Kirchenkritik setzt sich kritisch mit kirchlichen Institutionen auseinander.

Grundsätzliche Arten von Kirchenkritik Kirchenkritik ist eine besondere Form der Religionskritik, die speziell auf den institutionalisierten Glauben abzielt. Sie wird sowohl von innerhalb (immanente Kritik) als auch von außerhalb der Kirche (externe Kritik) geübt. Bei der immanenten Kritik ist zu beobachten, dass sie zwar zunächst unangenehm ist, aber auch Chancen zu kirchlichen Verbesserungen gibt, manche Kritik als geduldeter Widerspruch gesehen und teilweise angenommen wird, andere jedoch als autoritativ (also institutionell sanktioniert) oder gar als Häresie gesehen wird.

Kirchenkritik lässt sich analytisch nach ihrem spezifischen Gegenstand klassifizieren: Kritisiert werden: die von Kirchen vertretenen Ideologien, als Ganzes oder teilweise, und die Interpretation zentraler Schriften und Grundsätze die Umsetzungen dieser Ideologien in und durch die politisch/soziale Institution Kirche immanente Ansprüche der Institution Kirche an den Einzelnen und die Gesellschaft, sowohl ihre Anhänger als auch Nicht-Anhänger betreffend Handlungen von Mitgliedern des Klerus das Auseinanderklaffen von kirchlicher Lehre (Dogma) und Lebenspraxis

Kirchenkritik lässt sich auch nach ihren Äußerungsformen unterscheiden: in Form schriftlicher Werke und Auseinandersetzungen, die hauptsächlich geistes- und naturwissenschaftlich verwurzelt sind. Diese Form der Kritik hat ihren Ort vor allem im akademischen und fachspezifischen Milieu. in Werken der klassischen Künste wie Musik, Literatur, bildende und darstellende Kunst einschließlich der heutigen Medienkunst. Aktuelle Beispiele für Letztere sind etwa die Musik-Video-Melange der Punkband Pussy RiotThorsten Winter: Russische Freiheitsschreie im Herzen der Natur. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 25. Juni 2022. Abgerufen am 11. Juni 2022. und der Opernsängerin Sybille Witkowski.WAR CHILD/Ave Maria – a music video with Sybille Witkowski. Abgerufen am 11. Juni 2022.

Sanktionierte immanente Kritik entsteht, wo ein Abweichen von der für die Institution gemeinsam als verbindlich anerkannten Norm festgestellt und sanktioniert wird. Die Kritik richtet sich gegen Repräsentanten wie auch ihre Anhänger. Derartige sanktionierte, institutions-immanente Kritik findet sich schon in frühchristlichen Aufzeichnungen. In der Geschichte der immanenten Kirchenkritik gibt es in verschiedenen Kirchen immer wieder sowohl Aufrufe zu mehr Liberalität als auch Aufrufe zu mehr radikalen und fundamentalistischen Auslegungen sowie deren Umsetzung.

Schließlich wird Kritik geübt von denen, die dezidiert unterschiedliche Normen vertreten, oder eine allgemeine Normen-, Religions- und Gesellschaftskritik üben. So wurde und wird unter anderem die oben genannte Kritik von Vertretern aufklärerischer Philosophie geübt, ebenso wie von Vertretern eines liberalen Laizismus und/oder Antiklerikalismus.

Zu bekannten Figuren der Kirchenkritik gehören:

Externe Kritik Voltaire Denis Diderot Ludwig Feuerbach Karl Marx Friedrich Nietzsche × Bertrand Russell Karlheinz Deschner Michael Schmidt-Salomon Wolfgang Sellinger

Immanente (interne) Kritik Martin Luther Giordano Bruno Jean Meslier Hans Küng Adolf Holl Rudolf Schermann Eugen Drewermann Horst Herrmann

Oftmals wurde Kirchen-, Religions- oder Ideologiekritik von Kirchen in gesellschaftlich-politischen Machtstellungen als Anlass gesehen um Kritiker (intern wie extern) als Hexen, Ketzer oder Ungläubige zu zensieren, unterdrücken, verfolgen oder anderweitig zu bestrafen. In der katholischen Kirche besteht über 1500 Jahre lang eine verbindliche Liste mit Schriften, die der kirchlichen Lehre widersprachen und von der Kirche aus diesem Anlass als ideologie- und institutionsgefährdend zensiert, oder bei großer Machtstellung der Kirche auch verboten oder zerstört wurden (siehe dazu Index Librorum Prohibitorum).

Die Kritik an solchen Praktiken fällt sowohl in die Kategorie „institutionelle Kritik“, als auch in die Kategorie „Ideologiekritik“.

Geschichte

Interne Kritik ist Bestandteil der ökumenischen Konzilien der frühen Kirche, die zunehmend verbindlichere Glaubensaussagen (Dogmen) formulieren, ein Vorgang, der mit der Kritik abweichender Meinungen einhergeht, welche jeweils in Verdammung von Häresien mündet. Die jeweils als Häretiker betrachteten Personen nehmen ihrerseits in Anspruch, die „wahre Kirche“ zu sein. Siehe die Marcioniten, Ebioniten, Novatianer etc.

Zu scharfen externen Kritikern wurden u. a. der Satiriker Lukian von Samosata, der im Roman Über den Tod des Peregrinus (um 170) die christliche Bruderliebe und Martyriumsbereitschaft kritisiert, und der Philosoph Celsus, der 178 seine Schrift Der wahre Logos gegen die Unsinnigkeit des christlichen Glaubens richtet, welchen er zugleich der Ablehnung des Kaiserkultes wie auch der Kriegsdienstverweigerung anklagt. Die umfassendste Kirchenkritik verfasste der Neuplatoniker Porphyrios († 304) mit der 15-bändigen Schrift Gegen die Christen.

Im 2. Jahrhundert richtete die Gnosis im Streben nach einem höhergeistigen Christentum ihre Kirchenkritik gegen den „übermäßig anthropomorphen Gottesglauben“ wie auch gegen die Vorstellung einer Offenbarung Gottes in Christus als „zeitgebunden“ und „überholt“.

Kirchenkritik auf interreligiöser Ebene erwuchs seit dem 8. Jahrhundert aus der Begegnung der östlichen (bilderverehrenden) Kirche mit dem Islam, welcher den Vorwurf erhob, dass die Bilderdarstellung im Gegensatz zum geistigen Charakter des Kultus und zum Bilderverbot der Schrift stehe.

Ab dem 12. Jahrhundert traten verschiedene Sekten, beispielsweise die Katharer und die Waldenser, als elementare Kirchenkritiker in Wort und Tat in Erscheinung. Die meisten Abspaltungen der Katharer, so z. B. die Albigenser, vertraten ein dualistisches Weltbild, in dem sie die katholische Kirche und das Alte Testament als Werk des Teufels sahen, sich selbst als neue göttliche Ordnung. Die Waldenser hingegen legten ihren Schwerpunkt auf die biblische Tradition; sie wollten die Laienpredigt stärken, die gemeinsame Bibellesung festigen und vertraten ein radikaleres Armutsideal.

Zu sozialer Kirchenkritik kam es mit Arnold von Brescia gegen die feudalistische Papstkirche verbunden mit der Forderung nach Armut und Wanderpredigt. Ähnlich verhält es sich mit dem schwärmerischen, millenaristischen Prophetentum, das in der Reformation eine starke Wurzel besaß und in Thomas Müntzer einen seiner prominentesten Vertreter. Daraus erwuchsen Forderungen, die später in kritischen Ansätzen des Puritanismus und des Pietismus Gestalt gewannen.

Im 15. Jahrhundert kamen in der Lateinischen Kirche die ersten kirchenkritischen Forderungen nach landessprachlichen Bibelübersetzungen auf. Zwischen 1380 und 1393 übersetzten Anhänger John Wyclifs die Vulgata ins Englische und schufen damit die erste vollständige englische Bibelübersetzung. Wyclif kritisierte in seinen Schriften immer wieder, dass sich die katholische Kirche immer weiter von der Heiligen Schrift entferne. Seine Anhänger, vom Volk Lollarden genannt, zogen als Wanderprediger durchs Land und erhielten viel Zuspruch aus allen gesellschaftlichen Schichten.

Martin Luther, Ulrich Zwingli und andere Reformatoren kritisierten den Ablasshandel, mit dem Menschen der Sündenerlass verkauft wurde, sowie die Tatsache, dass die Bibel nur in unverständlichem Latein gelesen werden durfte. Der gläubige Christ konnte also die Behauptungen der Priester anhand der Bibel weder bestätigen noch widerlegen. Im 16. Jahrhundert kam es als Folge der von Herrschern beschützten Kritik an der westlichen Kirche zur Reformation: Dadurch entstanden neben der römisch-katholischen auch die reformierten, lutherischen und anglikanischen Kirchen.

Im 19. Jahrhundert, der Zeit drastischer Zuspitzung sozialer Gegensätze, ging die interne Kritik der Kirche über Ansätze nicht hinaus und leistete somit der externen Kritik Vorschub. Das atheistische oder agnostische Humanitätsideal, das zum einen auf den Menschenrechten, zum anderen auf Aufklärung und Idealismus basiert, richtete seinen kritischen Anspruch gegen die Kirche, welcher in der Formel „[Religion] ist das Opium des Volks“ (Karl Marx) seinen Ausdruck fand. In den Augen der Kritiker erschien die Kirche zur Bewältigung der gesellschaftlichen Probleme nicht in der Lage. Demnach greife die Bevölkerung zu den Mitteln der Kirche, um sich Illusionen hinzugeben oder um von einer Gesellschaftsschicht betrogen zu werden.

Søren Kierkegaard warf dem kirchlichen Christentum Versagen vor. Das echte Christentum sei außerhalb der Kirche anzutreffen.

Ludwig Feuerbach schrieb 1830 in seinen „Gedanken über Tod und Unsterblichkeit“, dass Religion ausschließlich eine Selbstbespiegelung des Menschen sei. Gott sei lediglich eine Erfindung des Menschen, um zur Vollkommenheit zu gelangen. Gott sei lediglich eine Projektion des menschlichen Geistes. Friedrich Nietzsche sah dies ähnlich und hob den fundamentalen Unterschied zwischen den Lehren Christi und denen der Kirche hervor. Im Gegensatz zu Kierkegaard schätzte er aber deswegen das „echte“ Christentum nicht mehr, sondern sah es nur als eine andere Form der Dekadenz.

Die heutige Kirchenkritik steht in einer kontinuierlichen, in stetigem Wandel begriffenen Tradition. Sehr stark vereinfacht lassen sich zwei Kritikmuster formulieren: die fundamentalistische Kritik, die als immanente Kritik dem Häresiemuster folgt die aufklärerische Kritik, die als externe Kritik in Nietzsche den konsequentesten Ausdruck findet.

Eine prominente Figur letzterer seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist der deutsche Historiker, Religions- und Kirchenkritiker Karlheinz Deschner, der zu diesem Thema etliche Werke veröffentlicht hat. Er ist unter anderem der Autor der Kriminalgeschichte des Christentums. Dieses zehn Bände umfassende, sehr umfangreiche Werk, das unter Berufung auf viele überprüfbare Quellen Kritik am Verhalten christlicher Gemeinschaften und Kirchen übt, beleuchtet in geschichtlicher Abfolge bisher eine Zeitspanne von den Anfängen des Alten Testaments bis Anfang des 18. Jahrhunderts. In anderen Werken, wie z. B. „Mit Gott und den Faschisten“, kritisiert Deschner die Unterstützung faschistischer Systeme und Individuen durch die Kirchen. Die Punkte der sich als aufklärerisch-progressiv verstehenden Kritik, die im Folgenden dargestellt wird, werden fast gänzlich auch von Deschner vertreten.

Die frühchristlichen Verteidiger großkirchlicher Positionen werden als Apologeten, ihr Unternehmen als Apologetik (dt. „Verteidigung“) bezeichnet, ein Ausdruck, welcher auch die spät- und barockscholastische Disziplin benennt, welche im Rahmen einer natürlichen Theologie Argumente für die Plausibilität religiöser und insbesondere christlicher Überzeugungen und Lebensformen führt, insbesondere im Zuge der Konfessionsstreitigkeiten auch Argumente für und wider spezifisch christliche und spezifisch katholische oder reformatorische Positionen formuliert und dabei spätestens seit dem 14. Jahrhundert auch äußere Glaubwürdigkeitsgründe auszuweisen sucht. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts wurde der Ausdruck „Apologetik“ für eine derartige Disziplin in weiten Teilen des deutschen Sprachraums durch Fundamentaltheologie abgelöst. Bei beträchtlichen Unterschieden fundamentaltheologischer Ansätze ist zumindest weithin gemeinsam, dass die teilweise polemisch-aggressive Ausrichtung der klassischen Apologetik dabei überwunden wurde und stattdessen integrativere Optionen zu entwickeln versucht werden: beispielsweise wird von vielen Fundamentaltheologen zugestanden, dass atheistische Positionen nicht per se irrational seien.

Gegenwärtige Kritikpunkte

Römisch-katholische Kirche Beispielsweise wird der römisch-katholischen Kirche folgendes vorgeworfen: Sie sei undemokratisch,Wir sind Kirche. Ziele und Forderungen. www.wir-sind-kirche.de. Abgerufen am 6. September 2011. da die Gemeinden ihre Pfarrer nicht selber wählen und