landwirtschaftlich genutzten villae rusticae.Zur Forschungsgeschichte siehe: Anne Viola Siebert: Geschichte(n) in Ton. Römische Architekturterrakotten. Schnell + Steiner, Regensburg 2011, ISBN 978-3-7954-2579-1 (= Museum Kestnerianum 16), S. 19–21.
Material, Technik, Herstellung und Bemalung Die Qualität keramischer Erzeugnisse hing entscheidend von Qualität und Verarbeitung des Tons ab. Eine besondere Bedeutung hatte die Magerung, bei der dem geschlämmten Ton je nach späterer Verwendung verschiedene Zusatzstoffe beigemischt wurden: Sand, gehäckseltes Stroh, zerkleinerte Ziegelscherben oder auch Pozzolanerde. Von diesen Zusatzstoffen hing die spätere Formstabilität der Platten ab. Die Schrumpfung während des Trocknens musste minimiert werden, damit die Platten keine Risse bekamen und ihre Form behielten. Diese Zusätze kann man als kleine rote, braune oder schwarze Körner erkennen, vor allem an den Bruchkanten; manchmal treten sie auch an den Platten erkennbar hervor. Bei der Untersuchung geschlossener Sammlungskomplexe etwa des Antikenmuseums der Universität HeidelbergRita Perry: Die Campanareliefs. von Zabern, Mainz 1997, ISBN 3-8053-1827-8 (= Katalog der Sammlung antiker Kleinkunst des Archäologischen Instituts der Universität Heidelberg, Band 4), S. 52–53. und des Museum August Kestner in HannoverAnne Viola Siebert: Geschichte(n) in Ton. Römische Architekturterrakotten. Schnell + Steiner, Regensburg 2011, ISBN 978-3-7954-2579-1 (= Museum Kestnerianum 16), S. 28. wurden Abstufungen in der Feinheit der Struktur festgestellt. mini|Weinerntende Satyrn auf einer Aufsatzplatte im Museum August Kestner Hannover: farbliche Rekonstruktion
Die Platten waren keine individuellen Kunstwerke, sondern Serienware. Von einer Urform, der Patrize, wurden negativ geformte Modeln gezogen. Anschließend kam der feuchte Ton in diese Modeln, die Matrizen. Wahrscheinlich wurden Bildfelder und Zierleisten getrennt geformt; es sind Zierleisten bekannt, die bei verschiedenen Motiven Anwendung fanden. Nach dem Trocknen wurde die Platte aus der Form genommen und in manchen Fällen zumindest hinsichtlich filigraner Details noch einmal mit einem Modelliereisen nachbearbeitet.Zur Frage der Nachbearbeitungen Rita Perry: Die Campanareliefs. von Zabern, Mainz 1997, ISBN 3-8053-1827-8 (= Katalog der Sammlung antiker Kleinkunst des Archäologischen Instituts der Universität Heidelberg, Band 4), S. 56. Danach kam der Brand.
In der Kaiserzeit wurden die Terrakotten meist nach Brand und Abkühlung bemalt; demgegenüber trug man die Farben vor allem in den frühen Jahrzehnten der Produktion von Campanareliefs auch schon vor dem Brand auf.Zur Bemalung siehe: Hermann von Rohden, Hermann Winnefeld: Architektonische Römische Tonreliefs der Kaiserzeit. Verlag W. Spemann, Berlin und Stuttgart 1911, S. 26–29; Rita Perry: Die Campanareliefs. von Zabern, Mainz 1997, ISBN 3-8053-1827-8 (= Katalog der Sammlung antiker Kleinkunst des Archäologischen Instituts der Universität Heidelberg, Band 4), S. 58–60. Meist wurden die Reliefs dafür zunächst mit einem Überzug versehen, der als Malgrund diente. Dies konnte weiße, in augusteischer Zeit auch graugelbe, Farbe sein, aber auch Stuck.
Bislang konnte keine kanonisch vorgegebene Nutzung von Farben nachgewiesen werden. Einzig der Reliefgrund war spätestens seit augusteischer Zeit vor allem bei szenischen und figürlichen Motiven üblicherweise in Hellblau gehalten, konnte aber auch zwei oder mehr Farben umfassen. Die Farbe menschlicher Haut wurde meist in mattem Rosa bis hin zu Pink wiedergegeben. Bei dionysischen Szenen konnte die Hautfarbe auch bis ins Braunrote gehen. In augusteischer Zeit war hellgelb für die Haut nicht untypisch. Allein in Hannover konnten insgesamt die Farben Violett-Braun, Rot-Braun, Dunkelrot, Rot, Gelb, Gelb-Braun, Türkis/Grün, Dunkelbraun, Pink/Rosa, Blau, Schwarz und Weiß nachgewiesen werden.Anne Viola Siebert: Geschichte(n) in Ton. Römische Architekturterrakotten. Schnell + Steiner, Regensburg 2011, ISBN 978-3-7954-2579-1 (= Museum Kestnerianum 16), S. 30. Die Bemalung ist heute in den allermeisten Fällen verloren, bestenfalls sind Restspuren erkennbar.
Verbreitung und Datierung mini|hochkant|links|Relief aus dem dionysischen Umfeld: Ekstatischer Satyr, nach einer besser erhaltenen Platte im Metropolitan Museum of Art in New York City ergänzte Platte im Louvre. Aus der Sammlung Campanas. Fast alle Campanareliefs stammen aus Zentralitalien, vor allem aus Latium. In Latium, insbesondere in der näheren Umgebung der Stadt Rom, sind die größten und wichtigsten Werkstätten zu vermuten. Über Latium hinaus finden sich die Platten vor allem in Kampanien und im früheren Einflussbereich der Etrusker. Marion Rauch stellte gegen Ende der 1990er-Jahre die Reliefs mit dionysisch-bacchischen Themen zusammen und konnte diese Erkenntnisse für den von ihr untersuchten Motivbereich bestätigen. Bilder mit Nilszenen finden sich bislang einzig in Latium. In den früheren italischen Siedlungsgebieten der Griechen und auf Sizilien sind bislang keine Stücke gefunden worden.Marion Rauch: Bacchische Themen und Nilbilder auf Campanareliefs. Leidorf, Rahden 1999; ISBN 3-89646-324-1 (= Internationale Archäologie, Band 52), S. 202, 269. Ein Exemplar aus dem Akademischen Kunstmuseum in Bonn wurde angeblich bei Hagia Trias in Griechenland gefunden. Es zeigt eine einen Stier tötende Nike.Inventarnummer D 205; Harald Mielsch: Römische Architekturterrakotten und Wandmalereien im Akademischen Kunstmuseum Bonn. Mann, Berlin 1971, ISBN 3-7861-2195-8, S. 12 Nr. 7. Einige Stücke stammen aus dem westlichen Einflussbereich Roms, den antiken Regionen Hispanien und Gallien im heutigen Spanien und Frankreich.Marion Rauch: Bacchische Themen und Nilbilder auf Campanareliefs. Leidorf, Rahden 1999; ISBN 3-89646-324-1 (Internationale Archäologie, Band 52), S. 2